Die atonale Sprache - Imre Kertész †

Literarische Experimente zum großen Thema des Selbst nach dem Vernichtungslager und die Unmöglichkeit zu schreiben bzw. nicht zu schreiben. Ein Nachruf auf den großen Schriftsteller und Auschwitz-Ûberlebenden Imre Kertész, der am 31. März 2016 starb.

Er konnte so lustig sein. In seinem Buch »Letzte Einkehr« regt sich Imre Kertész abwechselnd über seinen allerersten Computer im Leben und über Auschwitz auf. Texte verschwinden für immer im Schlund der neuen Maschine. In der Nacht, wenn Kertész nicht schlafen kann, sitzt er vor seinem Computer und beobachtet den leeren Bildschirm, der milde in blauem Licht leuchtet. In »Letzte Einkehr« bemüht sich Kertész komplett ehrlich zu sein. Ehrlich zu sich selber, obwohl er anscheinend nicht so stark in Gefahr war, ein »falsches Selbst« zu entwickeln, wie es zum Beispiel Alice Miller tun musste, um ihre Mutter und Schwester aus dem Warschauer Ghetto zu retten. Trotzdem gönnt Kertész sich drei verschiedene Schreibweisen des Romans, nimmt sich selbst als Versuchsperson und sein eigenes Leben als experimentale Anordnung: Einmal schreibt er literarisch und in Ichperson, einmal mit »Er« und auch in literarischer Sprache und einmal ganz banal, wozu er sich zwingen muss, unliterarisch in »Ichform«. Das Unliterarische kotzt ihn an, trotzdem zieht er es durch.

Es scheint so, als ob Kertész sich von außen sehen wollen würde, doch sein starkes Ich schlägt immer durch, nur in der »Er-Person« geht es unter, diese klingt zu dramatisch majestätisch. Imre Kertész sitzt in Berlin vor seinem Fenster und schreibt. Gegenüber auf der Straße sitzt ein Bettler. »5. April 2002. Früher Morgen, 2 Uhr 51. Der Bettler wirkt jeden Tag erschöpfter; er hockt am Eingang von Mayers Delikatessengeschäft, als würde er jede Nacht verprügelt (was natürlich möglich ist). Auf seinem Gesicht macht sich Abstumpfung durch Leid bemerkbar (…). Ich habe Angst um ihn. Hoffentlich geschieht ihm kein Unglück.« Als der Bettler eines Tages verschwunden ist, empört er sich. Später sieht Kertész den Bettler aber »Unter den Linden« wieder, und geht nun wegen dessen Nichtbeachtung der einfachsten Regeln des »Bettlergeschäftes« in die Luft, da der Bettler in einem Torbogen an der schönen Straße kaum zu sehen ist.

Schritt für Schritt

In einem Fernsehbericht wird ein Interviewteil mit Imre Kertész eingeblendet: »Ein Kind verliert das Weltvertrauen nicht so schnell wie ein Erwachsener. Ein Kind denkt, ein Erwachsener bringt ihn nach Hause.« »Das Kind« war in seinem Fall bereits fünfzehn Jahre alt, als es nach Auschwitz kam. Dann spricht er noch vom »Ûbergang von Verachtung zur Vernichtung des Menschen«. In einem anderen Fernsehnachruf meint die Literaturkritikerin Iris Radisch, dass Kertész im »Roman eines Schicksalslosen« einen gewissen »Ton« gefunden hätte, um »über das Unbeschreibliche zu schreiben«. Und zwar »naiv« und »unschuldig«. »Er suchte lange den Ton.« Sie nennt ihn »abgründig, illusionslos und gnadenlos«. Gnadenlos ist Kertész aber wirklich nicht, denn die Ichperson in dem Roman ist eben ein Jugendlicher, ein umständlicher, sehr nachdenklicher Jugendlicher mit ganz eigenen gedanklichen Wegen, verschlungen und schwierig. Im Roman spricht diese Jungenperson. Zwar hat Kertész als Erwachsener das Buch geschrieben, doch diese Art der Sprache so durchzuziehen, das geht nur, wenn sich sozusagen ein Teil von ihm abgespalten hat und eine eigene Figur entwickelt, die quasi neben dem Autor steht und diktiert. Eine nach so gnadenlosen Ereignissen wie dem Konzentrationslager Auschwitz ganz normale Tatsache. Als Beispiel sei gebracht, wie der Junge nach dem Krieg versucht zwei früheren Nachbarn, seine Theorie der Schritte zu erklären. Eine Schlange und jeder macht einen Schritt nach dem anderen, »bis man zu dem Punkt gelangt, wo sich entscheidet, ins Gas oder noch einmal davongekommen. In der Zwischenzeit aber bewegt sich die Reihe ständig fort, geht immer weiter voran, und ein jeder macht immer einen Schritt, einen kleineren oder größeren, je nach Betriebsgeschwindigkeit.« Die Nachbarn hätten nun während des Krieges auch nur Schritt für Schritt getan, befindet er, was diese aber nicht einsehen wollen. Ein Nachbar muss den anderen davon abhalten, in einem Wutausbruch auf den aus Auschwitz zurückgekehrten Jugendlichen loszugehen. Herzzerreißend diese Theorie des kleinsten gemeinsamen Nenners zwischen den Menschen, wie sie sich eben nur ein Jugendlicher ausdenken kann. Die Nachbarn bemerken die »Brücke ins Blaue« hinein, die er für sie baut, nicht einmal.

Medium von Auschwitz

Der Junge versucht, sein Leben zur Normalität zu erklären, passend zur Normalität der anderen: »Jeder hat seine Schritte gemacht: auch ich, und das nicht nur in der Kolonne in Birkenau, sondern schon hier zu Hause. (…) Ich und kein anderer hat meine Schritte gemacht, und ich behaupte mit Anstand.« Seine Schritte-Theorie bedingt auch ein gewisses Maß an Eigenständigkeit, an richtigem Leben im falschen: »… so flehte ich beinahe schon: ich könne die dumme Bitternis nicht herunterschlucken, einfach nur unschuldig sein zu sollen.«

Die Nach-Auschwitz-Sprache benennt Kertész in seinem Essay-Band »Die exilierte Sprache« »mit einem Fachwort aus der Musik als atonale Sprache. Sehen wir nämlich die Tonalität, die einheitliche Tonart, als eine allgemein anerkannte Konvention an, dann deklariert Atonalität die Ungültigkeit von Ûbereinkunft, von Tradition.«

KZ-Ûberlebende wussten, »dass die Kontinuität ihres Lebens zerbrochen war, dass es für sie unmöglich war, ihr Leben (…) in der für sie gesellschaftlich gebotenen Weise fortzusetzen, ihre Erfahrungen in der Vor-Auschwitz Sprache zu formulieren.« Also bauten sie »ihre in den Vernichtungslagern vernichteten Persönlichkeiten aus den in diesen Lagern erworbenen Erfahrungen wieder auf: Sie wurden zum Medium von Auschwitz.« Dem »vom Glauben abgefallenen, emanzipierten und assimilierten jüdischen Bürger und Kleinbürger, dem typischen Opfer des Holocaust, der überdies weder Hebräisch kann noch Jiddisch spricht« stellte sich noch dazu die Problematik, dass er immer in der Sprache des »Gastlandes« schreibe. Kertész: »Ich schreibe gerne auf ungarisch, denn so empfinde ich die Unmöglichkeit des Schreibens besser«.

Er hatte, wie gesagt, seinen ganz eigenen Humor.

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Imre Kertész: »Die exilierte Sprache. Essays und Reden«. Suhrkamp 2003

Imre Kertész: »Roman eines Schicksallosen«, Rowohlt Taschenbuch Verlag 1996

Imre Kertész: »Letzte Einkehr, Tagebücher 2001-2009«, Rowohlt Verlag 2013