© Benjamin B. Weissinger

Der Nachbar, der hilft

Nach seiner ersten Veröffentlichung, dem »Rauschmuhlbauchbaum«, und dem dazugehörigen Special auf skug kehrt Benjamin B. Weissinger mit seinem ersten physischen Buch namens »Das unwahrscheinliche Tiefseegeschenk« zurück. Für skug hat er dazu einige Fragen beantwortet und eine Gewinnspielfrage gestellt.

Benjamin B. Weissinger hat sein erstes physisches Buch veröffentlicht. Darin enthalten: sehr viele seiner »bekannten« Texte. Bekannt, denn für skug hat er ja bereits in einem Interview über seine Schriftstellerei erzählt. Sein Buch »Das unwahrscheinliche Tiefseegeschenk« ist, wie nicht anders zu erwarten war, noch etwas besser. Es sind Geschichten über Menschen wie du und ich, aus dem täglichen Leben, der täglichen Fantasie entsprungen, nachdenklich, mit Tieren, tröstlich, witzig, traurig und zum Teil schwer verständlich wie die Realität selbst. Mit seinem Humor prägt Weissinger eine ganze Reihe junger Facebook-Schreiber*innen und tritt mit den Texten gerne auch deutschlandweit auf, z. B. bei Lesungen mit Leuten wie Paula Irmschler (»Titanic«, »Intro«, »neues deutschland«), Elias Hauck (Hauck & Bauer) oder auch allein. Auch das kann er sehr gut. Sein Buch hat bei amazon nur sehr gute Bewertungen. Das macht das Untergrundmagazin skug eigentlich skeptisch: Ist er jetzt schon Mainstream oder ist es wirklich so gut? Die Frage wird er vielleicht beantworten. Lest selbst.

Hand verbrannt, Geschäft gestorben
Eine Person geht auf die Kundentoilette eines Geschäfts, »macht« und tritt dann ans Waschbecken. Neben dem Seifenspender hängt ein baugleicher Spender, auf dem »Kaffee« steht. Warum nicht, denkt sich die Person, hält eine hohle Hand unter den Spender, drückt … und baaah Hand verbrannt mit heißem Kaffee. Ärgerlich, nicht nachgedacht. Da will sich die Person wenigstens noch die Hände waschen, aber verbrennt sich auch noch die zweite Hand mit heißer Seife aus dem Seifenspender. Das Geschäft ist für die Person gestorben.

(aus: »Das unwahrscheinliche Tiefseegeschenk«, 2019)

skug: Deine erste Veröffentlichung »Es klappert die Mühle am Rauschmuhlbauchbaum: Seltsame Geschichten und Texte« schlug ein wie eine Granate und hat bereits über zehn sehr gute Bewertungen auf amazon. Was hat sich seitdem getan bei dir?
Benjamin Weissinger: Ja! Och ja, gar nicht mal so viel tatsächlich. Aber viele Leser forderten sofort nach Erscheinen, so nach dem Motto »jetzt erst recht (?)«, ein gedrucktes Taschenbuch. Fast zeitgleich hatte ich auch den Wunsch, noch eine etwas andere Zusammenstellung meiner Miniaturen zu machen, obwohl die vom »Rauschmuhlbauchbaum« mir auch sehr wichtig war. Aber dann war klar, über den Sommer entsteht nach meinem ersten e-Book auch mein erstes Taschenbuch.

Das war dann wohl der logische nächste Schritt! Dein neues Buch »Das unwahrscheinliche Tiefseegeschenk« (26 Bewertungen, Stand 12. September 2019) ist nun auch dein erstes physisch zu habendes. Wenn man es bei amazon sucht, fällt als erstes auf, dass dein Name einmal als »Benjamin B. Weissinger« und einmal als »Benjamin Weissinger« angegeben ist. Was ist da los?
Ja, das war – ach, lange Geschichte, hehe. Also das war ja nach dem Motto »das B. in Benjamin B. Weissinger steht für Benjamin« … und dann hieß ich Benjamin Gorgonzola Weissinger auf Facebook und jemand meinte, ich solle wieder Benjamin B. Weissinger heißen und das B steht für Burrata. Lauter solche Sachen. Damit wollte ich das Buch nicht belasten.

Schwerwiegend ist dein Buch auch allemal ohne das. Auf dem Cover ist ein sehr schönes, von dir gemaltes Bild zu sehen. Es zeigt ein großes Herz am Boden eines tiefen Sees, das Geschenk, will man meinen. Das gemahnt unweigerlich an das Robert Musils »Törleß« vorangestellte Motto, einen Text von Maurice Maeterlinck, in dem es heißt: »Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hinabgetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir wähnen eine Schatzgrube wunderbarer Schätze entdeckt zu haben, und wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert der Schatz im Finstern unverändert.« Daraus spricht eine tiefe Sprachskepsis. Ähnlich Musil versuchst du – und schaffst es in deinem neuen Werk wie auch im »RMBB« in einer vielleicht mystisch zu bezeichnenden Sprache, das Gegenteil zu beweisen. Deine Schätze entstehen erst in der Sprache. Bildet deine Sprache Wahrheit ab?
Eine schwierige und gute Frage. Die mag man ja fast gar nicht veralbern. Also, was kann oder möchte ich dazu sagen … das Herz des Buches ist etwa in der Mitte, obwohl mir die meisten Geschichten in dem Buch tatsächlich gleich teuer sind. Aber ich bin in ein Meer unter dem Meer gefallen und habe einige Wunder dort gesehen, und dann habe ich sofort jemanden angerufen … ja.

Muskatnuss
Eine Person klettert einen sehr hohen Industrieschornstein hoch und reibt oben etwas Muskatnuss rein. Da sagt ein Passant, der mit anderen die Aktion von weitem verfolgt hat: »Riecht gleich besser.« Und ein zweiter: »Muskatnuss kann man ja an alles dranmachen.« Zustimmendes Raunen. 

(aus: »Das unwahrscheinliche Tiefseegeschenk«, 2019)

Ein Leser deines Buches beschwert sich auf amazon, dass nach 50% schon die Hälfte gelesen sei. Wie gehst du damit um? Wild durcheinander lesen? Dann fällt es meines Erachtens nicht mehr so sehr auf und man liest ggf. auch Geschichten doppelt.
Jemand fragte auch schon, wann das Buch mit den Rezensionen erscheint. Sehr berechtigt, die sind ganz toll. Ich wollte auch eine schreiben, aber das wurde mir von amazon aus fadenscheinigen Gründen verwehrt – schade, niemand kennt das Buch so gut wie ich. Aber zur Frage, wie lesen: gerne quer und willkürlich, auch ohne Vorsatz teilweise. Ich schreibe ja auch im Vorwort: »Vielleicht gefällt euch die eine oder andere Geschichte. Man muss nicht immer alles lesen.«

Das hatte ich mir auch schon gedacht. Ein Buch mit den von dir rezensierten Rezensionen. Das wäre was. Ich würde es kaufen – als e-Book oder physisch. Nähme es aber auch als Geschenk, dann allerdings gerne physisch. Gibt es ein bestimmtes Publikum, das du mit deinen Geschichten ansprechen möchtest? Du schreibst ja vor allem auf Facebook. Hast du da ein Publikum im Kopf?
Eigentlich nicht, der Schreibprozess bei diesen Geschichten war in der Regel eher ein Aufbruch ins Unbekannte, ich sehe da gar nichts – anders etwa als wenn ich auf Facebook meine satirischen Texte schreibe, da habe ich schon oft konkrete Leute vor Augen, die das lesen wollen oder sollen oder beides. Aber das Publikum, das ich dann danach sehe, wenn es schon auf der virtuellen Bühne ist sozusagen, für das habe ich es dann doch geschrieben.

Viele deiner neuen Texte sind wie kleine Schauspiele. Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass sie auch auf der Bühne oder vor der Kamera funktionieren. Wenn doch, welche Rollen würden Gerard Depardieu und Steve Buscemi spielen, wer könnte die Rolle für den Waran und wer für den Orang-Utan übernehmen?
Ich hätte gerne gesehen, dass mit Andreas Kunze einige meiner Miniaturen verfilmt werden, er könnte alle Rollen spielen. Aber leider geht das ja nicht mehr. Den Utan gerne der entsprechende Schauspieler aus der neuen »Planet of the Apes«-Trilogie.

Tiere, vor allem groteske, spielen in deinen Texten eine nicht geringe Rolle. Ist der Mensch auch eigentlich bloß ein groteskes Tier, das in den Zoo gehört?
Nein, der Mensch ist teilweise noch ganz anders. Meine Tiere in den Geschichten kann man sich eher als verkleidete Personen vorstellen, denen es so leichter fällt, in der Geschichte aufzutreten. Aber in der Originalgröße teilweise. Also der Igel zum Beispiel oder der Biber. Das sind schon die Originalgrößen der Tiere (?).

Wer entscheidet in deinen Geschichten dann, was passiert: Die Situation, die Figuren oder du (verkleidet)?
Ich habe im Prinzip schon die Zügel in der Hand, lasse sie mir aber mit einigem Vorsatz entgleiten und dann fällt die Postkutsche kopfüber von einer Klippe runter und schon ist wieder eine fertig.

Hast du wirklich die Zügel in der Hand, oder bist du bloß ein Genie, durch dessen Hand der göttliche Wille fließt?
Das schmeichelt meinem florierenden Größenwahn. Aber nein, es ist schon gewollt.

Auch Gott kokettiert mit seiner angeblichen Unfähigkeit, wirft dann aber Tiere wie den Waran, den Grottenolm oder die Minifledermaus auf die Erde. Ich finde, deine Geschichten sind vergleichbar mit seltenen, sehr schönen Tieren. Eine der für mich schönsten Geschichten ist »Die Person, die nur mit einer Bananenstaude die Treppen zu ihrer Wohnung hoch- und runtergeht«. Sie ist sehr traurig, aber – so viel sei verraten – am Ende auch sehr herzig und witzig. Ist Lachen die beste Medizin?
Nein, das glaube ich nicht. Aber es tut gut. Lachen und Weinen, die lieben Zwillinge, das ist wie ein kurz erleichterndes »Abhusten«, aber die Bronchitis selbst ist dann ja noch da. Die »Bananenstaudengeschichte« ist eine der rührenden, ja. Als ich anfing, sie zu schreiben, war der neue Nachbar mir noch gar nicht eingefallen. Er kommt und hilft.

Sollten deine Geschichte zur Pflichtlektüre in Kindergärten, Oberstufen und in der Volkshochschule werden? Wenn zum Zentralabitur eine deiner Geschichten interpretiert werden müsste, welche wäre das?
Das sollen andere beurteilen. Aber jedwede Bibliothek, jeder Kanon kann sie im Buchhandel bestellen. Eine befreundete Lehrerin befand, »Der Rucksack« sei eine gute Oberstufengeschichte. Ich finde ja eher z. B. »Die Frau mit dem Apfelstrudeltaxianzug« als Abi-Aufgabe gut. Wer dazu etwas Gutes schreibt, darf an die Uni.

Wie geht jetzt es weiter? Geht es bald mal auf Lesereise?
Einige Lesungen sind geplant, auf dem Laufenden gehalten wird da auf Facebook, wo ich auch konsequent weiter die Texte rausballern werde. Zwischenzeitlich dachte ich, dass mir der Ort bald mal stinkt. Aber es wird gerade eher schöner als schlechter. Die, die bleiben, haben offenbar einen guten Grund. Das Buch mit Leo kommt spätestens 2020.

Erstmal besser machen
Ein Mann schmiert in einem Museum becherweise rote Grütze auf die Gemälde und wird dafür von einem anderen Besucher pauschal kritisiert. Da sagt der Mann: »Erstmal besser machen, bevor man andere kritisiert.

(aus: »Das unwahrscheinliche Tiefseegeschenk«, 2019)

2 x 1 Buch zu gewinnen!
Wer sich auf einen der Lesetermine vorbereiten möchte, der kann sich das Buch bei amazon kaufen oder am großen skug-Preisausschreiben teilnehmen. Die Teilnahme ist kostenlos, aber nicht umsonst: Benjamin stellt jeweils eines seiner Bücher zur Verfügung für zwei Personen, die mit guter Begründung folgende von ihm ausgedachte Frage beantworten können:

Welche Nüsse sind am geheimnisvollsten?

a) Pistazie
b) Cashew
c) Haselnuss

Wie üblich beim skug-Preisausschreiben ist jede Antwort vollkommen richtig, manche aber mehr als andere. Wer es weiß, einfach bis 4. Oktober 2019 eine der richtigen Antworten mit vollständigem Namen und Postadresse mit dem Betreff »Geheimnisvolle Nüsse« an gewinnspiel@skug.at senden und mit ein wenig Glück (und viel Können) das Buch in den Händen halten. Die fröhlichen Gewinner*innen werden per E-Mail verständigt. Rechtsweg und Barablöse sind ausgeschlossen.

Link: https://www.facebook.com/benjamin.weissinger