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Der große Minister – Teil 2: Das Tänzchen

Das Nägelkauen hat ein Ende. Endlich erscheint der nächste Teil unseres Fortsetzungsromans »Hykels wundersame Visionen und Taten«, dem Kriminalstück der bedeutungsreichen Extraklasse von The real crime inc. Diesmal werden wir in die Steiermark entführt und begegnen dort einem hohen Gast aus Russland.

Sein Blick badete im frischen, steirischen Hügelland. Alles so grün. Kaum Häuser. Es sah viel rustikaler aus als bei ihm zuhause in Purkersdorf. Auch dort glaubte man, am Rektum des Wienerwalds zu sein und lag doch nur im Speckgürtel Wiens. In dem Moment griff er sich auf sein kleines Bäuchlein. Dann lächelte er. »Dieses Unterbewusstsein ist wirklich ein Hund. Dem fällt zu allem etwas ein …« Jetzt lachte er ob seiner gewitzten Assoziation und wollte dem Strunz schon sein Gedankenspiel zuflüstern, doch kam ihm dieser zuvor.

»Jetzt. Hykel. Geh schon.« Und schon verpasste er ihm einen Stoß, dass er auf die Tanzfläche stolperte und direkt in den Armen des Gastes landete. Die Gneissl hatte es wie abgesprochen eingefädelt. Sie heiratet diesen Typen, lädt den russischen Präsidenten zur Hochzeit ein und ermöglicht ein kleines intimes Gespräch von Staatsmann zu Staatsmann. Nach der gelungenen Partnerübergabe drehten sich nun Hykel und der Russe zum Klang der Blasmusik über den Tanzboden.
»Mein Präsident, ich bin Minister hier. Hykel. Sie haben wahrscheinlich schon von mir gehört.« Sein Tanzpartner nickte. Nun zog er ihn etwas enger an sich, legte seinen Kopf unauffällig auf seine Schulter und flüsterte vertrauensvoll: »Ich bin hier auch für die Spezialsachen zuständig. Agenten. Geheimdienst. Echte Profis. Falls sie Informationen benötigen. Wir haben Kanäle gefunden. Internet. Sie verstehen?«
»Verstehe.«
»Ihr Kollege in Amerika. Tump. Er sendet fast täglich merkwürdige Botschaften auf einem geheimen Kanal. Twitter. Sie können mir noch folgen?«
»Wie?«
»Wir vermuten, die Nachrichten sind verschlüsselt. Sie ergeben keinen Sinn. Aber wir arbeiten daran.«
»Ich verstehe.«
»Deal?«
»Wie bitte?«

In dem Moment riss ihm die südsteirische Winzerkönigin den Partner aus der Hand und der Kanzler Kunz fiel in seine Arme. Dieser drückte seine Wange fast zärtlich an Hykels und flüsterte: »Hat er angebissen?«
»So gut wie. Das mit Twitter dürfte ihn überrascht haben.«
»Sehr gut. Vergessen Sie die wirtschaftlichen Angelegenheiten nicht. Sie wissen ja.«
»Klaro.«
Sie tanzten so noch wortlos bis zum Ende der Musik, dann folgte Hykel dem Präsidenten, der sich mit einem Gläschen Welschriesling an den Rand der Festgesellschaft begab, um die Aussicht zu genießen.
»Südsteiermark. Die ist etwas ganz Besonderes. So etwas haben Sie in Russland wahrscheinlich nicht. Also, so ohne Schnee.« Lässig drückte er sich an den massiven Oberkörper des Staatsgastes. »Ich weiß, Sie haben eine der stärksten Armeen. Unsere ist auch nicht ohne. Was wir aber wirklich haben«, Hykel legte eine längere Kunstpause ein und blickte dem Präsidenten tief in die Augen, »ist Köpfchen. Der Geist ist unsere schärfste Waffe. Und wenn wir uns zusammentun, profitieren alle davon. Wir haben eine Firma, die kann Top-Fahrräder herstellen. Mit Fünfgangschaltung, Akku mit Entladungsschutz und das Unternehmen ist vollkommen loyal. Falls Sie Waffenräder brauchen. Kein Problem. Sie verstehen?«
»Verstehe.«
»Mit denen sind Ihre Soldaten in Nullkommanix an jeder Front.«
»Wir haben Truppentransporter.«
»Kein Problem. Nur wegen dem Klimaziel. Sie wissen ja. Fahrverbote und so weiter.«
»Verstehe.«
»Wir haben auch einen Getränkehersteller. Ein wirklicher Businessman. Der verkauft sogar Nordkorea als Demokratie. Sie verstehen?«
»Verstehe.«
»Der hat ein Getränk, da kannst du ums Verrecken nicht mehr einschlafen. Wenn das ein Soldat trinkt, marschiert er die halbe Nacht.«
»Wir haben Amphetamine.«
»Aber falls. Dann rufen sie einfach … alles klar?«
»Klar.«

»Eine Sache noch, hier, wo uns die Natur mit ihren reichen Gaben beschenkt …«, und tatsächlich, das Abendrot legte sich auf die Hügel der Toskana Österreichs, »da fühlen wir uns als Menschen und als Politiker.« Putin nickte herzlich und legte sogar seine Hand auf Hykels Schulter. Hykels Hand tastete an Putins konturiertem Schulterblatt entlang und ruhte an der sehnigen Flanke seines Stiernackens. »Wo war ich?«, hauchte Hykel und blinzelte in die Abendsonne. »Bei den Menschen«, assistierte Putin und knuffte Hykel sacht in die Rippen. »Ja natürlich, und nicht nur bei denen, sondern darauf aufbauend bei Hegels Verhältnis zwischen Natur, Menschen und der Weltgeschichte, die ja unser beider eigenstes Steckenpferd ist.« »Ich bin ganz Ohr«, erwiderte Putin und legte gespielt langsam die freie Hand an sein Kinn.
»Laut Hegel sind die Menschen in der Weltgeschichte ja nur Werkzeuge«, begann Hykel.
»Zuvor müssen aber Naturbeherrschung und ein allgemeines Verständnis über Sittlichkeit gegeben sein, sonst klappt’s nicht«, unterbrach ihn Putin und tätschelte kurz Hykels Haupthaar.
»Ja, zur Sitte wollte ich auch lange, aber ich habe dann doch bemerkt, dass ich eher nicht so der Nachtmensch bin«, verlor Hykel den Faden und sich in Erinnerungen und der Landschaft.
»Zur Sache«, ermahnte ihn Putin, »seit Breschnew haben wir noch einen demontierten Tiefbohrer rumliegen, damit ihr die schönen Alpen erschließen könnt. Und da wir euch bei der Naturbeherrschung helfen, könnt ihr uns sicher bei der Durchsetzung der Sittlichkeit helfen. Alles im Dienste der Weltgeschichte, versteht sich«, schmunzelte Putin verschmitzt.
»Die Weltgeschichte ist fallweise ein gar rutschiges Parkett, doch hier braucht’s Charakterstärke«, sinnierte Hykel halblaut, während Putin seinen Griff etwas nachjustierte. Hykel sagte mit fester Stimme: »Mir scheint, da haben sich in dieser Sternstunde die Richtigen gefunden.« Putins Hand, schwer und schwielig wie die eines Eisenerzer Arbeiters, umschloss ganz fest die seinige. »Also von uns einen Top-Tiefbohrer mitsamt Bauanleitung und im Gegenzug diese Glack-Pistolen, von denen keine Ladehemmungen bekannt sind. Natürlich in doppelter Truppenstärke. Gute Idee mit dem Hegel. Werde ich mir merken.« Hykels Grinsen schien festgeschraubt und selbst seine unstete Dialektik schien die Luft anzuhalten. Verweile doch, du bist so schön, dachte er zufrieden.

Der erste Teil findet sich hier: https://skug.at/der-grosse-minister-teil-1-die-parade/