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Der große Minister – Teil 1: Die Parade

»Hykels wundersame Visionen und Taten« ist ein Kriminalstück der bedeutungsreichen Extraklasse. Geneigte Leser*innen der MALMOE kennen die Fortsetzungsromane von The real crime inc. bereits und nun wird uns auch auf skug das aktuelle Österreich im Spiegel des blankpolierten Pferdearsches vorgehalten.

Die Wolkendecke öffnete sich etwas und ein Sonnenstrahl fiel wie ein göttlicher Spot aus dem weiten Universum mitten auf jenen Flecken Erde, auf dem der große Minister Hykel eben mit seinem Pferd zu stehen gekommen war. Zugegebenermaßen kam ihm das nicht ganz ungelegen, denn es hatte zuvor abrupt zu galoppieren begonnen und war auf dem Weg zum Heldenplatz in den Volksgarten abgebogen. Dort standen sie nun zwischen den Rosenstauden beim Theseustempel, das Pferd grasend, der große Minister um sich blickend. Niemand war zu sehen. Nur ein paar Spaziergänger.

Hoffentlich haben sie unser Verschwinden bemerkt, dachte sich der große Minister, bemühte sich um eine aufrechte Haltung und gab dem Pferd etwas Zügel. Ich bin ja schließlich der Kopf des Inneren. Der zu sich gekommene Staatsgeist. Der Lichtkegel wanderte weiter, mit strafendem Blick folgte Hykel der Bewegung über das Blumenbeet, das Wegelchen hin zu einer Parkbank, auf der eine Frau mit verfilztem und zerzaustem Haar in ihren Plastiksäcken murmelnd herumstöberte. Verächtlich drehte er sich weg, begann, den Hals seines Pferdes zu streicheln: »Brav. Brav. Bist ein sehr Schneller. Bist wie ich. Lässt dich nicht vom Weg abbringen.« Tätschelnd beugte er sich vornüber und flüsterte ihm ins Ohr: »Bist doch mein brauner Beauty.«

Dann richtete er sich vorsichtig auf und hob sich leicht aus dem Sattel, um bessere Sicht zu bekommen. Hinten bei der Nationalbibliothek schien sich bereits eine kleine Menschenmenge angesammelt zu haben, aber ob es seine war, konnte er nicht erkennen. »Gemma dann wieder rüber? Bekommst später noch mehr zu fressen … von mir aus einen Blumenstrauß.«
In dem Moment fuhr ihn eine ältere Dame an, die ihren Pinscher an der Leine führte: »Was machen Sie denn da? Sind Sie verrückt?«
»Aber nein, meine Dame. Wohin denken Sie? Ich bin der Minister …«
»… auf einem Pferd im Blumenbeet. Minister für Verhaltensauffälligkeiten?«
In dem Moment ritt eine junge Frau in den Park, steuerte lässig auf den Hykel zu und sprang knapp vor ihm ab.
»Herr Minister. Wir haben Sie schon gesucht. Was machen Sie hier?«
»Ah, Brunhilde, sehr gut. Ich, ich? Ich unterhalt’ mich mit der Dame.«
»Aber wir warten schon auf Sie … die Parade!«
»Also gut. Meine Dame, es hat mich sehr gefreut. Ich muss zu meiner Reiterstaffel – SO. Schutz und Ordnung. Sie gestatten?«
»So?«, wiederholte die Dame verdutzt und beobachtete, wie diese junge Frau zuerst Pferd und Reiter aus dem Blumenbeet führte, sich dann auf ihr Pferd schwang und den Herrn zur äußersten Eile drängte: »Herr Minister, der Zeitplan, die Übertragungswagen! Alle warten auf Ihr Handzeichen. Sie müssen zur Ehrenriege. Ich reite vor!«

Sie gab ihrem Pferd die Sporen und galoppierte los, Brown Beauty blieb ihr keuchend dicht auf den Fersen. Dem Hykel war, als zöge links und rechts die Welt in unglaublichem Tempo vorüber, und er krallte sich ganz fest an die Zügel, während er zur Sicherheit auch noch den Pferdehals umarmte. Hykel blickte erst auf, als sein Pferd abrupt vor der festlich ausgeschmückten Tribüne vor der Nationalbibliothek stehen blieb. Vor sich sah er die diskret gähnende Ministerin Gneissl, eine Loge mit zwei leeren Sesseln und dann den Vize Strunz, wie er eine Zigarette in dem Geranien-Blumentopf ausdrückte. Gerne hätte Hykel ihm zumindest durch einen erhobenen Daumen signalisiert, dass soweit alles in Ordnung sei, aber seine Hände verkrampften sich weiterhin in den Zügeln. Als er sich endlich vom Pferd wand, bei der kleinen Schwingtür zur Loge Brunhilde den Vortritt und sich auf den gepolsterten Sessel fallen ließ, murmelte er noch: »Jetzt kommt ja erst einmal der Aufritt.« Während er noch über sein Wortspiel schmunzelte, korrigierte ihn von links die in Diplomatie äußerst erprobte Ministerin Gneissl: »Herr Minister, das heißt Défilé. Alles wartet auf Ihre Handgeste.« Hykel holte tief Luft und deutete mit beiden Händen dem Pferdechoreografen und der ORF-Technik. Die ganze Reiterstaffel in voller Pracht zeigte sich nun vor ihnen. Vorne dutzende Polizeireihen zu Pferd, die stolz an ihnen vorbeizogen.
»Das ist die Einsatztruppe gegen die organisierte Kriminalität, Herr Minister.«
»Ausgezeichnet, Brunhilde, also, Frau Grauer.«
»Die Eseltruppe. Gegen Kleinkriminalität und Fahrrad-Rowdies.«
»Fantastisch, so wie ich es mir vorgestellt habe.«
»Und hier ihre moderne Doppelstreife, gegen alle möglichen ausländischen Verbrecher.«

Für jeden rechtschaffenen Bürger war es eine Augenweide. Vor allem für den großen Minister. Kräftige Beamten in dunklem Blau zogen im gleichmäßigen Schritt eine Spezialanfertigung von Schaukelpferden auf Rädern hinter sich her, auf denen verwegene, Lasso schwingende Polizisten saßen.
»Meine liebe Brunhilde. Frau Grauer. Besser hätte ich es mir nicht erträumen können. Hab’ ich dir schon einmal erzählt, dass bei Hegel der Traum die radikale Vereinzelung des Denkens ist? Hier geht es aber um etwas weit Größeres, das ist ja nicht nur mein Traum, diesen Traum hat doch jeder Visionär. Die Traumsplitter fügen sich also hier und jetzt …«
»Berti, ähm, ich meine, Herr Minister, jetzt wird’s speziell, da kommt gerade die SOS-Einheit.«
»SOS? Da bin ich gerade gedanklich indisponiert.«
»Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit. Der Ministerin Gneissl war es ja ein großes Anliegen …«, Gneissl nickte bedeutungsschwer, »… dass unsere österreichischen Polizeipferde nicht mit diesen unästhetischen Pferdewindeln herumlaufen.«
Und tatsächlich, Shetlandponys zogen schaukelnde Miniaturmistkarren, aus denen die Rossäpfel dampften. Dahinter werkte eine ganze Armada an nimmermüden Schauflern. Frau Grauer nickte zufrieden: »In der Tat eine treffliche Verwendung für die asozialen Elemente.«
»Aber, Brunhilde. Mit dieser Tat …«, und jetzt wirkte es, als würde Hykel jedem einzelnen Schaufler ein High five geben wollen, »haben die Mindestsichler das Kainszeichen des Durchschummelns im wahrsten Sinne des Wortes weggefegt. Jetzt sind sie wieder Teil eines großen Ganzen. Zur Ehre gezwungen. Schön ist das hier.« Und er ließ seinen Blick über die letzten nachzügelnden Ponys schweifen, denen wie ihren Begleitpersonen noch ein paar Beitragsjahre fehlten. Dann drehte er sich mit jugendlichem Elan zur Ministerin Gneissl.
»So macht Regieren Spaß, meine liebe Frau Gneissl. Habe ich Ihnen schon von meinen neuen Plänen erzählt? Donau-U-Boot-Flotte. Und unseren General Goldi habe ich beauftragt, ein parteieigenes Inkassobüro zu gründen. Ein Anruf und 20 bewaffnete Bulldozer stehen vor der Tür. Ganz nach dem Motto: Jede Regierung hat ihren Preis! Ist das nicht komisch? Was ist eigentlich Ihre Kompetenz?«
»Kompetenz?«, lächelnd schüttelte sie den Kopf. Der Strunz musste ebenfalls grinsen und zündete sich eine neue an. »Ich habe keine Kompetenz. Ich leite ein Amt!« »Das für draußen.«
Der Strunz spuckte lässig auf einen frischen Pferdeapfel: »Sie kennt die ganze Welt, mein Lieber. Sie weiß, wie die Menschen ticken. Unter uns, mein Hykel. Wenn sie an einem Menschen riecht, weiß sie sofort, aus welchem Stall er kommt.«
»Eine Blitzgneisslerin?«
»Sozusagen, mein Lieber.«
»Als solche möchte ich auf den feierlichen Höhepunkt der Darbietung verweisen«, sprach Gneissl dazwischen. Es war wirklich epochal! Einheit nach Einheit marschierte auf und teilte sich in der Mitte, um die nächste Reihe nachrücken zu lassen. Dann durchquerte bei der Klatschpolka die Reitstaffel die Fläche in atemberaubenden Diagonalen, während die SOS-Garde gegen den Uhrzeigersinn ihre Runden drehte. Die folgende Quadrille mit ihrem fortwährenden Partnertausch sollte wohl die Vision der erfolgreichen Zusammenarbeit der berittenen Einheiten unterstreichen, doch da bahnte sich ein sportlicher Wagen den Weg durch das Spektakel. Hykel blinzelte und raunte der Ministerin Gneissl zu: »Ist das so geplant?«
»Herbert, sogar von langer Hand. Im Club haben wir ein bisschen Steuern für die Überraschung zusammengekratzt. Ihr neues Dienstauto hat nicht nur ein kleines Pferd auf der Motorhaube …«
»… sondern auch 450 Pferde darunter!«, fiel ihr der Vize ins Wort. Und dann saß Hykel wiederum im gleißenden Lichtkegel.
»Ministerin Gneissl, Vize Strunz, ich danke Ihnen von Herzen. Diese Pferde bei meinem Auto stehen wohl auch philosophisch für unsere Bewegung. Oberflächlich sind da nur Einzelfälle, aber hinter der Kulisse, tief unten, da brodelt’s.«