Hirsch Fisch © Mario Lang

Der Fisch trägt Geweih

Die aus der »grünen Mark« stammende Formation Hirsch Fisch wirft mit ihrem neuen Album »In da Nocht« kauzig-steirischen Country in die bewaldete Runde, der jetzt beim Feinkostlabel Early Morning Melody erschienen ist.

Das Schöne an Hirsch Fisch ist, dass man nicht einfach sagen kann, das klingt so ähnlich wie der oder die. Das liegt schon am eigenwilligen Idiom von Norbert Trummer (ouststairisch) und Klaus Tschabitzer (oubastairisch), das schon für viele Österreicher*innen schwer und für die vielen Numerus-Clausus-Flüchtlinge an den österreichischen Unis vermutlich kaum zu verstehen ist. Rund die Hälfte der Songs ist aber eh in dialektal gefärbter österreichischer Gemeinsprache gehalten und daher leichter zugänglich. »In da Nocht« ist nach dem schlicht »Hirsch Fisch« benannten Debütalbum von 2017 das zweite Album der nach einem Charakter aus dem Roman »Hotel Savoy« von Joseph Roth benannten Formation. Dieser Hirsch Fisch hat die Fähigkeit, die richtigen Lottozahlen zu träumen, die er weiterverkauft. Schon die Wahl des Bandnamens lässt auf eine gewisse Kauzigkeit der sich in den besten Jahren befindlichen Herrschaften Trummer und Tschabitzer schließen.

Poetischer musikalischer Minimalismus
Musikalisch auffällig wurden die beiden Wien-Steiermark-Pendler bereits mit dem Quartett Scheffenbichler (benannt nach dem »Apfelstrudel Helmut Scheffenbichler«) Anfang der 1990er-Jahre, das eine Art steirischen Rumpelfolk praktizierte. Scheffenbichlers in einschlägigen Kreisen kultig gewordener Song »Staub« erschien auch auf dem ersten FM4 »Im Sumpf – Musik zu gut für diese Welt«-Sampler. Und dann gab es noch in den späten 1990ern das Quartett Tangoboys, das sogar mit zwei Stücken auf der genannten Kompilation vertreten war, bei dem Tschabitzer Gitarre und Chorgesang besorgte. Mit diversen Mitstreiter*innen aktiv wurde Tschabitzer noch Anfang der Nullerjahre mit dem Projekt Der Schwimmer, das rund ein Dutzend Alben – leider weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit – produzierte. Dem gerade erschienenen Zweitling von Hirsch Fisch wird hoffentlich mehr Aufmerksamkeit zuteil.

Raunzertum und zweite Kassa bitte
Mit Bluegrass-Steirercountry und knappen Texten, denen eine Vertrautheit mit der Wiener Gruppe anzuhören ist, schließt Hirsch Fisch nahtlos an das Debüt an. Charakteristisch für das Duo ist ein Wechsel in der Songabfolge zwischen doch ernsthaft-traurigen Stücken, wie dem ersten, von einem atmosphärisch tönenden Harmonium untermalten »Schlauchboot«, und dem flockig-leicht tänzelnden, leicht grotesken »Liebling du bist zu schnell für mich«. Latente Unzufriedenheit, Raunzertum und Undankbarkeit thematisiert das hitverdächtige »Zweite Kassa bitte« (»Wir san schnöll lang beleidigt, wenn uns ana kränkt / oba vergessen glei, wenn uns mal wer wos schenkt«), das mit der Resonatorgitarre von Gottfried Gfrerer und Florentin Schleicher sowie Roman Gessler an den Tröten mit Albert-Ayler-Feeling gleich mal ein wenig anschiebt. Dem gemächlichem Schunkler »Söhne der Wüste« folgt das ein wenig wie ein Kinderlied mit knappem Text anmutende »Das Krokodil«.

Endloses Melken mit Bodo Hell
»In da Nocht« bringt nach einem unheimlichen Intro eindringlich bestes »Ouststairisch« von Norbert Trummer (der die meisten Stücke singt und Ukulele spielt) zum Thema Schlaflosigkeit mit optimistischem Blick in die Zukunft. Das kurze »Jimmy« wildert mehrstimmig in radikaler Knappheit im Dadaland und »Jonathan Richman« preist die Vorzüge einer besseren Welt, in der alle Jonathan Richman hören würden – eine beschwingte Verbeugung vor dem großen Mr. Richman. Ein Burner ist auch »Zwiederwurzen«, eine Ode an die schlechte Laune mit lässigem Banjo von Tschabitzer, gesungen von Trummer. Passend zur Jahreszeit betreibt das feierliche »Irgendwaun« Bewusstseinsbildung in Sachen Endlichkeit unserer Existenz. Bodo Hell, der schon öfter mit dem auch als bildender Künstler aktiven Trummer (der auch für die bestechende Covergestaltung verantwortlich ist) kooperiert hat, besorgt den Kehraus mit »Melklied (Endlosgedicht)«. In diesem stolze 6 min 30 dauernden Gedicht demonstriert der Teilzeitsenner und Poesie-Performer Hell, untermalt von zarter Perkussion und leise gehauchten, nicht verständlichen Silben eindrucksvoll seine lyrische Potenz. Hirsch Fisch gelingt es wieder bravourös, selbst in den thematisch schwermütigen Songs – nicht zuletzt wegen der pointierten Texte – eine lakonische Heiterkeit zu vermitteln. Das soll dem Duo mal jemand nachmachen. Tolles Album mit maximalem Minimalismus, mindestens!

Link: https://www.earlymorningmelody.com/