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Der Denker des Dubstep

Was hat Dubstep mit unserer Gesellschaft zu tun?
Gibt es ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Bass? Nicht nur das Interview mit dem Dubstep-Urgestein Pinch in London zeigt, dass sich hinter diesem Sound-Phänomen schon immer mehr verborgen hat als engagiertes Kopfnicken in verrauchten Clubs.

Der düstere Halfstep-Sound von Youngsta & Co. ist im richtigen Kontext immer noch ein unvergleichliches Klangerlebnis, auch wenn er musikalisch nicht mehr viel Neues bietet. Das andere Extrem, der Mainstream-Step eines Skrillex, verursacht mit seinen quietschigen Sounds – bei denen intelligent-verhaltenes Schweigen durch Schreien ersetzt wird und entspannte Vibes mit Gorilla-Gehabe verwechselt werden – hingegen nur eins: Kopfschmerzen. Abhilfe verschaffen da Künstler, für die Dubstep weniger ein Stil als eine Philosophie ist. Pinch ist einer dieser Produzenten, die das stetige Streben nach Innovation nie aufgegeben haben. Auch sein aktueller Fabric-Mix importiert die viszeralen Subbässe und das meditative Dread-Gefühl der frühen FWD Nights in unsere Gegenwart, in der die Aufmerksamkeitsspanne auch für Dancemusic nur noch knapp bemessen scheint.

skug trifft Pinch in einem Café im Londoner Stadtteil Farringdon, in dem er sich zusammen mit Peverelist eines dieser englischen Frühstücksteller gönnt, die gleich auch Lunch und Dinner obsolet machen. Als Pinch in der Nacht zuvor im Fabric Club auf seiner Release-Party spielte, bewies er einmal mehr, dass die Qualität seiner Musik vor allem in der unmittelbaren Intensität des Klangs liegt, die den Körper durchdringt, noch bevor der Denkapparat einsetzen kann. Bei allem Streben nach Innovation ist Pinch den ursprünglichen Werten der Dubstep-Szene treu geblieben. So wie die Liebe zur Dubplate-Kultur. »Wegen des besseren Sounds«, wie er erklärt, lie&szlig er extra für seinen Gig ein paar Tracks neu auf Acetat pressen.

Im Folgenden entwickelte sich ein Gespräch über frühe FDW Nights, kulturellen Purismus und die Wirkungen von Klang – fernab von Hipster-Diskursen oder trendideologischen Sackgassen ??

skug: Wie bist du eigentlich zum Dubstep gekommen? Als junger Mensch in Bristol hättest du doch genauso gut Techno- oder Drum&Bass-DJ werden können ??

Pinch: Als ich 2004 zum ersten Mal auf FWD in London war, wusste ich sofort, dass ich diese Musik nach Bristol bringen möchte. Es war damals etwas völlig Neues und Aufregendes. Und Dubstep war etwas, an dessen Entwicklung ich aktiv teilhaben konnte. Für Techno gab es ja schon genug Experten. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich mal davon leben könnte. Es war damals mehr nur ein Interesse.

Besonders der klassische UK-Dubstep hat ja diesen interessanten Tempo-Modus, diese trügerische Langsamkeit, hinter der sich eine enorme Energie versteckt. Mich hat eigentlich schon immer interessiert, was damals eigentlich auf der Tanzfläche vorging? Es war bestimmt interessant, die Leute zu beobachten, als sie zum ersten Mal diese Musik hörten ??

Ja, gerade zu Beginn. Es ergaben sich oft besondere Situationen, wenn ich ein paar Tracks gespielt habe und die Leute nicht wussten, wie sie sich dazu verhalten sollten. Einige haben sich dann oft umgeschaut und versucht herauszufinden, was die anderen machen. Manchmal spielte ich ein halbes Set, bis die Leute endlich begannen, sich zu bewegen und zu merken, dass es eigentlich keine Rolle spielt, wie man dazu tanzt. Oft war ich vorbereitet auf den Umstand, dass die crowd nicht unbedingt wei&szlig, wie sie tanzen soll, und hatte dann bestimmte Tracks parat.

Was waren denn das z. B. für Tracks, mit denen du die Leute ??antriggern?? konntest?

Es waren Tunes wie Loefah’s »I«-Remix. Manchmal war es auch kein bestimmter Tune, sondern eher ein bestimmter Schlüsselmoment. Ich persönlich mag diese Herausforderung sehr, eine Tanzfläche zu aktivieren. Es war manchmal anstrengend, aber es lohnte sich, denn dadurch konnte ich die Art verändern, wie manche Leute über diese Musik dachten.

Was hältst du von der gegenwärtigen Entwicklung von Dubstep?

Musikalisch halte ich gar nichts von der Mehrheit dessen, was heute den Begriff Dubstep repräsentiert. Als dieser ganze midrange dominierte Sound begann, populär zu werden, war ich anfänglich sehr resistent dagegen, denn für mich hat das nicht annähernd etwas damit zu tun, worum es in dieser Musik gehen sollte. Aber es ist auch unmöglich, für immer an etwas festzuhalten. Zwischen 2004 und 2006 war eine ganz besondere Zeit, da passierte einiges. Alle spürten diesen Energieüberschuss und nutzten ihn auch. Aber der Sound konnte einfach nicht für immer innovativ klingen. Zu der Zeit hat das auch niemand allein aus finanzieller Motivation gemacht, wir haben unsere Dubplates aus eigener Tasche bezahlt. Aber wie gesagt, ich habe aufgehört, mir darüber Sorgen zu machen. Viel wichtiger ist es, sich ständig ein Interesse für Dinge zu bewahren, die persönlich relevant erscheinen.

Dein Fabric Mix ist eine gelungene Weiterführung von Dubstep. Er blickt nach vorne und ist gleichzeitig einem bestimmten Sound aus der Vergangenheit treu. Besonders beeindruckend ist dieser oft sehr dissonante, räumliche Sound, der selbst bei einigen technoideren Four-to-the-floor-Tracks auftaucht. Du scheinst diesem frühen Dubstep-Vibe also noch auf subtile Weise verbunden zu sein ??

Das war mir nicht wirklich bewusst. Wenn ich einen Tune im Studio mache, bin ich immer davon ausgegangen, dass zunächst ich derjenige bin, den es zu beeindrucken gilt. Diese darkness gibt mir oft den nötigen Raum, in dem ich mich treiben lassen kann. Das ist eine Art Meditation, wenn man das so nennen kann. Ich finde, dass – ich muss das Wort wieder verwenden – dieser frühe Dubstep eine genuin meditative Qualität hatte.

Was ist es denn genau, das diese meditative Wirkung auslöst? Im Plattenladen Sounds of the Universe war kürzlich – zur Beschreibung eines Kryptic-Minds-Tracks – der Ausdruck »eyes down« zu lesen. Das beschreibt die Atmosphäre ziemlich gut. »Eyes down« passt auch sehr gut zu den puristischen Dubstep-Parties. Gerade dieser Unterschied zu House- oder Techno–Parties ist interessant.

Das stimmt. Wobei dich auch ein guter Techno-Track auf interessante Gedankenebenen bringen kann. Aber der Unterschied besteht gerade in dem Energieniveau, das von den Drums kommt, vor allem wenn es sich um Halfstep handelt, der ja mehr in einem Tempo von 70 bpm steht. 140 bpm können da schon eher deinen Herzschlag erhöhen, das ist ja auch das Tempo von sehr schnellem Techno. Aber im Dubstep kann man einfach umschalten zwischen dem Halfstep und dem doppeltem Tempo. Gerade in den Anfangszeiten haben die Leute eher langsam zu Dubstep getanzt. Und erst als die ersten gro&szligen Parties wie DMZ begannen, die dann auch am Wochenende stattfanden, änderte sich das so langsam. FWD war ja immer an einem Donnerstag, und die Leute mussten freitags zur Arbeit. Es war also die perfekte Musik für jemanden, der nicht unbedingt nur raven und Pillen nehmen wollte. Man konnte einfach die ganze Zeit tanzen, ohne sich zu verausgaben. Es war mehr eine Musikwertschätzungsgesellschaft als eine Club Night.

Hast du bestimmte Vorstellungen von Sounds oder Atmosphären im Hinterkopf, wenn du produzierst?

Da steckt nicht immer eine Idee dahinter. Das hängt sehr von meiner Stimmung ab. Manchmal habe ich aber auch genauere Vorstellungen, wie etwa dass ich gerne einen House-Track machen würde, der aber so klingen soll wie ein Metalheadz-Tune von anno 1999 oder so was in der Art. Ich denke, es ist wichtig, den Leuten im Club auch Neues zu bieten und immer eine gewisse Energie zu transportieren. Und um das zu tun, versuche ich von diesen alten Tempostrukturen wegzukommen.

Wie würdest du deine Beziehung zu Bass beschreiben?

Also ich liebe das physische Erlebnis von guter Dance Music. Bass zielt ja irgendwie ab auf unsere primären menschlichen Instinkte. Der einzige Zeitpunkt, an dem man in der Natur einen ganz tiefen Bass erleben kann, ist doch in extremen Situationen, wie etwa einem Gewitter. Das bringt dich als Menschen in einen alarmierten Zustand. Davon kann man sich schon inspirieren lassen. Au&szligerdem ist Bass das erste, was ein Embryo im Mutterleib hört. Und dort herrscht ja eine vollkommene Harmonie. Ich denke, die Basslastigkeit von Dubstep ist in der Lage, auch dieses extrem beruhigende Gefühl zu aktivieren.

Neben einem neuen Fabric Mix hast du letztes Jahr zusammen mit Shackleton ein Album veröffentlicht, das sich ziemlich von deinem vorherigen Schaffen unterscheidet. Wie ist es -zu der Zusammenarbeit gekommen?

Ich kenne Sam [Shackleton, Anm.] schon seit ein paar Jahren, und eines Tages haben wir bei mir in Bristol einfach einmal begonnen, ein bisschen was auszuprobieren. Er meinte dann sofort, dass er gerne ein paar Tunes mit mir machen würde. Es war dann irgendwie seine Entscheidung [lacht]. Ich war aber sofort einverstanden, denn es stellte sich schnell heraus, dass wir uns sehr gut ergänzen. Er kam dann noch zweimal nach Bristol, und ich flog ein paar Mal zu ihm nach Berlin. Einmal verbrachten wir dort acht Tage im Studio. Wir hatten in dieser Zeit so viel zustande gebracht, dass wir uns schlie&szliglich entschlossen, ein ganzes Album daraus zu machen.

Habt ihr euch die Tracks dann weiter gegenseitig zugesendet?

Nein, wir haben alles gemeinsam gemacht. Das meiste in seinem Berliner Studio. Es dauerte ungefähr anderthalb Jahre, das Album zu beenden.

Irgendwie scheint es eine ganz natürliche Sache zu sein, dass ihr ein gemeinsames Album gemacht habt. Ihr habt einen ähnlichen musikalischen Background und seid der Szene schon immer ein Stück voraus gewesen. Aber ich stelle es mir nicht einfach vor, dass zwei so eigenwillige Produzenten zusammen im Studio arbeiten.

Was ich wirklich an solchen Kollaborationen mag, ist, dass man immer an einen Punkt gelangt, an dem man einen Kompromiss eingehen muss. Wenn der eine sagt, ja, das ist jetzt gut so, und der andere aber überhaupt nicht mit einem bestimmten Sound, einer Snare oder so zufrieden ist, dann muss man sich entscheiden. Aber sobald man sich dann auf etwas geeinigt hat, wei&szlig man, dass es immer etwas besonders Gutes ist. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Du gehst bald auf USA-Tour. Denkst du, dass die Leute dort angesichts der derzeitigen Dubstep-Fehlentwicklungen deine Musik verstehen?

Da kann ich beruhigt sein, denn mein Agent in den Staaten wei&szlig genau, was ich tue, und ist auch mehr ein Fan der ersten Stunde. Aber manchmal kann es dort schon schwierig werden. Ich habe mal in L. A. gespielt, und solange du dort nicht ausschlie&szliglich Zeug spielst, das die Decke zum Einsturz bringt, kommen die Leute nicht wirklich mit.

Sie haben keine Geduld ??

Genau, aber ich meine, es ist doch kulturell gesehen mittlerweile so, und zwar weltweit, dass die Leute keine Geduld mehr für Musik aufbringen. Alles ist doch nur noch total unmittelbar. Wenn Musik nicht die sofortige Aufmerksamkeit auf sich zieht, wollen die Leute das nächste und dann wieder das nächste Ding.
Dabei könnte es sich für die Zuhörer lohnen, sich einmal die Zeit zu nehmen und der Musik von Pinch zu lauschen. Aber die perfekte Harmonie ist wohl nicht jedem vorbehalten …