Dem Wahn Sinn geben

Ein Sammelband widmet sich Werner Herzog – Deutschlands verlorenem Filmemacher. 

Ein Flussdampfer wird unter rücksichtslosem Einsatz an Menschen und Material über einen Berg im Urwald gezogen: diese markante, die Möglichkeiten der Kinematographie stolz zur Schau stellende Szene steht pars pro toto für »Fitzcarraldo« (1982) und aktualisiert den viel zitierten Sisyphos-Mythos, von welchem selbst ihr Visionär Werner Herzog nicht sagen kann, wofür er genau steht. Der Umgang mit undefinierbaren Situationen bestimmt das Werk des 1942 in München als Werner Herzog-Stipeti? geborenen Filmemachers. Erst mit elf Jahren begegnet er an der Dorfschule der Filmkunst, mit neunzehn dreht er seinen ersten eigenen Kurzstreifen »Herakles« (1962). In diesem Jahr verkünden Regisseure im »Oberhausener Manifest« das Ende von »Papas Kino« und bereiten den Boden für den »Jungen Deutschen Film«, dem neben Herzog auch Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders zu internationaler Anerkennung verhelfen. Legendär werden Herzogs künstlerischen Konfrontationen mit Klaus Kinski, die er 1999 in »Mein liebster Feind« eindrucksvoll dokumentiert.

Film verändere nicht die Welt, meint Herzog, aber unsere Perspektive darauf. Seit über einem Jahrzehnt arbeitet er vorwiegend in Los Angeles, wo er seine Rogue Film School eröffnete. Tatsächlich habe er gar keine andere Wahl als weiterzumachen, drängen doch nach jeder fertigen Arbeit neue Ideen »wie Einbrecher in der Nacht« auf ihn ein, die ihn nach eigenen Angaben, noch mindestens 104 Jahre beschäftigen würden. Seine ersten siebzig wird er im September 2012 abgerundet haben, es wird demnach Zeit, sich (nicht nur film-)analytisch mit seinem Werk zu beschäftigen, da dies kurioserweise im deutschsprachigen Sprachraum bislang vernachlässigt wurde. Das von Chris Wahl herausgegebene Buch »Lektionen in Herzog« nähert sich dem Phänomen und seinem beeindruckenden Spektrum. Internationale Herzog-Spezialisten spiegeln Rezeptionsvergleiche aus unterschiedlichen Ländern wider, akzentuieren seine Themenvielfalt; abgerundet wird die bemerkenswerte Arbeit mit einer ausführlichen Biblio- und Filmografie. Einziger Wermutstropfen dabei ist die als etwas vernachlässigt zu bezeichnende Bildkomponente. Aber die kann sich die Leserschaft im Studium des Filmmaterials, angeregt durch die Lektüre, selbst erarbeiten … Die bekannteste Szene in Herzogs Karriere wird sich dabei vermutlich nach wie vor in »Fitzcarraldo« finden, nicht zuletzt des Umstandes wegen, dass ihr Inspirateur sie mit keiner eigenen Ausdeutung beschwert. Albert Camus schreibt in »Der Mythos von Sisyphos«, das in Herzogs Geburtsjahr erschienen ist, also vierzig Jahre bevor der Regisseur ein Schiff anstatt eines Steins über einen Berg ziehen lässt: »Jeder Gran dieses Steins, jeder Splitter dieses durchnächtigten Berges bedeutet allein für ihn eine ganze Welt. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.« Wir müssen uns Werner Herzog als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Chris Wahl (Hg.): »Lektionen in Herzog. Neues über Deutschlands verlorenen Filmautor Werner Herzog und sein Werk«, München: edition text + kritik, 392 Seiten, EUR 29,-

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