Bald ist auch die restliche Crew der Nostromo fällig! Filmstill aus dem Ansteckungsschocker »Alien«, 1979 © YouTube

Corona-Kino-Kritik zum Ans-politische-Revers-Heften

Drehli Robnik hat ein neues Buch geschrieben. Über Corona-Kino oder wie er es nennt: »Ansteckkino«. Eine kritische Abrechnung mit bzw. Würdigung von Filmen, die Epi- und Pandemien – und damit das »ganze Volk« – verhandeln.

»Ansteckkino«: Das klingt so, als ob es zusätzlich zu den stets kleiner werdenden smarten Devices nun eines gibt, mit dem man Filme in einem stecknadelgroßen Format schauen kann. So sehr die Idee auch (noch) wie Science-Fiction anmutet, geht es doch immer noch kleiner. Zum Beispiel: Mikrochips. Zwecks allumfassender Kontrolle sollen uns diese mit angeblichen Corona-Zwangsimpfungen mitinjiziert werden. Diese paranoide Ansicht, die sich neben anderen Verschwörungstheorien in den Sozialen Medien rasant viral verbreitet, scheint gar nicht so weit hergeholt in Anbetracht dessen, was Kapital und Staat ihren Objekten an Herrschaftspraktiken sonst so zumuten. Die Corona-Krise bietet für deren In- und Extensivierung samt der Paranoia, die damit einhergeht, einen fruchtbaren Nährboden. Das liegt fast schon in der Natur von Ausnahmezuständen. Darum – und dass die weltweite Verbreitung von COVID-19 nicht einer von vielen Ausnahmezuständen ist, sondern ein regelrechter Epochenmarker à la 9/11, der neben Millionen Menschen Zeit- und damit auch Filmgeschichte und Filme infiziert – geht es im »Ansteckkino«. So heißt das neueste Buch von Drehli Robnik und so nennt der Autor die Filme, die von Epi- und Pandemien, ausgelöst von Viren und Bakterien, handeln, die das »ganze Volk« (»pan + demos«) betreffen.

Film, Geschichte, Politikkritik
Das wortwitzige, alliterationsaffine und an Polemik reiche Unterfangen beginnt mit »Die Pest von Florenz« von 1919 und schließt mit »Little Joe«, der hundert Jahre später in die Kinos kommt. In seinem Buch mehr Filme unterzubringen als es Seiten hat – straffe 150 –, gelingt Robnik aufgrund seines verdichteten, schwer assoziativen Stils. Der dürfte aber allen, die die Interventionen des, laut Selbstbezeichnung, »Theoriedienstleisters« kennen, ebenso wie die teils sprunghaften kritisch-politischen Pointen, die er seinen Leser*innen in äußerst parteiischer (linker!) Manier um die Ohren haut, eh bekannt sein. Dass er das bzw. sein Kritikrad hier nicht neu erfindet, ist ihm bewusst. Ihm falle, wie vielen seiner schreibenden Kolleg*innen, im Hinblick auf Corona halt auch nur das Übliche ein. Agamben sieht die Leut’ wieder einmal aufs »nackte Leben« zurückgeworfen, Žižek nun endlich wirklich die Zeit des Commons-Kommunismus gekommen und Robnik schreibt davon, worüber er eben immer schreibt: »Film, Geschichte, Politikkritik« (was natürlich viel allgemeiner gehalten ist). Dass es gar nicht notwendig ist, das Kritikrad neu zu erfinden, liege – so liest man’s oft, auch hier – daran, dass die Corona-Krise das geschafft habe, wovon Gesellschaftskritiker*innen schon seit Langem träumen dürften: nämlich das bekannte Brutale der herrschenden Verhältnisse noch einmal einen Deut mehr zu entblößen bzw., je nachdem, zu verschärfen und es nun 2020 deutlicher und potenziell für alle wahrnehmbar zu machen, dank »20/20 vision«.

Volk im Fokus: Pandemos im Blick der Panmedien
»Das Jahr heißt wie die klare, scharfe Sicht«, und daran zähle die »Zeitversetzung im Sehen«: Ob nun aber »erst jetzt« etwas zu sehen ist, was »die ganze Zeit undeutlich mit da war«? Der Nimbus des »erst jetzt« impliziert ja, dass in der Zeit B. C. (Before Corona) nicht ohnehin schon sämtliche
(Kino-)Phänomene, derer Robnik sich annimmt, Objekte linker Dauerkritik gewesen sind, die also so undeutlich auch wieder nicht bloß »mit da« waren. Das weiß der Autor aber eh: Die Corona-Zeit bewirke, »dass bislang schon Gesagtes bekräftigt wird«. Gendermachtverhältnisse, Post-, Neo- und der alte Normi-Kolonialismus, Rassismus, Faschismus etc. (und die Kritik daran) gibt es schon lange, betreffen viele und machen sich eben nolens volens auch im Ansteckkino breit – und fördern grausliche Symptome zutage. Ein Virus, der sich aufgrund des durch und durch globalisierten Waren- und Personenverkehrs anschickt, erstmals tatsächlich die gesamte Weltbevölkerung infizieren oder zumindest in Angst versetzen zu können, lässt diese aber nun in einem mehr oder weniger emphatischen Sinn auf der Bildfläche erscheinen (und darauf starren: Corona ist seit Monaten massenmediales Dauerthema). Und soziale Ungleichheiten als etwas, das mehr oder weniger alle affiziert. Wodurch Pandemien im eigentlichen Wortsinn erst wirklich zu sich kommen (s. o.) und die Filme darüber potenziell zu allen.

Zumindest, wenn sie mit dem Internet verbunden sind, jenem Lebensretter für Zwangsarbeitslose und Filmaffine in Zeiten des Lockdowns und der Kinoschließungen. Bzw. Lebenserschwerer in Zeiten von verordneter Home-Office-Technik-Tortur (Zoom etc.) und weitaus Schlimmerem. Eine zur Wirklichkeit gewordene Metapher für die ambivalente globale Verbundenheit der Vereinzelten und die »Umwandlung der Welt in ein überwachtes Großraumbüro«. Es bietet leichteren Zugang zu Formen der Wahrnehmung (via Film; wo Kinos geschlossen sind, man sich keines leisten kann, es gar keines gibt), die sich zu Kritik verdichten kann, aber halt auch nicht muss, und liefert die User*innen dem herrschaftlichen Zugriff noch viel mehr als ohnehin schon aus. Medien sind, ja, sowieso, »grundlegende Agenturen von Vergesellschaftung«. Manche sagen auch Kulturindustrie dazu, also jene Totalsubsumtion des Lebens unter die Regie der politischen Ökonomie und ihrer »Panmedien«. Robnik inventarisiert aber nicht bloß Filmsymptome der Herrschaft und Ohnmacht. Das stünde seiner »Auffassung von Film« entgegen, die sehr verdichtet so lautet: Er versteht Film als ein »Wahrnehmen der Materialität – Zeitlichkeit und Körperlichkeit – von Wirklichkeiten; ein Wahrnehmen zugleich als Anteil-Nehmen am Wahren von egalitären Wahrheiten, die dünnspurig, aber wirklich in Alltagen wirken«. Um diese dünne Spur freizulegen, unterzieht der Autor seine Untersuchungsobjekte einer Vivisektion, legt sie unters Mikroskop, und hält fest, was da so vor sich hin wuchert.

Immer aber herrschaftsgeil: Nazis und Neoliberalismus
Im 1979er »Ansteckungsschocker« »Alien« wittert er einen »diagnostischen Film zur Frühphase des Neoliberalismus«, wo das entfesselte Risikokapital über Mitgefühlbeteuerungen sozial-/staatliche Regeln und Standards aushebelt. (Der Infizierte darf nicht draußen bleiben! Das übersetzt der Film luziderweise ins Vokabular der totalen Integration: Ausnahmslos alle müssen rein, mit, und mitmachen, es bleibt ihnen kein Wahl; und wer die Wahl gar nicht erst hat oder nicht wählen will, muss eben draußen bleiben und/oder verelenden.) Ideologie wirkt, auch immer ins jeweilige Heute hinein. Dass einige nationalsozialistische Filme über den deutschen Medizin-Wunderwuzzi Robert Koch, Namensgeber der deutschen Corona-Autorität Robert-Koch-Institut, Allzudeutsches von anno dazumal propagieren? Geschenkt. Dass eine RKI-Werbekampagne von 2009 »ganz dezidiert infiziert von einer deutschen Vergangenheit« ist? Nicht unbedingt. Hier macht Robnik auf Kontinuitäten aufmerksam, die im Land der »many germs« (einer seiner vielen schlauen Kalauer) noch immer unterbelichtet oder überschattet vom Vergangenheitsaufarbeitungsweltmeistertum sind. Eine Motivkette aus den Koch-Filmen führt ihn zur Ansteckungskette im biopolitisch auffälligen Koch-Werbespot: Beiden ist die »Beschwörung einer über der Gesellschaft stehenden Macht« und die »Phobie gegenüber dem Kontingenzzustand einer unruhigen, unreinen Masse« gemein. Einmal ultra-, ein andermal, naja, post-autoritär, »trotz der Veränderungen der Herrschaftsmächte« immer aber herrschaftsgeil.

Systemschädlichkeit im trägen Überträgerkino
Von Pandemie-Konsensfilmen aus Hollywood (»Outbreak«, 1995; »Contagion«, 2011), zu obskurem Hellsichtigen aus Deutschland (»Die Hamburger Krankheit«, 1979) verbleibt das Buch nicht allein im Westkino, auch wenn so viel anderes nicht zur Verfügung gestanden hat. Das mag an – trotz aller Mühen erfolgten – Ausschlüssen von, aus westlicher Perspektive, Minoritätenkino liegen, wie Robnik lamentiert (allerdings: »Selbstanklagepathos beseitigt keine Ausschlüsse«); vielleicht hat »nicht-weißes, nicht-westliches Kino« aber einfach einen weniger ausgeprägten Virenfimmel. Wer weiß? Dafür kommen die Exemplare aus z. B. Nigeria (»93 Days«, 2016) oder Indien (»Virus«, 2019) ausgesprochen gut weg!

Wo der Kampfbegriff der »Systemrelevanz« allerorts in Anschlag gebracht wird, insbesondere, um ohnehin schon schlecht dastehende Berufsgruppen noch größeren Risiken auszusetzen und anderen fiesen Schabernack zu rechtfertigen, bringt Robnik manchmal so etwas wie Systemschädlichkeit am Kino und den dadurch geschulten Blick ins Spiel. Oder zumindest dessen fehlende Relevanz fürs System, das im Hyperspeed Richtung Abgrund zu rasen scheint (zumindest laut einer »burschikosen Mode(medien)theorie« namens Akzelerationismus, deren Vertreter*innen offensichtlich noch nicht zu Ohren gekommen ist, dass Kapital sich immer schon auf Krise gereimt hat): Kino ist einfach zu schwerfällig und anfällig für Infektionen aller Art – »zu träge«, »zu sehr Überträger«. Vielerorts sind die Kinos wieder offen, »öffentliche Intimität« (Heide Schlüpmann via Robnik), eine Kinokeimform von Solidarität, sei damit also wieder möglich. Filme über die aktuelle Pandemie folgen bestimmt, vielleicht auch kritische, und die Leute in Scharen, um sich gegenseitig anzustecken. U. a. mit so mancher Idee, die eventuell weniger systemstützend ist oder das Kranke an der Totalität entblößt, ohne dabei Volkshygiene oder einem Gesundheitsfetisch das Wort zu reden. So wie dieses gute Buch.

Drehli Robnik: »Ansteckkino – Eine politische Philosophie und Geschichte des Pandemie-Spielfilms von 1919 bis Covid-19«, Neofelis Verlag, 2020, EUR 16,00

Link: https://neofelis-verlag.de/verlagsprogramm/wissenschaft/film-medien/1008/ansteckkino