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Cinder Well

»A Blooming Body«

Hen House Studios

Cinder Well ist das musikalische Projekt von Amelia Baker, und wer beispielsweise mit Chelsea Wolfe, Emma Ruth Rundle oder Angel Olsen liebäugelt und Cinder Well nicht kennt, sollte sich mit der in Los Angeles ansässigen Musikerin beschäftigen, die ich kennengelernt habe, weil sie den Titelsong zu Mackenzie Crooks neuer TV-Serie »Small Prophets« beigesteuert hat. Zuvor hat sie auch eine Weile in Irland gelebt und sich dort mit den Leuten von Lankum herumgetrieben. Wo auch immer sie gerade ihre Kreise zieht, dort schreibt sie Lieder, die sie sparsam instrumentiert, aber effektvoll in Szene zu setzen weiß. Das Schlagzeug wird oft eher sachte mit dem Besen bearbeitet, die Geigen streichen zart über die Saiten, ein Banjo oder (halb)akustische Gitarren schlagen ruhige Töne an und in den sorgsam arrangierten Kompositionen eingebettet erklingt die leidenschaftliche Stimme von Baker. An dieser Stelle kann es schnell unangenehm werden. Wo große Gefühle unkontrolliert zum Ausdruck kommen, da lauert der Kitsch. Rührseliger Geschmacklosigkeiten enthält sich Amelia Baker aber souverän. Wie macht sie das? Indem sie ihren Erzählungen allen Gefühlen zum Trotz eine gewisse Sachlichkeit verleiht. Sie registriert nüchtern und beschreibt und schildert aus einer gewissen Distanz heraus, was ihr lyrisches Ich beschäftigt oder gar umtreibt und plagt. Und sie weiß, dass sie als Musikerin auch ihre Haut zu Markte trägt und als romantisches Objekt der (männlichen) Begierde betrachtet und gehandelt wird: »Tied up by patriarchal dreams, bounded by being painted perfectly, milky bust and a half smile, hands crossed like they’ll never harm or pleasure, to be shipped across the water in a crate, and hung up on a wall above a fireplace«. So heißt es im Eröffnungsstück und das Cover des Albums stellt dunkel verhülltes Fleisch (in einem Leichensack?) aus. Diese widerspenstige und latent laszive Inszenierung erinnert mich an die Frühwerke von PJ Harvey, auch wenn Cinder Well musikalisch deutlich weniger rabiat zu Werke geht. »A Blooming Body« ist ein facettenreiches und doppelbödiges Album voller Lieder, die in aller Klarheit und Kargheit ein aufmerksames Publikum erreichen und für längere Zeit beschäftigen können. Kurz gesagt: von jedem Quatsch befreite und mit dem notwendigen Ernst versehene Musik. Sehr gut.

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
26.08.2026

Schlagwörter

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