Hercules & Love Affair

»Blue Songs«

Moshi Moshi

Was soll dazu noch gesagt werden? Es gibt eine neue (transsexuelle) Sängerin aus Venezuela mit Techno-Roots (Aerea Negrots), statt Antony singt nun die Chicagoer Inkarnation von Sylvester Shawn J. Wright, als Gast gibt es Kele Okereke von Bloc Party, der Musiker und Produzent Marc Pistel (Meat Beat Manifesto, Consolidated) gehört nun auch zum festen Kern, produziert hat (über Vermittlung von Marflow/Wolfram) Patrick Pulsinger, und Kim Ann Foxman (gerade auch mit der superben Maxi »Creatures« around) ist in diesem bunten Kollektiv rund um Mastermind Andrew Butler immer noch dabei. Herausgekommen ist dabei eine CD, die zwar weniger forsch auf den Dancefloor jagt als ihr Vorgänger, dafür jedoch die Perspektiven zwischen Club, Afterhour, Ekstase, Aufwachen, imaginierten (queeren) Paradiesen und realen (homophoben, rassistischen) Verhältnissen erweitert. Auch wenn »Blue Songs« alles andere als ein Konzeptalbum ist, erinnert hier alles an eine Art Manifest bzw. eine zusammengetragene Sammlung von Handzetteln (neuen und alten und in Form von Tracks), die die eigene History (von Disco, House, Techno als quasi Produktionsstätte wie Freiraum für Subjektkonstruktionen die nicht wei&szlig-männlich-hetero sein wollen) neu verhandeln und sichtbar machen wollen. Egal ob im Video zu »My House« (mit seiner MTV-»The Grid«-Ästethik und erneuten Voguing-Rückgriffen) oder beim Cover der von Marshall Jefferson und Sterling Void 1986 veröffentlichten (und 1989 von den Pet Shop Boys ebenfalls gecoverten) Hymne »It’s Alright« – es geht nie um eine glücklichere, bessere Vergangenheit, sondern um das Aufspüren von Momenten wo eine glücklichere, bessere Zukunft wenigstens kurz vorstellbar war. Das mag auch die Melancholie (auch bei den direkten Dancetracks) erklären. Auch Chicago-House hatte immer schon diese Momente (wusste, dass wenn die letzte Platte gespielt war, es au&szligerhalb der Clubtüren eine ganz andere Welt zu meistern galt), gab jedoch im Sinne von Soul und Disco nie auf, auf das Land über dem Regenbogen hinzuarbeiten. Das belegen auch die zig Verweise mit denen diesmal gearbeitet wird. War schon die erste Hercules & Love Affair weniger in der 1970er-Disco als in den von Disco zu House wandernden 1980ern, so geht es jetzt um jene Momente in den späten 1980ern/frühen 1990ern, die immer wieder ins Spiel kommen, wenn es um jene Augenblicke geht, wo Queerness (zumindest für Eingeweihte und jene, die schon ein campes Auge, einen campen Blick hatten) etwa via MTV sichtbar wurde. Also C&C Music Factory (»Everybody Dance Now«), Paula Abdul, M.C. Hammer, Right Said Fred oder Malcolm McLaren mit dem schon einige Monate vor Madonnas »Vogue« veröffentlichten »Deep in Vogue«. Dieser Umstand ist umso spannender, weil hier nicht nur mitunter obskure Maxis aus queeren Undergroundclubs zum tragen kommen, sondern sich mit den Verweisen auf das, was damals auf MTV schon zu sehen war, der Diskurs aus eben jenen paradiesischen Garagen eines micropolitischen Performen of The Other herausgeholt wird und quasi ins Zentrum des (Pop-)Mainstreams gestellt wird. Pop fungiert hier als Eingang, als Kanal zu etwas, zu dem es (noch) keinen direkten Zugang gibt (wer wusste denn schon vor Madonna etwas von Voguing), das aber mit gro&szligen faszinierten Augen betrachtet wurde. Hercules & Love Affair setzen nicht nur sich in diesen Kontext, sondern stellen ihre Resignifizerungen queerer Clubculture quasi allen zur Disposition (inklusive all der Backlashes, die es immer wieder gab und wegen denen es auch blöde ist hier von Retro/Revival zu reden). Auf ByteFM sprach Klaus Walter in diesem Zusammenhang zu Recht von »Hercules & Family«. Einerseits weil hier vieles auch an Sly & Family erinnert (aber auch das P-Funk-Universum eines George Clinton als queer gelesen wäre vorstellbar), andererseits, weil hier unter dem Signet »Queerness« die Clubtür nicht entlang von Geschlecht, sexuellem Begehren und Hautfarbe für jene zugeschlagen wird, die keine »bunten Paradiesvögel« (auch so eine dämliche Bezeichnung für H&LA) sind, die aber dennoch zur »Family« gehören. Immerhin liebt Andrew Butler ja auch skandinavische Berserker-Bands wie Entombed.