Mike Watt als Bassist der Band Flipper © Manfred Rahs

Bass im Griff

Mike Watt, Bassist der legendären Minutemen und fIREHOSE, während der Stooges-Reunion sowie in unzähligen Projekten aktiv, ist auf zwei aktuellen Alben zu hören. Von Powertrio bis John Coltrane reicht das Spektrum des vielseitigen Viersaiters. Für skug nahm er sich Zeit für ein ausführliches Gespräch.

Die Musik von Mike Watt begleitet skug seit Anfang an. Das fIREHOSE-Interview von 1992 spricht Bände. Mit diesem Powertrio führten Watt und Drummer George Hurley das kreative Erbe der Minutemen nach dem tragischen Autounfalltod von Gitarrist D. Boon am 23. Dezember 1985, vor genau 35 Jahren, fort. Kein Interview, in dem Watt nicht liebevoll auf seinen besten Freund als größte Inspirationsquelle zu sprechen kommt. Auch fIREHOSE gehörten bis Anfang der 1990er zur Speerspitze der Rockinnovator*innen, die auf dem von Greg Ginn und Chuck Dukowski (Black Flag) geführten Label SST veröffentlichten. Danach war Watt in vielen Projekten und Bands zu hören. Er spielte vier Soloalben unter seinem Namen ein; zuletzt »Hyphenated-Man« (2010). »Punk is whatever we made it to be«, lautet bis heute Watts Maxime. Punk als Haltung, die das Drei-Akkorde-Korsett schon früh ablegte und dazu ermächtigte, falschen Respekt vor Genregrenzen und kommerziellen Kalkülen gleichermaßen zu überwinden. Von all den früheren Mitstreiter*innen deckt Watt mit seinen Basskünsten das größte musikalische Spektrum ab. Und wer seinen Weg verfolgt hat, wird nun gar nicht so überrascht sein, Watt sowohl in dem neuen Trio MSSV als auch in dem von Tausendsassa Henry Kaiser initiierten Projekt A Love Supreme Electric zu hören.

Dabei verdankt sich Watts Produktivität auch einer einnehmend offenen Persönlichkeit, die es ihm erlaubt, immer wieder alte musikalische Freundschaften zu revitalisieren und neue zu schließen. Sein pragmatisches DIY-Ethos ist von ungebrochenem Optimismus geprägt. Auch die derzeitige pandemische Situation, die alle Live-Aktivitäten des ansonsten so regelmäßig Tourenden durchkreuzt, kann ihn kaum bremsen. »The man in the van w/a bass in his hand« widmet sich stattdessen an fünf Tagen die Woche seinem Radio-Podcast »The Watt from Pedro Show«. Er spricht mit und spielt neue Musik von jungen Musiker*innen sowie alten Weggefährten wie Ian MacKaye, Thurston Moore, Jello Biafra und John Wurster. Das folgende Interview kam vor einer TWFPS-Folge via Skype zustande.

skug: Mike, als ich dich zum ersten Mal live mit Coltrane-beeinflussten Passagen hörte, war das mit Hellride, einem Trio, in dem du mit Drummer Stephen Perkins (Porno For Pyros) spieltest. Es war in Santa Monica im August 1999. Auf meinem damaligen Kalifornien-Trip hatten wir uns nach einem Banyan-Gig in deiner Hometown San Pedro kennengelernt. Du gabst mir und dem leider 2018 verstorbenen Saccharine-Trust-Bassisten Chris Stein deine legendäre Pedro-Tour in deinem Van; zu den Plätzen, an denen alles mit den Minutemen begonnen hatte. (Anm.: Die Tour lässt sich sehr gut anhand der Minutemen-Doku »We Jam Econo« nachvollziehen.)
Mike Watt: Oh, ja. Mit Perkins spielte ich in Hellride und Banyan, zu dessen Kern drei Alben lang auch Nels Cline zählte. Immer wieder flochten wir das »A-Love-Supreme«-Thema bei Gigs ein. Nels war immer sehr wichtig für mich. (Anm.: Cline spielte u. a. auf Watts Soloalbum »Contemplating The Engine Room«, 1997.)

Wie kam denn nun A Love Supreme Electric zustande? Wie war es für dich, den Bassläufen Jimmy Garrisons zu folgen?
Henry Kaiser fragte mich, ob ich mitmachen wollte. Ich sagte zuerst: nein. John Coltrane – du verstehst? Das sind ganz außergewöhnliche Stücke. Ich habe mich wirklich davor gefürchtet. Aber dann habe ich darüber nachgedacht. Coltrane ist hier mit seinem Werk und seinem Spirit. Freilich konnte ich ihn nicht fragen, was er von Leuten hält, die seine Musik neu interpretieren. Aber ich dachte darüber nach, was er mit der Musik von anderen gemacht hatte. Er interpretierte viele Standards, »My Favorite Things« oder Stücke aus der BeBop-Bewegung, ganz neu. Also dachte ich mir schließlich, es wäre wohl okay für ihn, seine Musik neu zu spielen. Also sagte ich Henry zu.

Ihr habt das gesamte Doppelalbum an nur einem Tag, am 10. Februar 2019, aufgenommen?
Ja, es ging ziemlich rasch. Wir probten, spielten einen Gig in Santa Monica, wo unser Pianist/Organist Wayne Peet wohnt und sein Studio hat. Und danach nahmen wir auf. Alles an einem Wochenende. Aber, das muss ich schon auch klarstellen, Henry musste mir nicht erst eins über die Rübe ziehen, um mich zum Mitmachen zu bewegen. Wayne Peet und Saxofonist Vinny Golia sind alte Bekannte von Nels Cline. Ich hatte mal mit meiner Black Gang – Nels und Drummer Bob Lee – eine 3-Song-Single für Kill Rock Stars in Waynes Studio aufgenommen. So lernten wir uns kennen. Jetzt lag der größte Druck natürlich auf Vinny Golia als Reed-Man, der die Coltrane-Parts zu spielen hatte. Nels und sein Bruder Alex Cline brachten ihn ursprünglich hierher. Sie kuratierten den New-Music-Monday in der Alligator Lounge, Santa Monica. Sie gaben jahrelang ihr Bestes, um freie Musik hier in Südkalifornien zu promoten. Viele Leute wollten das einfach nicht hören. Mich hat das jedoch sehr beeinflusst. Jetzt, da Nels in NYC lebt, gibt’s freilich keine solchen Probleme angesichts der dortigen riesigen Free-Music-Szene.

Mike Watt © Manfred Rahs

Zu SST-Zeiten in den 1980ern haben du und George Hurley ein Album mit einem anderen grandiosen Avant-Gitarristen, Elliott Sharp, als Bootstrappers eingespielt. Hast du damals auch schon mit Kaiser gespielt, der ja auch spannende Alben auf SST veröffentlicht hatte?
Henry lebt oben in Santa Cruz. Er kam damals zu einem fIREHOSE-Gig und spielte »The Red and the Black« von Blue Öyster Cult mit uns gemeinsam. Das war das einzige Mal. Aber er machte ein »Yo Miles!«-Album mit Nels Cline (Anm.: 1998). Damals machte Henry etwas ganz Ähnliches mit dem elektrischen Miles-Davis-Werk und interpretierte es neu. Das gab mir sehr viel Zuversicht. Ich vertraue den Leuten, mit denen Nels zusammengearbeitet hat. Ich muss auch Drummer John Hanrahan unbedingt erwähnen. Ganz große Motivation! John hat einen sehr persönlichen Bezug zu »A Love Supreme« und »Meditations«. Diese spezielle Musik half ihm, seinen Alkoholismus zu überwinden. John hat also ein sehr inniges Verhältnis zu dieser Musik und eignete sie sich nicht bloß wie jemand an, der Muster auswendig lernt, einfach kopiert. Wenn du rhythmuszentrierte Musik wie Jazz, Blues, Rock’n’Roll spielen willst, dann sind gute Drums wirklich wichtig. Da brauchst du jemanden wie John, der viel Wissen und ein inniges Verhältnis zur Musik hat. All diese Faktoren passten also zusammen. Und so konnte ich Henry zusagen: Ja, ich bin dabei.

Ich mag auch sehr Nels Clines mit Drummer Gregg Bendian live aufgenommenes Album »Interstellar Space Revisited« (1999).
Interessant, dass du dieses Stück erwähnst. Auch das wurde von Wayne Peet aufgenommen. Nels spielt diese Musik ja schon lange. Ich und Bob Lee sahen eines der ersten Konzerte von ihm und Gregg in der Knitting Factory, NYC, als sie – ich glaube, es war »Jupiter« – spielten. Und auch Nels sagte mir damals, dass er sich anfangs wirklich gefürchtet hatte, das zu spielen. Aber Gregg Bendian hatte ihn doch überreden können. Ich habe viele Interviews mit Coltrane gelesen, und er war so open-minded. Wenn du es also aufrichtig versuchst, nicht gekünstelt, dann hört man das auch. Das ist ganz wichtig. Peter, du weißt, was John Coltrane für mich bedeutet: Jede Sendung meiner Radio-Show beginne ich mit einem Coltrane-Stück. Ich trage diesen Coltrane-Button bei all meinen Gigs, spiele seine Musik davor und danach. Immer wenn ich mit den Stooges spielte, den »L.A. Blues« von »Fun House«, zitierte ich Bassläufe von »A Love Supreme«, »Giant Steps« etc. Das passte auch perfekt für die Stooges-Jungs! Aber ja, es ist heavy, wirklich heavy … ich spreche da wirklich über meine Gefühle – über all das, was mich bewegte und zu meiner Entscheidung führte, John Coltrane meine Reverenz zu erweisen. Und ich muss gestehen, ich habe noch nicht einmal die ganze Aufnahme durchgehört – too scared of it.

Da möchte ich gerne alle Zweifel zerstreuen. Das Doppelalbum ist wirklich gelungen – absolut würdig! Kommen wir auf den zweiten Teil, auf »Meditations«, zu sprechen. Henry Kaiser versteht diese »Suite« als direkte Fortsetzung von »A Love Supreme«.
Genau. Und es ist wichtig, zu verstehen, dass es zwei Versionen von »Meditations« gibt. Wir haben uns weniger an der zweiten Aufnahme mit zwei Drummern – Elvin Jones und Rashied Ali – und zwei Saxofonisten – Coltrane und Pharoah Sanders – orientiert, sondern mehr an den »First Meditations«. Die hat noch das Coltrane-Quartett eingespielt. Die enthalten ein Movement mehr – »Joy« – als die etwas spätere Aufnahme vom November 1965. Coltrane entwickelte sich ständig weiter. In einem Interview sagte Alice Coltrane, John habe niemals jemanden gefeuert; aber die Musiker wussten, wenn es Zeit war, zu gehen. Er wollte immer ganz im Moment sein, dynamisch …

Man darf wohl auch sagen, dass deine musikalische Entwicklung sehr dynamisch verlaufen ist. Du hast mal davon erzählt, dass dir Raymond Pettibon als erster Coltrane-Platten vorgespielt hatte; genau zu der prägenden Zeit, als du mit Punk begonnen hattest. Wann hast du zum ersten Mal ein von freier Improvisation beeinflusstes Set gespielt? Auf der Minutemen-CD »Politics of Time« gibts ja u. a. den Jam »Tune for the Wind God« von 1983 zu hören; aufgenommen bei einer dieser Mojave-Desert-Sessions, worüber auch die Dokumentation »Desolation Center« erschienen ist.
Dazu kann ich dir Folgendes erzählen: In Minutemen-Sets ließen wir manchmal zwischen unseren sehr kurzen Songs ein wenig Platz für kurze Improvisationen. Unsere Freunde wie Crane oder Dirk Vandenberg kamen dazu, spielten dann z. B. Horn – das war totally improvised. Die Titel waren nur Platzhalter auf unserer Setlist. Bei dem Gig in der Mojave-Wüste spielten wir vier improvisierte Stücke, glaube ich, und die hießen dann »Tune for the Wind God«, »Sand God«, »Sun God«, haha. Bei Minutemen-Gigs spielten wir unsere Songs auch ohne Pausen durch, so dass es sich für diejenigen, die noch nicht mit uns vertraut waren, wie ein einziges Stück anhörte.

Mike Watt mit Il Sogno Del Marinao © Manfred Rahs

Zurück in die Gegenwart. Soeben ist ein weiteres Album mit dir an Bord erschienen: »Main Steam Stop Valve« vom Trio MSSV. Mich erinnert es an dein Trio Il Sogno Del Marinao, mit dem du in den letzten Jahren auch in unseren Breiten zu hören warst.
Großer Unterschied, MSSV ist eine ganz andere Sache. Das ist ganz und gar Gitarrist Mike Baggettas Band. Il Sogno Del Marinao dagegen ist mehr eine Kollaboration: Ich bin ein Drittel des Trios und schreibe ein Drittel der Songs. Bei MSSV schreibt Mike Baggetta alles. Das ist übrigens die erste Band, in der jemand auch die Basslines für mich schreibt. Ich half ja aus in Bands wie den Stooges, Porno For Pyros, J Mascis & The Fog, spielte mit Tav Falco, zuletzt mit Flipper (Anm.: mit David Yows Stimme, großartiges Konzert im Wiener Chelsea, August 2019!). Da lernte ich stets die schon vorhandenen Songs aus dem alten Repertoire; auch mal, um den toten Typen am Bass zu ersetzen, haha. Aber das ist etwas anderes als MSSV, wo Mike Baggetta aktuelle Musik für mich schreibt. Ich schrieb nur die Texte für zwei Songs auf dem Album.

Aber hat MSSV nicht auch einen typischen Watt-Trio-Vibe? Immerhin gebt ihr auch eine neue Version des Minutemen-Instrumentals »June 16th« (Anm.: Bloomsday, der James-Joyce-Feiertag; Raymond Pettibons Geburtstag) zum Besten.
Mike fragte mich, ob wir »June 16th« spielen sollten, und ich sagte: Na klar. Aber lass mich Folgendes erklären: Wenn mein Name im Namen der Band, des Projekts steht, dann entscheide ich. Dann bin ich so eine Art Music Director: Mike Watt & The Missingmen, & The Secondmen, & The Black Gang, & The Pair Of Pliers. In Bands wie Il Sogno Del Marinao bin ich, wie gesagt, ein Drittel der Band; auch wenn sie mich den Namen der Band aussuchen ließen. Ich habe herausgefunden, dass es vier verschiedene Weisen gibt, um mit anderen zusammenzuarbeiten: Anweisungen entgegennehmen, Anweisungen geben, die Ausrichtung teilen, gemeinsam festlegen – oder du hast jemanden, der für dich was schreibt, wie es Baggetta nun macht. Das ist seine Art, die Richtung zu bestimmen. Ich bin nun auch schon fast fertig mit einem ganzen Album mit Tom Herman, der Gitarrist in der Originalbesetzung von Pere Ubu war. Spiel (Anm.: Watts Minutemen-Idiom für »Rede« bzw. »Vocals«) und Bass kommen von mir; Gitarre, Drums, Sax, Keyboards, alles von Tom. Ich würde das stärker als Kollaboration bezeichnen. Wir haben uns die Files während der Quarantäne zugeschickt, haben uns aber nie gesehen oder live zusammengespielt. Die Musikdateien hin und her schicken und daraus was zu machen, das hat viel mehr mit Il Sogno zu tun.

Können wir 2021 auch mit dem dritten, schon länger angekündigten Il Sogno Del Marinao Album »Terzo« rechnen?
Ja. Ich finde das sehr gesund, auf vier verschiedene Weisen zusammenarbeiten zu können. Das ist eine gute Abwechslung. Und das ganze Leben besteht doch daraus, Dinge abwechselnd zu tun! »Terzo« ist fertig gemischt und gemastered – ready to go. Wir warten mit der Veröffentlichung nur noch, bis wir wieder auf Tour gehen können. In der Zwischenzeit fragte ich die Jungs (Anm.: Gitarrist Stefano Pilla und Drummer Paolo Mongardi leben beide in Italien.), was sie zu einer Seven Inch sagen würden. Es gibt da dieses Label in Bologna, Improved Sequence, das soeben auch eine MSSV-Single rausgebracht hat; gemastered von Henry Kaiser. Die drei Songs für die Il-Sogno-Single werden von der gegenwärtigen Situation handeln, zwei Songs über Hoffnung, einer über den Koller: »Tantrum«. Das Internet ist ja nicht nur schlecht. Wir können unsere Daten teilen und so entstehen neue Songs.

Und wir können dieses Interview machen …
Ich glaube wirklich, dass es da in Zukunft noch zu interessanten Entwicklungen kommen wird. Das Problem zurzeit ist noch eine gewisse Latenz. Aber in Zukunft werden wir beginnen können, in Echtzeit miteinander zu spielen, ohne Latenz.

Wie sieht es mit neuem Material von dir mit den Missingmen und Secondmen aus? Du hattest auch vor einiger Zeit Neues angekündigt.
Ja, Pete Mazich hat sein Studio, Casa Hanzo, seit knapp zwei Jahren hier in Pedro. Ich kann also alles hier aufnehmen. Das ist wirklich großartig, sehr viel angenehmer als früher. Und ja, ich habe neue Songs sowohl für Missingmen als auch Secondmen geschrieben – keine »Operas« (Anm.: Watts Ausdruck für seine drei Konzeptalben), aber eine ganze Menge Songs. Diese Alben werden auch auf meinem Label clenchedwrench in Zusammenarbeit mit ORG Music erscheinen.

Mike Watt als Bassist der Band Flipper © Manfred Rahs

 ORG hat einiges von dir auf Vinyl wiederveröffentlicht, etwa »Ball-Hog Or Tugboat« (1995) zum ersten Mal als Doppel-LP. Chuck Dukowskis Würm wurde auch neu rausgebracht. Und es gibt u. a. auch Miles Davis und John Coltrane auf Vinyl. Du bist also auf demselben Label wie Coltrane.
ORG macht viele Reissues auf Vinyl. Begonnen haben sie, glaube ich, mit Nirvana. Von mir gibt es aber überwiegend Aktuelles. Soeben erschien Larry Mullins’ (Anm.: u. a. Stooges-Live-Drummer) und meine Version von »1970«. Wir feiern 50 Jahre Stooges’ »Fun House«! Letztes Jahr brachten wir »1969« raus. Ich versuche, jedes Jahr für die beiden Record Store Days etwas Kleines zu machen. Das soll helfen, in erster Linie kleine Plattenläden zu unterstützen.

Vor einem Jahr erschien auf ORG auch »First Fits« von deinem Projekt Fitted mit Wire. Starkes Album! Leider ging es, verglichen mit den letzten Wire-Veröffentlichungen, medial etwas unter. Jedenfalls habt ihr auch getrennt eure Parts aufgenommen und dann zusammengemixt.
Ich und Bob Lee machten Fitted mit Wire-Originalmitglied Graham Lewis und Matthew Simms, der auch schon seit über zehn Jahren bei Wire ist. Du weißt, Wire waren eine riesige Inspiration für die Minutemen. Und ja, dieses Album kam auch über gegenseitiges Zuschicken unserer Dateien zustande. Graham lebt ja in Schweden. Begonnen hat es aber mit einem Gig für das Drill-Festival 2017. Sie luden mich ein. Allerdings hatte ich den Drummer zu organisieren. Also nahm ich Bob Lee mit. Er lernt neues Zeugs so unglaublich schnell. Wir probten einmal, spielten danach. Und dann sagte ich: C’mon, Bob, nehmen wir sechs Rhythmustracks auf, schicken sie ihnen und warten ab, was sie darüberlegen. So entstand das Fitted-Album. Momentan haben Bob Lee und ich zehn neue Tracks auf Lager. Auch die werden wir Graham und Matthew schicken und schauen, was sie damit anstellen. Es wird also ein zweites Fitted-Album geben.

Sehr gute Nachrichten!
Ich glaube, Musik kann so viele verschiedene Formen annehmen. Dabei hilft uns das Internet wirklich. Und ohne irgendwie verlogen oder gekünstelt euphorisch klingen zu wollen, halte ich das für einen guten Weg, um mit der derzeitigen Situation umzugehen. Distanz war früher auch ein Problem. Zu Minutemen-Zeiten konnten wir mit niemandem zusammenarbeiten, der*die nicht zu derselben Zeit im Studio war. Als wir mit Black Flag die fünf Tracks der Minuteflag-EP aufnahmen, war das nur möglich, weil sie uns ins Total-Access-Studio eingeladen hatten. Das war 1985 zwischen den Sessions, in denen sie zugleich »Loose Nut« und »In My Head« und wir »Project: Mersh« mit Joe Carducci aufgenommen haben. Was ich damit sagen will: Du musstest physisch anwesend sein. Das Internet hilft uns nun dabei, diese Limitierung zu überwinden. Ich habe ganze Alben mit Leuten machen können, die ich nie getroffen hatte.

Ich muss gestehen, mir fällt es manchmal schwer, diesen Netzoptimismus zu teilen.
Du weißt, wir haben dieses Sprichwort: »If it rains lemons, make lemonade«, haha. Ansonsten verschwendet man doch nur jede Menge Energie, während man selbstmitleidig wird. Und was bringt das? Nicht viel … fuckin’ World War II – was muss das damals für eine Situation gewesen sein? Die Stooges wiederum erzählten mir, wie sehr sie sich 1969/70 davor angeschissen hatten, für den Vietnamkrieg einberufen zu werden. Okay, und jetzt haben wir eben dieses verfluchte Virus. Eine meiner Tanten starb daran. Natürlich ist das wirklich übel. Aber leben bedeutet nun einmal nicht, vor dem Fernseher zu sitzen und auf der Fernbedienung weiterzudrücken, wenn dir das Programm nicht gefällt. That’s not the real life.

Mike Watt als Bassist der Band Flipper © Manfred Rahs

Du wirst am 20. Dezember 63. Mit wie viel Energie und Optimismus du deine Projekte verfolgst, ist gerade auch in der derzeitigen Situation bemerkenswert.
Wir müssen jetzt da durch. Ich dachte auch immer an die Gigs im Sinne von »verschoben«, nicht »abgesagt«. Aber hätten wir das Virus früher ernst genommen, wäre die Lage nun vermutlich besser und es würde nicht so lange dauern. Aber viele Leute glauben an diesen Conspiracy-Bullshit. Warum schaffen sie es nicht, Masken zu tragen? Sie tragen ja auch Unterwäsche. »Du läufst auch nicht nackt herum. Warum läufst du nicht auch nackt herum?« »Oh, das ist meine Freiheit! Meine Freiheit!« Nein, das hat nichts mit Freiheit zu tun, sondern nur mit Egoismus und Bequemlichkeit! Da fehlt der Zusammenhalt, um das gemeinsam zu bewältigen. Oh, das regt mich wirklich auf … lassen wir das.

Kommen wir vielleicht doch noch auf die politische Lage zu sprechen. Wenigstens hat der Zorn auf Trump 2020 auch energischen musikalischen Output mit sich gebracht. Du spieltest Bob Moulds »American Crisis« in deiner TWFP-Show, hattest Jello Biafra anlässlich seines neuen Albums »Tea Party Revenge Porn« zu Gast. Sogar die Descendents haben vor der Wahl noch zwei explizit politische Songs veröffentlicht.
Okay, dieser Typ ist wirklich schlimm. Reagan, George Bush Sen., George W. Bush – die waren alle nicht so schlimm wie dieser Typ. Und das will was heißen! Ja, ich bin wirklich erleichtert, dass die US-Bürger*innen so gestimmt haben. So ganz absehbar war das nicht für mich, wie das Stimmverhalten in diesem Land aussehen würde … Aber ich bin wirklich sehr froh, dass die Leute doch so gewählt haben und er aus dem Amt fliegt. Er versucht zwar immer noch, sich festzukrallen, aber … es kann eigentlich nur besser werden. Und die anderen? Na ja, ich engagierte mich 1976 für Jimmy Carter, danach nie wieder parteipolitisch. Ich blieb independent, bin kein Parteigänger, bin ein Minuteman. D. Boon und George Hurley packten das Politische wunderbar direkt in ihre Texte. Ich versuchte das zum Teil auch, aber D. Boon sagte, ich sei zu »spacey«, haha.

Aber das machte doch auch textlich den Reiz der Minutemen aus: sowohl abstraktere, poetische Texte als auch direkte politische Statements und Messages; »This Aint No Picnic!«, »Themselves«, »Shit From An Old Notebook«
Wörter, die sich reimten, verwendete D. Boon selbst. Wörter, die sich nicht reimten, die gab er mir, um Texte daraus zu machen. Manchmal hielt D. Boon ein paar Gedanken auf irgendeinem Zettel fest und ich übernahm diese dann. »Shit From An Old Notebook« – das sind alles seine Worte, von mir aufgeschrieben. Ich schrieb z. B. »Anxious Mo-Fo« und »Political Song For Michael Jackson To Sing«. Ich schickte den Track Jacksons Management. Aber da kam nie was zurück, haha. Ich glaube nicht, dass meine Texte so gut waren wie die von D. Boon und George. Ihre Texte halfen mir aber, die Musik dazu zu schreiben.

Ich denke, ein ganz wichtiger Text von dir, der nichts an Aktualität und Aussagekraft verloren hat, ist »Anti-Misogyny-Maneuver« auf dem fIREHOSE-Album »Flyin The Flannel« (1991). Ein deutliches Statement gegen Sexismus, vermutlich auch gegen den in der Punk-/Indie-Szene, gerichtet; quasi am Vorabend der Riot-Grrrl-Bewegung.
Nun ja, ich spiele jetzt seit 35 Jahren in DOS gemeinsam mit K (Anm.: Kira Roessler, Ex-Black-Flag-Bassistin und Watts damalige Ehefrau). Mit einer Frau gemeinsam Musik zu machen und was gegen Frauen zu haben, das wäre schon idiotisch, oder? Ja, ich konnte diesen frauenfeindlichen Scheiß überhaupt nicht ausstehen. Wenn du siehst, dass etwas verdammt falsch läuft und du sagst nichts, dann bist du doch ein Heuchler. Also schrieb ich einen Song wie »Anti-Misogyny Maneuver«. Weg mit den »Berliner Mauern« zwischen den Menschen!

Mike, vielen Dank für das ausführliche Gespräch!
Gerne. I like skug. Happy birthday, skug! Wir sehen uns ganz bestimmt nächstes Jahr wieder!