© Ars Electronica 2017

Ars Electronica Festival Linz 1979 und 2017 im Vergleich

Anfänglich gab es beim Ars Electronica Festival in Linz lediglich ein schmales Veranstaltungsangebot mit nur  knapp zwei Dutzend Mitwirkenden. Bei der diesjährigen Ausgabe hingegen konnten über fünfhundert Vorträge, Installationen, Performances, Konzerte usw. von über eintausend partizipierenden KünstlerInnen, WissenschafterInnen und TechikerInnen begutachtet werden. Es scheint, als spiegle das Event die Entwicklungen im technologischen Bereich wider.

Dass Technologien im Jahr 2017 erhebliche Auswirkungen auf Gesellschaft, Wissenschaft, Lebenswelt usw. zeitigen ist eine Ansicht, die wohl niemand bestreiten würde. Worin die Auswirkungen dieser Technologien bestehen und wie diese geregelt werden sollten hingegen sorgt weiterhin für Diskussionen. Anlässlich des diesjährigen Ars Electronica-Festivals in Linz soll in diesem Artikel ein Blick in die Vergangenheit und zu den Anfängen dieser renommierten Veranstaltungsreihe geworfen werden, um zu beleuchten, wie 1979, im Gründungsjahr der Ars Electronica, mit der Thematik umgegangen wurde, inwiefern sich die Herangehensweise im Vergleich zum Festival von 2017 geändert hat und wo weiterhin Gemeinsamkeiten bestehen.

1979

ars_foto_1.jpgDie Ars Electronica 1979 fand im Rahmen des sechsten Internationalen Brucknerfestes in Linz statt und wurde von der Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH in Zusammenarbeit mit dem Landesstudio Oberösterreich des ORF ins Leben gerufen, wobei dem damaligen Intendanten Hannes Leopoldseder für sein Engagement eine besondere Erwähnung gebührt. Geladen waren zwanzig Wissenschaftler, Künstler und Praktiker, zu denen der Kybernetiker und Science Fiction-Autor Herbert W. Franke, der Komponist und Elektronikmusiker Hubert Bognermayr sowie Vortragende aus Österreich, Deutschland, Frankreich, Kanada und dem ehemaligen Jugoslawien. Im Fokus des Festivals stand die Verbindung zwischen Kunst und Technik, speziell im Bereich elektronischer Musik und computerunterstützter visueller Kunst. Anstatt eine historische Bestandsaufnahme vorzunehmen, konzentrierte sich das Event auf Methoden und Instrumente, die aufgrund ihrer zukunftsorientierten Ausrichtung »nicht abgeschlossen – vielleicht nicht einmal ausgereift und nicht unbedingt technisch perfekt« waren, wie es Franke im Einführungstext des Veranstaltungskatalogs beschrieb.

ars_foto_2.jpgIm Zuge des Festivals wurden nicht nur bis heute in gleichbleibendem Maße relevante Fragen nach der Gefährlichkeit und des Nutzens von Technologien thematisiert, die bereits 1979 in hohem Maße von Denkern wie Ernst Kapp, Arnold Gehlen, Marshall McLuhan, Günther Anders und anderen ausgearbeitet waren, sondern auch sehr aktuell anmutende Fragen, wie etwa die, ob Kunst sich von Technik, so gut es geht, freihalten sollte. Franke zeichnete in seiner Einführung ein für die damalige Zeit typisches Bild von den Auswirkungen von Technologien auf die Gesellschaft, wies aber gleichzeitig auf Aspekte hin, die in der neueren Technikphilosophie und -forschung im Vordergrund stehen, so wie etwa die zum Technikdeterminismus komplementäre Ansicht, dass die Art und Weise des Einflusses von Technologien nicht ausschließlich von den Sachtechniken selbst, sondern in hohem Maße von den BenutzerInnen und deren Appropriationsstrategien abhängig ist. Besonders in Bezug auf das Motto des Ars  Electronica Festivals 2017: »AI – Das andere Ich«, ist es beispielsweise bemerkenswert, dass Franke schon 1979 den Computer nicht unbedingt als den Menschen zum Auslaufmodell machend angesehen, sondern auf die Möglichkeiten etwa der Kommentierung der Handlungen der BenutzerInnen und das sich daraus ergebende anregende Wechselspiel hingewiesen hat, das sich besonders in den Bereichen Kunst und Design ergibt. Ûberlegungen dieser Art erscheinen wesentlich aktueller als dystopische Phantasien, die befürchten, dass Maschinen sich den Menschen zum Untertan machen könnten. Dem gegenüber steht der Aufruf, zwar negative und positive Auswirkungen kritisch zu prüfen und gegenüber zu stellen, in gleichem Maße aber die mit Recht geforderte Aktivierung des Publikums, respektive der BenutzerInnen zu fördern.

ars_foto_3.jpg
© Ars Electronica Festival 1979: SPA 12

Diese differenzierte Hinsicht auf Technologien zeigt sich im Festivalprogramm von 1979, das neben einem Symposium zum Thema »Der modulierte Mensch« auch Installationen und Konzertprojekte wie die (erste) Klangwolke aufweist. Weiters zu nennen wären unter anderem eine audio/visuelle Aufführung von Ludwig Rehberg, eine Visualisierung von Anton Bruckners 9. Symphonie mit Hilfe des von dem deutschen Chemiker und Fotografen Manfred P. Kage entwickelten »Audioskop« und eine interaktive Installation des Medienkünstlers Peter Vogel. Zudem wurde die zu dem Zeitpunkt noch wenig behandelte Auseinandersetzung mit der Reziprozität von Technik und Wissenschaft, die in den 1970er Jahren angestoßen wurde und die heute als Science and Technology Studies (STS) geläufig ist, bereits bei der ersten Ars Electronica von Forschern wie Rul Gunzenhäuser und Fritz Mundinger thematisiert.

ars_foto_3.jpg
© Tom Mesic: LightScale II im Mariendom


2017

Seit 1995 wird das Festival von der Ars Electronica Linz GmbH & Co KG unter der Leitung von Gerfried Stocker organisiert. Bis heute stellen die vier Säulen Wissenschaft, Forschung, Kunst und Technologie die Grundlage der Ars Electronica dar, wobei Robotik und Prothetik, Bio- und Gentechnik, Neurologie und Medienkunst in auditiver sowie visueller Form im Vordergrund stehen. Zentrale Aspekte des Festivals sind die gewünschte Partizipation und Interaktion mit dem Publikum, sowie der seit 1979 verliehene Prix Ars Electronica, zu dessen Gewinnern etwa Open Culture-Initiativen wie Wikipedia und Wikileaks, das Animationsstudio Pixar und das Open Source-Betriebssystem Linux zählen. Des weiteren das Futurelab, ein Zentrum für innovative Forschung, das in regem Austausch mit universitären und ebenso mit privaten Initiativen steht. Seit 2016 wird im Rahmen des Events zudem der STARTS-Preis an innovative Projekte an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Kunst und Technologie verliehen.

ars_foto_3.jpg
© Tom Mesic: Der aktuelle Festivalleiter Gerfried Stocker (re.) im Gespräch mit Hermann Nitsch

Während 1979 nur zwanzig WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen und TechnikerInnen beteiligt und das Veranstaltungsangebot überschaubar war, scheint es 2017 schlichtweg hoffnungslos zu sein, das üppige Angebot an über fünfhundert Vorträgen, Installationen, Performances, Konzerten usw. von über eintausend mitwirkenden WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen in zwölf Linzer Örtlichkeiten als einzelne/r FestivalbesucherIn wahrzunehmen. Alleine in der Postcity, der offiziellen Festivalzentrale, konnte man problemlos einen Festivaltag verbringen, um sich die STARTS-Ausstellung und den BR4IN.IO Hackathon anzusehen, beziehungsweise Konzerte in der Gleishalle und Vorträge anzuhören. Dauerinstallationen wie »LightScale II« im Mariendom, die CYBERARTS-Ausstellung im OK – Offenes Kulturhaus Oberösterreich oder das Ars Electronica Animation Festival im Deep Space 8K des Ars Electronica Centers und im Moviemento waren demgegenüber als Entspannungsorte willkommen.

Das diesjährige Motto der Ars Electronica lautete: »AI – Das andere Ich«. Wie bereits oben erwähnt, stand ebenso wie im Jahr 1979 nicht allein der Einfluss von Technologien auf Menschen im Fokus, sondern gleichermaßen die Frage, wie Technologien sozial konstruiert werden, wobei kulturelle und gesellschaftliche Aspekte bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, von neuronalen Netzwerken, maschinellem Lernen usw. relevant waren, die von aktuellen Bestrebungen in Kunst und Wissenschaft in hohem Maße inspiriert werden.

Der Vergleich zwischen dem Festival 1979 und jenem im Jahr 2017 ist paradigmatisch für die Entwicklung der Technologie in Bereichen wie Kunst und Wissenschaft: Die grundsätzlichen Fragestellungen haben sich kaum verändert, aber der Einfluss von Technologien auf die Lebenswelt und umgekehrt der Einfluss der Gesellschaft auf die Technologien haben sich im gleichen Maße erweitert wie das Feld der Möglichkeiten innerhalb der technologischen Entwicklung in der Kunst und den Wissenschaften.

ars_cover_foto_cropped.jpg
© Ars Electronica 2017