Amanda Lear - In Every Dreamhome A Heartache

Rechtzeitig zur 50. Ausgabe von skug meldet sich die feminisierte Männerstimme der legendären Black Leather-Hermaphroditen-Disco-Chanteuse aus den 70ern mit einem fantastischen neuen Album zurück. Grund genug für uns einen ausführlichen Blick in Amanda Lears Rückspiegel zu werfen.

Mother, Look What They’ve Done To Me

Das Licht der Welt erblickte Amanda Lear nach eigenen Angaben am 18. November 1946. Danach beginnen aber schon die Spekulationen und die damit verbundenen Legendenbildungen. Anzunehmen ist aber (allein aufgrund ihres Akzents), dass der Geburtsort irgendwo in mediterranen Gefilden (Italien, Spanien) zu finden sein dürfte. Um einiges heftiger wurde dafür die Frage diskutiert, ob Klein-Amanda nun als Mädchen oder Junge ihren/seinen ersten Schrei getan hat. Jedenfalls wurde jene Version, nach der der Wechsel vom ehemaligen Travestie-Cabaret-Star Peki D’Oslo und transsexuellen Modenschau-Modell zur Disco-Chanteuse Amanda Lear erst durch eine Geschlechtsumwandlung vollzogen werden konnte, auch von Lear noch bis Mitte der Siebziger selber verbreitet. Was mit zunehmenden Massenerfolgen dann aber zur Folge hatte, dass sämtliche Transgender-Aspekte (also Amandas ursprüngliche Männlichkeit) relativ schnell aus der offiziellen Geschichtsschreibung getilgt wurden. Was wiederum zur Folge hatte, dass Lears ursprüngliches Geschlecht noch heftiger diskutiert wurde, sich der heterosexuelle Mainstream qua Doppelmoral und verkaufträchtig geschürtem Sex-Exotica-Appeal auf ihre Platten stürzte, Lear dabei aber gleichzeitig zu einer schwulen Disco-Ikone aufsteigen konnte.

Fashion Pack

Begonnen hat aber alles in den Swinging Sixties. Genauer gesagt 1964, als Amanda von Harlé und somit einer der damals größten und bekanntesten europäischen Modell-Agenturen entdeckt wurde. Ein Jahr später sah man sie dann auch schon auf dem Catwalk für Paco Rabanne posieren. Yves St. Laurent, Mary Quant und Ossie Clark folgten in den nächsten Jahren. Wobei die Erfahrungen im Modell-Business der swingenden Sechziger später nicht unwesentlichen Einfluss auf Amanda Lears Status als Ikone der in Posen, Künstlichkeiten, wechselnden Identitäten und der (Oberflächen-)Faszination am falschen Schein verliebten Siebziger haben sollte. Wie auch ihre fließenden Sprachenkenntnisse in Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Englisch das kosmopolitische (Disco-)Universum der Siebziger gleichsam vordatierten. Dazu kamen erste Kontakte mit der Pop-Welt, bei denen das alles andere als unintelligente Kunstwesen nicht nur im Londoner Nightlife eine (nicht nur optisch) herbvorstechende Erscheinung abgab. So freundete sie sich mit Rolling Stone Brian Jones an und wurde auch eine der ganz wenigen Vertrauten von Jimi Hendrix.

Was Amanda Lear schließlich 1968 auf das Farb-Cover des britischen »Daily Telegraph« brachte. Jedoch eher als abschreckendes Beispiel für die Verwahrlosung der Jugend dieser Zeit. Heißt es doch im dazugehörenden Artikel im Blattinneren: »The young people of today no longer know what they want. They are completely lost in our society. They do not value the Church moral anymore, instead smoke and make love. Orgasm replaced the cross.«
Hätte der »Daily Telegraph«-Rezensent nur etwas genauer geschaut und der christlichen Ikonographie etwas mehr Augenmerk als den christlichen Werten geschenkt, dann wäre er wahrscheinlich zu etwas anderen Einsichten gekommen. Trägt doch Amanda auf dem Foto einen purpurfarbener Minirock, den ihr kurz zuvor Salvador Dalí mit dem Hinweis auf die Bedeutung von Purpur in der christlichen Ikonographie (Kardinalswürde) als ideales Kleidungsstück zu Repräsentation der auch metaphysischen Aspekte der »Flower Power«-Generation angeraten hatte. Zu diesem Zeitpunkt kannte sie Dalí schon seit gut drei Jahren. Zwölf weiter sollten folgen, in denen Amanda Lear als Dalí’scher Hermaphrodit abwechselnd die Rolle des Modells, der/des Geliebten sowie der Muse im surrealen Universum des Erfinders der »paranoisch-kritischen« Methode einnahm. Immerhin soll Dalí ja auch jene sagenumwobene chirurgische Casablanca-Reise finanziert haben, durch die Amanda Lear angeblich endgültig zur Frau wurde.

For Your Pleasure

Erstmals gewahr im Lande (Meta-)Pop wurde man Amanda Lears aber erst 1973, nachdem sie ihr damaliger Freund Bryan Ferry als unterkühlt-eiskalte Mischung aus transsexueller Domina und schwarzem Todesengel auf das Cover der zweiten Roxy Music-LP »For Your Pleasure« brachte. Wo wir ja mit der Ode an die aufblasbare Geliebte »In Every Dreamhome A Heartache« sozusagen immer wieder zu einem diskursiv-nachforschenden Blick auf das Cover genötigt werden. Dort sehen wir Lear vor einer nächtlicher Großstadtkulisse in hautengem schwarzen Leder, ebensolchen Handschuhen und Stilettos wie sie in aufreizend-gefährlicher Pose einen schwarzen Panther an der Leine hält.
Mit Roxy Music machte sie dann auch ihre ersten Bühnenerfahrungen jenseits der Laufstege. Was u.a. in der Zeitschrift »Pop« 1973 folgendermaßen beschrieben wurde: »Aus dem Dunkel der Kulisse erscheint eine mit einem Hauch von Netz bekleidete blondmähnige Schönheit. Vom gedämpften Schienwerferlicht umkost, bewegt sie sich mit aufreizend schwingenden Hüften zur Bühnenrampe, streichelt das Mikrophon (oh glückliches, stählernes Ding) und haucht mit rauchig-heiserer Stimme: »I would like to present to you, ladies and gentlemen, for your pleasure – Roxy Music!«« (nachzuhören auf dem drei Jahre später veröffentlichten »Viva! The Live Roxy Music Album«)

Jedenfalls wurde in Folge über das »For Your Pleasure«-Cover fast ebensoviel geschrieben wie über die darin verpackte Musik. Mit dem Beginn der Sangeskarriere musste Amanda jedoch noch etwas warten. Das Potential von Lears rauchig-heiserer Stimme erkannte dann auch nicht Bryan Ferry, sondern David Bowie. Lear hatte Bowie über Ferry kennen gelernt, und auch wenn sich dieser schon in seiner Post-»Ziggy Stardust«-Übergangsphase befand, so war er doch von Amanda Lears hyperrealer Künstlichkeit derart angetan, dass er sie schließlich dazu überredete, es doch einmal mit dem Singen zu probieren. Also fädelte er gleich einmal einen Plattenvertrag ein, der jedoch kein einziges Tondokument hervorbrachte. Woraufhin Lear selber aktiv wurde und beim englischen Creole Records-Label unterschrieb, wo dann auch 1975 mit dem Elvis Presley-Cover »Trouble« ihre erste Single veröffentlicht wurde.

»I wish that I could be a silence Sphinx eternally«
(Amanda Lear: »Sphinx«, 1978)

Auch wenn Amandas »Trouble«-Version eher wenig mit Disco zu tun hatte, gelang ihr damit vor allem in Deutschland ein Überraschungserfolg. Was schließlich zu einem Treffen mit dem deutschen Produzenten Anthony Monn und dem darauffolgenden Aufstieg von Amanda Lear zu einem der signifikantesten Disco-Geschöpfe der trashy Camp-Siebziger führte.

Wobei die nicht immer wirklich stimulierende Einfallslosigkeit aus Monns Münchner Disco-Sound-Fließbandstudio zwar Lears Stimme extrem gut zur Geltung kommen ließ, der Schauder, der einen dabei befiel aber nicht selten durch das Umkippen von campigem Euro-Trash hin zu dümmlichem Schrott, verursacht wurde. Etwa wenn bei »Never Trust A Pretty Face« zuerst ein Roxy Music/Eno/Bowie-Intro angekarrt wird, dann aber die 70er Schunkel-Disco daherkommt.

Müßig zu fragen, was passiert wäre, wenn Lear stattdessen in den Münchner Studios von Giorgio Moroder (Donna Summer) oder Frank Farian (Boney M) aufgenommen hätte. Ganz zu Schweigen vom transatlantischen Gegenstück Grace Jones. Hier sorgten ja gleich Kapazunder wie Alex Sadkin (KC & The Sunshine Band, Bob Marley), Island-Chef Chris Blackwell sowie Sly & Robbie für den Sound und zeigten Cover-Versionen wie »Warm Leatherette« (The Normal/Daniel Miller), »She’s Lost Control« (Joy Division), »Love Is The Drug« (Roxy Music) oder »Nightclubbing« (Iggy Pop) in eine durchaus ähnliche Richtung wie Amanda Lears dunkelste Disco-Schattengewächse (etwa die vampiristische 1977er »Nightclubbing«-als-Höllentrip-Paraphrase »Blood And Honey«).

Vielleicht war ihr Monns Munich Disco-Sound vom laufenden Meter auch ganz recht. Immerhin schrieb sie fast alle Lyrics zu den Songs selber. Und schon bei »King Kong« hatte man ja schon jene Szenen mit einer menschenfressenden Spinne gleich nach den ersten Testvorstellungen wieder herausgeschnitten, weil das Testpublikum nur über die Spinne und nicht über den eigentlichen Star des Films sprach.

The Lady In Black

Und textlich hatte Amanda Lear einiges drauf. So präsentierte sie uns gleich in »I Am A Photograph« (1977 und co-produziert von Harold Faltermeyer) einige der essentiellsten Aussagen zum (Selbst-)Verständnis von Künstlichkeit und Dekadenz (»Overexposed & well blown up«) in den Siebzigern schlechthin: »I’m a lie and I’m cold/But I shall never grow old/My lips are opened but they’re not for kissing/My eyes are open/ But I’m not listening/My breasts are round/ But my heart is missing/I’m a photograph/I’m better than the real thing.«
Postmoderner Simulakren-Pop, zumindest textlich auf der anti-authentischen Höhe der Zeit, und somit wahrscheinlich auch eines der ersten Beispiele für Disco als Diskursfloor. Jedoch nicht ohne ein Jahr später bei »Never Trust A Pretty Face« den »Better than the real thing«-Komplex noch einige gleichsam äußerst begehrenswerte wie verschärfte Dorian Gray-Aspekte (»A pretty face is like a mask, an invitation/A pretty face, a rotten heart/I want it from the start«) hinzuzufügen.
Wie Amanda Lear überhaupt Themen (»subjects«) in die Disco und die Hitparaden brachte (bzw. dort reinschummelte), die zwar around waren, aber nicht unbedingt dort gespielt wurden, wo sich das durchschnittliche »Musikladen«- und »Disco mit Ilja Richter«-Publikum nach getaner Lohnarbeit aufzuhalten pflegte. Etwa die Opium-»Queen Of Chinatown« (1977 und ebenfalls mit Harold Faltermeyer an den Co-Reglern), die sich wie Mutter Theresa um gestrandete Seelen sorgt (»She’ll pick you up when you’re feeling down«) und auch gleich die idealen Substanzen »To blow your blues away« parat hat. Dafür musste Amanda Lear im TV-»Musikladen« aber schon, wie direkt dem »Vitzlipuztli-Künstlerfest« aus der Faschings-Folge von »Monaco Franze« entsprungen, optisch als Billigsdorfer-Kimono-Chinesin entschärft werden.

Absoluter Höhepunkt Amanda Lear’scher Dichtkunst (und auch mit okayem Munich Disco-Sequencer-Sound-Rhythmus versehen) ist aber natürlich »Follow Me« aus 1978. Gleichzeitig ihr größter Hit, dessen 2000er Remix dann auch die aktuellen Amanda Lear-Verkaufcharts im amazonischen Internet-Einkaufszentrum anführt. (Wir empfehlen jedoch Bobby Viterittis unglaublichen »Follow Me«-70er-Mix aus dem San Franciscoer Gay/Disco-Tempel Torcadero Transfer. Nachzuhören unter http://www.hyperactivemedia.com/5am/djs.htm)
Hier wird, ganz abgesehen vom faustischen Pakt (»Faust was right have no regret/Gimme your soul I give you life/And all the things you want to get«), eine Art expressionistische Horror/Film Noir-Welt innerhalb des glitzernden Disco-Universums entworfen und eröffnet, in der zwar alle Träume und Wünsche kaufbar sind, wo die schattenhaften Gestalten (»And from now on I dress unknown/I should be difficult to find«), die mit diesen Versprechungen (auch jenen einer »new identity«) hausieren gehen jedoch auch nicht darauf vergessen, das Kleingedruckte noch extra einmal zu erwähnen. Motto: »Merry go round maybe to hell/I am the key to your problem.«

Sweet Revenge

Und dann waren die Siebziger eigentlich auch schon wieder vorbei. Amanda Lear veröffentlichte zwar nach wie vor Platten (die sie vor allem in Italien und Frankreich im Lande Pop im Gespräch hielten), stellte ihre eigenen Gemälde aus (nachzusehen unter: www.kunstbehandlung.de) und fiel überdies nicht gerade positiv als TV-Star in Silvio Berlusconi-Produktionen wie dem italienischen Vorläufer zu Busen-Shows wie »Peep« auf.
Umso überraschender daher auch ihre neue geniale CD »Heart«, die nicht nur mit ihrer Vergangenheit so souverän umgeht, als wäre dies eine von Fans zusammengestellte digital remasterte Version, sondern auch textlich einiges zu bieten hat. Etwa eine vom Original-Komponisten Norbert Schultze neugetextete Version von »Lili Marlene/Lili Marleen«, bei der Amanda Lear folgendes singt: »Unsere Laterne steht heute noch davor/Steht da und kann es nicht verstehen/Was wieder mal bei uns geschieht/Die Angst/Wie einst/Bomben und Granaten sind es ja nicht allein/Grausame Gesetze/Auch das kann tödlich sein/Ausländer, Flüchtling, Asylant/Hinaus marsch, marsch aus unserem Land!/Oh Gott/Lili Marleen/Gib mir die Kraft zu widerstehen!«

Mit speziellem Dank an Thomas Meinecke für sachdienliche Hinweise im Zündfunk-Pop Alphabet vom 13.05.1992 über Amanda Lear.

Amanda Lear: »Heart« (Marais Prod./Universal)
Bild-Credits:
Fotograf: Kris Gautier für OK Fred
Make-Up: Nicolas für MAC (Paris)
Hairstyling: Christophe für J.Bogatti (Paris)
Dank an: Mr. Paco Rabanne
Production: maraispr@club-internet.fr