Fotos: © nadaproductions
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Explosionen im Spiegelwald

Amanda Piñas und Daniel Zimmermanns Erkundungen bei den Yanomamis am Rio Negro dienen als Inspirationsquelle für einen (bewegungs)kulturellen Widerstand gegen die Auswirkungen der neoliberalen Konkurrenzideologie.

Die eigenen Weltbilder lösen sich von der eintönig-grauen Wand des Alltags wie bieder-vergilbte Fototapeten, beim Versuch, sich dem nicht-linearen Performance-Kontinuum von nadaproductions auszusetzen. Die Wirkung ist höchstgradig psychoaktiv, denn laut Amanda Piña, chilenisch-mexikanische Choreografin und Tänzerin, sind ja auch Fernsehen, eine Tasse Rio Negro schwarzer Kaffee oder eine angenehme Morgendusche psychoaktiv wirksam. In diesen psychoaktiven Performances von nadaproductions wird eine spezielle Form von Synkretismus praktiziert, oder wie es Amanda Piña poetisch skizziert:nada2.jpg »Wir haben die europäische Milch der konzeptuellen, figurativen, die Idee einer autonomen Kunst getrunken, aber auch die Trinkschokolade amerindischer Formen und Figuren, Imaginationen und Weltanschauungen in uns aufgenommen.«

Ihren letzten Trip im Februar verbrachten Amanda Piña und der Schweizer Filmemacher Daniel Zimmermann im Amazonasgebiet am Rio Negro, um die Kultur der Yanomami künstlerisch zu erkunden. Ursprünglich als Recherche zu einem Experimentalfilm gedacht, der heuer von Daniel Zimmermann gedreht wird, brachten sie aus diesem artenabundanten Ort, wo »das Leben explodiert«, auch die Idee zu ihrem rezentesten Performance-Stück mit dem Titel »The Forest of Mirrors« mit nach Wien. Die Filmidee, die sie ursprünglich an diesen Ort geführt hat, ist so simpel wie skurril: »Ein Baum in der Steiermark wird gefällt, aufgesägt und als Holzstapel an den Amazonas gebracht. Eine verkehrte Reise.« Dort angekommen, wird das von einer alten Yanomami-Frau als ein Zurückbringen der Baumseele interpretiert, als ein Besuch der Ahnen. Es wird von der Indiogruppe mit den Holzleisten ein Stocktanz, ein Danza de la barra, um einen Urwaldbaum herum aufgeführt. Bei diesem Filmprojekt spielt die Yanomami-Gemeinschaft eine ganz wichtige Rolle, der gesellschaftliche Austausch wird gesucht, ein mehrtägiges Tanzfest gemeinsam organisiert.

Antropomorphismus contra Antropozentrismus
Aber zurück zum Performance-Stück »The Forest of Mirrors«. Der Titel leitet sich ab von einem Text von Eduardo Viveiros de Castro, einem brasilianischen Ethnologen, der zentralen Figur in der neuen Bewegung zur Verbreitung amerindischer Kultur. »Auch, wenn es schon ein wenig spät scheint, endlich einmal die amerindischen Gedanken und Vorstellungen ernst zu nehmen«, seufzt Amanda Piña und fragt sich: »Was haben sie für eine Kosmologie, wie können wir das systematisieren und innerhalb unserer westlichen Philosophien verständlich kontextualisieren? Finden wir andere Perspektiven, um zu reflektieren, was wir als Künstler_innen sehen?« Und sie führt weiter aus: »Es gibt ein paar Dinge, die im amerindischen Denken alle Gemeinschaften gemeinsam haben. Zum Beispiel, dass alle Lebewesen und Objekte, denen du begegnest, eigentlich menschlich sind. Sie haben nur ein unterschiedliches Äußeres, im Inneren sind sie alle menschlich. Das ist schon einmal ein sehr unterschiedlicher Zugang, die Welt zu betrachten. Diese Ansicht ist natürlich für uns Europäer sehr ungewöhnlich und destabilisierend für unsere westlichen Vorstellungen der Welt.«

Das Stück »Forest of Mirrors« soll als eine Ûbung im Verständnis von Transformationen gesehen werden, denn in den amerindischen Vorstellungswelten gibt es sehr viele hybride Wesen, die sich zwischen Mensch, Tier und Pflanze gestaltenwandelnd bewegen können. Amanda Pina schwärmt von der heilsamen Atmosphäre in den Urwäldern, die aus der Vogelperspektive »wie Brokkoli-Felder aussehen«. Alles Leben scheint extrem präsent und es scheint ein idealer Ort zu sein, um »diesem apokalyptischen, endzeitlichen Denken, diesen Ideologien der Auslöschung, die unsere opake Realität in Europa konstruieren« zu entkommen.

Die Ahnen von Posthumanismus und Queer Culture

nada1.jpgAber Daniel Zimmermann spricht auch von folgendem Szenario: »Die Indio-Gemeinschaft, bei der wir waren, hat alles erlebt: Christianisierung, Versklavung auf Kautschuk-, Zucker-, Flor-de-Ganja- und Kaffeeplantagen durch kolumbianische Großgrundbesitzer (dueno). Seit der Regierung Lula scheinen sie wieder mehr Freiheiten zu haben, ihre Kultur, ihre Tänze werden wiederbelebt.« Und ein Bild hat sich ihm stark eingeprägt: »Eine ganze Yanomami-Familie sitzt vor einem Fernseher und schaut sich einen Hollywood-Scheißfilm an, zehn Meter weiter läuft ein Generator.«

Eine weitere Inspirationsquelle für die amerindische Ikonografie a lá nadaproductions waren die Museumsbesuche in Mexiko während Amandas Kindheit: »Als Kind war ich oft im Museo National de Antropología in Mexiko. Ich war beeindruckt von diesen Steinskulpturen, Terrakottaobjekten und Bildern mit ihren ekstatischen Gesichtsausdrücken und wollte schon immer mit diesen Erinnerungen arbeiten.« Interessant scheint ihr, das vormals »subalterne Vorstellungen wieder in den philosophischen Diskurs zurückkommen« und auch, dass sich quasi synkretistisch amerindische Vorstellungen mit Theorien des Posthumanismus oder sogar der Queer Culture zu decken scheinen: »Bewegungen sind Manifestationen von Existenzen, jede Bewegung, ob körperlich oder geistig, hat ihre Politik. Körper sind fluider als wir denken.«


nadaproductions – »The Forest of Mirrors«
Fr. 17. und Sa. 18. März 2017, jeweils 19:30 Uhr
Tanzquartier Wien / Halle G

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