Seit ein paar Jahren erscheinen Live-Alben von Can, die lange in Archiven schlummerten und seit 2021 in unregelmäßigen Abständen der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. »Live in Arles 1975« ist das siebte Album in der Reihe dieser Veröffentlichungen und präsentiert Can in vierköpfiger Besetzung ohne Sänger, also mit Irmin Schmidt, Michael Karoli, Jaki Liebezeit und Holger Czukay an Keyboards, Gitarre, Schlagzeug und Bass. Sechs instrumentale Improvisationen bzw. spontane Kompositionen enthält das Doppelalbum – in bekannter Manier groovt der krautige Vierer vor sich hin. Klingt langweilig!? Ich scheue mich, solchen ketzerischen Einschätzungen stattzugeben, denn die legendären Kölner hätte ich selbst gerne einmal auf der Bühne erlebt. Daher sind mir nachgereichte Artefakte dieser Art stets willkommen. Ich frage mich aber, welchen Reim man sich auf das ausufernde Klöppeln und Dengeln macht, wenn man mit Krautrock als geschichtsträchtigem Genre nichts am Hut hat? Natürlich kann man immer und in jedem Alter jede Art von Musik neu für sich entdecken, aber zum Einstieg in das Werk von Can oder Krautrock generell würde ich ein Album wie »Live in Arles 1975« nicht empfehlen. Die Aufnahmen sind zwar durchaus repräsentativ für den Sound von Can um diese Zeit (zuvor entstanden die auch eher entspannten Alben »Future Days« und »Soon Over Babaluma«), aber zum einen würde ich sagen, dass Can zu diesem Zeitpunkt ihren Zenit bereits überschritten hatten, und zum anderen mangelt es den Live-Aufnahmen an einem für den Sound von Can maßgeblichen Instrument: dem Tonstudio. Frühe, bahnbrechende Alben wie »Tago Mago« und »Ege Bamyasi« sind experimentelle, unter Zuhilfenahme damaliger Studiotechnik zusammengestellte Arbeiten, die aufregender und wilder klingen als die mild-bekifften Endlos-Jams auf »Live in Arles 1975«, denen als zusätzliche Klangfarbe auch die idiosynkratische Gesangsperformance von Damo Suzuki fehlt. Aufnahmen wie »Live in Arles 1975« mangelt es an der Nachbearbeitung und Manipulation von Klängen, wie sie zur Erstellung der genannten wegweisenden Alben erfolgte. Verspulte Klangcollagen wie »Aumgn« oder »Peking O« waren während eines Auftritts als vierköpfige Live-Band nicht zu bewerkstelligen. Das soll nicht heißen, dass den spontanen Kompositionen auf »Live in Arles 1975« nicht doch auch etwas abzugewinnen wäre, aber zusammenfassend würde ich sagen, dass »Live in Arles 1975« eher ein Album für Die-Hard-Fans ist. Es ist unterhaltsam, aber nicht unverzichtbar.
Can
»Live in Arles 1975«
Spoon/Mute
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