Von 1977 bis 1983 formierte sich in Wien eine kleine, energiegeladene Szene, die – wie überall, wo es zu der Zeit Punks gab – das spießige und konservative Bürgertum und seine Behördenvertreter*innen provozierte, wo immer es ging. 27 Akteur*innen, mehrheitlich ehemalige Mitglieder der Bands Chuzpe, Pöbel, Die Böslinge, Dirt Shit, A-Gen 53, Uschi und die kranken Mönche und Dead Nittles kommen in dem 50-Jahre-Punk-Jubiläumsband »Wien du tote Stadt« in Interviews zu Wort. Aber auch Außenstehende wie der Musikjournalist Walter Gröbchen verleihen der Publikation popkulturellen Tiefgang und Sachkenntnis. Akribisch beschrieben werden im Buch Auftrittsorte, Lokale, Treffpunkte und Plattenläden der Anfangsjahre des Punk in Wien. Neben den Interviews lebt das Buch vor allem von den Fotografien von Michael Snoj aka Mickey Kodak, der sein Archiv für dieses Projekt geöffnet und zahlreiche bislang unveröffentlichte Zeitdokumente zur Verfügung gestellt hat. Das Buch beansprucht aber nicht, alle und alles abzudecken. Ab Juni 2027 soll es auch eine Ausstellung zum Buch im Wien Museum geben, die mit gut 400 Exponaten und etlichen Veranstaltungen vertieft in die Wiener Punkszene eintaucht. Initiiert hat Buch und Ausstellung Peter Stuiber, Kulturhistoriker am Wien Museum. Wir haben den Herausgeber anlässlich der Veröffentlichung zu einem Interview gebeten.

skug: Wie kam es zur Publikation »Wien du tote Stadt« und was ist dein persönlicher Bezug zum Punk?
Peter Stuiber: Ich war selbst nie Punk und bin ca. zehn Jahre jünger als die meisten Leute, die in den ersten Jahren dabei waren. Aber ich habe in den 1980er-Jahren sehr viel Musik gehört, die man damals salopp unter »Underground« oder »Alternative« zusammengefasst hat, das reichte von Joy Division bis Dead Kennedys, von Sisters Of Mercy bis Black Flag. Und ich war auch fallweise in Lokalen wie dem Chelsea oder dem ersten Flex, wo auch Punks waren. Ich war immer fasziniert davon, wie kraftvoll Punkmusik sein kann. Und fallweise auch: wie politisch. Die Publikation selber entstand aus der Beschäftigung mit dem Fotobestand von Michael Snoj alias Mickey Kodak. Das ist ein Fundus der ersten Jahre der Wiener Punkszene, in den ich eingetaucht bin. Von da aus ergab sich automatisch das Interesse an weiterem Material wie Fanzines, Postern oder Plattencovern, aber genauso die Lust daran, mit jenen zu sprechen, die teilweise auf den Fotos drauf sind – so sie denn noch leben.
Mich interessiert natürlich die Wiener Punkmusik, deren politischer Bezug und der Fotobestand von Mickey Kodak. Fangen wir mit dem politischen Bezug an: Bei deinem Vorwort zum Buch gibt es auf Seite 26 ein Foto von der Gassergasse, dem Kulturzentrum GaGa und zwei Badges. Der eine ist ein »Crass«-Badge, dazu erübrigt sich jegliche Erklärung, doch der zweite mit dem Slogan »Inländer raus« ist sehr Wien-spezifisch. Kannst du uns die Geschichte dahinter erläutern?
Der Badge ist tatsächlich sehr interessant und ich hab’ mich riesig gefreut, als er mir als Leihgabe für die Ausstellung angeboten wurde. Weil er nämlich im Unterschied zu den üblichen »A(narchie)«-Badges tatsächlich einen lokalpolitischen Hintergrund hat. Er bezieht sich auf die »Ausländer raus!«-Parolen, die immer wieder in der Öffentlichkeit zu hören und lesen waren. Ab den 1960er-Jahren kamen sogenannte Gastarbeiter*innen aus Jugoslawien und der Türkei nach Österreich, die von der Wirtschaft gebraucht wurden und als billige Arbeitskräfte hier oft auch noch schlecht behandelt wurden. Und sie hatten mit einer immer stärker werdenden Fremdenfeindlichkeit zu kämpfen, die sich etwa 1967 in der Gründung der NDP (Nationaldemokratische Partei) niedergeschlagen hat. Diese Partei wurde vom Rechtsextremen Norbert Burger gegründet, der auch die sogenannte Aktion Neue Rechte unterstützte. Burger trat bei der Bundespräsidentenwahl 1980 an und gewann immerhin über 3 Prozent. Das ist zwar wenig im Vergleich zu den Zahlen, die die FPÖ heute erreicht, war aber ein erstes Signal einer Radikalisierung der Gesellschaft. Dieser Badge ist die direkte Reaktion auf diese »Ausländer raus!«-Stimmung bzw. -Propaganda. Der Badge markiert auch einen Wendepunkt in der hiesigen Punkszene, und zwar in Richtung mehr Politisierung. Natürlich hat man auch schon in den ersten Jahren gegen die Polizei und den Staat angesungen und hatte genug von den Altnazis. Aber allzu ideologisch war das nicht, was auch damit zu tun hatte, dass es halt noch Kids waren in der Szene. Von Häuserbesetzen war noch keine Rede.

Ich möchte noch den anderen direkten Punkbezug erwähnen. Der Schriftzug »Inländer« auf dem Badge wurde vom Inländer-Rum aus Kärnten verwendet. Das ist ein Stroh-Rum. Auch in Vorarlberg wurde dieses Killergesöff, das ja eigentlich nur als Shot mit/im Kaffee getrunken wurde, von uns Punks verehrt und gefürchtet. Wir haben das Zeug pur gesoffen und die Abstürze waren mehr als hässlich. Wir wollten damit zeigen, dass wir härter sind als alle anderen. Ich und etliche weitere sind dann auf Teufelskraut, einen Jamaika-Rum mit Kräutern aus Tirol, aus dem Hause Baumann, umgestiegen. Das Ritual hier war, den klebrigen, heißen Shot in eigens dafür mitgelieferten Gläsern brennend in der Runde runterzukippen. Das fühlte sich für uns an wie der Zaubertrank der Gallier. Unser Label und unsere Veranstaltungen liefen dann unter diesem Namen. Ich kann mich erinnern, dass bei den Tankstellen in Vorarlberg immer ein lebensgroßer Reinhold-Messner-Aufsteller für den Stroh-Rum warb und rumstand. Obwohl wir den »Oasch« fanden, musste dieser natürlich immer wieder geklaut werden. Die Gassergasse, sprich das GaGa im 5. Bezirk, war ab 1981 aber ein wichtiger Wendepunkt für die Wiener Punkszene, oder?
Bevor ich auf das alternative Kulturzentrum in der Gassergasse zu sprechen komme, noch ein Wort zum Inländer-Rum: Da hast du natürlich total recht, dass der Badge darauf anspielt! Das passt übrigens gut zu einem Spruch des Musikers Willi Resetarits alias Ostbahn Kurti, der in den 1990er-Jahren auf T-Shirts oft zu sehen war: »Inländer Rum statt Ausländer raus!« Jetzt aber zur Gassergasse. Sie war insofern ein Wendepunkt, weil sie erstens ein wichtiger fixer Ort für Punks war, ähnlich der Arena, aber mit dem eindeutigen Vorteil, dass sie stadtnah war, im 5. Bezirk. Die Arena war an der Peripherie, die Gassergasse aber in einem Wohngebiet. Das wurde letztlich auch zum Problem, denn während es in der Arena damals keine Anrainer gab, fühlten sich die Bewohner*innen im Umfeld der GaGa von den Punks und anderen alternativen Gruppen des Kulturzentrums belästigt. Zweitens waren die Punks in der Gassergasse schon tendenziell ärger drauf als die erste Generation ab 1977, die Musik wurde härter, viele der ersten Punks waren bereits ausgestiegen oder zu New Wave oder ähnlichem gewechselt und gingen nicht in die GaGa.
Die GaGa war das Experiment eines Kulturzentrums, in dem viele Gruppen Platz hatten, nicht nur die Punks, die dort eine Art Beisl betrieben und wilde Konzerte veranstaltet haben. Aber die Punks waren es, die natürlich am meisten auffielen. Für die Stadt wurde es wegen der zunehmenden Beschwerden im Lauf der Zeit heikel, es folgte eine Drogenrazzia und wenige Monate später, im Juni 1983, die Räumung und sofortige Planierung des Areals. Manche Zeitzeug*innen berichten, dass die GaGa von professionellen Drogendealern als Depot verwendet worden sein soll. Ganz klären lässt sich die Sache wohl nie. Für viele Punks der zweiten Generation bedeutete die Räumung der GaGa jedenfalls den Verlust ihrer »Heimat«, auch wenn der Begriff im Zusammenhang mit Punks vielleicht merkwürdig klingt. Es war ähnlich traumatisch wie später die Räumung der besetzten Häuser in der Aegidigasse/Spalowskygasse.

Interessant, dass du das mit der ersten und zweiten Generation ansprichst. Wir haben das bei der Aufarbeitung in der Schweiz ganz klar getrennt und auf zwei Publikationen aufgeteilt. Die erste behandelt die Zeit von 1976 bis 1980 und die zweite die Zeit von 1980 bis 1992, diese ging dann durch die erste Street Parade, sprich die Technobewegung, zu Ende. Das war vor allem den immer noch aktiven Punks und Wavern der ersten Generation elementar wichtig. Gab es dazu auch Überlegungen bei deinem Buch?
2025 erschien die Publikation »Die Punks in der Wiener Gassergasse« von Herbert Grabner. Er nennt das eine soziologische Feldstudie aus dem Jahr 1983/1984. Dieses Buch macht mich ein wenig ratlos – und warum es 40 Jahre später erschienen ist, noch ratloser. Gab es zwischen dir und Herbert Grabner einen Austausch? Des Weiteren erschien 2016 die 2. Auflage von »Idealzone Wien: die schnellen Jahre (1978–1985)« von Martin W. Drexler, Markus Eiblmayr und Franziska Maderthaner. Auch dort wird neben vielem mehr die Punkszene und das GaGa abgehandelt. Was war deine Motivation, trotz allem 2026 eine weitere Publikation herauszubringen?
Es war bei unserem Projekt immer ganz klar, das nicht zu trennen. Weil wir als Stadtmuseum eher einen Überblick über ein Subkulturphänomen geben wollen. Ich denke, da gibt’s eher von manchen die Kritik, dass wir nicht Punk von 1976 bis 2026 gemacht haben, aber das wäre natürlich absurd. Ich denke, es tut dem Ganzen gut, dass man sieht, wie sich eine Szene verändert, wie die Leute sich verändern, wenn ein paar Jahre ins Land ziehen und Neues daherkommt. Wenn manche plötzlich 20 sind und sich fragen: Wie tu ich da weiter? Als Punk? Und Jüngere nachfolgen und ihr eigenes Ding machen.
Natürlich gab es immer wieder Interviews mit Zeitzeug*innen. Auch im dicken »Wien Pop Buch«, das wie die »Idealzone Wien« im Falter Verlag erschienen ist. Es gibt also Überschneidungen zwischen unserem Projekt und anderen, aber die stören mich wenig. Nicht zuletzt deshalb, weil ich erstens einen anderen Schwerpunkt habe: mehr stadthistorisch, jugendkulturmäßig und weniger musikhistorisch, wie das bei vielen Publikationen der Fall ist. Und zweitens habe ich etliche Leute interviewt, die eben nicht so im Fokus standen, keine Band hatten oder einfach vergessen wurden – bzw. die man aus einem komplett anderen Kontext kennt, wie etwa Andreas Bitesnich, der ein international bekannter Akt- und Porträtfotograf wurde, oder Robert Stadler, ein international erfolgreicher Designer, der sich im Kunstumfeld bewegt. Abgesehen davon, dass ich einiges an Bildmaterial publizieren konnte, das bislang nur Privatsammlern bekannt war. Und dass wir auch das Thema Frauen und Queerness stärker im Fokus haben als bislang.
Zum Buch von Herbert Grabner: Ich find’s schon gut, dass es erschienen ist, und es ist als Quelle sehr interessant. Nur finde ich zwei zentrale Thesen kritisch: erstens, dass die Punks aus der Gassergasse aus problematischen Verhältnissen gekommen seien. Das mag auf die Personen zutreffen, die der Autor damals für seine vertiefenden Interviews ausgewählt hat, lässt sich aber mit Sicherheit nicht pauschal so sagen. Die Punkszene in Wien war nie ein Arbeiter*innen- oder Unterschichtphänomen, eher das Gegenteil. Und zweitens kommt es in dem Buch so rüber, als würde mit der Gassergasse Punk in Wien beginnen. Ja, vielleicht Irokesen-Hardcore-Punk. Aber sicher nicht Punk an sich, denn den gab’s schon ab Ende 1976/1977 in Wien. Es gab keinen Austausch zwischen Herbert Grabner und mir, ich habe ihn bei einer Filmpräsentation erlebt, bei der auch über sein Buch gesprochen wurde, und hatte das Gefühl, er versteht die Kritik an seinen Thesen nicht, die unter anderem vom legendären Punk Panza geäußert wurde. Aber vielleicht tu ich ihm auch Unrecht …

Der Panza muss es wissen, der hat ja in diesem Zeitraum dort gewohnt. Aber sprechen wir über die Wiener Punkmusik aus der Zeit. Panza hat mit seiner 2010 veröffentlichten Vinylbox »De guade oide Zeit« und etlichen weiteren Veröffentlichungen auf seinem Label Panza Records bis heute sicher was angestoßen (es gab noch weitere) und nebenbei geschaut, dass wir nicht nur diese exorbitanten Sammlerpreise für die Originale zahlen müssen. Was mir als Außenstehendem am meisten am Buch gefällt, ist die »Wiener Schnauze«. Die Aussagen der einzelnen Zeitzeug*innen im Buch sind »leiwand«, wenn ich das so sagen darf. Aber wo sind die Songtexte im Buch geblieben? Wir können die Songs nicht hören, über die gesprochen wird, doch es gibt keinen einzigen Songtext im Buch? Meiner Meinung nach sind diese aber genau das Eigenständigste und Unverwechselbarste am Wiener Punk. Alles andere gab’s ja überall sonst so oder auch ähnlich.
Mir taugt das auch sehr, dass die Interviews fallweise sehr rau sind. Die Leute sollen ruhig »Oasch« sagen, wenn sie etwas »Oasch« finden. Natürlich prägt der Wiener Dialekt und die »Gosch’n«, wie man bei uns sagen würde, den Wiener Punk. Ursprünglich wollte ich im Buch auch einen Teil nur mit den Songtexten machen, bin aber einfach aus Zeit- und Platzgründen davon abgekommen. Das wär’ ein schönes eigenes Buchprojekt: ein »Lyrikband« mit Wiener Punktexten. Mit ganz vielen Fäkalausdrücken. Übrigens: Ganz so schlimm ist es ja nicht, es sind schon einige Songtexte im Buch zu finden, nämlich auf diversen Fanzine-Seiten, die wir abgedruckt haben. So gibt’s Texte von einigen sehr wichtigen Chuzpe-Nummern, darunter »Beislanarchie« (auf Seite 38/39) oder auch Texte von A-Gen 53, Pöbel und den Böslingen (auf Seite 61).
Natürlich, »Gosch’n«, ich war zu lange in Berlin … Die Songtexte hab’ ich nicht gelesen, da mir die Abbildungen der Fanzine-Seiten (bis zu vier auf einer Buchseite und teilweise gedreht) zu klein waren. Das bringt uns zur Gestaltung des Buches: Die Grafikerin Larissa Cerny hat einen tollen Job gemacht. Was waren eure Überlegungen dazu? Ich hätte es gut gefunden, wenn man die Fanzine-Seiten im Format des Buches auf einem anderen Papier druckt, doch vielleicht wäre es auch zu viel gewesen, da ihr beim Buchcover und -rücken einen härteren grauen Karton verwendet habt und mit einem Falz mittendurch je eine Extraseite kreiert habt.
Larissa Cerny ist eine freie Grafikerin, die für viele österreichische Museen und auch international arbeitet und schon viel fürs Wien Museum gemacht hat, unter anderem für die neue Dauerausstellung. Ich habe mich riesig gefreut, dass sie für dieses Projekt zugesagt hat, weil ich wusste, dass es dann passt, weil sie die richtige visuelle Sprache findet. Mir war wichtig, dass das Buch nicht »auf Punk tut«, als wären wir im Wien Museum ein alternatives Kulturzentrum mit Do-it-yourself-Appeal. Also keine Zitate von Punkästhetik, wie man sie von Fanzines oder Plattencovern kennt. Aber andererseits schon eine Zugänglichkeit und Rauheit, die dem Thema entspricht. Es sind kleine Details, die sich so zusammenfügen: Das Papier, der raue Umschlag, die Typografie, die bei den Headlines unregelmäßige Abstände hineinbringt, kleine visuelle Störer. Oder die rote Schrift, die dem Buch bei allem S/W-Bildmaterial guttut. Also wir sind total happy damit, wie es geworden ist. Und ja, klar, Papierwechsel kann immer auch nett sein bei Büchern. Aber er ist auch eine Frage des Budgets und außerdem kann er auch fallweise ein Korsett bilden, weil man dann ja Inhalte genau auf die Papierbögen hintrimmen muss. Das wollten wir in dem Fall nicht.

Ich weiß nicht, wie heikel das Thema ist, doch ich muss es ansprechen: Michael Snoj alias Mickey Kodak ist schon lange eine umstrittene Person in der Szene. Er steuerte unter anderem das ikonische Foto für das Cover des Buches bei und etliche weitere Fotos. Er ist auch einer der Akteur*innen, die im Buch vorgestellt werden und zu Wort kommen. Du hast ihn scheinbar selbst interviewt und auch auf seine unrühmliche Vergangenheit im Zusammenhang mit seinen Reggae-Veranstaltungen in den 1990ern angesprochen. Es ging da hauptsächlich um Homophobie in den Reggae-Songs. Er wollte dies bei seinen Veranstaltungen und Radiosendungen nicht hören und auch nicht eingestehen. Damit hat er sich viel Ärger einhandelt und wurde zu Recht von all seinen Funktionen in der Szene enthoben. Man muss ihm zwar zugutehalten, dass er sich im Buch jetzt dafür entschuldigt – doch damit ist es nicht getan. Im Oktober 2019 bei den beiden Premieren zum Film »Es is zum scheissn« von Thomas Reitmayer (1974–2021) hat er einen total unnötigen Aufstand inszeniert. Im »Ox Fanzine« #148 spricht Thomas Reitmayer darüber, ohne seinen Namen in den Mund zu nehmen, was man ihm eigentlich nicht verübeln kann. Hier ein Auszug:
»Das ist eine lange Geschichte und ein Drama von fast klassisch-griechischer Dimension und ich muss dir ganz ehrlich gestehen, dass ich selbst nicht so ganz durchblicke. Einer der Protagonisten – der an dieser Stelle allerdings nicht namentlich genannt werden soll, das wäre zu viel der Ehre –, der sehr viel Material beigesteuert hat, fühlte sich falsch oder zu wenig repräsentiert und zog seine mündliche Zusage zur Verwendung des Materials zurück. Er hatte seine fünf Minuten Aufmerksamkeit mit einem lächerlich divenhaften Auftritt vor Publikum und jetzt kann er scheißen gehen. Wer es in fast vier Jahrzehnten nicht schafft, aus einer ganzen Schatzkiste an fantastischem Material etwas zu machen, der sollte lieber ein bissl kleinlauter sein.«
Auf Seite 247 im Buch ist zu lesen, dass ihr einen Teil der Fotos von Mickey Kodak in eurer Sammlung führt. Das heißt für mich, ihr habt ihm welche abgekauft und auch einen Deal/Vertrag mit ihm über die Nutzungsrechte ausgehandelt. Dies sicher auch für eure Ausstellung im kommenden Jahr. Wie genau ist das abgelaufen?
Die Situation ist ganz klar. Ohne die Fotos von Mickey Kodak könnte man ein solches Projekt nicht machen, der Bestand war der Ausgangspunkt. Und es sind tolle Fotos, die einen in diese Zeit zurückversetzen und viele der wichtigsten Protagonist*innen von damals zeigen. In Kombination mit dem sonstigen Bildmaterial – Fanzines, Poster, Plattencover, Fotos anderer Fotograf*innen – erhält man so ein lebendiges Bild der Szene. Das war der Grund, warum es für uns als Museum ein Ziel war, einen Teil dieser Bilder in die Sammlung zu kriegen, weil sie eine Lücke schließen. Wir haben ja auch Bestände von Christian Schreibmüller zur Gassergasse, von Heinz Riedler zur Arena-Besetzung oder von der Band Drahdiwaberl. Und natürlich haben wir mit ihm von vornherein Verträge gemacht, das machen wir mit jedem und ist bei der Museumsarbeit unerlässlich – aber unter Punks wohl nicht üblich. Dass es nicht so einfach werden würde, mit ihm zusammenzuarbeiten, war mir schon klar. Aber es hat sich ausgezahlt, das durchzuziehen. Obwohl es sicher für beide Seiten eine Herausforderung war.
Und wie viele gelbe Briefkästen von der Österreichischen Post habt ihr ihm in den letzten zwei Wochen schon abgekauft?
Die mit Kodak-Fotos beklebten Briefkästen in der Stadt holen wir uns dann, wenn sie von der Post aussortiert werden – da sind sie günstiger … Aber keine Ahnung, von wem die Aktion überhaupt stammt.

Wie du selbst erwähnst, sind die zirka 150 Fotos im Buch zentral. Mir ist aufgefallen, dass bei gut einem Drittel der Fotos Frauen oder Punketten abgebildet sind oder der Fokus auf ihnen liegt. Das entspricht aber nicht der Realität. Es waren in der Szene damals nicht mal 10 Prozent Frauen, auch nicht weltweit. Ich besitze eine große Sammlung an Punkbüchern aus der ganzen Welt und nur wenn der Fokus explizit auf Frauen im Punk liegt, entsteht so eine Auswahl. Habt ihr euch, dem heutigen Zeitgeist geschuldet, verpflichtet gefühlt, das so zu machen?
Also ich hab’ sicher keine Fotos gezählt, um auf eine bestimmte Quote zu kommen. Aber es war mir schon wichtig, zu zeigen, dass es auch etliche Frauen gab – das sieht man etwa auch beim Konzertpublikum. Ich fand auch die vielen Frauenpunkfotos beim Intro gut, weil damit gleich mal ein Bild gebrochen wird, da sich manche Leute sofort irgendwelche harten Typen mit Springerstiefeln vorstellen. Aber ich würde nie so weit gehen, die »Realität« – so man sie denn überhaupt erfassen kann – mit bewusst einseitiger Auswahl zu verfälschen, nur um Punk im Nachhinein feministisch umzudeuten. Punk war sehr männlich, das kommt schon auch deutlich in diesem Buch rüber. Bei den Interviews war mir aber auch wichtig, dass etliche Frauen zu Wort kommen. Nicht zuletzt, weil mich interessiert hat, ob die Behauptung der männlichen Punks, dass die Frauen gleichberechtigt waren, stimmt. Und siehe da: Die interviewten Frauen haben alle bestätigt, dass sie sich gleichberechtigt gefühlt haben und auch nicht deppert angemacht wurden. Also sehr positive Erfahrungen innerhalb einer kleinen Gruppe – in einer Gesellschaft, in der Sexismus sicher noch viel mehr an der Tagesordnung war als heute.
Aufgefallen ist das beim ersten Durchschauen auch meiner Partnerin Judith, die selbst als Sängerin bei der Punkband Asphalt in Zürich dabei war. Gezählt hab’ ich es dann. Ich gehe noch einen Schritt weiter, ich sehe das als gelebte Anarchie, ohne dass man uns so etwas erklären musste. Es war damals in der Szene total wurst, ob du eine Frau, queer, Ausländer, Heimkind, Mensch mit Behinderung, arbeitslos, arm, drogenabhängig, kriminell oder was auch immer warst. Wir wurden von der Gesellschaft unisono als Außenseiter wahrgenommen. Auch gab es Punks, die ein eher konservatives Gedankengut in sich trugen. Als von England die rechte Skinhead-Bewegung zu uns herüberschwappte, fanden da etliche dieser Punks ihre neue Heimat, das hatte mit gelebter Anarchie natürlich nichts mehr zu tun. Dazu noch die verlogenen christlichen Moralvorstellungen mit ihrer Überheblichkeit und Abneigung gegenüber all dem Erwähnten. Der größte Teil der Gesellschaft hatte damals Menschen, die nicht derselben Weltanschauung entsprachen, verurteilt und als minderwertig eingestuft. Das muss man wieder mal in Erinnerung rufen. Jetzt noch zum 50-Jahre-Punk-Jubiläum, das ja eigentlich in Punkkreisen nicht wirklich gefeiert oder aufgerollt wird. Es sind eher Außenstehende, die auf uns zukommen und das mit uns feiern wollen. Was ist bei euch die Geschichte dahinter? Und warum wird die Ausstellung jetzt auf das Jahr 2027 verschoben?
Das Projekt wurde vor etwa drei Jahren begonnen, zunächst noch ohne konkretes Ziel oder Datum, insofern war das Jubiläum sicher nicht der Gedanke: Da müssen wir was machen. Aber natürlich bietet sich sowas an, weil man dadurch mehr Öffentlichkeit kriegen kann. Wir hätten es aber genauso ohne Jubiläum gemacht, wir sind vom Programm her nie Jahrestag-getrieben. Ursprünglich hätte die Ausstellung schon im Februar dieses Jahres eröffnet werden sollen, und zwar im MUSA, einem Standort von uns, in dem wir zeitgenössische Kunst zeigen. Dann kam im letzten Herbst ein Sparpaket von Seiten der Stadt dazwischen und wir mussten das Programm umdisponieren – daher wird die Ausstellung erst ab 3. Juni 2027 gezeigt, dafür dann aber im Haupthaus am Karlsplatz, was dem Ganzen eine prominentere Bühne bietet. Und für die Jubiläumsfixierten ist das sowieso eine gute Nachricht: Denn als erstes offizielles Konzert einer Wiener Punkband gilt der Auftritt von Chuzpe im Kellerlokal Milchkandl – und der fand erst am 7. November 1977 statt.

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