»Kinderbetreuung ist für mich keine Arbeit.« Ein Satz. Ein einziger, lapidarer Satz von Bundeskanzler Christian Stocker – und plötzlich liegt sie offen da, die ganze Verlogenheit eines Systems, das seit Jahrhunderten funktioniert, weil es Frauenarbeit unsichtbar macht. Die ganze Denke der ÖVP. Doch die eigentliche Frage ist nicht, was Stocker damit meinte. Die eigentliche Frage ist: Warum kann ein solcher Satz im Jahr 2026 überhaupt noch fallen – und warum trifft er auf Empörung statt auf Gelächter? Weil er ein Symptom ist. Ein Symptom einer Gesellschaft, die sich weigert, die Arbeit zu sehen, die sie am Laufen hält.
Arbeit? Nein, danke!
Kinder großzuziehen ist keine Arbeit? Dann erklären Sie bitte, Herr Stocker, warum diese Tätigkeit jeden Tag Zeit stiehlt, Kraft zehrt, Organisation erfordert, emotionale Energie verschlingt und körperliche Präsenz verlangt. Warum Eltern – zumeist aber Mütter – nachts aufstehen, wenn ein Kind Fieber hat. Warum sie Arzttermine koordinieren, Schulwege planen, Kleidung besorgen, Mahlzeiten zubereiten, Konflikte schlichten, Ängste auffangen und den ganzen unsichtbaren Kosmos einer Familie im Kopf behalten. Diese Arbeit verschwindet nicht dadurch, dass sie aus Liebe geschieht. Im Gegenteil: Gerade weil sie aus Liebe geschieht, wurde sie jahrhundertelang als selbstverständlich abgetan.
Das ist der Kern feministischer Kritik: Nicht die Liebe zur Familie steht zur Debatte. Nicht Mutterschaft. Nicht Fürsorge. Zur Debatte steht eine Gesellschaft, die Fürsorge moralisch verklärt – und gleichzeitig ökonomisch und politisch entwertet. Die feministische Ökonomin Nancy Folbre hat es längst auf den Punkt gebracht: Moderne Volkswirtschaften leben von unbezahlter Sorgearbeit. Ohne sie gäbe es keine Arbeitskräfte, keine Unternehmen, keine funktionierende Gesellschaft. Und doch taucht sie in keinem BIP auf. Was nicht bezahlt wird, das ist auch nichts wert – so die Logik des Patriarchats.
Die italienische Feministin Silvia Federici hat es noch radikaler benannt: Die Gesellschaft profitiert von weiblicher Arbeit, während sie gleichzeitig behauptet, es handle sich dabei gar nicht um Arbeit. Bezahlte Dienstleistung? Arbeit. Sie bringt Einkommen, Rechte, soziale Absicherung, Anerkennung. Unbezahlte Sorgearbeit? Privatangelegenheit. Und damit raus aus dem politischen Blickfeld.
»Das Private ist politisch!«
Dieser Satz der Frauenbewegung war nie eine leere Parole. Er beschreibt eine bittere Realität: Wenn Frauen wegen Kinderbetreuung ihre Erwerbsarbeit reduzieren, wenn sie Lücken im Lebenslauf haben und später weniger Pension erhalten, wenn sie häufiger von Altersarmut betroffen sind, dann sind das keine individuellen Entscheidungen. Das sind strukturelle Gewaltverhältnisse.
Österreich kennt die Zahlen. Frauen leisten deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Sie übernehmen Betreuung, Pflege, Haushalt. Sie unterbrechen ihre Karrieren. Die Folgen? Leere Konten. Niedrige Pensionsbescheide. Mangelnde Anerkennung. Und doch hält sich hartnäckig der Mythos: Care-Arbeit sei etwas Natürliches, etwas, das Frauen eben »aus Liebe tun«. Aber Liebe ersetzt keine Pension. Liebe ersetzt keine finanzielle Unabhängigkeit. Liebe ersetzt keine gesellschaftliche Wertschätzung. Und Liebe darf niemals als Argument dienen, um Arbeit unsichtbar zu machen.
Das konservative Familienideal hat hier einen blinden Fleck: Es feiert die Familie als »höchsten Wert« – schweigt aber beharrlich darüber, wer in dieser Familie die Lasten trägt. Es würdigt die Mutter – solange sie ihre Leistung nicht als politische oder ökonomische Forderung formuliert. Die perfekte Mutter in diesem Modell? Geduldig. Aufopfernd. Dankbar. Sie fragt nicht nach Work-Life-Balance. Sie fordert keine Entlohnung. Sie beschwert sich nicht. Sie liebt einfach. Doch diese Vorstellung ist nicht romantisch. Sie ist zynisch.
Die »natürliche Rolle« der Frau
Simone de Beauvoir schrieb 1949 in »Das andere Geschlecht«: »Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.« Gemeint war: Gesellschaftliche Erwartungen drängen Frauen in Rollen – auch die der selbstlosen Versorgerin. Diese Rolle ist keine Naturgegebenheit. Sie ist ein historisch gewachsenes Modell der Ausbeutung. Eine moderne Gesellschaft kann nicht gleichzeitig die Bedeutung von Familie beschwören und die Arbeit ignorieren, die Familie erst möglich macht.
Die Wahrheit? Es geht nicht um Anerkennung. Es geht um Macht. Solange Care-Arbeit unsichtbar bleibt, bleibt auch die Ausbeutung unsichtbar. Solange sie als »Liebe« oder »Pflicht« verkleidet wird, bleibt sie unbezahlt. Solange sie als »natürlich« gilt, bleibt sie eine Frage des individuellen Schicksals – und keine der politischen Verantwortung.
Schluss damit. Es ist nicht die Aufgabe von Frauen, ihre Arbeit sichtbarer zu machen. Es ist die Aufgabe dieser Gesellschaft, aufzuhören, sie unsichtbar zu halten. Denn wer unsichtbare Arbeit leugnet, leugnet auch die Ausbeutung, die dahintersteht. Und die muss im Jahr 2026 endlich beim Namen genannt werden: Klassenkampf im Kleinen. Systematische Entwertung. Patriarchale Profitlogik.











