Robert Pfaller © Peter Rigaud
Robert Pfaller © Peter Rigaud

Die Kunst, ungenießbar zu sein

Es gibt Philosophen, die den Menschen erklären wollen, wie sie besser leben sollen. Während andernorts vor den Verlockungen des Genusses gewarnt wird, richtet Robert Pfaller in seinem neuesten Buch »Klare Striche zu wunden Punkten« den Blick auf dessen Gegenteil: die Askese als Lebensform.

Robert Pfaller ist eine der prägendsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsphilosophie. Die in »Klare Striche zu wunden Punkten« (schon der Titel ist wunderbar) versammelten Essays kreisen um jene Empfindlichkeiten, an denen sich der öffentliche Diskurs der Gegenwart wundreibt. Pfaller diagnostiziert keine moralische Verwahrlosung, sondern vielmehr eine moralische Überhitzung. Dieser Begriff erinnert an Byung-Chul Hans Kritik der Müdigkeitsgesellschaft, in der die Leistungsorientierung durch eine neue Form der Selbstoptimierung ersetzt wird, die sich vor allem in moralischer Reinheit manifestiert. Widerspruch gilt rasch als Angriff, Ironie als Grenzüberschreitung, Kritik als Verletzung. Wo früher gestritten wurde, wird heute häufig beschämt. Diese Dynamik lässt sich sehr gut z. B. in den Debatten um Cancel Culture beobachten, wo öffentliche Äußerungen nicht mehr argumentativ sachlich widerlegt, sondern durch soziale Ächtung sanktioniert werden. Sensibilität dient dabei nicht selten weniger der Empathie als der sozialen Distinktion. 

Nicht der Hedonist ist für Pfaller die problematische Figur der Gegenwart, sondern derjenige, der sich den kleinen und großen Ausschweifungen des Lebens verweigert – und damit am Ende nicht nur sich selbst, sondern auch anderen zur Last fällt. Sein schöner Satz bringt diese Haltung auf den Punkt: »Nur wer nicht genießt, ist ungenießbar.« Hier klingen Motive aus Friedrich Nietzsches Kritik der Herdenmoral an: Wer sich dem Leben verweigert, wird selbst zur Last für die Lebendigen. Robert Pfaller radikalisiert diese Idee, indem er Genuss nicht als individuellen Luxus, sondern als soziale Pflicht begreift. 

Pfaller polemisiert mit sichtlichem Vergnügen gegen diese Entwicklung. Political Correctness erscheint ihm weniger als Instrument der Befreiung, denn als Ausdruck eines neoliberalen Moralismus, der gesellschaftliche Konflikte in Fragen der Sprache verwandelt. Materielle Ungleichheiten verschwinden hinter kulturellen Debatten, während moralische Reinheit zum Statussymbol avanciert. Die Folge sei eine Gesellschaft, die zwar unablässig über Rücksicht spricht, aber immer schlechter mit Differenz, Ambivalenz und Widerspruch umgehen kann. In der herrschenden Sprachsensibilität sieht Robert Pfaller gar ein neoliberales Symptom: Während sich die Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten massiv verschärft habe, werde das Leid auf die Sprachebene verschoben und damit entpolitisiert. Die Profiteur*innen: Aufpassergruppen einer neuen Mittelschicht.

Praxis der Unvernunft

Dabei erschöpft sich Robert Pfallers Philosophie keineswegs in kulturkritischer Polemik. Sein Plädoyer für die Unvernunft ist keine Einladung zur Beliebigkeit, sondern eine Verteidigung jener menschlichen Fähigkeiten, die in einer durchoptimierten Welt zunehmend unter Generalverdacht geraten bzw. geraten sind: Genuss, Spiel, Verschwendung, Humor/Satire und kontrollierter Exzess. Der Mensch, daran erinnert uns der in Linz lehrende Philosoph, ist eben nicht nur animal rationale, sondern ebenso ein von Johan Huizinga geprägtes animal ludens. Doch während Huizinga das Spiel als kulturelles Phänomen analysiert, betont Pfaller dessen subversives Potenzial: Spiel und Genuss als Akte des Widerstands gegen eine Welt, die alles in Nutzen und Effizienz übersetzt. Denn gerade in den Momenten, in denen wir nicht ausschließlich zweckorientiert handeln, verwirklicht sich ein wesentlicher Teil menschlicher Freiheit. 

Robert Pfallers Gegenentwurf richtet sich gegen eine Vernunft, die keinen Widerspruch mehr duldet und sich selbst zur letzten Instanz erhebt. Unvernunft bedeutet bei ihm deshalb nicht Irrationalität, sondern die Weigerung, jede Lebensäußerung unter den Maßstäben von Effizienz, Gesundheit oder moralischer Korrektheit zu bewerten. Wer niemals Maßlosigkeit zulässt, verliert irgendwann auch die Fähigkeit zum Genuss. Besonders eindringlich wird diese Diagnose dort, wo Pfaller über Scham schreibt. Scham ersetzt heute oft das Argument. Statt politische oder technische Lösungen zu suchen, werden individuelle Verfehlungen moralisch markiert (Flugscham, Fleischkonsum etc.). Robert Pfaller greift hier die Kultur der Selbstoptimierung auf, in der Scham nicht mehr als soziales Regulativ, sondern als Instrument der Disziplinierung fungiert. Nicht selten entsteht daraus eine Kultur der Selbstkontrolle, die den öffentlichen Streit eher verhindert als befördert. Pfaller plädiert dagegen für mehr Gelassenheit, mehr Ironie und mehr Lust an der Auseinandersetzung.

Auch die Kunst bleibt von Robert Pfallers Kritik nicht verschont. Wo sie sich nur noch als Träger moralisch erwünschter Botschaften versteht, verliert sie ihre eigentliche Freiheit. Als die Documenta fifteen wegen antisemitischer Motive in den Ausstellungen in die Kritik geriet, wurde die Diskussion schnell auf die Frage reduziert, ob Kunst erlaubt sei – statt zu fragen, was Kunst darf und kann.

Kunst soll irritieren dürfen, widersprechen, verführen und gerade nicht ausschließlich pädagogischen Zwecken dienen. Ihre Autonomie ist für Pfaller keine ästhetische Marotte, sondern Voraussetzung einer offenen Gesellschaft.

Kleine Einwände

So überzeugend viele von Robert Pfallers Diagnosen sind, bleiben auch Fragen offen. Mitunter klingt sein Lob des Genusses so, als richte es sich vor allem an jene, die bereits über die kulturellen Voraussetzungen verfügen, um die von ihm gepriesenen »raffinierteren Erzeugnisse unserer Kultur« zu schätzen. Genuss erscheint dann weniger als universelle menschliche Fähigkeit, denn als Privileg der Gebildeten. Auch seine Kritik an der Political Correctness neigt gelegentlich zu scharfer Zuspitzung. Dass sprachliche Sensibilität durchaus emanzipatorische Wirkungen entfalten kann, gerät dabei bisweilen aus dem Blick. Pfallers Stärke liegt weniger in der ausgewogenen Abwägung als in der pointierten Polemik – und gerade daraus bezieht sein Denken einen großen Teil seiner Wirkung. 

Was dieses Buch jedoch vor allem auszeichnet, ist seine Sprache. Robert Pfaller schreibt mit einer Eleganz, die im philosophischen Betrieb selten geworden ist. Seine Sätze sind präzise, witzig und voller überraschender Wendungen. Er verbindet analytische Schärfe mit literarischer Leichtigkeit und kultiviert eine Ironie, die niemals bloß dekorativ wirkt, sondern stets Erkenntnis stiftet. »Klare Striche zu wunden Punkten« ist deshalb weit mehr als eine kulturkritische Essaysammlung. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, das Leben nicht ausschließlich unter moralischen oder ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten. Wer Robert Pfallers Essays liest, muss seinen Thesen nicht in allem zustimmen. Man wird ihnen aber schwerlich ihre intellektuelle Brillanz, ihren Witz und ihre Lust am Widerspruch absprechen können. Und vielleicht bleibt nach der Lektüre tatsächlich jener eine Satz im Gedächtnis, der Robert Pfallers gesamtes Denken zusammenfasst: Nur wer nicht genießt, ist ungenießbar.

Robert Pfaller: »Klare Striche zu wunden Punkten«, Paperback, S. Fischer 2026, 272 Seiten, € 23,95 (AT) / € 22,00 (DE)

Link: https://www.fischerverlage.de/buch/robert-pfaller-klare-striche-zu-wunden-punkten-9783103977585 

Home / Kultur / Readable

Text
Petra Kislinger

Veröffentlichung
25.07.2026

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