Attwenger haben nie Musik gemacht, die gefallen wollte. Seit jener ersten denkwürdigen Kassette mit VHS-Tag Anfang der Neunzigerjahre und dem sehr klaren, programmatischen Satz »Attwenger heißt im Dialekt denken, heißt den Schädel in den Most tunken« verwehren sich Hans-Peter Falkner und Markus Binder jeglicher Form der Einordnung. Das Duo spielt eine radikale und wilde Musik, eine Art Bastard aus althergebrachter Volksmusik (aber natürlich ohne dumpfe Volkstümelei), Mundartgesängen, HipHop, Trap, (Slang-)Punk, Drum’n’Bass, Ernst Jandl, Breakcore und Dadaismus – und ist damit nur höchst unvollständig beschrieben.
Attwenger verweigern seit 1991 einer Welt die Zustimmung, in der Happiness zum Business wurde und »die Leute zwar weit sind, aber nicht weiter« und stellen den Zuständen und Umständen ihre Musik in den Weg. Insofern spielen sie durchaus auch eine Art »folklore imaginaire«1, wie eine utopische Musik bezeichnet werden kann, die sich eine andere Musik vorstellt, ja, erträumt, und die gleichzeitig daran interessiert ist, andere Verhältnisse herzustellen. Mit »wos«, ihrem zehnten Studioalbum nach »most«, »pflug«, »luft«, »song«, »sun«, »dog«, »flux«, »spot« und »drum«, führen Attwenger diese radikale Eigenständigkeit nicht bloß fort; sie treiben sie auf einen neuen Höhepunkt.
Freude am Unsinn
»wos« ist kein gewöhnliches Album. Es ist ein philosophisches Manifest im wunderbaren oberösterreichischen Idiom, eine soziologische Bestandsaufnahme der Gegenwart (»Ned oiwei nua am Hendi henga«) und eine Art rhythmische Kampfansage an die Zumutungen einer Welt/Gesellschaft, die sich nur mehr optimiert und dabei zunehmend ihre Menschlichkeit verliert. Attwenger liefern dafür aber keine Theorie im akademischen Sinne, sondern eine gelebte Praxis des Widerstands: roh, laut, scheppernd und polternd, komisch und zutiefst lebendig. Schon beim ersten Durchhören des Albums muss ich lachen, nicht dieses routinierte, höfliche Lachen gesellschaftlicher Konvention, sondern das eruptive, subversive Lachen im Sinne einer unbändigen »Freude am Unsinn«, das Nietzsche als die einzig angemessene Reaktion auf die Absurdität der Welt verstanden hat. Attwenger wissen seit jeher, dass das Humoristische und das Politische keine Gegensätze sind, im Gegenteil. Humor ist ihre schärfste Waffe.
Bereits die scheinbar beiläufige Frage »Waun s’ mi segn, frogn s’ mi glei: ›Wo bist du, auf wölcher Seitn?‹« öffnet einen Bereich, in dem sich die simplen Zuschreibungen in unserer gegenwärtigen Welt auflösen. Denn Attwenger verweigern hier die billige Eindeutigkeit und liefern auch keine moralischen Gebrauchsanweisungen. Stattdessen sezieren sie unsere gesellschaftlichen Verhältnisse mit der Präzision von (wirklich guten) Kabarettisten und der Wucht einer Punkband. »Wos duast mit hundert Millionen und tausenden Milliarden? / Waun da Reichtum ned verteilt wird, jo, daun derfst di a ned wundern.« Das ist keine agitatorische Parole, sondern einfach nur nüchterne Diagnose. Der Kapitalismus nicht als theoretisches Feindbild, sondern als Alltagserfahrung, als System permanenter Schieflagen.
Körperliche Politik
Aber es wären nicht Attwenger, wenn sie auf dieser Analyse stehenblieben. Und darin liegt die Größe dieses Albums. Wo andere in kulturpessimistischer Pose erstarren (ich nehme mich da nicht aus), formulieren sie eine kluge Gegenutopie – und die ist wunderbar tanzbar. »Wir woin entspannten Sozialismus, olle gratis in Discos / Allgemeinen Feminismus und weniger Stress.« Selten wurde politische Sehnsucht so grandios in Text und Musik übersetzt. Sozialismus ist keine autoritäre Doktrin, sondern die Vision einer solidarischen Leichtigkeit, einer Welt, in der Wohnen, Würde und Teilhabe keine Privilegien mehr sind.
Überhaupt gelingt Attwenger auf »wos« etwas, das gegenwärtig beinahe unmöglich scheint oder schien: Sie verwandeln Politik wieder in Körperliches, da groovt und stolpert und schnaubt und tanzt es. Wenn es heißt: »Es wird immer enger, des Wossa bis zum Hois / De Fliagn, de fliagn nimma, so crazy is des ois«, dann verdichten sich Klimakrise und allgemeine Erschöpfung zu wenigen Zeilen von beinahe beängstigender Präzision. Und dann kommt der Refrain, der sich weigert, in Resignation zu verfallen: »Und wir woin kan Rassismus und kan Nationalismus / Oba mehr Optimismus, weil sonst wird olles witzlos.« Dieser Optimismus ist natürlich nicht naiv, denn Attwenger wissen sehr gut, wie prekär Hoffnung geworden ist – deshalb insistieren sie darauf. Das Politische entsteht hier aus Gemeinschaft – Diskos, Tanzflächen, Überschwang. Vielleicht liegt genau darin die heimliche Radikalität dieses Albums: Im Beharren darauf, dass Freude auch eine Form des Widerstands sein kann!
Streitbarer Humor
Fantastisch ist dabei auch der Humor, mit dem Attwenger die Absurditäten spätkapitalistischer Prioritäten aufdecken. »Billig Wohnen für olle und kan Weltraumtourismus« – prägnanter lässt sich die moralische Schieflage unserer Gesellschaft kaum formulieren. Während Milliardäre vom Flug ins All träumen, kämpfen andere um leistbaren Wohnraum. »An g’scheiten Algorithmus und kan Internetnarzissmus« – allein diese Zeile enthält mehr Gegenwartsanalyse als viele feuilletonistische Essays. Attwenger begreifen das Digitale als Symptom einer Gesellschaft, die Gemeinschaft zunehmend durch Selbstdarstellung ersetzt. Dass sich »wos« auch der Geschlechterfrage widmet, ist nur konsequent. Besonders in den feministischen Gstanzln entfaltet das Album seine größte Bosheit. In »mau« wird das männliche Selbstbild gnadenlos zerlegt und als groteske Karikatur seiner selbst präsentiert: »Hod a volle Glotzn / Braucht si d’ Hoa ned woschn / Hod a murdstrum Schtian / Dafia goa koa Hian«.
Noch radikaler gerät »umdrahn«. Die traditionell eigentlich völlig harmlose Form des Gstanzls wird zu einem Vehikel feministischer Systemkritik. »Die Oide-Mauna-Energie is laut und fett und breit / Und wird jetzt endlich odrahd – is eh scho hechste Zeit!« Männer erklären, dirigieren, dominieren, Frauen hingegen bleiben unsichtbar oder werden systematisch übergangen: »Die Frau, die hod gsogd, wos schaustn so bled / Und da Mau hod bled gschaut, owa gredt hod er ned.« Der wiederkehrende Refrain »oiwei des söbe« wirkt wie die resignierte Zusammenfassung feministischer Geschichte, aber Attwenger verweigern auch hier die reine Klage: »Drum drahma die Verhältnisse jetzt endlich amoi um!« Der Imperativ bleibt bestehen und Veränderung erscheint nicht als theoretische Möglichkeit, sondern als historische Notwendigkeit.
Die Fliege im System
Attwengers Musik ist nie poliert, geschniegelt, glatt, algorithmisch optimiert. Sie rumpelt, sie kratzt, sie stolpert und explodiert. Falkner und Binder zelebrieren das Fehlerhafte, das Unkontrollierte, das Schräge. Dazu passt auch das Covermotiv der Fliege. Kaum ein Tier wird so abgelehnt, beinahe schon verachtet, wie die Fliege. Sie nervt, sie ist lästig, sie summt dazwischen, sie stört. Genau deshalb eignet sie sich perfekt als Symbol für Attwenger selbst. Sie sind die Fliege im System – jenes lästige, widerständige »Geräusch«, das sich nicht zum Schweigen bringen lässt: »Wos is? Is wos? Wos is los jetzt?«
Während sich die Musikindustrie zunehmend dem Diktat der Gefälligkeit unterwirft, Algorithmen über Geschmack entscheiden und Politik zur Entertainment-Ware verkommt, bleiben Attwenger ein Gegenmodell: unbequem, eigensinnig, notwendig. »wos« ist deshalb weit mehr als ein Album. Es ist eine Erfahrung, eine Herausforderung, eine Erinnerung daran, dass Kunst noch immer stören darf – ja vielleicht sogar stören muss. Oder, um es mit Attwenger zu sagen: »Basd oiso.«

1Die Musikerinitiative ARFI (Association à la Recherche d’un Folklore Imaginaire) in Lyon bediente sich dieses schönen Begriffs für eine »erfundene« neue Volksmusik und übertrug ihn vor allem auf eine bestimmte Version des Jazz – eine Musik, in der Alpenländisches auf Duke Ellington oder Ornette Coleman und afrikanische Musik auf die des Balkans, auf Kurt Weill, auf osteuropäischen Klezmer oder auf etwas völlig Neues, Ungehörtes treffen kann, alles verbunden in den Köpfen, Herzen und Tanzbeinen der Musiker*innen und der Zuhörerschaft und so weit weg von dumpfer Volkstümelei wie der Mars vom Zillertal. Siehe dazu: Quart, Heft für Kultur Tirol Nr. 37/21.











