Es ist knapp ein halbes Jahr her, da erschien »Mirages«, das letzte Album der belgischen Razen. Die Formation ist fleißig, und dass ihr über diesem Eifer nicht die Ideen ausgehen, ist erstaunlich. Andererseits: So ist das wohl, wenn man Musiker*in ist, wenn man eine künstlerische Ausdrucksform für sich gefunden hat und sich immer wieder unter Zuhilfenahme von variierenden musikalischen Mitteln und in unterschiedlichen personellen Konstellationen zusammenfindet, um zu tun, was man eben tun muss: Musik machen. Ihr neues Album, »Stained Glass Starling«, haben Razen als Quintett aufgenommen, und die relativ große Besetzung macht sich im druckvollen und dichten Sound der Veröffentlichung bemerkbar. Ein ganzes Arsenal unterschiedlicher Blas- und Streichinstrumente bestimmt das Klangbild. Der das Album eröffnende Titeltrack gibt die Richtung vor: Über eine Viertelstunde langgezogene und übereinanderliegende, an- und abschwellende Tonwellen erfüllen den Raum und das dichte Gewebe schwingender Frequenzen hüllt einen ein. Razen klingen hier und an verschiedenen anderen Stellen ihres neuen Albums wie eine akustische Version von Sunn O))), so beherzt – im Vergleich zu ihrer oft auch sehr zarten Herangehensweise – greifen sie in die Saiten und feuern aus allen Rohren bzw. Flöten. »Stained Glass Starling« ist ein verhältnismäßig lautes Album. Das heißt nicht, dass nicht auch Zeit und Raum für ruhige Zwischentöne wäre, aber der Gesamteindruck, den das Album hinterlässt, ist ein mächtiger, von musikalischer Souveränität und Selbstbewusstsein strotzender, als würden Razen in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen wollten, dass mit ihnen weiterhin zu rechnen ist. Mir müssen sie nichts beweisen, ich folge Brecht Ameel und Kim Delcour, seit sie vor über fünfzehn Jahren ihre ersten Aufnahmen veröffentlicht haben. Aber wer das dynamische Duo, das seit jeher auch in erweiterter Besetzung Alben aufnimmt und Auftritte absolviert, noch nicht kennt, kann mit »Stained Glass Starling« einen optimalen Einstieg in die vielgestaltigen Klangwelten von Razen finden. Ihr oft sowohl archaisch als auch sakral anmutender Ensemble-Folk hat historische Vorbilder, wie etwa die amerikanischen Oregon, die englische Third Ear Band oder die Gruppe Between, die international besetzt war und von München aus agierte. Sie eint, dass sie eine Vielzahl musikalischer (und gerne nicht-westlicher) Traditionen und Einflüsse in ihre jeweils sehr hybride und dennoch organische Musik haben einfließen lassen. Diese Herangehensweise findet sich auch bei Razen wieder: Die Wahl der zum Einsatz kommenden Instrumente und ihre spezifischen Klangfarben verweisen auch auf ihre geografische Herkunft und in der musikalischen Ausführung, den Kompositionen, scheinen immer wieder zum Beispiel nordafrikanische oder fernöstliche Motive auf. Razen musizieren aber nicht in der Vorstellung, die hier und da beliehenen und im Detail sehr spezifischen globalen musikalischen Traditionen nachahmen zu wollen. Die Musik ist im Kern experimentell und frei von strengen traditionellen und stilistischen Begrenzungen. Die Entfaltung von Klängen, das Erforschen (und mithin Strapazieren) von musikalischem Material ist ihre Sache und in dieser Herangehensweise stehen sie auch dem Minimalismus bzw. Deep Listening à la Pauline Oliveros nahe. Trotzdem finden ihre Materialproben und Forschungen stets eine musikalisch ansprechende Form. Man könnte sagen, Razen »übertreiben« es nicht, ihr Interesse an heterogenem musikalischem Material, exotischen Instrumenten und Tonleitern findet seinen Ausdruck immer in spannenden und zugänglichen Produktionen. »Stained Glass Starling« ist, wenn ich mich nicht verzählt habe, die zwanzigste Veröffentlichung von Kim Delcour, Brecht Ameel & Co. und ich freue mich schon auf die einundzwanzigste oder zweiundzwanzigste!
Razen
»Stained Glass Starling«
Viernulvier
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