Sogenannte »Kulturkämpfe« durchziehen alle Bereiche unserer Gesellschaft. Sie reichen von Debatten zu Kunstwerken und Kulturinstitutionen über Grätzlpolitik bis hinein ins Klassenzimmer. »Kulturkämpfe« werden bezüglich Videospielen, im Fitnessstudio, in Selbsthilfegruppen und in Dating-Apps ausgetragen. Ihre Allgegenwart erfordert es leider, dass sich alle – egal ob Journalist*in, Elternteil oder Elementarpädagog*in – mit ebenso emotionalen wie komplexen Themen auseinandersetzen. Umso wichtiger sind Einordnung und Kontextualisierung dieser »Kämpfe« und ihrer Mechanismen.
skug hat sich vorgenommen, dieser Problemlage im laufenden Jahr besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Wir laden deshalb Autor*innen aus Wissenschaft, Kunst und Aktivismus ein, einzelne Stichworte zum Thema »Kulturkampf« kurz und knackig zu bearbeiten (3.000–5.000 Zeichen). Die Beiträge werden im Laufe des Jahres in loser Folge online auf skug.at erscheinen, hierarchiefrei chronologisch geordnet und im Web dauerhaft und leicht zugänglich gehalten. So könnt ihr auch Jahre später nachschlagen, wenn wieder mal eine Debatte hitzig wird und klärende Worte helfen können – im ABC der »Kulturkämpfe«.
Mit unserer Artikelserie verfolgen wir ein doppeltes Ziel: Zum einen soll sie einen niederschwelligen, lebensweltlich anwendbaren Analysewerkzeugkasten anbieten. Sie soll Betroffene dabei unterstützen, jene Strategien einzuordnen, die politische Ziele auf Um- und Schleichwegen durchsetzen wollen. Es geht darum, unseren Tanten, Onkeln, Nichten und Neffen etwas digital in die Hand drücken zu können – nicht darum, Peter Filzmeier davon zu überzeugen, skug zu lesen. Andererseits wollen wir eine Plattform für kritische Debatten und Solidarität bieten. Wenn wir Angriffe auf und Vereinnahmungen von Kulturschaffenden sichtbar machen, ist das immer auch eine Einladung, Künstler*innen und Projekte zu unterstützen.
K wie »Kulturkampf«
»Kulturkämpfe« sind zutiefst menschlich – selbst wenn Bots manchmal an vorderster Front stehen. Sie werden von Personen mit konkreten Interessen, Zielsetzungen und Vorannahmen geführt. Sie haben nichts Natürliches. Wer glaubt, so etwas habe es »schon immer gegeben«, irrt. Sogar die Art, wie wir uns ihnen zuwenden, ist historisch vorgeformt. Das zeigt sich bereits am Begriff selbst. Der Ausdruck »Kulturkampf« wurde im 19. Jahrhundert geprägt, um Auseinandersetzungen zwischen Staaten einerseits und der (katholischen) Kirche andererseits zu bezeichnen. »Kulturkampf« meint hier einen Konflikt zwischen einer säkularen Regierung und Geistlichen. Dabei geht es zwar oft um »kulturelle« Themen, wie im »preußischen Kulturkampf« (1871–1878) um den Einfluss der Kirche auf das Schul- oder Ehewesen. Aber die Konfliktparteien sind Otto von Bismarck und der Pabst, nicht Peter und Andi vom Tisch nebenan.
Die moderne Verwendung des Begriffs entstand erst 100 Jahre später. Im Zuge einer empirischen Datenerhebung zu religiöser Autorität in den USA stellte der Soziologe James Davidson Hunter in den 1980ern fest, dass fundamentalistische Katholik*innen, Evangelikale und orthodoxe Jüd*innen mehr Gemeinsamkeit miteinander hätten als zu liberalen Gläubigen innerhalb ihrer eigenen Tradition. Hunter erklärte sich dies damit, dass Konservative und Liberale auf fundamental verschiedene Werteordnungen zurückgreifen würden. Erstere, führt Hunter in einem neueren Interview aus, glauben konfessionsübergreifend, dass nur »transzendente Quellen« uns Wissen über das Gute erlangen lassen: z. B. die Heilige Schrift, die Tora, eine göttliche Offenbarung. Liberale würden demgegenüber davon ausgehen, dass die Wahrheit aus einer »weltlichen, wissenschaftlichen oder subjektiven Erfahrung« abgeleitet sei.
Für Konservative fungieren religiöse Texte als Bewertungskriterium für moderne Erfahrungen (Sind Patchwork-Familien mit den Zehn Geboten vereinbar?); Liberale greifen ausgehend von modernen Erfahrungen auf religiöse Texte zurück (Was können Patchwork-Familien von den Zehn Geboten lernen?). Hunter schloss daraus, dass es – aller Gesprächsbereitschaft zum Trotz – letztlich immer eine unüberbrückbare Kluft zwischen beiden Ausrichtungen gebe. Man hätte es mit zwei unvereinbaren »Kulturen« zu tun. Dass beide Parteien im »Kampf« lägen, sei vorprogrammiert. 1991 übersetzt Hunter das in ein reißerisches Schlagwort: »Culture Wars«. Der »Kulturkampf« ist hier nicht mehr eine historische Auseinandersetzung zum Verhältnis von Staat und Kirche. Er wird Wesensmerkmal moderner Gesellschaften.
Konservative Prägung
Hunters Thesen sind in der heutigen Wissenschaft umstritten. Schule gemacht haben sie dennoch – vor allem unter Rechten. Ausschlaggebend war hier der US-Republikaner Pat Buchanan. 1992, ein Jahr nach der Veröffentlichung von Hunters Buch, war George Bush Senior der Präsidentschaftskandidat der Grand Old Party. Um ihn zu unterstützen, hielt Buchanan im August eine Rede auf dem Nationalkonvent der Republikaner, die als »Culture War Speech« in die Annalen der Partei eingehen sollte. Darin wettert der rechtsextreme Paleo-Konservative gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, »radikale Umweltschützer« und »die Jauche der Pornographie«. Doch all das drehte sich um ein und dieselbe Sache.
»Meine Freunde,« donnert Buchanan, »bei dieser Wahl geht es um mehr als darum, wer was bekommt. Es geht darum, wer wir sind. Es geht darum, was wir glauben und wofür wir als Amerikaner stehen. Es gibt einen Religionskrieg in diesem Land. Es gibt einen Kulturkrieg [cultural war]. Für die Art der Nation, die wir sein werden, ist er so wichtig wie der Kalte Krieg. Denn in diesem Krieg geht es um die Seele Amerikas.« Und der geübte Redner fügt hinzu: »In diesem Kampf um die Seele Amerikas stehen Clinton & Clinton auf der anderen Seite und George Bush auf unserer.« Der »Kulturkampf« im Sinne Buchanans ist ein manichäistisches Aufeinanderprallen von Gut und Böse, kein Ringen mit den großen Fragen menschlicher Existenz.
Dieses Framing wird nicht sofort dominant. In den 2000ern übernehmen es immer mehr Neokonservative und rechte Medienplattformen wie Fox News. Aber erst in den 2010ern avanciert der »Kulturkampf« zur zentralen Brille des konservativen Mainstreams. Dabei wärmen ihre Aktivist*innen bevorzugt altbekannte Themen auf: Sexuelle Selbstbestimmung, die Rechte von Minderheiten oder angeblich »radikale« Klimaschützer*innen sind seit Jahrzehnten ein rotes Tuch in diesen Kreisen. Doch nun fügen rechte Agitateur*innen hinzu, das seien Projekte einer »globalistischen Elite«, die »kulturell dominant« sei. Das Framing fungiert hier als Mittel der Vereinfachung: Wenn es nur zwei Seiten, nur zwei unvereinbare Wertesysteme gibt, sind die Spaltungen zwischen Linken und Liberalen vollkommen irrelevant. Aus dieser Sicht sind altgediente Sozialdemokrat*innen, aufmüpfige Kommunist*innen und queere Finanzbros eine »Einheitspartei«.
Kein neutraler Begriff
Leider ignorieren viele Medien diese Begriffsgeschichte. Allzu leichtfertigt wird heute jedes Politikum zum »Kulturkampf« erklärt: Kopftücher in Schulen, POC in Filmen und Fragen der Verkehrspolitik. Damit befördern Medien – meist unwissentlich – rechte Diskurse. Dass es weniger Autos und mehr öffentliche Infrastruktur braucht, ist aus der Sicht von Umweltaktivist*innen eine zivilisatorische Überlebensnotwendigkeit, keine Angelegenheit von Kultur. Erst Rechte und Konservative machen daraus einen »Kulturkampf«, indem sie den motorisierten Individualverkehr als Ausdruck einer unvereinbaren Werthaltung interpretieren.
Ebenso wenig ist von Beginn an ausgemacht, dass die Rechte von LGBTQ+ eine »kulturelle« Angelegenheit sind. Ob queere Pärchen im Pflegefall Anspruch auf Unterstützungsleistungen durch den Staat haben, ist auch eine soziale Frage. Offen steht ihnen das aber nur, wenn sie heiraten können. De facto ist die Ehe genauso ein soziales Netz ist wie eine Unfallsversicherung. Das Ringen um die Rechte von LGBTQ+ auf einen »Kulturkampf« zu reduzieren, ist vor diesem Hintergrund keine neutrale Aussage, sondern eine politische Positionierung.
skug plädiert daher dafür, den Ausdruck nur unter Anführungszeichen zu verwenden. »Kulturkampf« ist kein rein beschreibender Begriff, sondern eine bestimmte Brille auf die politischen Auseinandersetzungen unserer Zeit. Wer ihn unkritisch übernimmt, läuft Gefahr, rechten Narrativen Vorschub zu leisten.
Ein Analysewerkzeugkasten
Wagen wir also folgendes Zwischenresümee: Einerseits sind »Kulturkämpfe« heute überall. Insbesondere wer sich für Kunst und (Sub-)Kultur interessiert, kommt um sie nicht herum. Andererseits sind die theoretischen Voraussetzungen und Mechanismen dieser »Kämpfe« oft unterbelichtet. Versuchen wir, sie besser zu verstehen! Dafür möchten wir mit unserer Artikelserie ein Angebot machen: einen niederschwelligen Analysewerkzeugkasten. Ein ABC der »Kulturkämpfe«.
In diesem Jahr werden wir also in enzyklopädischer Form durchbuchstabieren, was »Kulturkämpfe« ausmacht, und die Analysen anhand konkreter Stichworte veranschaulichen. Einerseits sollen dabei Fachtermini aus den Sozial- und Kulturwissenschaften (z. B. Framing, Dogwhistling, Intersektionalität) sowie aus Philosophie bzw. politischer Theorie (z. B. Hegemonie, »Common Sense«) im Fokus stehen. Andererseits werden unsere Autor*innen ebenso polemische Begriffe, die Mittel von »Kulturkämpfen« sind, analysieren und einordnen (z. B. »Fake News«, »Cancel Culture«, »Weltanschauung«). Jeder Eintrag ins »ABC« soll praktisches Wissen vermitteln und bei der Einordnung helfen, um nicht rechter Agitation auf den Leim zu gehen.
Und weil skug ein Community-Medium ist, sind auch unsere geneigten Leser*innen eingeladen, mitzumachen! Wer einen Artikel schreiben möchte, zu einem bestimmten Begriff, den wir in der Serie noch nicht abdecken konnten, unbedingt den Vorschlag melden unter: mitarbeit@skug.at. Wir freuen uns!











