Gute Erinnerungen und böse Ahnungen werden wach, als ich in einem Dokumentarfilm zur Ukraine knieende Menschen an einer Straße sehe, die ich 2004 zum Teil im Rahmen einer Recherche mit dem ukrainischen Essayisten, Germanisten, Übersetzer und Literaturwissenschafter Jurko Prochasko (damals am Ende seiner psychoanalytischen Ausbildung) für den Fotoband »Galizien-Bukowina-Express« (Turia+Kant) bereiste. Tief senkt sich die Trauer über diese galizische Landschaft im Schneetreiben. Wo der Leichenwagen auf einer Strecke Richtung Iwano-Frankiwsk vorbeifährt, verneigen sich die Menschen vor dem gefallenen Soldaten, um die letzte Ehre zu erweisen. Die Filmemacherin Ksenia Marchenko beschreibt im Kapitel »Anatomie des Abschieds« im Buch »Geteilter Horizont – Die Zukunft der Ukraine« diesen »kollektiven Empfang des Leichnams eines Gefallenen, die in kleinen Siedlungen zu einem neuen Teil des Rituals geworden ist. Bei jedem Wetter, Tag und Nacht, knien die Menschen auf der Straße vor ihren Privathäusern nieder, wenn das Auto mit dem Verstorbenen vorbeifährt. Dort knien Menschen jeden Alters, mit Krücken, in Tüchern, Hauskleidung, Uniform, Anzug, Arztkleidung, mit Fahnen in der einen und Blumen in der anderen Hand, die sie dem Auto hinterherwerfen, so dass sich ein Weg von Schnittblumen bildet, der den letzten Weg symbolisiert.« Soziale Medien zeigen immens viele Videos von Friedhöfen und doch fällt Marchenko auf, dass auf öffentlichen Ruhestätten die Gräber von zivilen Opfern, deren Schicksale für internationale Menschenrechtsverfahren dokumentiert werden, nicht gekennzeichnet werden.

Kinematografisches Erlebnis grausamster Art
Zivilist*innen sind keineswegs vor Drohnenangriffen sicher. Das über diesen Zeilen befindliche Foto mit schutzsuchenden Frauen auf dem Asphalt offenbart den dramatischen Horror, dem auch normale Bürger*innen hilflos ausgesetzt sind. Es ist wie alle weiteren Abbildungen in diesem Artikel in der von Dokumentar- und Pressefotograf George Ivanchenko stammendem Fotostrecke des Buches enthalten. Dieser die Inhumanität verschärfende Krieg der Drohnen wurde im Lauf der Kriegsjahre auf beiden Seiten intensiviert und führte zu einem festgefahrenen Stellungskrieg, den Putins Armee mit andauernden Bombardements zu zermürben, zu durchbrechen versucht. Es ist eine Tatsache, dass Soldaten aus Angst vor der absoluten Ausgesetztheit gegenüber dieser tödlichen, sehr lange unsichtbaren Waffe Selbstmord begingen …
Der Dokumentarfilmer, Filmkritiker und Fotograf Yuriiy Hrytsyna, widmet seinen Text »Ein Luftkrieg zum Mitmachen« – eine Anspielung auf die kreative ukrainische Drohnenfertigung via Crowdfunding; die ersten systematischen Hobbydrohneneinsätze gehen auf den IS im irakischen Mussul 2016 zurück – seinem Freund Yevhen Holevych, der zu Silvester 2022 bei einem Drohnenangriff in Bachmut ermordet wurde. Hrytsyna zitiert Jean Cocteau, der einmal meinte, dass im Kino zu sitzen bedeute, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen, und schließt daraus: »Im Falle einer Drohne wird es zu einem kinematografischen Erlebnis grausamster Art.« Jede größere Drohneneinheit hat einen eigenen Telegram-Kanal, auf dem die Hinrichtungen von Soldaten gepostet werden. Zynischerweise wird von den Diktatoren der Wert eines Soldatenlebens am Drohnenwert bemessen: »Als der weißrussische Machthaber Alexander Lukaschenko verlautbaren ließ, es sei ›nachgerechnet worden, dass ein Soldatenleben fünfmal so teuer ist wie die Drohne, die ihn im Feld jagt‹, wird die Arithmetik des Todes, die Russland betreibt, fassbar. Der Durchschnittspreis einer selbstgebastelten FPV-Drohne beträgt 400 Euro, mit einer befestigten Munition würde diese rund 1.000 Euro kosten.«

Ungewissheit als psychische Gewalt
Was aber, wenn ein Soldat nach dem Einsatz vermisst wird? Wie Mykola, der Mann von Maryna, verschwunden zwischen dem 26. und 27. April 2023, als russische Militärs Stellungen in der Nähe von Adwijiwka im Gebiet Donezk (derzeit besetzt) stürmten. Diesen Schmerz, diese nervenaufreibende Erfahrung beschreibt Maryna Aleksandrovych, die auch einfühlsam ihre von immens vielen Luftalarmen unterbrochene Lehrtätigkeit an einem Gymnasium in Poltawa Revue passieren lässt, in »Uneindeutiger Verlust«. Die Trauer der Lektorin, Übersetzerin und promovierten Philologin hat kein Ende, bis die Ungewissheit geklärt ist, und es geht ihr schlechter denn je, denn ihre Advocacy-Arbeit für die NGO Voyatzki Vyzil, die sich für die Rechte von Ukrainer*innen und Gerichtsbarkeit russischer Bürger*innen einsetzt, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, trägt keine sichtbaren Ergebnisse.
»Der staatliche Koordinierungsstab berichtet, dass von denjenigen, die 2024 im Rahmen eines Gefangenenaustausches zurückkehrten, etwa 20 Prozent als vermisst galten: Russland hatte sie nicht in die offizielle Liste der Gefangenen aufgenommen und das IKRK hatte keinerlei Informationen über sie als Gefangene. Russland hat als totalitärer Staat unter Verletzung der Normen des humanitären Völkerrechts und der Genfer Konventionen ein System geschaffen, in dem es Kriegsgefangene, welche keinerlei Rechtschutz genießen, versteckt hält, ohne Kontakt zur Außenwelt, sie systematisch foltert und unmenschlich behandelt.« Es existieren mehr als zehn Arten von Folter, darunter die Inszenierung von Todesstrafe oder Schreie hören müssen, wenn andere gefoltert werden, für viele Ex-Gefangene die schrecklichste Methode, wobei nach einer Studie von UN-Expert*innen 95 Prozent der aus russischer Gefangenschaft entlassenen Soldaten gefoltert wurden oder anderen inhumanitären Verstößen ausgesetzt waren.

Kriegskinder
Die Rechts- und Sozialanthropologin Nataliya Tchermalykh hat während ihrer Kindheit oft den Ausdruck »Dytyna wijny« – Kriegskind – gehört, was den Rechtsstatus kriegsverletzter Kinder betrifft, der nun nicht mehr nur für im Jahr 1945 Unter-18-Jährige gilt. Der willkürliche Dauerterror der russischen Kriegsmaschinerie beschränkt die aufwachsende Generation junger Ukrainer*innen drastisch in ihren Wahlmöglichkeiten und doch soll ein noch fürchterlicheres Ereignis Beispiel geben, dass selbst in absoluter Bedrängnis der Glaube an eine bessere Zukunft eine unmenschliche Situation zumindest etwas lindern hilft. Im März 2022 wurden 368 Menschen des Dorfes Jahidne nahe der Grenze zu Belarus in einen stickigen, 197 m2 messenden Keller des Schulgebäudes eingesperrt. Zehn Personen starben bis zur Befreiung und nur mehr auf einem Foto ist ein auf die Kellerwände gemaltes Freskos erhalten. »Es zeigt, dem Mangel an Sauerstoff zum Trotz, rote Herzen, gelbe Sonnen, lächelnde Gesichter, ukrainische Flaggen sowie mehrere furchterregende Ungeheuer, die von Schmetterlingen umflattert werden.«
Womit wir bei der Resilienz laut Viktor Frankl gelandet wären, doch so einfach ist es nicht, wenn der Krieg in alle Poren, in alle Gehirnzellen vordringt. Jurko Prochaskos Essay »Die lebendigen Seelen« ist eine bestürzende Momentaufnahme davon, wie sich der Kriegsterror in die ukrainischen Menschen hineinfrisst: »Er ist total, denn es gibt keinen Ort mehr in der Seele, wo er nicht wäre. Auch im Schlaf. Es gibt keinen Zoll und keinen Winkel in der Psyche, die intakt geblieben wären, unberührt von der schrecklichen Allgegenwart dieses Krieges. Es gibt auch keinen inneren Ort mehr, wohin man sich flüchten oder wo man sich verstecken könnte. Die Verdrängung versagt, die Verneinung ist ein Versagen, die Verleugnung ist ein Zusammenbruch. Der Krieg bestimmt alles, was in der Psyche sich vollzieht. Bewusst und auch unbewusst, mittlerweile von innen heraus. Deshalb haben wir es mit den Seelen im Krieg zu tun, die den Krieg in den Seelen haben.« Dass Einfälle frei sein können, eine grundlegende Annahme der Psychoanalyse, wird vom Krieg determiniert, der sich im Unbewussten eingenistet hat. »Freie Einfälle, das bedeutet heute etwas anderes: die Freiheit, willkürlich und unbestraft in ein fremdes Land einzufallen und gerade darin die Essenz der eigenen Souveränität zu sehen. Nur vertragen sich diese beiden Freiheiten der Einfälle schlecht miteinander.«

Auslöschung der Ukraine als Ziel
Jurko Prochasko verurteilte immer das Appeasement EU-Europas: Auch in einem Text »Putins Sirenen« für skug aus dem Jahr 2015. Dieser unnötige Krieg hätte vermieden werden können, wäre mehr auf die zahlreichen warnenden Stimmen aus Osteuropa gehört worden und hätten westliche Politiker*innen die Klartext-Reden Putins ernst genommen. Aus 2008 ist gemäß Heidi Tagliavini, Schweizer Sondergesandte im Auftrag der UNO oder OSZE u. a. für Friedensmissionen im Nord- und Südkaukasus, eine private Bemerkung Putins zu George Bush am Rande des NATO-Russland-Gipfels in Bukarest überliefert: »George, Sie müssen verstehen, dass die Ukraine noch nicht einmal ein Land ist. Ein Teil ihres Territoriums gehört zu Osteuropa und der größte Teil zu uns.« Das Gespräch mit Co-Herausgeberin Katharina Raabe unter dem Titel »Chancen und Grenzen diplomatischen Handelns im Krieg« liefert einen sehr ernüchternden Befund. Die Minsker Abkommen brachten zwar einen Waffenstillstand im Donbass, doch Tagliavani wurde »immer wieder hingehalten und für Dinge mobilisiert, die entweder undurchsichtig, suspekt oder guten Gewissens nicht vertretbar waren. Das unangenehme Gefühl, immer erst im letzten Moment zu erfahren, was gespielt wurde, die dunkle Ahnung, erneut von Ereignissen überrumpelt zu werden, die bereits getroffene Abmachungen zunichtemachten – das habe ich in diesem Ausmaß nie zuvor erlebt. Undurchschaubarkeit und Unberechenbarkeit waren, zumindest für mich als Vertreterin der OSZE, ständige Begleiter.«
Fatalerweise sind nun nicht nur Russland und China einer imperialen Großmannsucht verfallen, sondern zum Leidwesen aller Ukrainer*innen seit dem inferior-autoritärem Trump-Regime II auch die USA, die Europa einmal mehr seine Handlungsunfähigkeit vorführte. Diesem »Niedergang« hat sich die in Toronto lehrende Marci Shore angenommen und einige Autor*innen mehr befassen sich mit den geopolitischen Verwerfungen. Wilfried Jilge, wie Marci Shore Osteuropa-Historiker, schildert, welche enorme Bedeutung die Krim und die eroberten Gebiete des sogenannten Neurussland für Russlands versuchtes »Ausgreifen nach Süden« sind. Des Weiteren stellt Angelika Nußberger, ehemals Richterin am europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Direktorin an der Akademie für europäischen Menschenrechtsschutz, die missbräuchlichen Verdrehungen und Umdeutungen des Völkerrechts seitens der russischen Staatsideologiepropaganda bloß. Dass diese eigentlich nicht konform mit dem Vasallenstaat Belarus ist, erläutert der auf Osteuropa und Weißrussland spezialisierte Autor und Journalist Ingo Petz treffend in »Widerstand und Terror in Lukaschenkos Aufmarschgebiet«.

Foltergefängnisse
Die mitunter planlosen Vorbereitungen auf Kämpfe auf dem Schlachtfeld und vielfaches Zu-Tode-Kommen und Verletzt-Werden schildert Ivan »Choopa« Yablonksy in »Sternenfabrik oder der Kampf um ein namenloses Wäldchen« auf eine ziemlich nonchalante Weise. Der Vater einer Tochter lässt in seinen Kurzgeschichten über den Kriegsalltag viel Galgenhumor aufblitzen, ist seit 2014 bei den ukrainischen Streitkräften und träumt davon, der Armee zu entfliehen, um endlich ein menschliches Leben beginnen zu können. Der Schriftsteller und Journalist Stanislaw Assejew beleuchtet in »MÜLL (CH.L.A.M.)« Wert und Wichtigkeit von Kristallgläsern in den Haushalten, wobei ihm eine skurrile Parabel auf Post-Sowjetismus und Krieg gelingt. Der inzwischen Demobilisierte ist einer Inhaftierung in einem Foltergefängnis der sogenannten Volksrepublik Donezk durch Gefangenenaustausch entronnen, wurde 2023/24 zweimal verwundet und begleitete gar ein Reise der Hauptverwaltung Aufklärung, deren Offiziere sich um die Evakuierung ukrainischer Staatsbürger*innen aus Syrien kümmerten, bei der Besichtigung des weltweit vermutlich tödlichsten Foltergefängnisses Saidnaya: »Alle Illusionen über Vernunft, historische Erfahrungen, Argumente und Gerechtigkeit lösen sich an solchen Orten auf. In den Gängen von Saidnaya ist das tatsächlich Müll.« Phänomenologisch ist auch die Methode der Literaturwissenschafterin Katja Petrowskaja, die ihren ersten Text auf Ukrainisch geschrieben hat. Sie erzählt in »Ukrainischstunden – Notizen einer Leserin« über die Neuorientierung im Raum der ukrainischen Sprache und Literatur, die auch Erfahrungen aus verschiedenen Kriegen bewahrt.

Krieg zerstört die Natur
Ein spannendes Lehrstück ist auch Yulia Danylevskas Bericht über ihre Zeit als »Spionin in einer besetzten Stadt«. Gemeint ist Cherson, dessen westliches Ufer dank HIMARS-Raketen befreit werden konnte. Die Waffenhilfe von Verbündeten aus der EU und den USA war und ist bestenfalls halbherzig, denn längst haben Danylevska und ihr Partner wegen des zermürbenden, unerträglichen täglichen Dauerbeschusses durch die russische Armee die zurzeit nur noch 40.000 Bewohner*innen zählende Stadt am Dnipro verlassen. Eine Folge des Rückzugs aus Cherson war auch die Sprengung des 1956 erbauten Kachowksa Staudamms. Dass jeder Krieg brutale Auswirkungen auf Klima und Natur hat, kommt in der Berichterstattung meist zu kurz. Ohnehin wäre die in der ukrainischen Steppe endemische Sandblindmaus, erstmals taxonomisch identifiziert von der ukrainischen Zoologin Ewdokia Reschetnik 1937, im Jahr von Stalins Großem Terror, auch wegen der neoliberalen Denk- und Wirtschaftsweise gefährdet. Die interdisziplinäre Forscherin Darya Tsymbalyuk konstatiert in »Krieg in der Steppe«: »Ihr mögliches Verschwinden ist jedoch kein isoliertes Ereignis, sondern steht für eine größere Bedrohung, für die Auslöschung ganzer Lebensräume, ja ganzer Welten. Während der Krieg diese bedrohten Arten ein letztes Mal in ein morbides Licht taucht, hat ihr vermeintlich plötzliches Verschwinden eine weitaus längere Vorgeschichte, die in den dominanten imperialen Vorstellungen wurzelt, in der die Steppe als leeres Land betrachtet wird oder als Raum, der von bestimmten Menschen, Arten und Lebensweisen befreit werden soll.«

Nähe wider Kriegstraumata
»Aus dem Nebel des Krieges. Die Gegenwart der Ukraine«, der Vorgänger dieses Buches, erschien im Februar 2023, als die Autor*innen und Herausgeberinnen noch dachten, dass der Kriegszustand unmöglich so lang andauern könnte. Die erlittenen und in letzter Zeit immens größer werdenden Kriegstraumata der ukrainischen Bürger*innen werden bleiben. Jurko Prochasko dazu: »Bei ihnen zu bleiben, einfach dabei zu sein, sie zu begleiten oder zumindest das aufrichtige Gefühl zu vermitteln, Anteil zu nehmen, ist das Wichtigste.« Dieses Buch sollte nun als Nachfolger uns Leser*innen im deutschsprachigen EU-Europa das Bewusstsein dafür, für das Leid der anderen, stärken und schärfen. Kateryna Mishchenko, Essayistin, Übersetzerin und Mitbegründerin des Verlags Medusa in Kyjiw, und Katharina Raabe, Lektorin für osteuropäische Kultur im Suhrkamp Verlag, konfrontieren in ihrer Nachbemerkung als Herausgeberinnen die Leser*innen mit Fragen, wie wir auf die ukrainische Gesellschaft blicken. »Sehen wir Exoten oder einsame Universalisten, die radikal für die Freiheit kämpfen? Teilen wir ihre Idee von Freiheit? Sehen wir das Universale und Exemplarische in ihrer Erfahrung? Oder ziehen wir eine unsichtbare Grenze, weil wir nicht zu tief in ihren Kampf verwickelt werden wollen? Nähe und Distanz bestimmen die Handlungsprinzipien der weiteren Politik gegen diesen brutalen Krieg.«

Link: https://www.suhrkamp.de/buch/geteilter-horizont-t-9783518029916











