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Der Ball rollt wieder

Traditionen sind wichtig, die Pandemie ist bekanntlich vorbei und skug glotzt wieder Super Bowl Halftime Show, als wäre nix gewesen. Diesmal mit der Crème de la Crème of US-HipHop. Resümee: gut.

Die Halftime Show der Super Bowls ist in vielerlei Beziehungen die größte Show der Welt. Die Zuschauer*innenzahlen sind durch keinen anderen Stand-alone-Event auch nur annährend zu erreichen (Stadion + TV + Online + Social Media). Etwas ist daran fraglos faszinierend: Weil die US-amerikanischen (und vermehrt auch asiatischen und europäischen) Endverbraucher*innen irgendwann dazu überredet wurden, sich ein quälend langweiliges und von seiner Spiellogik völlig unausgegorenes Match anzuschauen (der Witz beim Spiel ist, dass man spielt, und nicht, dass man dauernd nachmisst und diskutiert), versammelte sich die Gesellschaft in unvergleichlicher Vielzahl vor den Bildschirmen. In diesen Momenten bildet sich eine Gesellschaft als zeitweilige Gemeinschaft, einfach weil alle am gleichen (virtuellen) Ort sind. Weil nun den meisten Menschen (aus gutem Grund) das Vorwärtsprügeln eines spitzen Balles herzlich egal ist, wird das Drumherum bedeutend.

Pop ist in seinen Grundmustern auf Disruption angelegt und deswegen muss man Popgrößen nicht dreimal sagen, wie gut die Chance ist, zwischen schwitzenden und mit Drogen vollgepumpten Footballstars ein Liedchen zu trällern. Zuletzt standen (vor der Pandemie) die Weißen und Latinos bei den Halftime Shows ziemlich blöd herum. Sie versuchten, bloß nix falsch zu machen und dabei gut auszusehen – skug berichtete. Die Artists waren umflossen von hirntoten Choreographien mit Hunderten von Tänzer*innen, die teilweise übrigens nicht einmal für den Gig bezahlt wurden und die so wirkten wie: »Ich wedele jetzt mal wild mit den Armen in der Luft herum, weil ich wirklich keine Ahnung habe, was ich hier machen soll.« So kommt eher keine Stimmung auf und deshalb wurde es Zeit, dass wieder Partyprofis an den Start kommen.

In den Straßen von Compton

Der größte Partyklopfer ist selbstverständlich ein gewisser Dr. Dre. Folglich ist zu Beginn der Show der Doktor an den Reglern zu sehen und nötigt das Urteil ab: »Sehr gescheit!« Erst mal den Sound rauffahren und beim Aufnahmestudio die Wand herabsinken lassen, um sich den verdienten Applaus abzuholen, schließlich hat man bis jetzt alles richtig gemacht. Bei dieser Show geht es vornehmlich um die Musik und nur ein bisschen um modischen Firlefanz. Gut anziehen geht beim ersten Gast von Dr. Dre, dem unverwüstlichen Snoop Dogg, ziemlich easy. Einfach die ungewöhnlich geschmackvolle Ballonseide aus dem Schrank holen und dick Bling drüber hängen. Zieht immer und schaut fein aus.

Seit James Brown ist bekannt, dass eine gute Live-Show aus ununterbrochenen Ankündigungen besteht, der Fingerzeig im Beat quasi. Dr. Dre und Snoop Dogg stehen auf den Dächern von Hauskulissen, die an den Vorort von L.A. Compton erinnern sollen, aus dem kurioserweise fast alle Rap-Größen stammen. Auch dies ist als Inszenierung perfekt, weil so das Publikum im ersten Moment die Gesamtszenerie sehen kann. In jedem Häuschen wartet eine weitere Attraktion. Snoop Dogg geht vom Dach ins Erdgeschoss und trifft im Wohnzimmer auf die von Anderson .Paak mitgebrachte Live-Band, die augenblicklich das Gefühl gibt: »Ich glaub’, ich hör’ nicht richtig.« Einfach mal perfekt musizieren und dabei nur auf dem Sofa herumsitzen. Superschlau, war doch African-American Music seit Zeiten von Motown »Hausmusik«, die im eigenen Wohnzimmer aufgenommen wurde.

Klassiker spielen Klassisches

Dann kommt die Überraschung, von der natürlich alle schon gewusst haben, und 50 Cent bringt seine Partyszene mit, wodurch es dann doch noch ein bisschen langweilig wird (wie immer in der mehr als 13-minütigen Halbzeit-Show), weil die Imitation einer Party eben keine Party ist. 50 Cent kommt einfach besser, wenn wirklich alle auf der Geburtstagparty angesoffen sind. Draußen auf der nachgebauten Straße Comptons imitieren dann alle Tänzer*innen die »super« Stimmung, die doch nicht herrscht. »Kommt, macht bitte alle mit und wackelt mit den Händen in der Luft – daaaaanke.« Mache Sachen bei der Halftime Show lassen sich wohl nicht ändern.

Kurz darauf erfährt das Publikum dann, dass Mary J Blige wirklich singt (also abgesehen von den unzähligen technischen Hilfsmitteln, die eben dazugehören), weil sie zu Beginn von »No More Drama« ein ganz klein wenig außer Atem ist. Bitte unter »Authentizität« im Megapop abheften. Dann kommt endlich Kendrick Lamar und bezeugt mit der Performance von »Alright«, wie unglaublich lebendig das Genre ist. Inhalte, Formen, Ausdruck, Haltung – alles steht beim HipHop so erfrischend auf dem Prüfstand und kommt alle paar Jahre runderneuert daher. Hat beim Dixieland nicht ganz so gut geklappt.

Abschließend setzt sich Dr. Dre ans Piano und noch bevor er »Still Dre« in die Tasten hämmert, spielt er kurz Big Ls »American Dream«. Die Nummer wirkt tatsächlich wie aus dem Kammermusikkatalog. Mit dem weißen Konzertflügel versichert sich die Gang, in der Klassikerproduktion tätig zu sein, und ja, das ist sie. Die Tänzer*innen auf den nachgeahmten Straßen Comptons haben sich derweil umgezogen. Alle tanzen jetzt in Gefängniskleidung, als kleiner Hinweis ans bestenfalls halbpolitisierte Fernsehpublikum. Die Show endet, die Feuerwerkskörper krachen und die beste Halftime Show seit Beyoncé 2013 ist over and out.

Was nehmen wir mit?

Ein gewisser Eminem war auch bei der Rap-Stafette und kniete sich kurz hin. Recht hat er damit getan. Damit lehrt auch diese Super Bowl Halftime Show 2022 wieder etwas über Land und Leute. Rassismus ist für Multi-Milliarden-Konzerne keine echte, moralische (?) Sorge, sondern eben ein Imageproblem, das als solches bearbeitet gehört. Das Niederknien ist in diesem Zusammenhang heikel, weil die NFL-Profi-Liga von Trump und Wahnsinnskohorten zum Aufmarschgelände für verblödeten Nationalismus wurde. So etwas ist für die Sponsoren vor allem deshalb ärgerlich, weil sie sich positionieren mussten und dadurch Imageverluste riskierten. Hinknien fände man aber voll okay, wenn es Teil der Show sei. Na bitte.

Der Spieler Colin Kaepernick, der 2016 die Anti-Rassismus-Proteste durch Kniefall mitinitiierte, fand – wie berichtet – nie wieder einen Job als Sportler. Ob seine Arbeitslosigkeit in seiner politischen Haltung oder in den schwächer gewordenen Leistungen begründet liegt, ist selbstverständlich unmöglich nachzuweisen. Trump und Co machten zumindest aus dem Niederknien während der Nationalhymne einen »Anschlag auf America«, obwohl es keinerlei Tradition oder Code in Bezug auf Nationalhymnen bei der NFL gab. Es zeigten sich die Kampflinien eines »Kulturkampfes«, bei dem sich die Rechten immer ausdenken dürfen, was »Ehre« und »Nationalstolz« gebieten, während die entrechteten PoC nur auf die unerträglichen Missstände hinweisen wollen.

Indem das ewig aufgeregte, konservative Amerika, rhetorisch durchaus geschickt, aus dem Protest das eigentliche Problem macht, werden der Gegenstand des Protestes, das Elend der Polizeimorde und die strukturell überall verankerte rassistische Gewalt überdeckt. Ein Dialog wird damit weitgehend verunmöglicht. Dr. Dre und die von ihm geladenen Musikgäste machen allerdings das Beste aus der vergifteten Stimmung. Sie wurden schließlich immerhin von der NFL zur Supershow eingeladen, obwohl weitgehend Stars der 1990er und aus dem nur bedingt mainstreamtauglichen N.W.A-Umfeld stammend. Sie zeigen dem weißen Amerika damit eines: Wir sind da, wir machen gute Musik und haben ziemlich viel Kohle gemacht. Zumindest der letzte Punkt wird allgemein verstanden.

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