Zeros + Ones - Zwischenräume und Tagträume

MusicMediaPerformance zwischen Rationalität und Emotion, zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, zwischen Null und Eins. Derzeit im dietheater Künstlerhaus in Wien.

Die Fähigkeit, exakt definierte Zustände, wie 0 und 1, einnehmen zu können, ist die wichtigste Voraussetzung für digitales maschinelles Funktionieren. Menschliches Agieren findet jedoch immer in einem analogen Zwischenbereich statt. Die Schauspielerin und Sängerin Rosivita (Roswitha Schreiner) bewegt sich in so einem Zwischenbereich, wenn auch auf extreme Art. Einerseits steht sie als Star im Licht der Öffentlichkeit, andererseits hat sie jedoch Kinder aufzuziehen und den Anforderungen des täglichen Lebens zu entsprechen.
Diese Fähigkeit zu verweben beschreibt Sadie Plant in ihrem Buch »Zeros + Ones« am Beispiel der viktorianischen Mathematikerin und Tochter Lord Byrons, Ada Lovelace, als typisch weibliche Qualität und Überlebenstechnik: »Adas Methode war, wie sich zeigen wird, Tagträume in offenbar echte Berechnungen hineinzuweben« (Sadie Plant).

Mit »Zeros + Ones« vollendet der Musiker und Medienkünstler Klaus Karlbauer seine Trilogie über das Verhältnis Mensch – Maschine, die mit der Internetromanze »forgetme@not« (1998/99) und dem Virtual-Reality-Spiel »Password: Gilles de Rais« (2000) ihren Anfang nahm.
Das Resultat ist eine komplexe Medienkomposition aus Bühnenperformance, Videoinstallation und Live-Musik. Schon das Bühnenbild macht Rosivitas Dilemma deutlich sichtbar. Links und rechts flankiert von Sergeant Zero (Klaus Karlbauer) und Lieutenant One (Bernhard Loibner), hinter ihr die Videoleinwand, auf der im Verlauf des Stücks immer wieder sehr direkte, manchmal fast »indiskrete«, Videoaufnahmen aus ihrem Privatleben zu sehen sind, und davor, vor einem einsamen Mikrophon, Rosivita der Star, wie sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Eine Existenz mit dem permanenten Zwang zum parallelen Agieren auf verschiedenen Ebenen.

Der Inhalt des Stücks schlägt sich dann auch in der Form nieder, in der die Musik dargeboten wird. Einerseits ist da die Zerissenheit und Unentschlossenheit, mit der durch die unterschiedlichsten Musikstile gezappt wird, andererseits kommt es auch zum gelungenen Verweben von unvereinbar scheinenden (musikalischen) Gegensätzen. Karlbauer und Loibner, beide Komponisten, Instrumentalisten und Live-Elektroniker, servieren einen Cocktail aus coolen Grooves, Noise-Sprengseln, Evergreens, Freejazz-Attacken und Ambient-Sounds. Das verwendete Instrumentarium reicht dabei von avancierter Elektronik über Hammond-Orgel und Bassklarinette bis zur Heavy-Metal-Zither und dient als Fundament für Roswitha Schreiners ausdrucksvolle, wandelbare Stimme.

Den Anfang macht eine Adaption von »Mrs. Robinson«, eine Hommage an Ada Lovelace, durchsetzt von einem Sample eines Frank Sinatra-Songs, einem Satz, der im Laufe des Stücks immer wieder auftauchen wird: »I’ll never love again«. Neben eigenen Kompositionen dienen P.J. Harvey (»I Can Hardly wait«, »Garden«), Tom Waits (»I Want You«), Bryan Ferry (»These Foolish Things«) und David Lynch/Angelo Baladamenti (»I Float The Night«) als musikalische Bezugspunkte.

Im Laufe der Aufführung verschwimmen Grenzen kontinuierlich, das Videomaterial zeigt immer öfter stakkato-artig kurze Sequenzen aus Rosivitas Leben, lässt sie Tätigkeiten fast roboterhaft wiederholen, zeigt ratternde Webstühle und unscharfe Träume, lässt Virtuelles und Realität immer enger miteinander verschmelzen. Einmal sieht man die Sängerin Rosivita vor der auf die Leinwand projizierten Aufnahme ihrer Küche sitzen, gegen Ende des Stücks verschwindet sie, einen Androiden mimend, hinter dieser Leinwand, nur noch schattenhaft wahrnehmbar; das letzte vorgetragene Lied ist eine Bearbeitung von Marylin Mansons Coverversion von »Sweet Dreams«.

See also:
Zeros + Ones Webpage
Movie n‘ Opera
fraufaust Studios

Weitere Termine für »Zeros + Ones«: 22., 23. und 24. Jänner, jeweils um 20:00 im dietheater Künstlerhaus.