GURLS © Julia Marie Naglestad

Welt-Avantgarde am Berliner Holzmarkt

Vier Tage lang läuft am Holzmarkt in Berlin dieses Jahr das A L’arme-Festival. Neben den gewohnten großen Namen von Free Jazz bis Improvisation gibt man vom 31. Juli bis 3. August 2019 noch mehr jungen Künstler*innen und unbekannteren Namen Platz auf den Bühnen. Ein Kurzausblick.

Heuer zum siebten Mal findet das bereits zu einer Institution gewordene Festival A L’arme im Radialsystem und im Sälchen am Holzmarkt statt. In den vergangenen Jahren hat man immer wieder gezeigt, dass man Bescheid wusste über die Größen der Free-Jazz-, Noise- und Impro-Szene. Und alle waren sie bereits hier, von Peter Brötzmann über Thurston Moore, Irène Schweizer, Anthony Braxton, Keiji Haino, Bill Laswell, Oren Ambarchi bis hin zu Konstrukt, und die haben auch mehr oder weniger alle in den verschiedensten Konstellationen miteinander gespielt. Die Vergangenheit des Festivals war stets geprägt vom vereinzelten Auftreten des Chaos im Free Jazz. Ordnung ergab sich mitunter zufällig im gemeinsamen Spiel und neue Wege wurden durch gemeinsame Exkurse in der Musik gesucht und auch oft gefunden. Während das Klima endgültig und unausweichlich einer noch kaum auszumachenden Krise verfällt, sämtliches Eis der Erde immer weiter schmilzt und auch sonst überall gefährliche Brände herrschen, wird es selbst für Menschen mit Fischen auf den Augen offensichtlich, dass die Welt anfängt, zu stinken. Leider schafft der Klimawandel nicht sämtliche politischen Probleme aus der Welt, auch wenn Zusammenarbeit eigentlich umso drastischer gefordert wäre. Das ist den Veranstalter*innen und Künstler*innen des diesjährigen Festivals bewusst. Es gilt nun, die Bühne als einen Ort des Experiments zu verstehen, in dem sich mit den Problemen auseinandergesetzt wird.

Matana Roberts © Jason Fulford

Neue Künstler*innen in gewohnter Umgebung
Dieses Mal setzt man neben den alteingesessenen (meist) Herren vermehrt auf jüngere, auch weibliche Newcomer*innen. Neben klassischen Bandgefügen finden sich wieder neue Kollaborationen, die teils eine Premiere feiern werden. Ein Höhepunkt wird sicher die Performance der Saxophonistin Matana Roberts mit Nils Petter Molvær und Natalie Sandtorv. Roberts ist ja bekannt für ihre Auftritte, welche durch ihren starken Publikumsbe- und -miteinbezug die eine oder andere Überraschung bieten. Daneben ist eine Groupshow der Elektro-Gewichte Jan Jelinek, Hanno Leichtmann und Andrew Pekler zu erwarten, die gemeinsam ein Album veröffentlichten und darbieten werden. Die von skug bereits besprochene Kollab Anguish darf getrost als ein weiterer Höhepunkt bezeichnet werden. Bereits ein Name ist Colin Stetson, und der wird ähnlich wie Anguish sicher wieder etwas lauter und die Gehörmuscheln vom Sand befreien, der sich da so nach und nach angesammelt hat, zum Beispiel mit Ex Eye, diese Post-Irgendwas-Saxophon-Schlagzeug-Knaller.

Moor Mother + Irreversible Entanglements © Promo

Einige Höhepunkte
Noch wenigen ist wahrscheinlich das Ensemble Irreversible Entaglements ein Name. Als Reaktion auf die anhaltende Polizeigewalt in den USA wurde dieses Projekt von Moor Mother gegründet. Die Künstlerin Moor Mother, solo mit düsterem Industrial-Rap unterwegs, wühlt mit Irreversible Entanglements nun im Bandgefüge auf. Die Trompeten und Saxophone klagen an, ein punkiges Schlagzeug ist ähnlich wütend wie das Geschrei und ihre Texte, die eindrucksvolle Bilder vom schwarzen Leid in den USA schaffen: »a system of hands choking you«. Ähnlich wie Matana Roberts in ihrer Musik seit jeher die Geschichte der Schwarzen in den USA zum Thema macht, tut es DJ Raph für Afrika, genauer Kenia, wo er im Nairobier Untergrund die Szene aufmischt. In afro-futuristischer Manier nutzt er pan-afrikanische Themen in Form von alten Tonaufnahmen aus einem Bayreuther Klangarchiv (Bezug auf Vergangenheit) und entwickelt futuristische Tanzmusik, die neue, positive Möglichkeiten der Verarbeitung und Bewältigung in Form neuer Zukunftsentwürfe bieten (Zukunftsbezug), das alles im Rausch des Tanzes im Hier und Jetzt (Gegenwartsbezug). Das ist nicht nur äußerst wichtig, sondern auch super spannend. Umso schöner, dass ihm hier Platz geboten wird.

Greg Fox © Promo

Timetable
Es beginnt am Mittwoch-Abend entspannt mit einem Solo von Greg Fox und dem feinen Jazz-Pop der Gurls. Später feiern dann Anguish die Berlin Premiere. Der Freitag ist bereits fett voll mit fünf Sets. Practical Music (größtenteils Niederlande) feiern Berlin- und Tristan Honsinger’s Hopscotch (Deutschland, Japan etc.) Weltpremiere. Und auch bei den folgenden Artists Reko Okuda/Hanna Schörken sucht man nach den ganz großen Namen. Ebenso das Super Jazz Sandwich und Vandeweyer/Illvibe/Drake Feat. Real Geizt/Splidttercrist bieten allerlei junge und frische Namen, welche die Bühnen hoffentlich mit neuem Sound bespielen werden. Nachdem am Freitag Matana Roberts ein Solo-Set liefert, tritt das Lana Trio mit JD Zazie auf die Bühne, ebenfalls Weltpremiere. Es folgt die bereits angesprochene Groupshow, gefolgt von dem Musik-Concrète-Tape-Musik-Elektroniker Giovanni Lami aus Italien. Bevor DJ Raph dann den Abend mit seinem Set schließt, lässt die Gruppe Freedom Nation um Natalie Sandtorv, Nils Petter Molvær und Hedvig Mollestad großes erwarten. Die angesprochenen Irreversible Entangelments eröffnen den letzten Tag, gefolgt von Kiki Manders & Band. Kräftiges auf die Ohren gibt’s dann von den Spaßmachern Talibam! und Ex Eye. Ähnlich krachial geht es danach weiter mit Golden Oriole (Math-Rock-inspirierter, waviger Rock), die von Jealousy Party und dem DJ-Team Sistemi Audiofobici Burp (Mat Pogo/WJM/JD Zazie) abgelöst werden.

Link: http://alarmefestival.de/