Fotos: © Yasmina Haddad
Fotos: © Yasmina Haddad

Vorwärts ins Prekariat

Die Arbeitswelt befindet sich in rasantem Wandel, und nicht gerade zum Vorteil der Arbeitnehmer. Das war unter anderem Anlass für eine Aktualisierung der bereits anno 1976 kapitalismuskritischen »Proletenpassion « der Schmetterlinge. Ein Interview mit der musikalischen Leiterin der Neuauflage, Eva Jantschitsch aka Gustav.

TERMINTIPP:  Die OÖ-Premiere der »Proletenpassion 2015 ff.« wird im Rahmen des Festivals der Regionen am 24. und  25. Juni 2015 in Ebensee aufgeführt. »details

Im Meidlinger Werk X stand bis April 2015 eine stets ausverkaufte Neuinterpretation der »Proletenpassion« (1976) der Schmetterlinge auf dem Spielplan. In der »Proletenpassion 2015ff.« soll eine Geschichte der Beherrschten jener der Herrschenden gegenübergestellt werden. Autor Heinz R. Unger und Regisseurin Christine Eder gelingt es ohne Ironie, dafür aber mit Witz, ein zweieinhalb- stündiges Stück mit überzeugenden Neuarrangements und -interpretationen eines Teils der Songs der Schmetterlinge vor einem originellen Bühnenbild zu produzieren. Für die Musik verantwortlich sind Eva Jantschitsch alias Gustav und Knarf Rellöm. Den Stücken, allen voran der »Ballade vom Glück und Unglück des Kapitals«, wurde unter Mitwirkung von Didi Kern, Oliver Stotz, Elise Mory und Imre Lichtenberger Bozoki ein Sound auf der Höhe der Zeit verpasst.

skug: Kommen wir gleich zum Politischen. Das Buch »Das Kapital im 21. Jahrhundert« von Thomas Piketty ist aktuell ein Bestseller. Ist das Anlass zu Optimismus, und könnte dadurch politisch etwas in Bewegung kommen?
Eva Jantschitsch:
Da muss man schon relativieren, denn es gibt immer wieder Bücher mit gesellschaftlichen Analysen, die totale Renner sind. Was ist die zentrale Aussage in dem Piketty-Buch?

Es geht darum, dass er nachweisen kann, dass das Kapital zukünftig stärker wachsen wird als die Wirtschaftsleistung der Staaten. Das führt zu noch größerer Ungleichheit und Vermögenskonzentration, als wir sie jetzt schon haben. Und da sollte eben die Politik aktiv werden, andere Möglichkeiten scheint es ja nicht zu geben …
pp_bg3.jpgMan hat uns die anderen Möglichkeiten erfolgreich ausgeredet, es gibt ja Alter- nativen, und die müsste man gründlich überdenken. Das fängt schon auf der Uni an, bei den Leuten, die dort Ökonomie lehren, und den Formen von Ökonomie, die gelehrt werden. Da wird eine komplett einseitige Geschichte gebracht. Was wir in der Vorbereitung besprochen haben, war das ›Beschleunigungsmanifest‹.* Damit wird – aus einer linken Perspektive – versucht, das System in seinem Status quo zu fassen und sich in den Kreislauf einzu- schleusen. Die schon vorhandenen, kapitalistischen Kanäle sollen dabei genützt werden, es geht darum, schneller zu sein als das Kapital.

Das ist aber eine ziemliche Vorgabe …
Ja, die Digital Natives sind schon ziemlich schnell im Handeln und Manövrieren, insofern kann man schon auf eine Generation hoffen, die sich da ganz gut zurechtfinden kann.

Im Interview mit der »Wiener Zeitung« sagen Sie, dass in Zentraleuropa das Prekariat das neue Proletariat ist. Jetzt sind aber die prekär Beschäftigten eine sehr heterogene Gruppe und haben kaum Möglichkeiten, sich zu organisieren, haben praktisch keine Interessenvertretung. Was können die in dieser Situation tun?
Die stärkste Waffe des Neoliberalismus schon Ende 1970er Jahre war ja die Zerschlagung der Gewerkschaften. Die prekären Arbeitsverhältnisse sind ein Produkt des Neoliberalismus, und eine organisierte Solidarisierung der Einzelkämpfer an verschiedenen Fronten wurde von vornherein unmöglich gemacht. Weil bei den meisten der Ûberlebenskampf im Vordergrund steht, fällt Solidarität auch so schwer. Es gibt zwar immer wieder Versuche der Organisation, nur ist die Arbeit inzwischen sehr weit in den privaten Bereich vorgedrungen. Und wer hat da noch Zeit, Widerstand zu organisieren? Wir sind vom Kapital durchdrungen, ich denke da auch an das Burnout-Syndrom, das letztlich durch mentale Erschöpfung zustande kommt.

In den Kritiken zur Premiere wird darauf hingewiesen, dass die Phase zwischen der NS-Zeit und dem Neoliberalismus eher nur gestreift wird. Warum wurde da nicht mehr in die Tiefe gegangen?
Wir waren da eh an vielen Stationen am Arbeiten. Aber die Schmetterlinge haben auch schon mit den Bauernkriegen begonnen und dann gleich mal zweihundert Jahre übersprungen, haben sich also exemplarisch Beispiele aus der Geschichte herausgenommen. Genauso sind auch wir an die Gegen- wart herangegangen. Wir haben den Auftrag des Werkes nicht darin gesehen, alles aufzuzählen, was historisch passiert ist. Wir haben zudem versucht, uns mit den Liedern relativ knapp zu halten, und es gibt, wie gesagt, keine Letztversion – die Aufführungen begreifen wir als work in progress.

Es wird also versucht, Aktuelles (Griechenlandwahl, Pegida auch in Österreich) bzw. was politisch erst langsam aufbricht, hineinzupacken?
Genau, wir hatten nur zweieinhalb Wochen Probezeit, was sehr kurz ist, und wir sind davon ausgegangen, dass da noch was dazu- oder auch wieder wegkommt.

Kommen wir zum Künstlerischen, zum Arbeitsprozess. Wie läuft das ab? Müssen bei den musikalischen Proben immer alle dabeisein?
proletenpassion_Yasmina_Haddad.jpgIch war, gemeinsam mit Knarf Rellöm, für die musikalische Leitung verantwortlich. Wir haben uns abgesprochen, wer welche Stücke macht. Unsere Techniken sind dabei ganz unterschiedlich: Knarf will oft direkt etwas ganz Neues machen und geht es eher aus der Impro- Ecke an, ich hingegen arrangiere das Material am Computer komplett neu. Die Besetzung stand erst recht spät fest. Wenn man dann den Ton- umfang der SchauspielerInnen kennt, ordnet man die Songs zu. Bevor man mit den Schauspielern proben kann, ist die Musik schon mit den Musikern erarbeitet worden.

Den ursprünglichen J. S.-Bach-Background in den Kompositionen haben Sie ganz weggelassen, dafür aber Philip Glass eingebaut.
Ich hab’ auch Stücke von Laurie Anderson verwendet, da bin ich gespannt, ob man das erkennt. Arcade Fire ist auch dabei.

In welcher Form kommt Philip Glass vor?
Ich habe zuhause »Einstein On The Beach« gehört – ich bin ja ein großer Glass-Fan -, und da habe ich dann Samples daraus gebastelt. In der Aufführung wird das dann aber alles live gespielt und kommt praktisch nur als Zitat vor. Man wird das kaum mehr wiedererkennen. Es gibt in meiner Musik oft Anleihen aus der Minimal Music, das sind Dinge, die mich musikalisch stimulieren: das Groove-basierte, die Taktwechsel, die Eintonwechsel, diese Technik und die Spannungsbögen faszinieren mich total. Dabei ist auch wichtig, dass es im Theater diese Eineinhalb-Minuten-Formel gibt, was länger dauert, wird im Theater schnell fad.

Sind schon weitere Projekte für Film oder Theater in Planung?
Das nächste Projekt ist wieder eine Musik für die Verfilmung des Christine-Nöstlinger-Buchs »Maikäfer fliegt«, bei der Mirjam Unger Regie führt. Und dann mache ich noch für eine deutsche Produktion die Musik. Fürs Theater steht im kommenden Jahr nichts an.

Dabei soll ja gerade Musik fürs Theater am besten bezahlt sein?
[Lacht] Nein, im Fall der »Proletenpassion« nicht, das ist mir eine Herzensangelegenheit und ist auch eher so bezahlt. Es macht aber einen Unterschied, ob ich Musik für größere Häuser komponiere, also für Stadttheater, oder eben für Off-Theater.

Was oder wer hat Sie im Popjahr 2014 besonders beeindruckt?
Da fällt mir gleich D’Angelo ein, wobei der schon ins Jahr 2015 fällt. Dann das letzte Album von Julia Holter, ich bin ja ein Holter-Fan, ein Wahnsinn was die für abgefahrenes Zeug produziert. Dann das letzte von Nuclear Raped Fuck Bomb mit Jens Rachut, da ist eine tolle Nummer drauf, von der ich auch geklaut habe.


 
* ›Beschleunigungsmanifest‹ bezieht sich auf den Reader »#Akzeleration« (Berlin, 2013), Hg. Armen Avanessian – vgl. Covergeschichte/Interview in skug #99. Die Bände »#Akzeleration« und »#Akzeleration #2« sind diesmal als Abo-Geschenk zu haben.


 

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