Rebecca Horn: »Concert for Anarchy« © KHM-Museumsverband

Überschwängliche Beethoven-Momente

Beethovens Musik bewegte sich zwischen »Zumutung und Umarmung«. Die leider bereits geschlossene Ausstellung »Beethoven bewegt« im KHM brachte freie Assoziationen und eine Unmenge an neuen Beethoven-Bildern mit sich.

Manche dachten beim ersten Besuch, die Ausstellung zu Beethoven im Kunsthistorischen Museum Wien bestehe nur aus einem einzigen Raum, so beeindruckt waren sie schon von der Atmosphäre, wie dem kopfüber vom Plafond hängenden Klavier der Künstlerin Rebecca Horn (»Concert for Anarchy«, 1990) im allerersten Saal. Alte Leutchen schreckten sich zum Teil, wenn dieses Klavier dann plötzlich spuckte und die Tasten nach vorne warf. Wie ein Krokodil, wie ein lebendiger Gegenstand, ein Übergangsobjekt. Die Tür zum weiterführenden Saal war gut versteckt, so wie man in dieser wunderbaren Ausstellung wenig Hilfe erhielt, sondern sich alleine zurechtfinden musste. Auf Entdeckungsreise mit unklaren Assoziationen: Eine Welt der Andeutungen und Flairs, Atmosphären und Sphären eröffnete sich. Der bekannte britische Kurator Jasper Sharp hat mit seiner Arbeitsgruppe dieses Wunderwerk vollbracht, das Museum ließ ihm die Freiheit dazu. War zu Beethoven, dem laut Katalog »von Österreich adoptierten Sohn« nicht angeblich schon alles gesagt? Sicher nicht: »Und diese Generation, Turner, Friedrich, Goya, Beethoven – steht für die vom Kunsthistorischen Museum verpasste Öffnung in die Gegenwart.«

Ausstellungsansicht »Beethoven bewegt« © Mark Niedermann für Tom Postma Design

Befremden erwünscht
Beethoven war von der Aufklärung und der französischen Revolution befeuert und sah die Welt mit weit offenen Augen. In der Ausstellung wurde dieser neue Blick durch eine Reihe von Tableaus ausgedrückt – aufeinanderfolgenden theatralischen Settings. Auch der Katalog bzw. »das Buch« soll als Kaleidoskop »etwas Universelles in irgendeiner Form fragmentarisch reflektieren«: »Es gibt von Deleuze und Guattari das Werk ›Tausend Plateaus‹, in dem eine Struktur entwickelt wird, die (…) von einer horizontalen Disposition von Objekten und Zusammenhängen ausgeht, wie ein sich ausbreitendes Netzwerk.« Das »punktuell äußerst Befremdliche der zusammengestellten Werke« sollte befreiend wirken. Selbstkritisch sind die um Jasper Sharp versammelten kreativen Kurator*innen in Bezug auf ihren Katalog auch noch, denn das »Genre des Ausstellungskatalogs« habe ja schließlich »erst mit diesen ephemeren Kunstausstellungen der Nachkriegszeit angefangen« – also könne man sich schon etwas trauen. Spätestens im letzten Raum der Ausstellung waren die Besucher*innen völlig gefangen: Dort improvisierten wechselnde Tänzer*innen live zu Beethovens Musik. Der Ausdruck des Erstaunens auf den Gesichtern der Besucher*innen wechselte zu vorsichtiger Hingabe.

Caspar David Friedrich: »Abendlicher Wolkenhimmel« © Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll

Ersehnte Weltentrücktheit
»In Beethoven erkennt der Bürgerliche das Vorbild des willensstarken Selfmademannes, das Vorbild für eine durch eigenen Fleiß und jenseits der klassenbedingten Privilegien erreichte Selbstständigkeit und soziale Anerkennung. Daraus entsteht ein idealisierter, männlich geprägter Dialog inter pares, in einer Gesellschaft gleichberechtigter ›großer Männer‹, zwischen Genies und Bourgeois.« Schon 1892 stellte die »Internationale Ausstellung für Musik- und Theaterwesen« im Wiener Prater Reliquien des Hofmusikers Beethoven aus. Musik als einem »traumwandlerischem Prozess« – siehe die »Mondscheinsonate«, die Beethoven für eine blinde Frau geschrieben hatte – wurde eine »erlösende Wirkungsmacht« zugeschrieben. »Kein anderer Komponist hat eine solche Fülle an Projektionen im Sinne einer geistig-spirituellen, politisch-demagogischen Weltdeutung erfahren wie er.« Ludwig van Beethoven sprach sich selbst auch auf diese Weise an: »Für dich, armer Beethoven, gibt es kein Glück von außen, du musst dir alles in dir selbst erschaffen, nur in der idealen Welt findest du Freude.« Dieser Ideologie standen in der Ausstellung krasse weltzugewandte Werke gegenüber: Wie die durchschossenen Notenblätter, die Musiker Dick Higgins als Protest gegen den Vietnamkrieg beauftragte. Ein Polizist schoss. Die Notenblätter stammten aus Orchesterpartituren des Komponisten Henry Cowell (Dick Higgins: »Symphony No. 76 in Memoriam Henry Cowell: Allegro/Funeral March/Triumphal Jig«, 1968–1991).

Ausstellungsansicht »Beethoven bewegt« © Mark Niedermann für Tom Postma Design

Es ist sehr schade, dass die Ausstellung nicht verlängert wurde. Im Katalog sind zum Beispiel auch die extrem zeichnerischen »Skizzen für Sechs Bagatellen für Klavier, op. 126, Nr. 1–3, Autograph 1824« von Beethoven himself zu sehen. Man darf gespannt sein, welche Ideen Jasper Sharp, der auch früher schon den Künstler Edmund de Waal sich in allen möglichen Varianten künstlerisch ausleben ließ, in Zukunft realisieren wird.

Link: https://beethovenbewegt.at/