U.S. Maple

U.S. Maple schaffen es, etwas Verstörung in das Feld des Rock’n’Roll zurückzubringen. Nicht zuletzt dank Al Johnson, ihrem leicht entrückte Sänger.

Man sollte es sich schon zweimal überlegen, bevor man U.S. Maple oder auch die Flying Luttenbachers in den Topf der manchmal allzu lustigen Skin-Graft-Protagonisten wirft. Was die eigenständigeren Bands des Chicagoer Labels anlangt, so hat die Compilation »Camp Skin Graft (!) Now Wave« jenen sicher nichts Gutes getan. Zwar als Scherz gedacht, führte sie zu einer nicht ganz ungewollten Genrebildung – die Etikettierung der Bands konnte beginnen. Da beispielsweise DK3 und U.S. Maple mit bekannten Songs vertreten waren, ließ sich schon etwas Entfremdung von den zwanghaft forcierten Gimmicks ablesen. Der nächste Schritt ist dann der Labelwechsel; DK3 haben ihn schon vollzogen, bei U.S. Maple steht er ins Haus.

Mit »Sang Phat Editor« ist ihnen bereits mit der zweiten Platte ein großer Wurf gelungen. Wo »Long Hair In Three Stages« zwar schon viele Raffinessen aufwies, krankte das Debüt vielleicht noch etwas an den stärker gerockten Passagen, die noch nicht die kristalline Präzision des Nachfolgers aufwiesen. Die erste Platte verdankt einen Teil ihrer Legende auch der Vinyl-Erstauflage, die ziemlich heavy war, und zur Freude des weltumspannenden Fetischclubs »Tonträger« auch noch auf 1000 limitiert. Gar nicht unschlau dann auch der nächste Zug der Band, erneut ein »De-Luxe-Vinyl« anzukündigen. So trifft dann Vorfreude auf Entsetzen, wenn man die Platte sieht: Leuchtende Neonfarben gefallen sich darauf als Tarnmuster.

Eine gewisse Vorliebe haben U.S. Maple für Rockmusik. Sie hätten als Teenager schließlich nicht umsonst vor Einkaufszentren geschlafen, um Tickets für Iron Maiden zu ergattern. Zentral herausgestelltes Element dieser klassischen Rockbands war natürlich immer der unbegabteste Typ – der Sänger. Al Johnson nimmt darauf Bezug, wenn er einen Meter vom Mikro entfernt kiekst, wild grimmassiert und seine Hormone ohne allzu viel Erfolg zu zügeln versucht. Eine Performance, die wirklich over the top ist.
Gitarrist Mark Shippy steht indes gerne auch lange nach dem Konzert noch in Boxershorts auf der Bühne herum. Einige mögen sich an die beiden noch aus ihrer Zeit bei den vergleichsweise konventionelleren Shorty erinnern.
Todd Rittman trägt mit der zweiten Gitarre den Hauptteil der Musik U.S. Maples, Shippy schnipselt da meist ziemlich frei quer.
Ein Umstand, der Schlagzeuger Pat Samson in so große Verzückung versetzt, dass er dessen Gitarre erst gar nicht auf seinen Monitorboxen anzutreffen wünscht. Von Todds Solo-Projekt The Browns erscheint demnächst eine Platte. Da er so nett war, mir eine Testpressung zu schicken, kann schon verraten werden, dass sie befremdend klingt, und in ihrer Fragilität an sparsame Improvisationsmusik á la Derek Bailey erinnert. Watch Out!

Johnson singt zwar Texte, aber es ist ihm mehr als wurscht, ob man sie versteht. Man versteht sie nicht, bestenfalls Fetzen. Er artikuliert auch nicht so sehr, legt eher Wert auf ein visuelles Erlebnis. Laut Eigendefinition ist ihre visuelle Präsentation ein Zugeständnis an den großen Entertainment-Platz Amerika.

Als Band sind ihnen ähnliche Dinge wie den Flying Luttenbachers (siehe skug # 34) wichtig. Jene befragte ich auch zu den Platten U.S. Maples, und deren Weasel Walter meinte, sie wären eine flache Repräsentation ihrer Live-Energie.

Al: Wenn du mich über die Platten der Flying Luttenbachers fragen würdest, hätte ich noch weniger zu sagen. Nicht nur, dass sie flach sind, sie sind nicht einmal eine Repräsentation. Es ist nicht die Band. Man hört, was sie spielen, aber nicht, worum es der Band geht. Ich bin aber ein großer Fan von ihnen.

Clever And Wrong Revisited

Über euer letztes Plattencover sagte Weasel, es sei clever und falsch. Was haltet ihr davon?

Al: Dem würde ich zustimmen. Ich habe es gemacht. Die Idee hinter dem Artwork ist, etwas Modernes zu idealisieren und es in etwas Schreckliches zu verwandeln. Der Vietnamkrieg ist in Amerika in den Köpfen vieler Leute noch immer ein dunkler Fleck. Auch, wenn es nicht eine Sache von uns und unserer Generation ist, stört es noch immer viele. Wir fanden es lustig – vielleicht nicht lustig, aber nett, etwas so Schreckliches in eine Art Souvenir zu verwandeln. Und gleichzeitig zu behaupten, dass wir ein Teil davon sind, dass wir im Krieg waren. Das ist die Idee hinter der Postkarte. Es ist eine vietnamesische Sache. Auf der Postkarte sind wir abgebildet, und auf der Rückseite ist ein Brief an einen Geliebten zu Hause. Aber die Wörter sind Teile meiner Texte. Wenn du wolltest, könntest du die Postkarte herausnehmen und sie verschicken. Dabei würdest du aber einen Teil des Artworks zerstören und könntest nicht einmal auf der Postkarte schreiben, weil die Buchstaben schon darauf sind.

Und was habt ihr euch beim Frontcover gedacht?

Al: Es sollte hässlich anzusehen sein. Es sind wirklich schreckliche Farben. Diese Farben! Ich würde nicht sagen, dass diese Farben in Amerika wirklich populär sind, aber die Kids tragen sie. Nun, diese vier leuchtenden Farben zu nehmen und sie für ein Tarnmuster zu verwenden, ist ein Widerspruch. Die Platte ist schwer zu halten, schwer zu hören, und es ist schwer, über sie nachzudenken wegen der Idee dahinter, und schwer anzusehen ist sie auch. Ich denke, das ist repräsentativ für die Band.
Todd: Die Musik ist wie die Tarnung leicht zu erkennen. Leuchtende Farben zu nehmen entspricht unserer Musik. Wir nehmen traditionelle Rock-Elemente und verdrehen sie so, dass sie der Erwartung entgegenlaufen.
Ich habe das Cover nicht als …

Al: Du hast es nicht als Camouflage erkannt?
Todd: In Amerika ist es sofort erkennbar. Und es ist eine weitere Modesache. Es gibt da viele, die Militäroutfits tragen. Es ist ein Look.
Manfred: Von Warhol gibt es eine Serie mit Camouflage-Bildern.

Al: Ja, ich kenne sie. Ich sage nicht, dass es eine originäre Idee ist, Camouflage zu verwenden. Es ist das Gegenteil. Camouflage ist überall. Es hängt permanent mit dem Militär zusammen, dort gehört es hin. Das Cover hätte nicht denselben Effekt, wenn wir ein anderes Muster einfach nur mit diesen Farben verwendet hätten. Und was den Begriff Camouflage angeht … Auf der Platte spielen die Flying Luttenbachers einen Song. Die Band gibt ihnen einen Song. Sie schleichen sich einfach in den Song und übernehmen ihn. Es ist nicht so offensichtlich. Viele Leute bemerken es nicht einmal. Das ist auch eine Idee von Camouflage. Es ist auch schön, dass eine Band einer anderen Band einen Song übergeben kann – Take it! Ich glaube nicht, dass das zuvor jemand gemacht hat. Es ist großzügig und clever.

In Verbindung mit euch ist oft die Rede von Dekonstruktion. Ich denke nicht, dass ihr dekonstruiert.

Al: Ich weiß nicht. Mich verwirren die Begriffe, die für diese Band verwendet werden: Postrock, Dekonstruktion, Math-Rock … Wir sind nichts davon. Wir schreiben Songs. Wir alle kommen von den mittleren 70ern, der Rock’n’Roll-Ära. Es ist alles in unserem Blut. Wir sind eine Rock-Band, die zufällig einen neuen Weg gefunden hat, sich zu präsentieren. Weil wir es können, und weil wir es wollen. Natürlich ist es groovy, zu sagen, wir seien eine dekonstruktive Math-Rock-Band. Ich meine, wie leicht ist es, etwas zu dekonstruieren? Es ist simpel. Eine völlig neue Identität zu schaffen, ist schon etwas schwieriger – als Rock-Band, die sich den Leuten präsentiert. Wir haben es geschafft. Schau dir unsere Gesichter an! (Lachen) Sehen wir aufgeregt aus? Sehen wir glücklich aus? Nein, wir sehen müde aus. Ich bin den ganzen Tag müde bis halb elf. Zwischen halb elf und zwei bin ich …
Todd: He’s on fire! Look Out!

Alright Yeah Well Yeah Baby

Wie war eigentlich der Weg von Shorty zu U.S. Maple?

Al: Shorty gab es fünf Jahre. Wir waren hier auf Tour mit den Didjits. Ich hatte die Band irgendwann einfach satt.
Mark: Ich auch.
Pat: Ich auch, eigentlich.
Al: Wir alle hatten genug von der Band! Ich bin froh, dass wir uns gefunden haben. Es hatte aber nichts mit der Band zu tun. Es ging einfach bergab. Ich wollte mit Todd in einer Band sein. Mark und ich waren in einer Band, und diese Typen (schaut zu Pat und Todd) waren in einer Band namens Mercury Players. Wir waren keine Freunde, kannten uns nur vom Sehen, weil wir eine zeitlang auf die selbe Universität gingen. Als es Zeit war, jemanden für die Band zu finden, wollte ich nicht meine nächsten Freunde fragen. Das ist manchmal gefährlich, wegen all dem Drama und der Emotionen. Ich wollte Leute finden, von denen ich dachte, dass sie etwas wirklich Cooles machen, egal ob ich sie kannte oder nicht. Mit Todd wollte ich schon spielen, während ich noch bei Shorty war. Unser erster Drummer war Jim Kimball von Mule. Ich arbeitete bei Touch & Go und er wollte in eine Band. Da er ein Spitzendrummer ist, sagte ich: »natürlich«. Aber es funktionierte nicht. Zu dieser Zeit war ich ziemlich wirr im Kopf – ich weiß nicht mehr, warum wir uns trennten.
Todd: Wir waren als Personen zu unterschiedlich. Es gab keine Chemie zwischen uns. Wir sprachen über unsere musikalischen Ideen und darüber, wie wir über den Punkt unserer bisherigen Tätigkeiten herauskommen könnten. Er war sehr gegen alles, und es war hart, einen Punkt zu finden, an dem wir überhaupt starten konnten.

Ist da so viel Theorie, bevor eine Band beginnt?

Todd: Wir wollten uns einfach besser kennenlernen. Wir sprachen viel darüber, was wir nicht machen wollten.
Mark: Wir eliminierten Dinge, um zu etwas zu gelangen.
Al: Wir wollten unsere Stimme finden, unseren Weg, Dinge zu tun.

Findet ihr, dass sich eure LPs unterscheiden?

Al: Es gibt sicher einen Unterschied. Auf der ersten Platte hast du vier Leute, die zusammenkommen, um eine Platte zu machen. Du musst etwas aus dem Nichts machen. Die Ideen kommen schneller, und die Dinge entwickeln sich dringlicher. Alles trifft aufeinander, und am Schluss hast du ein paar Songs. Zwischen diesem Punkt und einer weiteren Platte spielt man live und redet mehr miteinander. Man spricht über die Dinge, die einem beim ersten Album nicht gefallen haben, und über das, was man daran mag. Man entwickelt sich und wächst. Ich habe diesen Eindruck bei jeder Band – nimm die dritte Platte und du hast den Kern. Ich mag unsere zweite ein bisschen. Sie entspricht mehr dem, was wir tun wollen, weil wir genügend Zeit hatten.
Todd: Ich würde sagen, die zweite ist besser ausgearbeitet.

Jim O’Rourke erzählte mir, dass er als Produzent das herüberbringen möchte, was die Band machen will. Stimmt das für euch?

Al: In unserem Fall ist das ein treffendes Statement. Es ist großartig, mit ihm zu arbeiten, wir können alles probieren und über alles reden. Es ist gut, weil ich ihn fragen kann »Hat das gut geklungen, oder soll ich es noch einmal versuchen?«. Er ist objektiv, und man kann ihm vertrauen. Er sagt dir, ob es passt oder ob du es noch einmal versuchen solltest. Aber es ist nicht nur das. Für ihn ist das Album ein dreidimensionaler Raum. Man kann all diese Sounds hören, egal, ob Snare-Beat, Gitarre oder Gesang – es ist wie bei Flugzeugen, es geht auf und ab, hinein und hinaus. Es ist nicht einfach ein komprimiertes, gleichgeschaltetes Level von Musik oder Soundgeschehen. Besonders auf »Sang Phat Editor« hört man diese kleinen Dinge, die auf dich zuspringen.
Todd: Wenn wir eine Idee haben, weiß er, wie wir es machen können, und er arbeitet unglaublich schnell.
Al: Er nimmt auch kein Geld von uns, und er arbeitet, wenn er krank ist.
Mir gefällt, dass die Platte unter einer halben Stunde dauert. Für meine Begriffe ist das die ideale LP-Länge.

Al: Bei der Live-Show ist es für uns dasselbe. Viele Leute verlangen Zugaben. Wir wollen nicht, dass sich die Leute von uns betrogen fühlen – was wir machen, ist das, worum es uns geht, und es dauert 40, vielleicht auch 45 Minuten. Jede Nacht ist unterschiedlich. Die Musiker können die Sache etwas dehnen oder kürzen. Ich komme mir blöd dabei vor, auf die Bühne zurückzukommen.
Todd: Ja, herauszukommen mit der Idee, alles zu geben. Wir wissen, wann es beginnt und wann es aufhört. In dieser Zeit geben wir alles, was wir haben. Dann mehr zu spielen – ich denke, das wäre Betrug gegenüber dem Publikum.
Mark: Es wäre ein Zusatz zu etwas Komplettem.

Aber für eine klassische Rock-Band gehört das zum Spiel. Und ihr seid doch eine Rockband.

Al: Zumindest ist es unser Ansatz. Es gibt tausende große Rockbands, denen es an den richtigen Ingredienzien mangelt. Im Rock’n’Roll gab es eine Zeit, in der die Musik irgendwie gefährlich und unruhig war, und die die Leute aufregte. Es war abenteuerlich, auf ein Konzert zu gehen. Irgendwer hat das in den letzten zehn Jahren umgedreht, und jetzt ist es wie Schlaf. Das regt mich ziemlich auf.
Todd: Die Stooges konnten die Leute wirklich verstören. Heute glauben Bands, sie können wie die Stooges klingen und dasselbe erreichen. Ja, man kann wie die Stooges klingen, aber kann man erreichen, was sie erreichten? Total gegen die Erwartung der Leute damit gehen?
Pat: Die Antwort ist: nein.
Al: Wir wollen diese Gefühle zurückbringen. Was wir machen, ist ein wenig beängstigend, unterschiedlich und beunruhigend. Es ist nicht immer so, aber wir versuchen es. Die Leute können, nachdem sie uns gesehen haben, nicht sagen, wir klängen wie Slint, Jesus Lizard, Pavement oder Polvo. Das gefällt mir. Wir sind nur wir selbst, und das ist es.

Check out:
Skin Graft
U.S. Maple at Southern Records
U.S. Maple at Drag City Records

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