Fotos: © Saglam IVE

Trompete für türkische Mädchen

Wie kann in Schulen die Musik von Kindern »mit Migrationshintergrund« aufgenommen werden und in etwas Neues, Gemeinsames hineinwachsen?

Blasinstrument-Klänge. Im Hintergrund zwei Hornbläser. Davor ein kleines Mädchen mit Trompete, das nicht hinweg geweht wird von den Hörnern, denn der Luftstrom geht nach hinten hinaus. Daneben weitere Mädchen und Jungen mit Trompeten, Hörnern und einer Posaune. Aber muss die Melodie für dieses unkonventionelle Blasorchester unbedingt »Hänschen klein« sein? Das Lied war sicher dem allgemeinen Bekanntheitsgrad geschuldet.

In dem EU-Projekt namens »Sparkling Science – Musik ohne Grenzen« lernten Kindern »mit migratorischem Hintergrund« aus einer Wiener Volksschule bzw. Mittelschule in acht Monaten ein Musikinstrument. Posaune! Klarinette! Cajon! Es entstand das Hör- und Liederbuch »Sieben Blätter und ein Stein«, dessen Ziel es war, »die große musikalische und kreative Diversität solcher Schulen offenzulegen«, wie Herausgeberin Wei-Ya Lin im Nachwort schreibt: »Obwohl die Wiener Gesellschaft nach mehreren Einwanderungswellen längst multikulturell geworden ist, sind das Bildungssystem und die betreffende Gesetzgebung noch lange nicht darauf vorbereitet. In den Schulen entsteht dadurch eine Lücke …«

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Multikulti, transkulti, national?

Vor Jahren war ich einmal für das »transkulturelle« Musikprojekt MELT der Europäischen Union nach Genua eingeladen. Dutzende MusikerInnen verschiedenster Herkunft versuchten über Tage, in einer alten, leerstehenden Kirche »transkulturelle Elemente« in der Musik zu dekonstruieren. Beim Schlusskonzert am Hafen wurde dann ein Potpourri nationaler Musikelemente vorgeführt, von denen jedem Zuhörer Teile bekannt vorkamen und zu denen er oder sie das Tanzbein schwingen konnte. Als zweites Stück entstand ein esoterisches, äußerst sphärisches Musikwerk, das wohl der Location in der ehemaligen Kirche geschuldet war.

Es ist also schwierig, »multikulturelle« Elemente zu finden und zu isolieren. Im Kinderhörbuch »Sieben Blätter und ein Stein« umging Autorin Jessica Huijnen diese Schwierigkeit, indem sie Teile von Märchen aus verschiedenen sozialen Kulturen aufnahm, sozusagen »klaute«. Aus diesen fremden Märchen baute sie ihre eigene fröhliche Geschichte, »Das Märchen von Märchen«, in dem Kinder aus vorgegebenen, sie einschränkenden Situationen verschwinden und flüchten. »Es war einmal, keinmal – in ferner Zeit, ihr fröhlichen Leut. Erzählen wir, schlafen wir fein? Darf es von beidem gleichzeitig sein?« Ihre Schwester, die Bildhauerin Patricia Huijnen, verwendete Zeichnungen der Schulkinder und setzte sie vor Fotos – Dreidimensionalität und neue Perspektiven entstanden.

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Patricia Huijnen
 

»Es gibt viele Musiksprachen«, heißt es beim Konzert. Ein brüllendes Baby wird hinausgetragen. Eine Ameise läuft vorbei. Die Kinder toben im Hof der Universität für Musik und darstellende Kunst herum. Transkulturelle Spiele: Verstecken und Fangen. Versteht jeder. »Benachteiligte Familien können es sich nicht leisten, ein Kind ein Instrument lernen zu lassen. Ein Kind sollte eine Arbeitshaltung haben, um ein Instrument zu lernen«, sagt eine Schuldirektorin. Eine Arbeitshaltung? In der Volksschule? Vier Mädchen spielen »Bandroom Boogie« auf dem Horn. Ein Wahnsinn. Die Kinder durften die teuren Instrumente behalten. Das nächste Baby schreit und wird hinausgetragen – die wollen auch etwas Geräuschvolles beitragen.

Verstummen und davonlaufen

Die Kinder durften ihre Lieblingsmusikstücke auf dem Smartphone mitbringen, obwohl sonst in der Schule Handyverbot herrscht. Das taugt ihnen. Die erste CD des Hörbuchs beginnt so: »Das Lied habe ich von meiner Mutter gehört. Und die wahrscheinlich von ihrer Mutter.« Schönes Gesinge. Herkunft undefinierbar. Eventuell indisch? »Manche Kinder verstummen schon im Kindergarten«, erzählt eine Sprachpädagogin und berichtet, wie schwierig es sei, Kinder wieder aus diesem Schweigen herauszuholen. Die Kinder fliehen in eine Fantasiewelt.

Die Musikstücke im Bilder- und Hörbuch sind alle mit Noten angeführt, wie »Das Kamel auf Reisen«. Klingt lustig: »Total freak out. Kamel sieht dem Tod ins Auge. Bei diesen zwölf Takten sollte es immer mehr durcheinandergehen, bis schlussendlich kamelähnliche Todesschreie erklingen – Bariton, eventuell Spektraltöne, alle eventuell Multiphonics, Quietscher etc.« Dann taucht aber eine musikalische Oase auf: »Kamel ist glücklich (Brautchor aus Lohengrin erklingt stark variiert). Kamel läuft davon.« Kann man nachspielen, wenn man es kann. Der Popsong »Roots« der Band Matatu könnte sich wirklich zum Hit oder zur »Migrationshymne« entwickeln, wenn er auf YouTube stehen würde.

Am Schluss des Konzertes spielt eine Runde Mädchen und Jungen mit Plastikstäben, die Boomwhackers genannt werden, auf Stühlen. Das Publikum klatscht mit. »Wir sind für immer da. Doing, doing, doing.«

Das Hörbuch »Sieben Blätter und ein Stein. Das Märchen von Märchen« von Wei-Ya Lin (Hg.), inkl. einer Märchen-CD und einer Musik-CD, ist im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen.