Keeley Forsyth © Sophie J Stafford

Stealing The Stolen: Culture Vultures appropriieren das Donaufestival

Trotz kurzer Vorlaufzeit – zuletzt fand das Festival Corona-bedingt im Herbst statt – wartet das Donaufestival einmal mehr mit einem imposanten Line-up auf.

Culture Vultures bezeichnet kulturelle Aasgeier, also Musiker*innen oder Unternehmen, die andere Kulturen des eigenen Profits oder Kapitals wegen plündern: »A person or an organization making profit using unhonorable practices from a culture they do not care for« wie es das Urban Dictionary definiert. Andererseits denotiert der Begriff – wie im diesjährigen Festivalmotto »Stealing The Stolen« intendiert – auch Kreative sowie Aficionados, die sich offen zeigen für alternative Kulturen und Stile und die Diversität und Vielfalt dieser fördern. Cultural Appropriation bedeutet in diesem Fall nicht nur, dass marginalisierte Kulturen in neokolonialer Manier beraubt werden, um eigene Lebensstile oder Werke zu bereichern, sondern inkludiert Opposition und Fortschritt vermittels künstlerischer Kreativität. Spricht man dann von Gegenaneignung als Widerstandsform »von unten«, scheint es angebracht, den fundamentalen Leitspruch der Cultural-Studies-Koryphäe Lawrence Grossberg –mit dem er bereits 1981 die weltweit vielleicht erste universitäre Rock’n’Roll-Klasse eröffnete – zu berücksichtigen, dass seriöse Cultural Studies sich nicht auf Lifestyle-Zöpfe, Cut & Paste oder Ästhetische Theorie reduzieren lässt, sondern Popmusik in einem breiteren Kontext zu explorieren sich anschickt.

Spannend, wie weit dem hier Rechnung getragen wird. Nachdem im Vorjahr Yours Truly an höchster Stelle urgierte, dass in den wiewohl erlesenen Diskurs-Programmen der beiden herausragenden heimischen Avantgarde-Pop-Festivals (Donaufestival Krems und Elevate in Graz) Popmusik praktisch ausnahmslos vernachlässigt wird (sieht man vom Vorzeige-Senior-Schreiber Simon Reynolds mal ab), fährt man heuer im Research Lab »What Is Left To Steal« mit niemand Geringerem als dem in die Jahre gekommenen deutschen Kritikerpapst Diedrich Diederichsen als Leitwolf der Masters in Critical Studies der Akademie der bildenden Künste Wien auf. Hamburger-Schule-Talk und Frontalunterricht olé!

Übrigens, dass bei diesem hochgeförderten heimischen Festival noch immer nicht täglich ein heimischer Act einen Slot erhält, bleibt mysteriös. Geradezu generös ermöglicht man in einer täglich stattfindenden DJ-Line lokalen Turntablist*innen ihr Beatjuggling. Immerhin. Und als Live-Act wird Soap&Skin in Schafsmontur mit neuen Coverversionen reüssieren. Davon abgesehen, hier eine Auswahl aus dem Musikprogramm:

Weekend 1, Freitag, 29. April 2022

DJ-Line: Day 1 | DJ t.total – Minoritenkirche 17:00 Uhr, Halle 2 19:00 Uhr

Der in München ansässige Julian Warner aka Fehler Kuti (nach Fela Kuti) eröffnet das Musikprogramm mit Songs seines Debütalbums »Schland Is The Place For Me« (2019), erschienen auf einem Label der bayrischen Band The Notwist. Auf Denglisch thematisiert er Rassismus und Identitätspolitik, sein zweites Album nennt er »Professional People«. Die in Kasachstan geborene Violinistin Galya Gisengalieva studierte an der Londoner Royal Academy of Music und leitet in der Folge das London Contemporary Orchestra. Nach Kollaborationen mit Steve Reich, Laurie Spiegel sowie Radiohead bereiste sie Zentralafrika und prangert in ihrem Ambient-Projekt das ökologische Desaster an. Der experimentelle britische Kultproduzent Luke Younger aka Helm wartet bereits mit einer Handvoll Studioalben auf und kehrt auf seinem aktuellen Album »Axis« zu seinen verstörenden Noise-Wurzeln zurück, angereichert um Gastbeiträge von Lucy Railton (Cello), Mark Morgan (Gitarre) u. a. »Eine Geburt ist das Beste auf der Welt. Ich belasse es dabei. Es wäre nicht hilfreich, mehr Details preiszugeben«, gibt die zweifache Mutter Tirzah im Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« preis. Die tiefgründigen Liebeslieder ihres zweiten Albums »Colourgrade« trägt Tirzah auf R’n’B-Basis mit tricky manipulierter Stimme vor und finden sich in zahlreichen, auch den letzten skug Jahrescharts wieder. Ein Highlight des Festivals! Empowerment ist der in Bantu rappenden MC Yallah schon seit beinahe zwei Dekaden vordringlichstes Anliegen. Als MC Yalla & Debmaster stellt sie mit dem französischen Produzenten das Album »Kubali« vor. Einen Wolf im Schafspelz wird Anja Plaschg aka Soap&Skin hier in ihrer Performance »in sheep’s clothing – reinterpretations and cover versions« keineswegs abgeben. Plaschg war schon Nico, Bowie, Louis Armstrong und sogar ein bisserl Robert Johnson (»Me And The Devil«), fremd werden ihr aber auch diese gänzlich neuen Coverversionen nicht bleiben.

Weekend 1, Samstag, 30. April 2022

DJ-Line: Day 2 | DJ Steve – Minoritenkirche 15:30 Uhr, Halle 2 00:30 Uhr; Yuzu – Halle 2 19:30 Uhr

Spätnachmittags findet das Solokonzert der japanischen Perkussionistin Midori Takada, bekannt durch Arbeiten mit dem RIAS-Symphonie-Orchester Berlin, Steve Reich sowie Lafawndah, statt. Ebenfalls in der Minoritenkirche appropriieren 75 Dollar Bill divergente Musiktraditionen aus Afrika und Asien, natürlich in einem experimentellen No-New-York-Mashup. Schon auf der Sophienalpe beim Hyperreality 2019 verstanden es Moor Mother und DJ Haram aka 700 Bliss, ihren ätzenden Arab-Philly-Slave-Punk in Szene zu setzten. Die als Umfang agierende Brooklyner DJ und Produzentin Emma Burgess-Olsen präsentiert ihren von Detroit Techno und Acid House beeinflussten rohen, abstrakten Techno. »Speak for yourself«, wiederholt Arca im Track »Nonbinary« auf dem Album »KiCk i« (2020) mehrfach und repräsentativ für ihre nichtbinäre Person. Die venezolanische Produzentin legte mit ihrem zum Teil absichtlich sperrigen, dennoch aber auch gehörig groovenden Pop am Donaufestival bereits im Jahr 2015 einen famosen Auftritt hin. Auch DJ Lag gehörte bereits einmal zu den Festival-Highlights: 2017 stellte diesenorts das Beyoncé-Liebkind Gqom als eine der aufregendsten, tanzbaren Klubmusiken vor. Krönender Live-Act-Abschluss des zweiten Festivaltages!

Weekend 1, Sonntag, 1. Mai 2022

DJ-Line: Day 3 | Fatalismus Spunk 6/9 – Minoritenkirche 13:30 Uhr, Halle 2 22:00 Uhr; Mariah Doesn’t Carey b2b Karl Knall – Halle 2 17:00 Uhr

Auf ihrem vierten Album »Silvercoat The Throng« fusioniert die in New York ansässige Art-Techno-Produzentin Nicky Mayo aka Hiro Kone clubbige Breakbeats und psychedelischen Ambient. Matana Roberts & Jessica Moss improvisieren im Duo Free Jazz, Noiserock und Gospel. Ansonsten beschäftigt sich die Saxofonistin Matana Roberts gerade mit dem hervorragenden, zwölfteiligen afroamerikanischen Werkzyklus »Coin Coin«, während Violinistin Jessica Moss (Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Tra-La-La-Band) ihr Album »Phosphenes« (2021) veröffentlichte. Zu unser aller Beseligung verließ der finnische Produzent Vladislav Delay die Einöde der Insel Hailuoto, um seine in der Wildnis entstandenen Klanglandschaften (Drones, weißes Rauschen, Gletscherimpressionen) mit Visuals von Antye Greie-Fuchs hier präsentieren zu können. Zur Invitation von Blutegeln, Raupen, Schnecken und Würmern (so die Titel ihrer Tracks) lädt Vokalistin Tara Nome Doyle auf ihrem zweiten Album »Værmin« mit Klavier, Geige und Synthesizer ein. Aus dem öden nordenglischen Kaff Lancashire kommt der brutale Rapper und Tänzer Tom Heyes, der als Blackhaine in seinen brachialen Beats (à la Coil, Whitehouse) seinem Zorn über die aufgelassenen Industriebrachen seiner Heimat freien Lauf lässt. Nachdem er in den Neunziger-Jahren als Butterfly in Digable Planets (Jazz-)Hip-Hop-Geschichte schrieb, kombiniert Ishmael Butler im Duo Shabazz Palaces seit mehr als einer Dekade Techno-Beats mit spirituellen Jazz-Improvisationen bis hin zu Underground Resistance.

Weekend 2, Freitag, 06. Mai 2022
DJ-Line: Day 4 | Abu Gabi – Minoritenkirche 16:30 Uhr, Halle 2 00:00 Uhr; Haskii – Halle 2 19:00 Uhr

Eine Ambient-Elektronik-Klanglandschaft erwartet uns vom afrokaribischen Saxofonisten JJJJJerome Ellis mit dem Album »The Clearing«. Das indonesische Duo Raja Kirik rebelliert gegen koloniale Unterdrückung via Mythen vom »Dog King« Menak Jinggo, selbstgebauten Instrumenten und Jaranan-Buto-Folklore sowie schamanischer Trance. Slikback x Weirdcore wollen uns in ihrem hochrasanten Techno-Noise-Projekt VOID weismachen, dass die Zukunft nicht in Europa liegt, sondern in der Manga- und Anime-Kultur. Soll sein. Den hypnotischen Blues- und Tuareg-Mix der nigerianischen Formation Les Filles de Illighadad würdigte skug bereits in den Jahrscharts 2016. Weiters verspricht auch das aktuelle Album »At Pioneer Works«, dass dieser Live-Act ein musikalisches Highlight wird. In dem auf Glitterbeat erschienenen Album »Global Control/Invisible Invasion« (2020) kommt mittels explorativen Approachs des tunesischen Produzenten AMMAR 808 neben Sounds des südindischen Tamil-Nadu-Territoriums natürlich auch der legendäre Drumcomputer TR-808 zum Einsatz. Kevin Martin aka The Bug zählt seit vielen Jahren zu den führenden Electro-Produzenten. Diesmal führt ihn sein Stile-Mix aus Dancehall, Noise und Dark-Dub im Duo-Projekt The Bug & Dis Fig nach Krems. Sängern Felicia Chang alias Dis Fig präsentiert übrigens ihr Soloprogramm am darauffolgenden Samstag!

Weekend 2, Samstag, 07. Mai 2022

DJ-Line: Day 5 | Welia – Minoritenkirche 15:30 Uhr, Halle 2 22:00 Uhr; Stefanie Seibold & Yasmina Haddad – Halle 2 19:00 Uhr

Honest Labor nennt das aus Manchester kommende Duo Space Africa seine überschneidenden Momente aus Minimal- und Dub-Techno. Ihre Deep Journey in die Vergangenheit wird heuer auf zahlreichen Festivals herumgereicht (Accidental Meetings, Intonal, Horst Arts, Plissken sowie Dekmantel). Über Schellack-Rauschen lässt The Caretaker aka James Leyland Kirby u. a. Alzheimer-Patient*innen Melodien vortragen. Insgesamt ruft sein Werk Geistergeschichten aus der (Swing-Ballroom-)Kindheit sowie Erinnerungsverlust wach: »Haunted Ballroom Trilogy« (1999–2003), »Sadly The Future Is No Longer What It Was« (2009), »Take Care, It’s A Desert Out There« (2017), »Everywhere, An Empty Bliss« (2019). Letztgenanntes ist übrigens bereits sein elftes Album. Bei ihrem zweiten Auftritt am Donaufestival absolviert Dis Fig solo ihren rasanten Stilmix (Techno, No Wave, R&B) mit Fokus auf das Album »Pure« (2019). Schlichtweg »Diaspora« (2020) betitelt das aus Angola und Polen stammende Duo Lua Preta sein Album mit futuristischem Electro-Afro-Mix: »Money.Equal.Trouble«. Jehnny Beth kennt man von ihrer Postpunk-Band Savages her. Auf ihrem Soloalbum »To Love Is To Live« (2020) kollaboriert Beth mit zahlreichen namhaften Songwriter*innen und Produzent*innen. Neben einer verträumten Ballade lässt sie ihre katholische Erziehung (glücklicherweise) hinter sich und macht auch ordentlich Krach. Und in »I’m The Man« wagt sich Jehnny sogar an harte Schwänze: »There’s no bitch in town who doesn’t understand how hard my dick can be«. Na dann, zweifellos ein Highlight des Festes. Measure Maniacs aka Aimo Scampa and Ewa Justka (Glasgow) feuern zum Abschluss des Tages ihre rasante musikalische Katharsis mit Laser-Lightshow ab.

Weekend 2, Sonntag, 8. Mai 2022

DJ-Line: Day 6 | Seba Kayan – Minoritenkirche 15:00 Uhr, Halle 2 22:00 Uhr; DJ Ripley – Halle 2 18:00 Uhr
Die Tätowierkünstlerin und Bassistin Gloria Amesbauer eröffnet den letzten Festivaltag als GLAM mit Drama-Pop. Im Auftragswerk des 1977er-Gassenhauers Rhizom, dem Techno-Katholizismus der bereits in den Neunzigern verstorbenen Gilles Deleuze und Felix Guatarri, verflechtet der schwarze Pariser Niamké Désiré alias Aho Ssan Soundmaterial von Moor Mother, KMRU und clipping. Hier in der Uraufführung zu hören. Das Leben als Trümmerhaufen inspiziert die englische Darstellerin und Singer-Songwriterin Keeley Forsyth in ihrem Debütalbum »Debris« (2019) und auch im Nachfolger »Limbs« (2022), wo in fürwahr spartanischer Instrumentierung (Harmonium, Geige, Akkordeon) alles in Aufruhr ist. Forsyth trat in unzähligen TV-Drama-Serien und Soaps auf und mit ihrer eindringlichen, ergreifenden Alt-Stimme vermag sie in der Tradition eines Scott Walker zu berühren bzw. zu verstören. Mit einem Stipendium der Steve Reid Foundation entwickelte der in New York geboren und in Indien aufgewachsene Tablaspieler Sarathy Korwar die Stücke für sein Debütalbum »Day to Day« (2016), das HipHop aus Mumbai ebenso wie Siddi-Gesänge und -Rhythmen einbezieht. Ob seiner Manipulationen auf dem vierteiligen Album »The Disintegration Loops« (2002) erlangte der texanische Avantgarde-Komponist William Basinski Kultstatus. Seine Tape-Loops und Minimal-Music-/Ambient-Arbeiten sind auch heute noch einzigartig. Die gebürtige Spanierin JASSS fertigte ihre Field Recordings in den Niederlanden an, ehe sie glücklicherweise nach Berlin emigrierte, wo sie in der Mannequin Records Night des OHM beziehungsweise in Berghains Säule eine suitable Bleibe fand.

Ausführliches Programm unter: https://www.donaufestival.at