Lydia Lunch: »Dust and Shadows« © Žiga Koritnik

Von der Dunkelheit schwärmen

»(S)low Light – Seeking Darkness« wider die Lichtverschmutzung vernetzt Kärnten mit dem Alpe-Adria-Raum. Am 12./13. Oktober war in Klagenfurt sinnlicher österreichischer Auftakt mit Performances vom Crown (Corona) Quartet bis Lydia Lunch samt Warnrede von Extinction Rebellion.

Zahra Mani & Karin Schorm vom steirischen Klanghaus Untergreith erarbeiten ihre Projekte von ihrer Basis in einem Steinhausensemble in Hrelji 45, in der Nähe der im Zentrum von Istrien gelegenen kroatischen Kleinstadt Žminj. Dieser Ausgangs- und Kreuzungspunkt prädestiniert für eine rhizomatische Verästelung von Kulturinstitutionen im Alpe-Adria-Kulturraum. Nachdem es im Sommer 2021 Initiativen bei Stazione di Topolò in Friaul, beim Sajeta Festival im slowenischen Tolmin und im Rahmen des Firefly Festivals in Istrien gegeben hat, erfolgte in Koproduktion mit Innenhofkultur in Klagenfurt der verheißungsvolle Startschuss zu »(S)low Light – Seeking Darkness«. Hervorgegangen ist das von der Kärntner Kulturstiftung prämierte Vernetzungsprojekt aus einem österreichweiten Call unter dem Motto »Umbrüche«. Eingeladen waren zahlreiche Partnerorganisationen, wobei einige Akteure auch als Musiker*innen an den Aufführungen mitwirkten.

Partner im Alpe-Adria-Raum

Etwa Roberto Paci Dalò im Crown (Corona) Quartet (mit Mia Zabelka, Zahra Mani und Tibor Szemző), das nach seiner Entstehung im Internet während des Corona-Lockdowns am 12. Oktober 2021 nun mit der Uraufführung von »Dedicated To The Dark« ein besonders stimmiges Live-Debüt gab. Paci Dalò, ein Klangkünstler aus Rimini, der fürs USMA Radio der Universität der Republik San Marino eine Live-Übertragung des Festivals organisiert. Radio AGORA, der einzige nichtkommerzielle und mehrsprachige Rundfunksender in Kärnten, hat beide Abende mitgeschnitten und wird die Performances in voller Länge senden. Als enger Projektpartner von »(S)low Light – Seeking Darkness« produziert Radio AGORA darüber hinaus eine Serie von Podcasts, die die Vielfalt von interdisziplinären Zugängen zu dem Thema radiophon darstellen und somit ein größeres Bewusstsein für die Signifikanz der Dunkelheit schaffen werden. Es ist zwar unmöglich, das Eintauchen in ein Halbdunkel ins Radio zu beamen, doch vor Ort gelingt es, zumindest eine Art Schattenwelt zu generieren.

Crown (Corona) Quartet © Žiga Koritnik

Bei Tieren führt die oft sinnlose Überbeleuchtung zu Desorientierung und damit allzu oft in den Tod, beim Menschen zum zu kurzen Ausruhen oder dem Verlust eines Kulturguts: der Schönheit des Sternenhimmels, der nur noch in abgeschiedenen Regionen in voller Pracht zu erleben ist. Eine Videoinstallation von Irene Borgna, Autorin des neu erschienen Werkes »Cieli Neri: Come l’inquinamento luminoso ci sta rubando la notte« (Ponte alle Grazie, 2021) sowie Videoarbeiten von Gavino Canu verwiesen draußen im Garten bzw. in einem hohen Innenraum darauf. Auch ein zum kommunikativen Austausch einladendes Lagerfeuer erinnerte daran, dass eine temporäre Beleuchtung, nur für den benötigten Zeitraum, die vernünftigere Lösung ist.

Für einen besonderen Wohlfühlfaktor sorgt der Verein Innenhofkultur, der nur noch bis Jahresende im Aufführungsort, der prächtigen Villa For Forest am Viktringer Ring, logieren darf. Außerdem reicht das Team um Vereinsobmann Raimund Spöck kulinarische Spezialitäten und Getränke. Somit ergibt es sich wie von selbst, mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Beispielsweise mit den Betreibern des Sajeta Festivals aus Tolmin und dem Fotokünstler*innenpaar Petra Cvelbar/Žiga Koritnik aus Ljubljana, das dankenswerterweise die Bilder für diesen Bericht zur Verfügung stellte. Oder mit Lydia Lunch über das Mäzenatentum von Nicolas Jar, der aufgrund unverschämt hoher Gageneinkünfte einen Hang zur Philanthropie entwickelte und während der Corona-Shutdowns Künstler*innen Geld überwies. Lydia Lunch sarkastisch: »Das gebührt mir ohnehin, weil Jar Samples von meiner Musik verwendet hat.« Doch, schon ist aus dem Veranstaltungssaal eine gewisse Unruhe zu vernehmen.

Martha Krumpeck: »Lighting The Way To Extinction« © Petra Cvelbar

Ausgeleuchteter Weg zur Auslöschung

Was hat Martha Krumpeck, radikal aktiv bei Extinction Rebellion Österreich und bekannt für ihren mehrwöchigen Hungerstreik gegen Ökozid und Korruption im Juni 2021, zu sagen? Die 29-Jährige studierte Molekularbiologin kommt in ihrem Vortrag »Lighting The Way To Extinction« klar zur Sache. Es existiert eine falsche Balance. Konzerne zahlen »Wissenschaftler«, die für Geld das Klima leugnen. Weltweit bezeugen Wetterkatastrophen, dass die Menschheit am selbstverursachten Weg zum Aussterben ist. Die Erfindung des LED führt, weil billiger, zu mehr Beleuchtung. In 25 Jahren hat sich der Anteil der Lichtverschmutzung um 50 Prozent erhöht. Da die LED-Beleuchtung aber von Satelliten nicht messbar ist, dürfte die vermehrte Lichtabstrahlung sogar ums 3- bis 4-fache gestiegen sein! Was unwiderruflich den Biorhythmus stört. Die unheilige Allianz von geldgebenden Konzernen und Medien führt dazu, dass kaum Kritik an der Wegwerfgesellschaft geübt wird. Und Greenwashing ist ein verdammenswerter Freikauf von Verantwortung, der kein Ökosystem rettet.

Seit über 30 Jahren funktioniert der Einfluss der korrekten Wissenschaft auf die Politik nicht. Vertröstet, verraten und verkauft fühlt man sich als Staatsbürger, und leider werden in der Alpenrepublik die 4,5 Milliarden Euro schweren Steuervergünstigungen für Klimaschädliches wie Pendlerpauschale immer noch nicht abgeschafft. Das bisschen CO2-Abgabe dient nur zur Gewissensberuhigung. Die langsame Umstellung von Benzinern zu Elektroautos beseitigt die Probleme keineswegs. Und leider ist unser Lebensstil Vorbild für die ganze Welt. Deswegen ist es dringend nötig, sich von der Logik des Mehr und Mehr zu verabschieden. Vielen Menschen ist mittlerweile bewusst, dass es so nicht weitergehen darf. So sollte einleuchten, dass eine Wanderung in der Natur erstrebenswerter ist als Konsumzwang. Umfragen können andere Fragestellungen aufwerfen. Dann sind plötzlich Tempolimits erwünscht und wird der Bau einer Straße, zumindest wenn in der Nähe der eigenen Wohnung verlaufend, abgelehnt. Krumpecks Resümee: Es ist unsere Pflicht, zur Not Baustellen zu besetzen. Kurzfristigen Interessen muss ein Ende gesetzt werden. Nach den Protesten gegen Zwentendorf und Hainburg soll auch die Besetzung der Lobau zum Erfolg führen.

Zahra Mani und Jaka Berger: »Riflessi Scuri« © Petra Cvelbar

Bewusstere Dunkelwahrnehmung

Dunkelheit kann auch als beängstigend empfunden werden, doch an sicheren Orten führt Darkness zu einer erhöhten Wahrnehmung, zu einem Sich-besser-Spüren. Viv Corringham, Vokalistin und Sound-Art-Künstlerin aus dem UK, gerühmt für ihre »Sound Walks«, beindruckte am Vortag mit ihrem »Walk in The Dark«. Und auch der erste Live-Act am 13. Oktober 2021 weist auf die Notwendigkeit von Dunkelheit hin. Ein wunderbares Verweilen im Halbdunkeln ermöglichen Zahra Mani und Jaka Berger in »Riflessi Scuri«. Zu Gavino Canus Lichtspitzenprojektionen in das graubraune Dunkel einer runden Scheibe an der Wand gelingt ein musikalischer Dialog über die Finsternis, der Field Recordings von Wäldern und Bächen des Topolò ebenso enthält wie von adriatisch-istrischen Felsküsten. Zahra Manis Bass wummert und wobblet, Jaka Berger scheppert, klingelt, klöppelt mit/auf seinem perkussiven Instrumentarium, und modulare Synths und Effektsounds strahlen unterschwellig die Bedrohlichkeit einer Übertechnisierung aus. Gegen Ende erklingt eine Art Bienenschwarmsummen – eine berührende Klangreise, raus aus der Düsternis.

Eindringlich auch die Spoken Word & Sound Performance »Dust and Shadows« von No-Wave-Queen Lydia Lunch: Gespenstische Images von Wüstengeisterstädten beschwören böse Vorahnungen, doch geht es auch um zurückgelassene Liebhaber in leeren Räumen, umgesetzt mit kongenialen Visuals der französischen Künstlerin Elise Passavant. Verlust, Wut, Verzweiflung ob des Anrennens gegen politische Macht, Rachefantasien, Fragen nach einem Überleben, einem Fortbestand werden aufgeworfen. Eine raffinierte Performance, die dank einfacher Methodik in den Bann zieht. Lydia Lunch benötigt dazu nur zwei Mikrophone, eines davon mit einem Echo belegt, und natürlich eine Tonspur mit atmosphärisch psychotischen Ambient-Soundscapes.

Viv Corringham: »Walk in The Dark« © Žiga Koritnik

Viv Corringham wird übrigens im Frühjahr 2022 Artist in Residence im Rahmen von »Slow Light« sein. Eine Erweiterung mit EU-Förderung ist nicht nur angedacht, sondern wurde bereits eingereicht. Möge die Ausdehnung in den Westbalkan (Skopje, Tirana, Belgrad) gelingen! Außerdem organisiert die Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Frankfurt einen interdisziplinären Studiengang zum Thema, wodurch »Slow Light – Seeking Darkness« zusätzlich sozial, künstlerisch und wissenschaftlich fundiert werden wird.