Die skug Räder im Probebetrieb © Rüdiger Suppin
Die skug Räder im Probebetrieb © Rüdiger Suppin

Salon skug auf Rädern #2

Wir werden mit dem Radl da sein – vermutlich. Auf die Sommer-Salons darf sich gefreut werden, denn in unserer mobilen Veranstaltungsplattform steckt täglich mehr Witz und Idee. Bleibt zu hoffen, dass wir das Werkl auf die Straße bekommen, denn leider haben Politik und Virus ein Wörtchen mitzureden.

Liebend gerne würden wir das Lied »Sebastian Kurz, du hast unseren Sommer zerstört« nicht anstimmen müssen. Allerdings, wenn der Kanzler sich in der Pressekonferenz am 22. März 2021 freut, dass die Covid-Zahlen in Österreich nicht »sofort explosionsartig steigen«, dann scheint uns das ein bisschen zu viel wegen zu wenig gefreut. Den Stoßseufzer der Wissenschaftler*innen können wir bei skug gut verstehen. Denn seit über einem Jahr erleben wir, dass sich die Politik nicht auf die Pandemie einstellen kann oder will. Selten musste sich die Bevölkerung in Österreich so unmittelbar von politischen Entscheidungen betroffen fühlen wie heute. Für skug bedeutet dies konkret, dass wir unsere Sommer-Salons nicht ernsthaft planen können, weil wir leider mit einem Teilausfall oder schlimmstenfalls sogar Totalausfall rechnen müssen. Den ersten Salon skug auf Rädern wollen wir Anfang Mai machen, gemeinsam mit der KriLit. Statt diesen und sein Programm an dieser Stelle vorzustellen, müssen wir jetzt – wieder einmal – die schwierige Covid-Situation darlegen.

Das Veto des Virus
Eigentlich ist der Umgang mit einer Pandemie ganz simpel, weil nur auf die Zahlen geschaut werden müsste. Es gibt einen von Wissenschaftler*innen sehr präzise vorhersagbaren Level an Impfungen, ab dem die Pandemie (sofern keine impfresistenten Mutationen zuvor entstanden sind) in sich zusammenbrechen wird. Super. Dafür müssen nicht alle Menschen, sondern nur etwa 70 % der Bevölkerung geimpft sein. Gut. Bis dahin muss das Infektionsgeschehen eingedämmt werden, durch die Maßnahmen, die uns auf den Senkel gehen. Blöd. Nur – zum Mitschreiben für die politischen Entscheider*innen – ohne diese Maßnahmen schnalzen die Infektionen nach oben und die permanent versprochenen »Öffnungsschritte« geraten in immer weitere Ferne. Genau da sind wir jetzt. Wieder mal. Österreich war auf einem viel zu hohen Plateau zu Beginn des Jahres und hat nichts getan. Die Sesselliftwirte, die Befindlichkeiten der Länder, das Abschieben von Kindern, die Korruptionsskandale – es ließ sich einfach kein richtiger Fokus aufs Problem aufbauen. Die Zahlen stiegen wieder stark an und es wurde immer noch nichts getan. Jetzt soll es dann eine »Osterruhe« geben, aber nur kurz und auch nur teilweise. Ein Ergebnis könnte sein, dass die Zahlen so hoch bleiben, dass die Situation in den Krankenhäusern immer noch zu gefährlich ist und deshalb der Sommer nach hinten geschoben werden muss. Vielleicht, wenn wir Pech haben, sogar bis Herbst. Wir singen dann gemeinsam mit Tocotronic: »Und darum klag’ ich an / Sebastian Kurz, nur du bist schuld daran / dass aus dem Sommer nichts werden kann.«

Das Sprüchlein von der »schwierigen Situation« zieht irgendwann nicht mehr. Unentschlossenheit, Inkompetenz und waschechte Dummheit sind als solche politisch zu bewerten. Alle Menschen lieben Zuversicht, nur warum glauben die Verantwortlichen im Kanzleramt, dass wir alle einen leichten Hirnschaden haben? Wir hatten die »Auferstehung nach Ostern« bereits vor einem Jahr. Die schiere Anzahl der Versprechungen, nun sei endlich »das Licht am Ende des Tunnels« zu sehen, lässt schwerwiegende Zweifel aufkommen über die Natur dieses Tunnels. Es wird ein mieses Spiel mit der Bevölkerung gespielt, das aus dem immer gleichen Muster besteht: 1. Akt: Keinen Plan, leugnen, weglaufen. 2. Akt: Lösungen vorschlagen aus dem Hause »Coo Coo Bananas«. 3. Akt: Durchgeknallte Zuversicht rausposaunen. 4. Akt: Wieder bei Akt 1 beginnen. Wir befinden uns gerade wieder in Akt 3. O-Ton Kurz: »Wir sind Testweltmeister! Hurra!« Haben folglich alles im Griff und bald ist alles vorbei, weil die größte Impfkampagne ever, die zuvor zwar nicht richtig geklappt hat, nun aber tadellos laufen wird. Also, ab nächster Woche. Ja, kann sein. Oder es läuft halt so wie letzte Woche, da hat es nämlich leider noch nicht so richtig funktioniert.

Salon skug auf Rädern Baukasten © David Baum, XYZ Cargo

Die größte Impfkampagne, die jemals in Österreich durchgeführt wurde, kann man nicht einfach guten Gewissens versprechen und so tun, als sei schon alles in trockenen Tüchern. Zumal dadurch einer Wurschtigkeit im Umgang mit dem Virus Vorschub geleistet wird. Die heutige, erneut sehr schwierige Lage ist somit eine direkte Folge des Spin-Doktoren-Geschwurbels von Sebastian Kurz. Mehr oder minder geschickte Meinungsmanipulation nützt nicht viel, denn die Wahrheit liegt in den nackten Zahlen. Wenn die 70 % Impfquote nicht erreicht werden, dann werden uns auch die Eindämmungsmaßnahmen erhalten bleiben. Außerdem gibt es kein Allheilmittel, die beste Impfkampagne wird nicht wie mit dem Zauberstab alles wieder gut machen. Es ist kindisch, dies zu behaupten. Ob und wann dann die Kulturveranstaltungen wieder aufsperren können, wird ja nicht einmal mehr erörtert. Auffällig ist nur, dass sich die vagen Versprechungen von Mai Richtung Juni verschieben. Es ist ermüdend. Hoffen wir halt das Beste. Schluss mit dem Schimpfen.

Haben wir was gelernt?
Nun ist die aktuelle Covid-Krise durchaus Teil eines größeren Problems und das ist so groß, dass es sehr schwer ist, sich davon einen Begriff zu machen. Die platte, äußerliche Darstellung ist in aller Munde: »Die menschliche Zivilisation ist in Gefahr.« Aber wer kann dies überhaupt begreifen und daraus Konsequenzen ziehen? Im Grunde steht einem nur innerlich der Mund offen und man hofft kindlich, dass irgendwie alles nicht so schlimm sei. Ist es aber. Wir müssten uns als Menschheit von übergeschnappten Heilsversprechen und Visionen frei machen, die glauben machen wollen, es ließen sich für alles hochtechnologische Lösungen finden. Siehe beispielsweise den Club der Milliardäre Gates, Bezos, Musk et al. Da soll so ein Maschinchen gebaut werden und dann noch so eines (dabei kann übrigens prima viel Geld verdient werden) und am Ende fliegen wir alle zum Mars. Nö, wird nicht passieren. Denn leider geht der Menschheit buchstäblich die Energie aus. Es fehlen längst die Ressourcen zum weiteren Raubbau. Allein weil diese ungeheuerliche Geschwindigkeit erreicht wurde. Die Hälfte des kompletten industriebedingten CO2-Ausstoßes geschah nach 1990. Die Hälfte aller Plastikprodukte wurde nach 2005 hergestellt. Die Industrieproduktion wurde in einer Weise angeheizt, dass einem schummrig werden könnte. Eine Folge: Bald ersticken wir im Müll. In den allermeisten Fällen bleibt uns Endverbraucher*innen überhaupt keine andere Wahl, als dieses Drecksspiel mitzumachen. Ob Nahrungsaufnahme oder Transport, es gibt schlicht kaum Alternativen. Wir müssen uns, wenn wir nicht verhungern wollen, durch Umverpackungen durchfressen und können uns oftmals nur mittels Ausstoßes giftiger Gase fortbewegen.

Kompaktierung Dreirad samt Anhänger © David Baum, XYZ Cargo

Um dem Problem wenigstens ein wenig beizukommen, sollte es nicht um großspurige und übergeschnappte Pläne gehen wie Interstellarflüge, sondern um die Frage, wie kommen wir etwas weniger ruinös um die nächste Ecke? Hier will skug mit kleinen, feinen anti-industriellen Maßnahmen subversiv wirken. Fast alle Umweltpolitik, wie beispielsweise die aktuelle Diskussion über das Verbot von Verbrennungsmotoren, sind verdeckte Industrieprogramme. Durch die geplante Umstellung der Autoflotte auf Elektro wird der Autoindustrie ein enormes Geschenk gemacht. Ein wenig so wie die Umstellung von LP auf CD: Jedes Auto kann in kurzer Zeit nochmal verkauft werden, weil das mit dem alten Motor ja nix mehr ist. Eine Folge wird sein, dass sich die Innenstadt in eine E-Ladezone verwandeln müssen wird, damit die E-Autos nachts trinken können, vielleicht Atomstrom oder verstromte Braunkohle – mal sehen. Wird sicher super. Die Salon-skug-Mobile sind hingegen von einem anderen Schlag. Sie sind ziemlich Low-Tech, die angewandten Prinzipien und Proportionen eines Fahrrades sind ziemlich alt und wohlerprobt. Die Fahrzeuge und die jetzt von skug dazugebauten Anhänger bestehen aus einem Stecksystem aus Aluminium-Vierkant-Rohren. Alles kann in die ziemlich unverwüstlichen Rohre zerlegt werden, die dann für neue Funktionen bereitstünden. Gleichzeitig kann das bestehende Gefährt in jede Raumrichtung erweitert werden. Weil alles innerhalb der rechtwinkligen X-, Y- und Z-Achsen angeordnet ist, wird größtmöglich Raum umhüllt und es werden gerade Flächen geschaffen, die wiederum nutzbar sind. Das Gefährt ist DJ-Tisch, ist Ablage, ist Sitzgelegenheit, ist Sonnenschutz und ist Hamsterkäfig. Halt, das geht zu weit! Bei skug mögen wir nämlich keine Hamster. Aber das Prinzip dürfte klar sein und wird sich im Laufe des Salons auf Rädern vor den Augen des Publikums entfalten: Jedes Element ist zugleich vieles und für verschiedene Nutzungen offen. Jedes Bauteil ist austauschbar, so dass die berüchtigte gewollte Obsoleszenz, die unseren Planeten in eine Industriemüllhalde verwandelt, ausgeschaltet wird. Die Teile wären auch nachdem der Salon komplett in sich zusammengefallen wäre, noch als Einzelteile nutzbar. Nur haben wir dies nicht vor, sondern wollen die Materialien dauerhaft für unseren Veranstaltungsbetrieb nutzen.

Anhänger-Vorentwurf © David Baum, XYZ Cargo

Unser Team aus schlauen Designern von Cyklus, Surfbike und auch XYZ Cargo baut die Fahrzeug-Raum-Kombination rund um die Bedürfnisse unsere Salons. Wir wollen an die unterschiedlichsten Orte Wiens radeln – ohne Verbrennungsmotoren. Wir wollen ordentlich Gepäck mitnehmen. Wir wollen vor Ort Sound haben, wir brauchen Ablagen, Sitzgelegenheiten und – es ist bitteschön hoffentlich knackig heißer Sommer – auch Sonnenschutz und im Pechfall eine gewisse Regenabwehr, die uns zumindest Zeit gibt, das teure Sound-Equipment zu verstauen. Das alles werden die Salon skug Mobile bieten. Sie werden es diesen Sommer tun und im nächsten. Sie werden sich funktional erweitern und auch in ihrer Nutzung möglichst viele Einsatzbereiche erobern. Das Privatbesitz-Statussymbol-Gefährt, das seine »Lebenszeit« mit Herumstehen vergeudet, wird das Salon skug Mobil nicht sein. Derweil leben die Fahrräder in einer niederösterreichischen Pflegefamilie auf dem Land und helfen dort bei der Gartenarbeit (siehe Fotos). In welcher Form auch immer, werden die Räder hoffentlich auf lange Zeit den Menschen Freude bringen und sie unterstützen und keine Müllbergvergrößerung sein, sondern eben dieser kleine Hoffnungsschimmer des »es geht auch anders«, der sich überall fortpflanzen könnte und sollte. Ein wenig Selbstermächtigung in Dauerkrisenzeiten, gegen industrialisierten Blödsinn.

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