Ryoji Ikeda - Ich weiß nicht sehr viel über mich

Ryoji Ikeda scheint als Multimedia-Künstler eher per Zufall in den Musikbetrieb geraten zu sein. skug sprach mit dem japanischen Soundforscher über seine Beziehung zu Zen und sein kritisches Verhältnis zur Musik.

Was soll er schon sagen. Es gibt nichts zu sagen. »It???s all in the music
Ryoji Ikedas knappe Antwort auf mein journalistisches Interesse an seiner Person wirkt vorerst kühl und ablehnend. Später wird er mir von aggressiven in reinen Kausalitäten denkenden MusikjournalistInnen erzählen, die ihn attackierten, weil er nicht spontan auf Fragen reagierte, deren Antworten er selbst nicht kennt, von welchen, die ihm erklärten, wie seine Musik zu verstehen sei und was er besser anders machen sollte. Erklären? »Seine« Musik?
»Es ist nicht meine Musik, es ist Musik, aber nicht meine, wie sollte ich also über ???meine??? Musik sprechen«, sagt er mit einer Bestimmtheit, die ganz klar zwischen Kunstwerk und Künstler zu trennen weiß und beginnt in langen, pausenreichen Sätzen sein ambivalentes Verhältnis zur Musik zu erklären.

Zen Arcade

Nicht über Musik, sondern die in »allen Dingen« steckende Musikalität sollte man sprechen und er zeigt auf den Tisch und das leere Glas, das vor uns steht. Einen Moment später zeichnet er mit seinen Fingern Linien, Punkte und Kreise auf dem karierten Tischtuch eines Wiener Gasthauses, auf dem er Verbindungen zwischen der Symbolwelt im Zen, Musik und seiner Faszination für die Formensprache in der Mathematik und Physik herstellt.
»Eigentlich bin ich ja mehr Architekt«, erklärt er, »ich liebe die Arbeit von Architekten; wie sie planen und zeichnen, sie erschaffen etwas. Aber ihre Arbeit ist getan, wenn die Pläne fertig gezeichnet sind. Den Rest machen die Bauherren
Oder in seinem Fall das Computerprogramm, das die am digitalen Reißbrett entworfenen Skizzen in Sounds umsetzt und den 34-Jährigen zu einem, sagen wir mal, Ausnahmemusiker werden ließ. Vor fünf Jahren noch eine Randfigur der Tokioter Improvisations- und Multimediaszene avancierte Ikeda spätestens mit »+-« (1996), mittlerweile ein Klassiker des elektronischen Minimalismus, zu einem der begehrtesten »Klangdesigner« (wie er sich bezeichnen würde) im audio-visuellen Bereich.
Die Plastizität und die kristallene Klarheit der Klänge, die Ikeda wie Lichtkegel in den Raum wirft und sie mit formaler Strenge übereinander legt und kreuzt, die Grundrisse von Gebäuden, die er schafft, deren Schnittstellen sich schon bei leisen Veränderungen mehr oder weniger horizontal oder vertikal verlagern können, ziehen gleichermaßen eine Hörerschaft aus dem Minimal-Techno wie aus dem Experimental- und E-Musik-Bereich an.
Planung, Kontrolle und Disziplin in der Umsetzung – Eigenschaften die manche RezensentInnen angesichts der totalen Sterilität und Makellosigkeit von »1000 Fragments« , »+-« und »0°C« zu Lobhudeleien im roten Bereich führten – scheinen dabei geeignete Strategien zu sein, dem Chaos und der Improvisation in Alltag und Musik Klarförmigkeit im abstrakten Raum entgegenzusteuern.

»Das Leben selbst ist schon so improvisiert«, klagt Ikeda, »alles ist so unsicher, immer gibt es Aufregungen, einmal ist es kalt, einmal warm. Ich will diese Dinge nicht. Ich ziehe dem Linien in einem mathematischen Verständnis vor
Was ein wenig wie die Flucht in die kleine, heile Kunstwelt aussieht, wo ein konzeptuelles Mehr-durch-Weniger zu innerer Reinheit und ästhetischem Wohlbefinden in trauter Dreidimensionalität führt. Durch die New-Age-kritische Brille gesehen vielleicht schon. Tatsächlich ist der Japaner aber nur schwer zu verstehen. Als Zen-Buddhist mit stark ausgeprägtem Interesse für die rationale Mystik mancher europäischer Wissenschaftler – wie z. B. Franz Anton Mesmer; österreichischer Physikus (1734-1815), der als »Zauberer von Wien« Menschen hypnotisierte und behauptete, er könne sie heilen, indem er ihre körperliche Anziehungskraft verändere – blieb ihm die duale Logik der Nullen und Einsen, das Denken in abendländisch-linearen Kategorien von Raum und Zeit nicht unbekannt, aber dennoch fremd.

»Ich kann nicht nach einem okzidentalen Verständnis Dinge voneinander trennen. Es ist doch alles so verbunden. Nichts kann geteilt gesehen werden.«
Und nochmals skizziert er eine Linie auf das Tischtuch, wie sie auch am Innencover von »0°C«(1998) einen nicht näher zu definierenden Schwebezustand nach der Überwindung von Plus und Minus darstellt und erklärt:
»Die Linie hat keine Weite, Tiefe und Höhe. Nichts. Sie existiert, aber keiner kann sie sehen oder fühlen. Jeder kann sie aber erdenken.«
Die Linie kann daher ebenso ein Punkt oder ein Kreis sein, weil sie keine Kontinuität kennt und Bewegung unmöglich macht, also vollkommen inhaltslos ist.
»Es ist nur die Leere«, sagt der Japaner und spricht den Zustand an, der als »Sûnyatâ« (Gedanke der Leerheit) im Zen zur Vereinigung mit Buddha führen kann.

A-B

Ikedas Bezüge zu Zen werden gerade bei einer Installation wie z. B. ,A??? bei David Toops Austellung »Sonic Boom« in London deutlich. Einmalig und nur für die Ausstellungsdauer konzipiert, leuchtete er in ,A???, einen ca. 4 ?? 1,5 m langen Verbindungsgang zwischen zwei Austellungsräumen in der Haymarket Gallery mit dermaßen grellen Licht aus, dass man das andere Ende des Weges kaum sehen konnte. Geblendet und gedröhnt von der enormen Helligkeit und den pulsierenden hoch- und tieffrequenten Sinuswellensounds, die Lautsprecher verströmten, gab die Installation eine Idee davon, wie der Nicht-Raum im Zen »aussehen« könnte.
»Zumindest war das ein Aspekt«, relativiert Ikeda, der sich auf nichts festnageln lassen möchte, das psychoakustische Phänomen der Statik von ,A???s Sinuswellen dann aber so erklärt:
»Wenn du einmal in der Linie bist, gibt es keine Entfernungen mehr. Es gibt keinen Ort mehr, wo man sein oder sich bewegen kann. Das ist ein Zustand der Unendlichkeit. Die Sinuswelle befindet sich in einem ähnlichen Zustand, weil sie in keine Richtung weist. Man weiß nicht, wo sie herkommt, sie ist einfach nur da«.

Interessant ist dabei, dass er der Unendlichkeit der Sinuswelle immer wieder ein streng-formales Zeitkorsett überwirft und sie so manipuliert, dass kleinste auftretende Energiemengen in einem Spannungsbogen von Aufbau und Höhepunkt westlichen Hörprägungen – von 0 auf 100 sozusagen – sehr entgegenkommen.
Eine Qualität, die sich schon bei einigen Wiener Experimental-DJs rumgesprochen hat, wenn es darum geht soundflächige Stücke zu strukturieren. Darauf angesprochen muss Ikeda nur lachen. Nie hätte er sich vorstellen können, als Musiker wahrgenommen zu werden, der auf den gleichen Bühnen wie Richie Hawtin oder Mika Vainio mittelgroße Hallen füllen würde. Schon gar nicht, dass seine CDs in der DJ-Culture Platz fänden. Und lacht noch mal.
»Nein, wirklich, ich bin kein Musiker. Zeitgenössische Kunst und Architektur sind mir wesentlich näher«, weshalb es ihn in letzter Zeit auch wieder vermehrt in den Ausstellungs- und Galerienbetrieb getrieben hat, wo er schon als Sound Engineer bei Dumbtype (radikale Multimedia/Performance-Gruppe aus Japan) viele Erfahrungen sammelte.

Der Akt des Entwerfens von Klängen, Bildern und Skizzen, die einmalig relevant sind, kommt Ikedas synästhetischem Empfinden wesentlich näher, als Reproduktion und Variation von der Festplatte durch exzessives Knöpferldrehen. Seine Leidenschaft zur Geometrie brachte ihn auch wieder mit dem Architekten Toyo Ito zusammen, für den er momentan in Kopenhagen Klänge und Licht ausstellt.
Weitere Installationsprojekte mit Carsten Nicolai in Milano, Großbritannien und Tokyo sind auch geplant. Die Ohrenmenschen unter uns brauchen aber keine Angst zu haben, dass sie ihren Ikeda in Zukunft nur noch in Kunstmuseen oder Galerien sehen werden (wenn das auch in seinem üppigen Terminplaner so aussieht). Neue Veröffentlichungen auf Touch sind geplant und irgendwann wird der zarte Japaner sicher im Elektronikstammbeisl ihres Vertrauens hinter, vielleicht aber auch auf der Bühne auftauchen. Schließlich kann er nicht anders. »Leute laden mich immer ein«, und da darf man halt nicht unhöflich sein.