Radiohead is here to stay

Fliegen Radiohead je auf die Schnauze? In diesem Leben und in dieser Welt wohl nicht mehr. Schon wieder eine gottverdammt gute Platte!

Diedrich Diederichsen, Deutschlands Vordenker in Sachen Populärkultur, schrieb einst von einem Musiker, dass er »auf unerträgliche Weise alles richtig macht«. Er meinte Elvis Costello.
Es wäre interessant zu wissen, vielleicht erfahren wir’s ja noch, wie er Radiohead sieht. Wann, so fragt sich mancher verwunderte Beobachter, fliegen die endlich hochkantig auf die Schnauze?

Die denkbar einfache Antwort: Vermutlich gar nie! Es scheint ganz so, als hätten sie mit ihrem letztjährigen Werk »Kid A« definitiv den Rubicon überschritten. Wie verdammt ehrfurchtheischend inszeniert mutete das alles an: Keine Single, kein Video, keine Fotosessions, kaum Interviews, dafür betont vage Flüsterpropaganda über Experimente, neue Wege, ein komplett verändertes musikalisches Erscheinungsbild. Und wir, die wir, gewitzt durch U2’s billigen »Pop«-Innovations-Schmäh und anderen faulen Zauber, ganz schnell einmal müde abgewunken hatten, mu&szligten zur Kenntnis nehmen, dass es wirklich stimmte.

Wenn man es sowohl an die Spitze der US-Charts wie auch in die Jahres-Bestenliste der geistreichsten und musikalisch anspruchsvollsten FM4-Sendung – »Im Sumpf« – schafft, dann hat man tatsächlich eine phänomenale Leistung vollbracht. Mit welchen begleitenden Ma&szlignahmen, das ist vergleichsweise nebensächlich. Jetzt allerdings wird’s nachgerade unheimlich: Der Nachfolger »Amnesiac« ist nämlich in verschiedener Hinsicht noch besser.
Die 11 Songs des Albums entstammen fast ausnahmslos den Sessions zu »Kid A«. Gewisse Ähnlichkeiten sind daher nur natürlich: Auch hier sind die Gitarren gezügelt, bahnen sich die Synthesizer und anderes elektronische Gerät zügig ihre Wege durch die verspielt bis komplex angelegten Kompositionen. Dass die beiden Platten indes eklatant unterschiedliche Stimmungsbilder vermitteln, verrät viel über die ihnen zugrundeliegenden Präferenzen.

»Kid A« suchte, das wird jetzt mit aller Klarheit deutlich, so radikal wie möglich den Bruch der Oxforder Band mit ihrer Geschichte. Schlie&szliglich war es nichts Geringeres als ihr Versuch, sich selbst neu zu erfinden. Es war die Flucht aus den Stadien (ins aufwendig designte eigene Zelt), die sie als eine der letzten integren Ikonen der Alternativ-Rock-Kultur gefüllt hatten, und es war der Abschied vom Pop/Rock-Song (mehr oder weniger) klassischen Zuschnitts. Um die Gräben zur Vergangenheit, zu Mitsing-Hymnen wie »Karma Police« oder »Creep« möglichst tief aufzurei&szligen, haben Radiohead bewu&szligt auch Halbformuliertes, Unfertiges, verwendet. Dass dies als Ganzes, ungefähr nach dem Gesetz minus mal minus ergibt plus, dann auch funktionierte, war ihr Glück und künstlerischer Triumph. Aber nun zeigt sich, dass das Gleiche durchaus auch verträglicher geht. Nach »Kid A« mit seinem harschen, abweisenden Appeal ist »Amnesiac« die Platte der Wiederannäherung – nicht Anbiederung!! – an den Hörer, kleidet einen ähnlich kühn-»experimentiellen« Ansatz in eine versöhnlichere, weniger strapaziöse Atmosphäre.
Natürlich werden Radiohead nie wie ein Born der Lebensfreude klingen, da sind allein Thom Yorkes Texte vor. »Packt (sic!) Like Sardines In A Crushed Tin Box« sagt als eröffnender Titel gleich einmal quasi-programmatisch, worum es in den Inhalten geht: Die Welt als Falle, als Ort absurder, abartiger Geschehnisse, deren man sich nichtsdestotrotz irgendwie erwehren muss – was sonst soll man auch tun?

Als Sänger indes findet Yorke, einer der begabtesten Quengler und Töne-Zerdehner (»I lost myseeeeeeeeeeeeeelf«) der Rock-Geschichte, hier zu einer Leichtigkeit, die man ihm nie und nimmer zugetraut hätte. Phasenweise könnte man ihn fast für einen freundlichen Menschen halten, der uns halt ein paar ernstere Dinge zu sagen hätte, wenn’s uns denn interessiert. Solche Zugänglichkeit wird forciert durch die im Vergleich zu »Kid A« grö&szligere instrumentale Artenvielfalt: Im abschlie&szligenden »Life In A Glasshouse« spielen, ein absolutes Highlight, sogar Bläser im New-Orleans-Funeral-Stil auf.

Thom Yorke: »Gerade derzeit scheint Musik auf Abschotten bedacht. Electronica schottet sich gegen alles mögliche ab, Indie ebenfalls, es gibt keinen Austausch von Ideen. Für uns war es wirklich wichtig, dass wir uns in alle Richtungen hin bewegen konnten