Katharina Klement

»Peripheries - Sound Portrait Belgrade«

Gruenrekorder

Eine urbane Großstadt nimmt jeder Mensch sicherlich anders wahr als die aufmerksame Field-Recorderin Katharina Klement. Sie hat scharfe Ohren bezüglich der Feinheiten peripherer Stadträume. Als Avantgarde-Musikerin, die etwa ihrem Klavier gern im Saitenkasten atemraubende Klänge entlockt, legt sie Besonderheiten der serbischen Hauptstadt offen. Knorrig-ruppige Aufzugfahrt in den sechsten Stock, Mikro aufgestellt am Balkon eines Apartments. Natürlich sind die Verkehrsgeräusche in Belgrad wohl kaum von beispielsweise Wien zu unterscheiden, doch imposant ist, welche Klangvielfalt sich bereits im »Entrée« auftut, inkludierend Einsatzwagen-Sirenen, Hupen, Motorenlärm … Klement ging bei ihrem sechswöchigen Belgrad-Aufenthalt von ihrem Apartment als Zentrum aus, von wo sie acht konzentrische Kreise auf der Stadtkarte zog. Alle Aufnahmen von jedem Ring wurden in einem Layer kombiniert, der aus den acht Sound-Schichtungen resultierte. Daraus wurde ein Stück für acht Kanäle komponiert – auf der CD ist jedoch nur eine Stereoversion zu hören.

Wohligere Rotationssounds ergeben sich in »Induction« aus einem Magnetfeld von Nikola Teslas Induktionsmotor, die »Beruhigungspille« stammt aus dem Tesla Museum. Beeindruckend ist »Zeleni Venac (Green Wreath)«, worin der Busbahnhof ohne weiteres dechiffriert werden kann – Roma, die ihre Waren verkaufen, schon schwerer, nicht jedoch die wunderbare Roma-Straßenmusik. Daraufhin reist man in Klänge, die an einen Sumpf mit heißen Quellen aus der osmanischen Zeit erinnern. Später, unter König Obrenović, war der schwarze Ring von »Karaburma« berüchtigte Hinrichtungsstätte und es sind gegen Ende spielende Kinder zu hören, von Roma, die hauptsächlich hier leben. Historische Ausschnitte von Tito-Reden in »Tito’s Rondo« und »Interviews« mit Passanten über die akustischen Belgrader Features lockern auf. Phonetische Großstadtpoesie würde ich diese Hörreise gern nennen, denn »Peripherien – Sound-Porträt Belgrad« greift als Albumtitel doch etwas kurz. Allein was im abschließenden »Turn« komprimiert an Klängen eingedampft wird – Tierlaute aus dem Zoo, christlich-orthodoxe Gesänge, Kirchenglocke, Wirtshauspalaver u. s. w. – verdient den Titel Großstadtsymphonie. Grandioses aus der Sound Art Series von Gruenrekorder, kongenial gemastert von Martin Siewert.

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