OU

»One«

Inside Out Music

Vor einigen Jahren hatte ich das zweifelhafte Glück, ein paar Stunden auf der Wangfujing, einer der größten Shoppingstraßen Pekings, zu verbringen. Rückblickend fühlt sich die Erfahrung wie ein Lehrstück über den westlichen Blick auf die Kulturproduktion Chinas an: Repräsentative Fassaden scheinen alle Klischees der Volksrepublik als hyperkapitalistischen Leviathan zu bestätigen. Doch wer nach Nahrung sucht, muss den sterilen Boulevard verlassen. In seinen Seitengassen spielt das Leben vielfältige Melodien. So ist dem Pflaster Pekings mit »One«, dem Debüt des Suchmaschinen-Alptraums OU, eines der ambitioniertesten Prog-Alben des Jahres entsprungen. Auf Papier fügt sich die Synthese aus Prog-Rock und Prog-Metal mit starken Jazz-Einflüssen nahtlos in den Kader des Labels Inside Out ein. Doch bereits mit dem Auftakt »Travel« annonciert das Quartett, dass es nicht an den Klischees eines von Gitarren-Egomanen und »Djentelmen« überrannten Genres interessiert ist. Statt ausufernder Solos bieten OU konzises Songwriting, statt orchestralem Pathos ätherische Synths und statt schöngeistiger Gesangsakrobatik die markante Stimme von Sängerin Lynn Wu. Strukturell ist »One« vorderlastig: Während es sich bei den ersten drei Stücken um drei Banger handelt, wechseln sich in ihrem Gefolge mitreißender Prog und entrückte Ambient- und Dreampop-Passagen ab. Letzteres grenzt an unnötigen Ballast, der vom »eigentlichen« Songwriting ablenkt. Zwischen OUs komplexen Rhythmen und ungewöhnlichen Harmonien bieten derartige Intermezzi jedoch auch willkommene Verschnaufpausen. Das Ergebnis ist ein dynamisches Debüt, dessen Ehrgeiz im doppelten Sinne atemberaubend ist. OU machen jedenfalls keine Anstalten, das Tempo herunterzufahren: Ihr zweites Album ist bereits angekündigt. Ich werde die Seitengassen Pekings genau im Blick behalten.