Octave One/Random Noise Generation

Coincidence und Consequence

Wenn aus Soundexperimenten neue Musikstile werden. Eine eigentlich ganz normale Geschichte über zwei Brüder aus Detroit – Lawrence und Lenny Burden – die sich, unterstützt von glücklichen Fügungen und persönlichen Ehrgeiz nicht beirren ließen, etwas Neues zu machen.

Das kennen wir ja schon: »Wir haben nur im Studio rumprobiert. Alles ganz zufällig. Wir wollten gar nicht berühmt werden und auf einmal – Bamm! – reisen wir jetzt jeden Tag in einen anderen Kontinent, ziemlich stressig. Aber it’s all about the music, nicht wahr?«
Eine bekannte Erfolgsgeschichte, viele Male mit kleinen Abweichungen gehört. Nun ist es aber so, dass sie bei Octave One beziehungsweise ihrem Zweit- bzw. Live-Projekt Random Noise Generation wirklich stimmt. Denn wenn du herumexperimentierst und auf etwas Gutes stößt, dann hast du zwei Möglichkeiten: Du kannst dich kurz freuen und weiterbasteln, ohne die Bedeutung von dem, was du da gerade gemacht hast, zu erkennen, oder aber du ziehst es durch! Konsequent, in guten wie in schlechten Zeiten, und mit ein bisschen Glück hast du etwas komplett Neues erfunden und machst dich und viele andere Leute damit glücklich. Aber fangen wir erst mal von vorne an.

»Es waren einmal zwei Brüder …«
Lawrence und Lenny Burden sind zwei von sechs Brüdern, Lance, Leonard, Lorne und Lynell aus Detroit (»born and raised«), und das Herzstück von Octave One. Alle anderen Brüder sind oder waren auch at some point in das Projekt involviert, besonders Lorne, der seit 1999 als drittes, vollwertiges Mitglied von Octave One fungiert.

Es begann, wie in vielen frühen Detroit-Geschichten, mit Charles »The Electrifying Mojo« Johnsons legendären Radioshows Anfang bis Mitte der Achtziger, die Interessierten neue Hits von lokalen oder internationalen Bands und Producern, transatlantische Elektronik, deepen Funk oder Jazz-Classics nahe brachte. Eine große Rolle spielte auch der große Techno-Club Music Institute, wo man die ersten Techno-Tracks der Detroit-Pioniere Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May zu hören bekam. Lenny und Lawrence lauschten, beobachteten aufmerksam und nahmen gierig alles auf, was neu und ungewohnt klang: »Gerade in Detroit hatten wir großen Zugang zu verschiedensten Arten von Musik, etwa Alexander Robotnick, frühe Italo-Disco, New Order, Funk und Soul natürlich, und dazu kamen viele neue Dinge aus Europa. Uns faszinierte einfach der »sound of the machines«. Man muss bedenken, dass ja sogar Synthesizer zu dieser Zeit noch etwas relativ Neues waren. Manche Leute verbrachten den ganzen Tag damit, aus ihren Maschinen einen bestimmten Sound herauszubekommen. Man hörte zu dieser Zeit kaum eine traditionelle Gitarre oder ein Drumset, denn man suchte einfach etwas Erfrischendes, Neues.«

Mensch goes machine
Also, wir befinden uns in einer Zeit, in der Disco schon erfunden ist, das In-Szene-Setzen und das Getue, der Glitzer und der Glam. Man ist auf der ewigen Suche nach etwas Neuem. Haben da nicht einmal vor ein paar Jahren vier Deutsche die Instrumente über Bord geworfen und nur mehr mit Maschinen gearbeitet? Das war die neue Idee, man wollte die Musik neutral und unpersönlich machen, man wollte selbst kein Star sein, wollte mit den tanzenden Menschen eins werden. Dies war auch ein Weg, den Zuschreibungen und Schubladen in Sachen »race« und »sex« zu entgehen, denn den Maschinen ist es egal, ob du schwarz oder weiß, hetero oder gay bist. The new sound of the future! Die Genrebezeichnung stammt übrigens von dem 1985 erschienenen Song »Techno City« von Juan Atkins‘ erster Band Cybotron. Kurz darauf kamen Lenny und Lawrence ins Spiel.

Am Anfang ihrer DJ-Zeiten 1987/88 standen (wie so oft) Collegepartys. Schon immer experimentell veranlagt, legten die Beiden alles quer durch die Bank auf, mixten Techno mit Top 40, Juan Atkins mit Janet Jackson, Billy Idol mit Italo- und Chicago-Stuff. Und siehe da, es funktionierte! Das gab Selbstvertrauen, in diese Richtung weiterzuarbeiten. Nachdem Lennys Wohnzimmer für all das Equipment, das sie angehamstert hatten, zu klein wurde, sahen sie ein, dass es Zeit wurde, den nächsten Schritt zu wagen. Sie mieteten sich Anfang 1989 in Juan Atkins‘ Makroplex-Studios ein, um ihren ersten, wunderbaren Track »I Believe« zu produzieren. Zarte, gesprochene Female-Vocals zusammen mit schnellen Drum-Machine-Rhythmen und schwebend-trancigen Synths.

Coincidence …
Durch ein Missverständnis landeten sie damit plötzlich auf Derrick Mays Label Transmat. Denn aus Versehen wurde »I Believe« nach England geschickt, wo gerade die zweite für die Entwicklung und Bekanntmachung von Techno wichtige Compilation »Techno! The New Dance Sound of Detroit« zusammengestellt wurde. Ihr Track wurde als letzter gerade noch drauf genommen, und es folgte das, was man wohl Durchbruch nennt. Die 12"-Single kam dann auch gleich auf Transmat heraus, was eigentlich gar nicht geplant war, doch diese Liaison sollte sowieso ein baldiges Ende haben.

»Als die Single veröffentlicht wurde, kamen wir drauf, dass Derrick (May) lauter weitere Sachen wollte, die wie »I Believe« klingen sollten. Dazu waren wir aber nicht bereit. Darum haben wir unser eigenes Label gegründet. Wir wollten die Musik herausbringen, die wir wollten, und zwar vollkommen ungefiltert, ob es nun Geld brächte oder nicht.«

… and consequence
Eigentlich auch eine typische Label-Gründungsgeschichte. Es handelt sich um nichts anderes als die legendäre Techno-Schmiede 430 West, Standort 430 West 8 Mile Road in Detroit. Es sollten noch viele Releases folgen, darunter der Techno-Klassiker »Jaguar« von DJ Rolando inklusive diverser Remixe, Singles von Eddie »Flashin« Fowlkes, Terrence Parker, und natürlich ihre eigenen Projekte Octave One, Never On Sunday, Metro D und klarerweise Random Noise Generation. Heute ist man bei über 70 Releases angekommen.

Auch im Umfeld von Underground Resistance, Mad Mike Banks mehr als legendärem Label/Musiker-Kollektiv, das so ziemlich alle großen Detroit-Künstler vereint, werkten Lenny, Lawrence und Lorne des Öfteren.

Random Noise Generation kam zustande, als sie bei der Fertigstellung ihres zweiten Albums merkten, dass der Sound wenig mit den puren, sensiblen, monatelang ausgetüftelten Klängen von Octave One zu tun hatte. Denn die Brüder hatten sich in den Kopf gesetzt, von jetzt an zu samplen, und zwar sofort und ohne auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben wie sie das anstellen sollten. »Wir wussten nicht, was wir taten. Die Musik hat sich glücklicherweise gewissermaßen willlkürlich selbst gemacht. Wir sagten einfach »Hey, das gefällt mir!« und begannen dann, Stückchen und kurze Sätze zu samplen … Wir waren die Ersten, die das taten, und entwickelten eigentlich einen komplett neuen Stil – zufällig!«

Sie sehen ihre RNG-Records demnach zwar schon als »Original Compositions«, aber vielleicht nicht unbedingt als »Original Ideas«. Dann schon eher als Misch-Masch aus Ideen anderer Leute. Auch bezeichnen sich die Zwei selbst nicht als »Musiker«, sondern aus Respekt vor den ihrer Meinung nach »richtigen« Musikern »nur« als normale Produzenten.

The live experience
Erst 1999 fingen sie an, live zu performen – und auch diese Geschichte basiert mehr auf einem Zufall. Die Brüder hatten damals eine US-Tour durch sieben Städte zusammen mit Aux 88 als Live-Act sowie DJ Ronaldo und ihnen selber als DJs geplant. Zwei Wochen vor der Tour sagten Aux 88 überraschend ab, und da es zu spät war, die Sache abzublasen, »beschlossen wir, wir müssten eine Live-Band werden«.

Lenny stellte sich also kurzerhand beim Start der Tour in Detroit auf die mit Equipment voll gestopfte Bühne und spielte drauf los. Als Lawrence sah, dass Lenny einfach nicht genug Zeit hatte, alle Instrumente gleichzeitig zu spielen, begann er den Mixer zu bedienen. Das zogen sie dann den Rest der Tour durch, und spielen seit diesem Tag fast nur noch Live-Sets, denn es macht ihnen einfach »mehr Spaß«. Man spürt es auch, wenn man ihnen zusieht – den Spaß an der Sache, die Liebe zur Musik und zu den Maschinen, und die brüderliche Harmonie, die zwischen ihnen beim Musikmachen herrscht.

Le Hit
Auch einen Superhit haben Octave One in ihrer nunmehr zwanzigjährigen Geschichte aufzuweisen, »Blackwater« featuring Ann Saunderson, ein geniales Thema, das jedem bekannt ist und das, einmal gehört, wochenlang nicht mehr aus dem Kopf verschwindet. Interessanterweise ist genau dieses Stück ein eher untypisches Octave One- oder sagen wir Detroit-Techno-Thema, hat es doch großes House- und Soul-Crossoverpotenzial. Von den unzähligen Remixen stammt der bekannteste zweifelsohne von Kevin Saunderson, der dafür den gesamten Synth-Streicher-Part vom Urban Soul Orchestra neu einspielen ließ (besonders zu empfehlen sei seine String-Instrumentalversion).

The Exhibitionist
Und dann war da noch die Sache mit Jeff Mills. Er rief die beiden an einem schönen Junitag letzten Jahres an und erzählte ihnen von seinem DVD-Projekt »Exhibitionist«, das er gerade produzierte und das aus vier Mixen, benannt nach seinen vier Labels, ohne Schnickschnack und Show bestehen sollte – die Kamera immer nur streng auf ihn und auf seine Hände gerichtet. Nun hätte er sich in einer nächtlichen Eingebung ausgedacht, dass eigentlich eine zusätzliche kleine Live-Gastperformance auch ganz schön wäre. Er hätte gerne etwas ihm angemessen Virtuoses, und das Ganze bitte schon in drei Tagen, und ob sie das denn gerne machen würden. Wieder einmal mussten sie extrem kurzfristig reagieren, bereiteten in aller Schnelle ein paar Loops vor, und nahmen wie vereinbart kurz darauf mit Mills eine 15-minütige grandiose Live-Show auf, die auf der oben genannten DVD in Mills‘ »Purpose Maker«-Mix zu bewundern ist. Ein weiterer nicht unwesentlicher Beitrag jüngeren Datums zu ihrem Bekannt- und Beliebtheitsgrad.

Im Moment arbeiten Octave One an einem Live-Album mit DVD und touren wie gewohnt durch die Welt. Man sammelt fleißig Material und beehrte auch kürzlich das Wiener Flex. Schade, dass es infolge unglücklicher Umstände keinen Live-Mitschnitt des Gigs gibt. So bleibt den faszinierten Zusehern/Tänzern nur mehr die Erinnerung an dieses gigantischen Live-Set. Davon »Erleuchtete« sind aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen, aus dem Staunen über diesen unglaublichen Bass, die Frische der Melodien und diese alt-bekannte, doch scheinbar neue Welt der Musik der Maschinen, die die beiden Brüder erschaffen, im Takt wippend, vollkommen aufeinander abgestimmt. Muss an der Familie liegen. Oder an der Stadt.

www.430west.com/octaveone