Voivod, Rockhouse-Bar Salzburg, 8. Juni 2023 © Peter Kaiser
Voivod, Rockhouse-Bar Salzburg, 8. Juni 2023 © Peter Kaiser

Neues aus Morgöth

Voivod, die kanadische Prog-Metal-Institution, hat sich zum 40-jährigen Bandjubiläum ein besonderes Geschenk gemacht, das nicht nur für alte Fans hörenswert ist. Zurück in die Zukunft des Metal.

Ein Rezensent von Voivods 1988er-Album »Dimension Hatröss« schrieb einst sinngemäß, sie hätten alle Stärken des Metal in sich vereint und alle Klischees des Metal hinter sich gelassen. Martialische Nietenoutfits der Anfangstage hatten sie da tatsächlich schon längst abgelegt und sich auf eine innovative, höchst originelle musikalische Reise begeben. Die Würdigung trifft jedenfalls auch 2023 auf eine Band zu, die sich ihre Inspirationen gleichermaßen vom frühen Metal (Motörhead, Iron Maiden), von Hardcore-Punk (Crass, Dead Kennedys) und Prog Rock (Van der Graaf Generator, King Crimson) holte, um ihren ganz eigenen komplexen, aber transparenten Sound zu kreieren.

10 Tracks aus 4 Jahrzehnten

»Morgöth Tales« bietet nun den titelgebenden neuen Track plus Neueinspielungen von neun Songs alter Alben. Die Auswahl dieser Ausnahmeband ist bezeichnenderweise keine »Greatest Hits«-Sammlung geworden. »Tribal Convictions«, »The Prow« oder das Pink-Floyd-Cover »Astronomy Domine« sind sowieso auch in etlichen Live-Mitschnitten der letzten Dekade bestens dokumentiert. Das gegenwärtige Line-up, das sich nach dem viel zu frühen Krebstod von Gitarrist Denis »Piggy« D’Amour (1959–2005) allmählich konsolidiert hatte, entschied sich für ein Best-of an teils nicht ganz so offensichtlichen Songs. Nun sei über Voivod gesagt, dass – mindestens – fünf Alben in Folge als Best-of ihres Oeuvres geschätzt werden können: von »Killing Technology« bis »The Outer Limits«. 

Auf »Morgöth Tales« wird u. a. der Titeltrack jenes Prog-Thrash-Meilensteins von 1987 ebenso souverän dargeboten wie »Fix My Heart«, der groovy rockende Opener ihres dritten (und letzten) Major-Albums von 1993. Dass auf das vertrackte »Pre-Ignition« von »Nothingface« das psychedelisch wegbeamende »Nuage Fractal« von der selbst für Voivod-Verhältnisse einzigartigen »Angel Rat« folgt, ist eine grandiose Wahl. Beim heavy-sperrigen »Rise« ist wie im »Phobos«-Original Eric Forrests Stimme aus der eher unpopulären Trio-Phase zu hören. Und Jason Newsted, der einst Metallica am Tiefpunkt ihrer unkreativen Orientierungslosigkeit verließ und bei Voivod einstieg, übernimmt noch einmal den Bass für »Rebel Robot«. 

Voivod, Rockhouse-Bar Salzburg, 8. Juni 2023 © Peter Kaiser

Ungebrochene Spielfreude

Voivod funktionieren als Band nicht nur auf musikalischer, sondern auch auf menschlicher Ebene. Freundlichkeit und Bescheidenheit sind ja nicht gerade die Pop-Tugenden schlechthin. Die beiden Gründungsmitglieder Michel »Away« Langevin (Drums, Artwork) und Denis »Snake« Bélanger (Vocals, Texte), sowie ihre jüngeren Mitstreiter Daniel »Chewy« Mongrain (Gitarre) und Dominic »Rocky« Laroche (Bass) pflegen jedoch eine erfrischend unprätentiöse Kommunikation mit Fans und Medien. Die Begeisterung für das eigene Schaffen ist ihnen auch nach all den Jahren buchstäblich ins Gesicht geschrieben und überzeugt live mit ungebrochen virtuoser Spielfreude; egal, ob auf größerer Festivalbühne oder im Club vor knapp 100 Fans. 

So konnte ich Voivod glücklicherweise diesen Juni in der Rockhouse-Bar Salzburg mit dem »Morgöth«-Set erleben, in das auch Songs neueren Datums auf demselben Niveau integriert wurden. »Synchro Anarchy« von 2022 ist ein Klassealbum. Und der neue Song »Morgöth Tales« unterstreicht diese Kontinuität. Sowohl live als auch im Studio bevorzugen Voivod einen warmen, klaren Sound. Dieser fügt den Neuaufnahmen der seinerzeit schon sehr gut produzierten Tracks zwar kaum Wesentliches hinzu; stört aber auch nicht auf den beiden alten Thrashern »Condemned To The Gallows« – 1984 auf dem »Metal Massacre V«-Sampler noch vor dem Debüt »War And Pain« erschienen – und »Thrashing Rage«. 

Dystopisches Sci-Fi-Multiversum

Die Reise geht also noch einmal zurück zum Ursprung des von Away erdachten und in vielfachen Mutationen unverkennbar illustrierten Aliens Voivod und seines vom Atomkrieg verwüsteten Landes Morgöth. Umweltzerstörung und nukleare Bedrohung, die »Killing Technology« schlechthin, waren stets zentrale Themen in Voivods dystopischem Sci-Fi-Multiversum. Sie sind es z. T. auch geblieben, siehe Text und Video von »Planet Eaters«: Der bodenversiegelnde Flächenfraß würde im kannibalischen Kapitalismus auch vor anderen Planeten nicht Halt machen. Occupy Mars, anyone? 

Wie verdammt aktuell erscheinen doch die 1980er, auch jenseits von grellem Neonlicht betrachtet! Passend dazu auch Voivods Wahl eines Coversongs von 1986 als Bonustrack. Geschmackssicher wussten sie ja immer ihre Einflüsse zu würdigen – von den ganz frühen Pink Floyd mit Syd Barrett bis zum Post-Hardcore von Die Kreuzen. Diesmal ist P.I.L.s »Home« an der Reihe: aus einem Jahr, als Tschernobyl »passierte«, Voivod mit ihren damaligen Labelkollegen Celtic Frost auf Tour waren (Zwinkern in Richtung Frosts Debüt »Morbid Tales«) und John Lydon mit Bill Laswell, Steve Vai und Tony Williams (!) kollaborierte, als er noch politisch zurechnungsfähig war. 

Voivod: »Morgöth Tales« (Century Media)

Link: https://www.voivod.com/ 

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Text
Peter Kaiser

Veröffentlichung
05.08.2023

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