© Markus Gradwohl
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Mythologische Knochenarbeit

Von 23. bis 25. Februar 2023 werden im Tanzquartier Wien »bones and stones« ausgegraben. skug bat die Künstlerin Claudia Bosse zum Interview.

Die Halle G des Tanzquartier Wien verwandelt sich von 23. bis 25. Februar 2023 in einen archäo-poetischen Ausgrabungsort. Freigelegt werden in der österreichischen Erstaufführung von »bones and stones« laut Regisseurin und Choreographin Claudia Bosse »Hybride Körper, Transformationen und Ausblicke in andere Zeitlichkeiten«. Die (anthropo-seismischen) Aktivitäten der sechs Performerinnen Marcela San Pedro, Carla Rihl, Anna Biczok, Anita Kaya, Myrthe Bokelmann und Christa Zuna-Kratky werden durch den Klangkünstler Günther Auer live »os-zilliert«. Erschütterungen, Klangwerdungen und Konfrontationen von Organischem und Anorganischem: ein offen-assoziativer Abend für mythologisches Gedanken-Engineering. Als Teil des Vierjahreszyklus »ORGAN/ismus – poetik der relationen« wird sich die Arbeit »bones and stones«, wie auch schon zuvor »ORACLE and SACRIFICE« von dieser Bühnenraumversion im Sommer in eine Landschaftsvariante erweitern. skug traf Claudia Bosse zu einem kurzen Vorab-Interview.

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skug: »Die Geologie ist eine subversive Wissenschaft. Man wird auf sich selbst zurückgeworfen, sieht sich selbst in diesem Werden und Entstehen. Man sieht durch sie die Dynamik der Welt und die starken Veränderungen. Das jetzt als Maß aller Dinge ist den Geologinnen und Geologen fremd«, so der Geologe und Paläontologe Mathias Harzhauser vom Naturhistorischen Museum Wien, ein Berater im Prozess der Stückentwicklung. Würdest du deine aktuelle choreografische Installation »bones and stones« auch als eine subversive Arbeit von dir bezeichnen?

Claudia Bosse: Sich zu trauen, in größeren Zusammenhängen Veränderungsprozesse zu betrachten, die jenseits unserer Lebenszeit liegen, das finde ich herausfordernd, und wenn man will, kann man dieses spekulative Denken auch als Subversion auffassen. In welchen Zeit-Zusammenhängen verorten wir unsere Spezies und wie meinen wir Zeiträume zu überblicken? Man gewinnt den Eindruck, dass unser Verständnis von Zeit wahnsinnig begrenzt ist.

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Der Anthropologe David Graeber, der gemeinsam mit dem Archäologen David Wengrow das Buch »The Dawn of Everything. A New History of Humanity« veröffentlichte, formulierte darin drei grundlegende Regeln für soziale Freiheit: »Die Freiheit, die Umgebung zu verlassen und an einen anderen Ort zu ziehen. Die Freiheit, die Befehle anderer zu ignorieren oder zu missachten. Die Freiheit, völlig neue soziale Realitäten zu schaffen oder sich zwischen verschiedenen sozialen Realitäten hin- und herzubewegen«. Würdest du die Ausübung von Kunst als eine weitere ergänzen?

Das ist eine Qualität der Kunst, die mich interessiert: die Freiheit, andere Wirklichkeiten zu erschaffen. Der Versuch, diese mit Verbündeten herzustellen. Man weiß, dass es nur temporäre Freiheiten sind, aber es sind für sich genommen konsistente Zusammenhänge – sehr speziell und intensiv, weil sie eine tägliche Praxis darstellen und Teil deiner Lebenszeit werden. Und mit Schrecken denke ich schon heute daran, dass nach den Proben und den Aufführungen dieser Wirklichkeitsraum wieder verloren geht. Aber ich habe auch die Hoffnung, dass diese künstlerische Wirklichkeit die Besucher*innen affiziert, und damit alltäglich praktiziertes Leben in Frage stellt.

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Was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, ist, wie es der Psychiater und Ökonom Stefan Brunnhuber offenbart, der wahnhafte Glaube an das Verhalten koordinierende Systeme, die es im Realen gar nicht gibt: Geld, Religion oder Recht. Diese lenkende Kraft des erfundenen Narrativs, diese Kunst der Transformation und Translation, erfährt man auch im Als-Ob des Theaters. Welche Narrative beschäftigen dich gerade?

Wir versuchen permanent, uns in unserer Umgebung zu orientieren und Bezugssysteme und Bedeutungen herzustellen, beeinflusst von unterschiedlichsten kulturellen Narrativen. Ich hatte zum Beispiel die Möglichkeit, in Indonesien einen Vulkan zu besuchen und die Sage einer Gemeinschaft zu erfahren: Ein kinderloses Paar hat dem Vulkan das 25ste Kind versprochen und erhält dafür Fruchtbarkeit vom Vulkan. Diese Sage ging dann in ein Ritual über, und einmal im Jahr werden immer noch Tiere und Opfer in diesen Vulkan reingeworfen. Der Vulkan wird nicht als etwas, sondern als ein Jemand begriffen.

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Knochen sind druck- und zugfeste Organe im Körper eines Wirbeltieres. Tierknochen gelten als die ältesten Rohstoffe zur Herstellung von Artefakten, Musikinstrumenten oder Schmuck. Knochen zeichnet unter anderem auch die spezielle Eigenschaft der Antifragilität aus: Durch Belastung werden sie gestärkt. Welche anderen Eigenschaften findest du an Knochen faszinierend?

Gewisse enthaltene anorganische Substanzen und Salze sind nachweislich aus anderen Sonnensystemen. Fast alle Wirbeltiere haben eine ähnliche Anzahl an Knochen. Wir haben im Durchschnitt etwas mehr als 200. Ich habe gelernt, dass sich Knochen alle sieben Jahre verändern. Und dass man die Bewegungen des Menschen am Knochen sehen kann. Der Knochen ist kein immer-gleichbleibendes Organ, sondern der Knochen unterliegt einem ständig auf Bewegung reagierenden Erneuerungsprozess. Das ist wichtig zu verstehen. Denn wir nehmen Knochen oder auch Steine oft als grundstabile Stoffe an. Aber beide Stofflichkeiten unterliegen großen Veränderungen, in Abhängigkeit von ihrer Umwelt. Steine haben ihre Farbe auch erst erhalten, nachdem der Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre gestiegen ist. Der sogenannte Great Oxygenation Event fand statt – unser Planet hat einmal wie der Mars ausgesehen, als die mit Basalt überzogenen Oberflächen oxidiert sind.

»bones and stones«, das performative Konglomerat zwischen Installation, Choreografie und Ritual, versucht Prozessen des Werdens und Zerfallens auf den Grund zu gehen und ist auch inspiriert von öko-somatischen Praktiken. Was verstehst du unter öko-somatischen Praktiken, welche Rolle spielten sie für die Stückentwicklung?

Welches Wissen konstruiert unsere Leiblichkeit, unser Geschlecht, die Art und Weise, wie wir unsere Muskeln einsetzen und wie wir in dieser muskulären Versammlung unsere Identität begreifen? Die öko-somatischen Praktiken sind der Versuch, unseren offenen, porösen, verletzbaren Körper neu und anders zu denken, in Erweiterung mit anderen Materialien. Welche veränderte Physis kann der Kontakt mit Gestein und mit Tierknochen erzeugen? Was bedeutet es, diese öko-somatischen Praxen als Relationen im Werden zu veröffentlichen? Man darf diese Ereignisse nicht ohne einen Übersetzungsvorgang präsentieren. Es braucht eine Form der Bezugnahme zum Werden, einen Aufruf zu einer anderen Sinnlichkeit, um diesen empathischen Körper zu metamorphosieren und teilhabbare Artikulationen im Raum entstehen zu lassen.

Link: https://tqw.at/event/bones-and-stones-bosse/

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