Massive Attack - Gefallen an und im Organischen

Auf ihrem zurecht heftigst abgefeierten dritten Album »Mezzanine« entsprechen Massive Attack momentweise tatsächlich ihrem Namen. Wie’s dazu kam und warum es mal wieder gar so lange gedauert hat, erklärt Rapper 3D.

Bristol: Grafschaftsfreie Stadt in Südwestengland, 11 km oberhalb der Avonmündung, 422.000 Einwohner, Universität, Schauspielhochschule, Industrie; Blütezeit um 1500 bis 1750 dank des Dreieckshandels England – Afrika – Westinidische Inseln, damals zweitgrößter Hafen Englands. Niedergang mit dem Ende des Sklavenhandels.
Kleines Stadtporträt, zustandegekommen mit freundlicher Unterstützung von Meyers Konversationslexikon, Band 2.

Sie wissen längst, worauf das Ganze hinauswill: Diese graue Provinzstadt blablabla, Tricky, Portishead. Und die drei, mit denen alles begonnen hat: 3 D, Daddy G und Mushroom, ein DJ-Trio, das in den mittleren und späteren 80er Jahren als Wild Bunch Sound System (teils illegale) Parties und Straßenfeste so erfolgreich beschallte, dass es 1990 einen Major-Plattenvertrag bekam und fürderhin der weiten Welt des Pop neue Koordinaten erschließen sollte:
Als Wegbereiter jenes schwermütigen, scheinbar ständig um Atem ringenden Dancefloor-Stils, den man partout nicht mehr TripHop nennen soll, der sich aber nun mal fies gegen anschauliche Beschreibungen sperrt. Dass die Protagonisten selbst passen, wundert nicht besonders, denn wer heftet sich nicht gerne das heroische Etikett Entzieht-sich-allen-Kategoriserungen auf die Brust?!

»Ich kann es beim besten Willen nicht definieren. Was es dir bedeutet, ändert sich ja auch jeden Tag. Alles was ich sagen kann: Es geht um Bewegung und Weiterentwicklung. Das ist bei einem Großteil der Rockszene nicht der Fall, die agiert retrospektiv und vorhersehbar«, so Massive Attack’s DJ, Gelegenheitskeyboarder und Rapper 3D.

Mit bürgerlichem Namen heißt der unglaublich schnell sprechende Mann Robert del Naja und stammt väterlicherseits aus Neapel. Das erklärt, warum er glühender Fan des Fußballklubs FC Napoli ist. Pech, dass er damit auf einen Absteiger aus der Seria A gesetzt hat: »Fußball bedeutet dort so viel, und es ist unendlich traurig, wenn dieses Riesenstadion leer ist

Bristol übrigens hat keine überregional bedeutenden Ballesterer, noch so ein Provinzverdikt. Musik ist hier definitiv der einzige Stoff, aus dem die Idole sind. Und von denen haben sich fast alle bei Massive Attack die ersten Sporen verdient: Tricky als Vokalist (»Daydreaming«, »Karmakoma« etc); Portisheads Geoff Barrow als Studioknecht/-spion. Wie hat man sich nun diese Szene der Vereinigten Großen und ihrer potentiellen Thronfolger (etwa Crustration oder Flying Saucer Attack) vorzustellen, als gnadenlosen Konkurrenzkampf oder als gemütliches Freundschaftstreffen?

»Weder noch«, meint Robert. »Es ist eine sehr erwachsene Szene. Natürlich versuchen die jüngeren Bands, die etablierten zu verdrängen. Auf der anderen Seite ist so ein permanenter kreativer Nachschub vorhanden. Das ist auf jeden Fall besser, als wenn du im luftleeren Raum vor dich hinwerkst. Ein weiterer Vorteil von Bristol ist natürlich, dass hier nie so ein Rush herrscht wie in London

Tatsächlich scheint man in Bristol alle Zeit dieser Welt zu haben. Oder jedenfalls Massive Attack. Ihr aktuelles Album »Mezzanine« (Virgin) ist nach dem bahnbrechenden »Blue Lines« (1991) und dessen mancherorts unterschätztem Nachfolger »Protection« (1994) ihr drittes in sieben Jahren, was nicht gerade von rasendem Arbeitseifer zeugt.

»Wir waren sehr lange auf Tour, da haben sich Erschöpfung und eine gewisse Paranoia, die sich auch auf »Mezzanine« widerspiegelt, breitgemacht. Wir mussten unsere Freundschaften und Beziehungen neu ordnen, wir haben Remixe für andere Künstler gemacht«, erklärt Robert del Naja nicht ohne dezentes Schuldbewusstsein. »Allein das Soundsystem zu verbessern, hat 8 Monate in Anspruch genommen.«

Natürlich hat sich, wie noch bei jeder Massive Attack-Platte, das lange Warten gelohnt. Die obligatorische Gaststar-Performance übernimmt diesmal Cocteau Twins-Frontfrau Elizabeth Fraser, deren zart-ätherische Stimme gut mit dem grundsätzlich melancholischen Appeal des Massive Attack-Sounds zusammengeht. In den düstersten Farben glänzt aber Altmeister Andy Horace auf dem Nachbarschaftsdrama »Man Next Door«.

Vieles ist vertraut an dieser Platte: Die winzig kleinen Brüche, sphärische Einschübe, das zeitweilige Rauschen wie von einer abgespielten Vinylplatte. Die augenfälligste Änderung zu den Vorgängern kommt durch Gitarren, die sich offensiv in die vertrackten Rhythmuskomplexe schieben, Unruhe schüren, Abgründe aufreißen und gerade genügend gezügelt wurden, um keine Gedanken an Rockismen aufkommen zu lassen. Heraus kommt Musik, die knapp unter der Oberfläche brodelt. Die erste Platte, auf der Massive Attack über größere Phasen ihrem Namen entsprechen.

»Dem lag nicht die bewusste Absicht nach einer Kurskorrektur zugrunde. Es hat sich so ergeben und reicht noch in unsere Zeit als DJs zurück. Vieles von dem, was wir als DJs spielten, hat Eingang in unsere Musik gefunden: HipHop, Reggae, New Wave. Wir mögen aber auch Punk, besonders die Clash. Und diese Vorliebe haben wir als Ergebnis unserer Live-Erfahrungen hier forciert. Wir haben Gefallen daran gefunden, organischer zu klingen. Es werden auch die Stücke von ???Mezzanine??? on stage anders klingen als auf Platte. Auf Samples werden wir aber trotzdem nie verzichten. Große Instrumentalisten werden wir nie werden