WaqWaq Kingdom © TransCentury Update

Leipzig in anderen Sphären

Die dritte Auflage des TransCentury Update Festivals lässt abermals mit einer breit gefächerten Auslese an Künstler*innen aufhorchen. Insgesamt wirkt das Line-up heuer etwas ausgewogener als in den letzten Jahren. Dass die ganz großen Namen ausbleiben, mindert die Qualität des Programms keineswegs.

Ein kleiner Rückblick ins Jahr 2017: Im letztjährigen Interview gaben die Organisatoren als mittelfristige Ziele an, das Festival lokal etablieren und mit dem Festival (langsam) wachsen zu wollen. Dass das TransCentury Update sich im Leipziger Kulturkalender als fester Bestandteil etabliert hatte, stand bereits nach der letztjährigen Ausgabe fest. Dass auch das Festival wächst, zeigt allein die Ausweitung der Spielstätten: Neben dem UT Connewitz bieten nun auch die Bühnen des Conne Island und Ilses Erika sowie die Leinwand der Kinobar Prager Frühling Platz für das Kulturprogramm. Um einen Eindruck vom diesjährigen Vorführungsplan zu bekommen, unternehmen wir einen kleinen Ausritt in die einzelnen Abende.

10. November: Der Countdown
T Minus im UT Connewitz (ab 20:00 Uhr)
Bereits am 10. November wird die erste Troika losgelassen. Mit Pigeon eröffnet eine Band den Abend, die im Mai ihr selbstbetiteltes Debüt veröffentlichte und erst kürzlich die EP »Bug« nachlegte. Die drei Berliner bieten geladenen Noise Rock mit jaulenden Gitarren und infernalen Drums. Leiser wird es im Anschluss nicht, im Gegenteil. Das Duo John, bestehend aus – na klar! – Drummer John und Gitarrist John und kommt mit brachialer Gitarrengewalt und dreckigen Vocals daher. Über sich selbst schreiben die Londoner: »Four arms, four legs, two heads, wood, metal, and plastic«. Der Warm-up-Sause verpasst die Band Idles ihren letzten Schliff. Die Gruppe bezeichnet sich selber als »angry band«, ist zurzeit mit ihrem zweiten Album »Joy as an Act of Resistance« auf Tournee und bietet erfrischenden Punk mit satirisch angehauchten Texten.

15. November: Raketenstart
Zwischen Himmel und Erde im UT Connewitz (ab 20:00 Uhr)
Carla Bozulich hat sich über die letzten Jahrzehnte nicht nur als Musikerin (u. a. als Mitbegründerin von The Geraldine Fibbers und Evangalista), sondern auch als Schriftstellerin von Kurzgeschichten, Dichtkunst und Kritiken einen Namen gemacht. Nun verpasst die Sängerin mit dem Stimmklang »eines harten Steinfelsens mit heißem Marshmallow-Kern« dem Avantgarde-Film »Heaven and Earth Magic« einen neuen klanglichen Anstrich. Das surreale Meisterwerk von Harry Everett Smith wurde 1956 erstveröffentlicht und erzählt unter Verwendung der Cutout-Animationen eine kryptische Geschichte. Gezeigt wird eine 16-mm-Kopie.

Kikagaku Moyo © TransCentury Update

16. November: In anderen Sphären
Komischer Klangregen im UT Connewitz (ab 19:30 Uhr)
Klaus Johann Grobe sind schon lange kein Geheimtipp mehr. Mit neuem Album »Du bist so unsymmetrisch« im Gepäck präsentiert sich das Schweizer Duo im gut sitzenden Disco-Outfit mit funkigen Basslines und treibenden Off-Beat-Grooves. Nachdem mit Roy Montgomery bereits letztes Jahr ein Neuseeländer auf der Bühne stand, darf sich Leipzig auch dieses Jahr wieder auf Besuch vom Inselstaat freuen: Orchestra of Spheres besitzen in Neuseeland bereits Kultstatus, spielten dort alles von Hausparty über DIY-Shows bis hin zu Opernhäusern. Erwarten darf man ein abenteuerliches Potpourri aus »kuduro, psychedelic primary school disco, kosmische quiche, polynesian no wave prog« u.v.m. Die Konzertliste im Jahre 2018 der japanischen Band Kikagaku Moyo liest sich mehr als beeindruckend: Über fünfzig absolvierte Shows, Amerika-Tour und Festivals inklusive. Hinzu kommen noch über zwanzig ausstehende Konzerte. Auf eines davon darf sich jede*r Psych- und Krautrock-Begeisterte in Leipzig freuen. Dargeboten wird ein musikalischer Trip, ein bis in die Tiefen des Rock verwurzeltes Energiepaket, das sich auf der Bühne entfacht und wie ein Lauffeuer im Publikum ausbreitet. Wie bereits im Vorjahr kommt die optische Auskleidung vom Leipziger Wisp Kollektiv, das die Architektur des UT Connewitz mit einem einzigartigen visuellen Konzept in Szene setzt. Wisp ist eine interdisziplinäre Plattform für Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Designer*innen und Programmierer*innen. Die Arbeiten fokussieren sich auf 3D-Audio und rekonstruieren ortsspezifisch das Phänomen audiovisueller Wirkungsweisen durch Installationen, Konzerte und Performances mittels kollaborativer Echtzeitsysteme.

Space is only Noise in der Ilse (ab 23:59 Uhr)
Zur Geisterstunde dürfen die Festivalbesucher*innen in das gerade einmal 250 Meter entfernte Tanzcafé Ilses Erika wechseln. Der Connewitzer »Urclub« feierte gerade erst seinen zwanzigsten Geburtstag und präsentiert regelmäßig Clubkonzerte und Partys zwischen Indie, Garage und Post-Punk. Hier darf sich das Publikum zur Musik von Gewalt noch einmal dem Noise Punk aussetzen. Die dreiköpfige Berliner Band um Patrick Wagner produzierte auch dieses Jahr mit »Wir sind sicher« eine neue 7″-Schallplatte, aufwühlendes Assoziationsgeschrei inklusive.

Crack Cloud © TransCentury Update

17. November: Im planetarischen Nebel
Musikalische Supernovae im UT Connewitz (ab 19:30 Uhr)
Das Multimediakollektiv Crack Cloud aus Kanada brachte in den Jahren 2016 und 2017 jeweils eine EP heraus, die in diesem Jahr auf einer Langspielplatte zusammengefasst wurden. Entstanden ist ein Zusammenstoß aus minimalistisch-avantgardistischem Instrumentalspiel, der Verarbeitung der eigenen Drogensucht und einem Gesang, der sehr an Gang of Four erinnert. Die zweite kanadische Kapelle des Abends heißt Ought und ist gefühlt seit zwei Jahren auf Tour. Instrumental bewegt sich die Musik der vier Montrealer irgendwo zwischen Indie und Post-Punk, komplementiert mit einem glucksig-schönen Gesang. Hinter dem Projekt U.S. GIRLS verbirgt sich Megan Rhemy, die bereits seit zehn Jahren unter diesem Pseudonym veröffentlicht. War das erste Album »Introducing … « noch wesentlich experimenteller und etwas schwerer zugänglich, liegt der Fokus inzwischen deutlich mehr auf Stimme und Text. Begleitet wird Megan Rhemy von Gitarren, Keyboard, Bass, Schlagzeug, Saxophon und Backing-Vocals.

Interstellares Rauschen im Conne Island (ab 22:30 Uhr)
Das selbstverwaltete Jugendzentrum Conne Island im Herzen von Connewitz dient seit den Achtzigern als Anlaufstelle für Linke, Jugend-, Pop- und Subkulturen und ist unter Besucher*innen aller Altersklassen als Veranstaltungsort für Konzerte und Partys mit Café und Outdoor-Skatepark gleichsam beliebt. Hier beginnt der zweite Teil des Abends, unter den Acts finden sich auch Dream Wife wieder, deren selbstbetiteltes Debüt seit Januar die Plattenregale ziert. Bereits 2016 von Rakel Mjöll, Alice Go und Bella Podpadec in London gegründet, stampfen sie nun in bester Riot-grrrl-Manier das Patriarchat in Grund und Boden, »I am not my body, I am somebody«, heißt es im Song »Somebody«. WaqWaq Kingdom nennt sich die Kollaboration von Shigeru Ishihada (DJ Scotch Egg) und Kiki Hitomi (King Midas Sound) und geht mit Live-Set und anschließendem DJ-Set an den Start. Verwackelte Beats mit einer gehörigen Portion Moondog verbinden sich mit Kiki Hitomis wunderbar sphärischem Gesang. Stillstehen unmöglich. Selten konnte in den letzten Jahren eine Band mit einem solch großartigen Songwriting aufwarten wie Unknown Mortal Orchestra. Das vierte Studioalbum »Sex&Food« konnte erneut Kritiker wie Fans überzeugen und wurde just um ein zweites Studioalbum, »IC-01 Hanoi«, ergänzt. Letzteres orientiert sich musikalisch an Jazz-Legende Miles Davis und kommt dementsprechend experimentierfreudiger daher.

Mario Batkovic © TransCentury Update

18. November: Mondlandung
Ein Blick durchs Weltraumteleskop im Prager Frühling (ab 16:00 Uhr)
In der Kinobar Prager Frühling bekommt ein*e jede*r etwas Abwechslung in Form einer Filmpräsentation geboten. Die Kinobar bietet ein außergewöhnlich spannendes Programm für alle Filmliebhaber*innen, denen qualitativ hochwertige und unterrepräsentierte Filme am Herzen liegen. Gelegen ist das gemütliche Kino direkt über dem Ilses Erika. Gezeigt wird »Denken Sie Groß – Musikvideos zwischen Post-YouTube und Retromania«, Kurzfilmrolle und Lecture von Jessica Nitsche.

Endloser Hall im UT Connewitz (ab 19:30 Uhr)
Festivalausklang mit Mario Batkovic: Der Avantgardemusiker dürfte in jedem Fan von Philipp Glass oder Steve Reich Begeisterung wecken. Repetitive Arpeggios und ewig langgezogene Tonflächen auf dem Akkordeon lassen einen in den Zustand tiefer Trance versinken. Unlängst steuerte Batkovic an der Seite von Künstlern wie Colin Stetson oder Jeff Silverman den Soundtrack zum Videospiel Red Dead Redemption II bei. Jeden Zentimeter der wohl eh schon groß angelegten Bühne des alten Lichtspielhauses wird das Andromeda Mega Express Orchestra einnehmen. Das Ensemble besteht aus wenigstens 18 Musiker*innen, geleitet von Arrangeur und Komponisten Daniel Glatzel. Neben der Veröffentlichung eigener Alben kollaborierte das Orchester bereits mit The Notwist und Efterklang.

TransCentury Update No. 3, Warm-up: 10.11., Festival 16.–18.11.2018, Leipzig

Link: www.transcenturyupdate.com