Zanshin © Andreas Waldschütz

Leiden in any case, Zwang by any chance

Dieser Tage erscheinen gleich zwei hochqualitative Veröffentlichungen der Wiener Musikschmiede Affine Records, dem Label für innovative und unkonventionelle elektronische Musik mit Charakter. skug hat in die Alben von Zanshin und Kenji Araki reingehört und gewährt einen Einblick.

Da haben es die Damen und Herren von Affine Records wieder mal geschafft! Das Wiener Elektronik-Label mit Überraschungsfaktor arbeitet seit fast 15 Jahren daran, Wien – im besten Sinne! – auditives Lokalkolorit und damit einen eigenen Sound zu verpassen. Zu den Musiker*innen, die dabei helfen, gehören Cid Rim, der, obschon mit JSBL davor bereits aktiv, zusammen mit The Clonious auf dem Label sein Debüt unter eigenem Namen feierte, Dorian Concept, von dem es, wie bei Sixtus Preiss und Wandl, vor dem Erscheinen auf Affine nur wenige Veröffentlichungen gab, und Zanshin, dessen erste Solo-EP im Jahr 2011 auf Affine herauskam und der nun seinen von vielen lang ersehnten zweiten Langspieler vorlegt. Die Labelmacher*innen beweisen erstaunliches Talent darin, immer aufs Neue junge, aufstrebende Künstler*innen unter die Fittiche zu nehmen. Der neueste Zugang ist Kenji Araki, dessen erstes Album ebenfalls kürzlich erschienen ist.

Intelligente elektronische Musik und Bogenschießen

So sehr es sich anböte, ein allhier bekanntes und durch die Nominierung für den Amadeus Award 2010 gebenedeites Musikerduo als segue zu nutzen, um in die Rezension des neuen Albums »In Any Case By Any Chance« von Gregor Ladenhauf aka Zanshin einzusteigen, möchte ich doch davon absehen. Denn der umtriebige Wiener Elektroniker hat sich auf Solopfaden und durch die Kooperationen mit Leonhard Lass (DEPART) und Dorian Concept längst verdient, als eigenständiger Künstler wahrgenommen zu werden. Veröffentlichungen wie die »The Humdrum Conundrum EP« von 2011 sowie die »Swings and Roundabouts EP« von 2013 sind seit Langem Eingesessene meiner Plattentasche und Tracks wie »Cloud Atlas« haben schon des Öfteren ihre durchblutungsfördernde Wirkung auf der Tanzfläche entfaltet; auch das – sträflicherweise! – bisher nicht auf Vinyl erschienene erste Album »Rain Are In Clouds« ist meinen Nachbarn wohlbekannt. Bei groß angelegten Aufführungen, wie am Ars Electronica Festival 2009, wo Ladenhauf zusammen mit Manon Liu Winter die Komposition »Höllenmaschine« von Elisabeth Schimana aufführte, aber auch bei Live-Auftritten vor kleinem Publikum, wie etwa im rienna con/temporary designshop in Wien, wo Drone- und Ambient-Sounds dargeboten wurden, zeigte Ladenhauf seine Affinität für experimentelle Klänge abseits von Vier-Viertel-Rhythmen und damit seine künstlerische Gewandtheit und Vielfältigkeit. Im Rahmen von Klanginstallationen, wie etwa »I Gong« beim Elevate Festival 2021, gab er überdies Einblicke in seine Auseinandersetzung mit in Sounddesign übersetzte philosophische Ansätze asiatischer Provenienz, die das Pseudonym »Zanshin« andeuten: Der japanische Ausdruck Zanshin (残心) wird durch das Gleichnis eines Bogenschützen erläutert, der nach dem Abschießen eines Pfeils in Positur bleibt, ohne auf den Erfolg oder das Scheitern seines Schusses zu reagieren und lässt sich am besten mithilfe des Konzepts der Apathie in westliche Denkgewohnheiten übertragen; nicht im heute eher gebräuchlichen Sinne von bis hin zum Pathologischen getriebener Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit, sondern im ursprünglichen Sinne der Stoiker, bei denen der Begriff meint, sich im Hinblick auf die Außenwelt und die Reaktionen derselben auf das eigene Tun nicht zu sehr mitreißen zu lassen, ohne sich jedoch ganz von dieser abzukehren. Die Eigenständigkeit, die dem Schaffen Ladenhaufs inhärent ist und die seine Versatilität zeitigt, spricht dafür, dass der Künstler nicht allzu viel auf die Erwartungen gibt, die sein bisheriges recht erfolgreiches Schaffen ihm durchaus aufbürden könnte. Vielmehr händigt er sich in seinen Werken auf spielerische Art in befreiter Weise mit wackrer Freude der Welt aus. Die Frage ist: Vermag Ladenhauf dies auch mit seinem neuen Album »In Any Case By Any Chance« zu bewerkstelligen?

Im Gegensatz zur Kleinteiligkeit, Zerstückeltheit und rhythmischen wie auch melodischen Komplexität von IDM und Electronica der 2010er-Jahre à la Randomform, Hecq, Clark, Reliq oder XZICD des Debütalbums, dem eine gewisse Gatekeeping-Aura nicht abgesprochen werden kann, begegnet einem die aktuelle Produktion mit offeneren Armen, auch wenn sie immer noch eine Handvoll herrlich sperrige und über den Anspruch von elektronische Musik in Klamottenläden auf der Mariahilfer Straße gewohntem Publikum hinausgehende Stücke enthält. Zudem wird die Assoziation mit dem Gemeinschaftsprojekt, dessen Name immer noch nicht unbedingt genannt werden muss, nicht im selben Maße vermieden, wie es, zumindest für mich, noch beim Vorgänger der Fall zu sein scheint. Die in den letzten Jahren veröffentlichten EPs deuteten diese Entwicklung bereits an: Das Liebäugeln mit eingängiger Musik, mit unverkopften Hinweisen auf popkulturelle Inhalte, mit Musik, die man frei atmend hören, bei der man nicht unbedingt gebannt zuhören muss, wirkt befreiend und eröffnet neue Möglichkeitsräume. Es ist wohl eine Entwicklung der Zeit, das Credo »Lieber etwas exaltiert wirken als zu stromlinienförmig« über Bord zu werfen, dem viele Musiker*innen anhängen, die Angst davor haben, sich durch allzu zugängliche Musik zu kompromittieren und als schnöde Popversorger desavouiert zu werden. Musik wird immer weniger in Genres eingeteilt, Subkulturen verschwinden, denn im Internetz dominieren Gemengelagen jeglicher Couleur. Manche beobachten diese Tendenz mit Sorge. Doch sie sehen nicht die Gelegenheiten musikalischen Ausdrucks, die sich ergeben. Zanshin scheint keine Sorgenfalten zu haben, sondern die sich ergebenden Möglichkeiten wertzuschätzen. Dies wird gleich im den Auftakt des Albums bildenden Track »Heatseeker« und im bereits als Single-Auskopplung erschienenen »Because Why« hörbar, die ohne es despektierlich zu meinen als Sommer-Hits bezeichnet werden können. »In Gloom« kommt etwas melancholischer, aber nicht minder nachmittagsradiotauglich daher. Am ehesten Reminiszenzen an das Debütalbum bilden die IDM-Perlen »Polar Polychrome«, das, der Aussage Ladenhaufs nach, den Ausgangspunkt für das neue Album darstellt, »Corrosion Creak« und »Whatever Words«. »In Search Of« überrascht durch seine verschnörkelte Struktur à la Stateless, Douglas Dare oder Owen Pallett. Die Frische vor Kurzem im Gebirgsbach gewaschener Jungtiere versprühen »Identity Slices« und »Enzyme Enigma«. Verschnaufpausen zwischendurch bilden das wunderbare, trommelfreie Stück »Time After Thought« und der Klangteppich »Rebus Redux«. Einzug in meine digitale Plattentasche wird definitiv der Tanzflächeneinebner »Bronteroc Brawl« finden. Im Ganzen hat Gregor Ladenhauf mit seinem Moniker »Zanshin« hier ein beachtliches Album vorgelegt, das alles mitbringt, was das Herz von etwas verwöhnten Elektronik-Connaisseuren und Connaisseusen begehrt, nämlich durchdachte Kompositionen, frische Beats und abgefahrene Melodien sowie das gute Gefühl der Befreiung der Ohren von Sounds, die man schon zu oft gehört hat, durch Sounds, bei denen man das Gefühl hat, dass man sie noch nicht zu oft gehört hat, obwohl man sie eigentlich oft zu hören bekommt.

Genregulasch vom obersten Regal

Da schau her, es wird uns Kenji Araki vergönnt! Dem Wiener ist es, seiner eigenen Angabe zufolge, ein Anliegen, mit seinem Künstlernamen, der sich aus seinem zweiten Vor- und Nachnamen zusammensetzt, seine dichotome Herkunft und seine persönliche Geschichte zu thematisieren, Inspiration und Kraft aus dieser Beschäftigung für sein musikalisches und auch medienkünstlerisches Wirken zu ziehen. Auf seiner Instagram-Seite gibt es ein paar Belege für Letzteres. Dass Araki sich nicht nur mit auditiver, sondern auch mit visueller Kunst beschäftigt, zeigt sich z. B. anhand seiner Mitarbeit an den Videos für seine Veröffentlichungen oder anhand der von ihm gestalteten Visuals für seine Live-Auftritte. Die visuelle Komponente ist jedoch auch in seinen Tracks eindeutig spürbar. Oft genug wirken kognitive Landschaften wie Vignetten für seine Songs; Räume öffnen sich, Stimmungen werden veranschaulicht, beim Durchhören des Albums fühlt man sich an den Ort versetzt, an dem man dieses am besten hören sollte. Es handelt sich dabei nie um kathedralenhafte Räume, eher um Kammer und verwinkelte Gänge, hinter deren Ecken oft Überraschungen warten. Obwohl eine gewisse Opulenz – vielleicht sogar ein Hauch von Übermut – den Produktionen inhärent ist, wirken diese trotzdem durchdacht und feinsinnig, wie multimediale Miniaturmalereien, meist eher in düsteren Farben gehalten, mit gekonnt gesetzten Neondrapierungen versehen. Das Album »Leidenzwang« ist geprägt von einer spannenden eklektizistischen Herangehensweise; verschiedenste Genres werden verquickt, allzu typische Elemente neu konnotiert. Wie momentan offenbar üblich, zeitigen die Songs ein Genregulasch, und das vom obersten Regal. Im Herzen ist Araki wohl der elektronischen Musik verbunden, dabei besonders IDM mit einer Prise Halftime-Gefühl von Dubstep, dies erfrischenderweise aber ohne jegliches Gewobbel. Mitunter nimmt er aber auch eine Stromgitarre zur Hand und generiert feinste Samples mit Grunge-Stimmung, die einem den Wunsch nahelegen, das Holzhackerhemd wieder auszupacken. Dazwischen tauchen manchmal zerbrechliche Klavierklänge auf. Überwiegend jedoch stehen schwere und arpeggierte Synths wie Stützsäulen im Raum, zerhäckselte Beats bilden den Boden, auf dem das Ganze ruht. Vor brodelnden, zischenden und schnarrenden Geräuschen wird nicht zurückgeschreckt und auch nicht vor übertrieben bunten Rave-Horns. Das i-Tüpfelchen bilden entweder von Araki selbst oder von musikalischen Kurzbekanntschaften eingesungene, respektive gesampelte Stimmen. Insgesamt ist »Leidenzwang« ein kurzweiliges und mitreißendes Album.

Das Intro bildet »Avant«: In das Brodeln eines Wasserkochers donnern distortierte Kicks, welche die Geschwindigkeit des Rhythmus des Songs zu suchen scheinen, bis sich ein Jungle-Beat ergibt. Ein vielversprechender Einstieg. Schon im zweiten Stück »Matter« wird die Percussion allerdings reduziert und der im restlichen Album dominante Halftime-Beat gesetzt. Einen ersten Vorgeschmack auf die Vielseitigkeit des Albums bildet der Einsatz der E-Gitarre im Break. Im bereits 2021 als EP veröffentlichten »Nabelschnurtanz« kommt das Sample einer Stimme zum Einsatz, die lieblich und verträumt auf den vertrackten Rhythmen und Synthbassflächen reitet. Zum ersten Mal kommen hier die prägnanten Synth-Arpeggios a là Rival Consoles zum Einsatz. »Gel & Gewalt«, die B-Seite der erwähnten EP, beginnt wie ein Stück von Mudhoney, geht dann aber schnell in einen leicht melancholischen Downbeat-Track über; die Gitarre zeigt sich im Break nochmals kurz. Im wunderbaren und mit Sand geriebenen, genuin experimentellen Noise-Electronica-Stück »SINEW« aszendiert und deszendiert die Geschwindigkeit der Kicks und erzeugt damit Schwindelgefühle. Die nächste Überraschung bietet »Monomythz«, ein Stück, dass an die arabeske Art des Produzierens von Clark und dessen Break an die seltsamen Percussions von Pantha du Prince erinnert. In »Mileu«, mit über sechs Minuten das längste Stück auf dem Album, ist die verzerrte Stimme von Araki selbst zu hören. Es kommt weitgehend ohne Beats aus und wirkt wie ein Sonnenaufgang über einem Schwefelsee auf dem Saturn. »Illuviácida« besitzt den Charakter einer Fuga und besticht durch zeitlose Eleganz. Das titelgebende Stück »Leidenzwang« ist von verträumten Pianoklängen dominiert und kommt im Stil von melancholischem Electronica-Sound a là Burial daher. »Deathless Mess« ist mein persönlicher Lieblingstrack des Albums; bestens geeignet als Einstieg in ein Set, in dem als nächstes eine techy Berliner Dubstep-Scheibe folgt. Das wohl am ehesten an japanische Produktionen angelehnte Stück ist »Isan«. Nicht nur der Titel und die japanischen Sprachsamples weisen darauf hin, sondern auch die an Susumu Yokota oder Serph erinnernde Soundästhetik. Den Abschluss zum Auskühlen bildet »Au-Delà«, ein Ambient-Stück, in dem zum letzten Mal der fürs ganze Album signifikante Synthsound auftritt. Die einzelnen Stücke des Albums sind zwar etwas kurz geraten, gehen aber wunderbar ineinander über. Zudem tauchen bestimmte Elemente, Sounds und Aspekte immer wieder auf. Deswegen kann vorsichtig von einem Konzeptalbum gesprochen werden, das gut reingeht und bei der Stange hält. Das einzige Manko, das eigentlich als Kompliment verstanden werden kann, ist, dass die Tracks, mit Ausnahme von »Mileu«, alle ein wenig länger sein könnten, die Narrative innerhalb derselben eine ausgiebige Bearbeitung verdienen würden. Im Großen und Ganzen jedoch sollten jene unbedingt reinhören, denen elektronische Musik lieb ist, die aber allzu cleane Clubmusik scheuen.

Eine Konklusion

Mit den Alben von Zanshin und Kenji Araki trägt das Label Affine Records dazu bei, mit der Veröffentlichung elektronischer Musik aus Wien über die Grenzen hinaus aufhorchen zu lassen. Die Zeiten, in denen bestimmte Genres bedient werden mussten, sind Geschichte, dass dieser Fakt verstanden wurde, wird beim Anhören der beiden Veröffentlichungen offenbar. Das Album »In Any Case By Any Chance« ist eine solide Produktion, die von der langjährigen Beschäftigung mit unterschiedlichsten musikalischen Einflüssen zeugt; Zanshin scheint vor Experimenten ebenso wenig zurückzuschrecken wie vorm Bewährten. »Leidenzwang« ist ein innovatives Werk, das durch seine Unmittelbarkeit besticht, und dabei hat Kenji Araki seine zweite Brennstufe noch gar nicht gezündet. Es wäre erfreulich, wenn er seinen Mut zur Eigenwilligkeit noch lange erhält. Beide Alben sind, obwohl unterschiedliche Ansätze vertretend, absolut empfehlens- und hörenswert!