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Kunst – Mythos – Hype: nie verstehen

Wie und von wem wird bestimmt, welcher Content zur Kunst gehört? Welche Musen sind dafür zuständig? Einen Überblick über die aktuelle künstlerische Praxis und die mythologisierenden Eigenschaften des Entertainments wird in der vorliegenden Reflexion gegeben.

Kultur als Praxis, in der Hype und Vibe in Gestalt von Kunst mythologisiert werden … So kompliziert und stimmungsvoll sollte der vorliegende Artikel begonnen werden. Um zu dieser impertinenten Definition zu kommen, müsste eine Reihe der ineinandergreifenden Fragen behandelt werden. Auch wenn sie rhetorisch wirken. Wie wird die Kunst zum Kulturbestandteil kodifiziert bzw. institutionalisiert? Welche Abhängigkeitsverhältnisse (Individualität vs. Objektivität) treten dabei in den Mittelpunkt? Wie entscheidend sind die Begleitfaktoren Mentalität, Sexus, Eros, Amüsement u. a.? Die menschliche Kultur zeichnet sich durch ihre akkumulierende Kraft aus, d. h. absorbiert schätzbare Kunstwerke. Eines ihrer Ziele ist, nie vergessen zu werden. Viele Generationen leben bis heute zumindest teilweise in jeweiligen zeitlichen wie kulturellen Dimensionen, die aber manchmal out oder unzeitgemäß sind. Wie wurde aber so eine starke markante Erinnerungsspur in unserem Kulturleben und Alltag gelegt? Die synchrone Auslegung der aktuellen Prozesse könnte uns dabei helfen, sich den toppenden, ausschlaggebenden und somit vorschreibenden Leistungen der Kunst anzunähern.

Von Geld und Macht verführte Schutzgöttinnen der Künste
Mneme als titanische Muse der Erinnerung und gleichzeitig unsere physiologische Fähigkeit, sich zu erinnern, ist heutzutage anscheinend mit der aus der anderen Welt stammenden Muse der Macht und des Geldes von Heidi Wagner-Kerkhof befreundet. Letztere ist aber etwas unternehmerischer, einfacher gesagt: Egoistischer und geldsüchtiger ist die Muse Fatty. Ist das nicht so? Die Stimmen und der Schatten von beiden sind in vielen oder in fast allen Kunstwerken erkennbar: »Warum fickt ihr Kopf? / Mein Kopf platzt, Gucci-Sandalen, ich trag’ sie nur aus Trotz / Trotzdem machen sie mir nach …« (Apache 207, »Roller«). Die Gesellschaft mag die provokative Stimmung von heutigen Künstler*innen – was Neues, Wildes, Direktes und (ab und zu) ganz Ernstes. Und der Erfolg findet seine Widerspiegelung in der seriellen Nonstop-Herstellung des adelig werdenden Kunstproduktes: »Eins hat mein Lifestyle mir beigebracht / Man kann nur weiterkomm’n, wenn man weitermacht … « (Bausa & Juju: »2012«).

Die Entstehung und später die Verkaufsbewegung und -strategien des jeweiligen Kunstproduktes richten ihren Fokus von Anfang an auf das breiteste Segment oder auf die Übereinstimmung von mehreren Segmenten. Genau deshalb erobern immer öfter die Kombis (die Gesamtheit) schrille Outfits, Marken, Promis, Multimedialität o. Ä. die Charts, die bereits viel autonomer und flexibler sind. So fame und mit der hohen Geschwindigkeit gelangen die einzelnen Beispiele ins Gehirn und Herz nicht nur einer Persönlichkeit, sondern der ganzen Generation bzw. der Gesellschaft. Was bedeutet das aber? – Das Muster (Lied, Farbe, Kleidungsstück, Lebensstil usw.) wurde erfolgreich erworben, unabhängig von deinem Geschmack, deinen Ansichten und Vorlieben. Mit einer Reihe von seriellen Maßnahmen und dem kompetenten Marketing wird die sogenannte Kunst verfestigt bzw. kodifiziert und ist somit nicht mehr subjektiv.

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Provokative Werkzeuge zur Erzeugung von Interesse
Keine Vergänglichkeit wird auch im Bodykult und Eros bemerkt. Die Betonung von Körperlichkeit, Berührungen, Wärme und einfach vom Wunsch bzw. sexuellen Verlangen war und ist nicht nur in Werken von Peter Paul Rubens, August Herzog, Egon Schiele oder Karl Geiser im Überfluss vorhanden, sie besteht auch heute in einer »aktualisierten Version« und neuen Funktionalität. Wie unsere halbnackten Musen erzielen die Schöpfer rasche Reaktion seitens des Publikums. Nackte Tatsachen führen zur Offenheit und Direktheit; das ist wahrscheinlich das Einzige, was heute noch subjektiv (privat) bleiben könnte. Nackte Körperlichkeit ist die Stimme des Kunstwerkes und sein Raum, was genau in künstlerischen Räumlichkeiten enttabuisiert werden kann.

Unsere Identität mit der ihr zugehörigen/folgenden Subjektivität als distinktives Merkmal der Kunst(empfindlichkeit) ist heutzutage oft den ganzen Sprachräumen, jeweiliger Mentalität oder auch zum Teil der transkulturellen Verflechtungen gleichwertig. Kollaborative Leistung der Kunst, kollektive Autor*innenschaft als intensive und wirksame Form des Handelns sind ein gutes Instrument, anhand dessen diese Publikumsbreite erreicht wird. Diese sogenannte Verlinkung platziert immer zwischen der Tradition und dem Experiment: zur Diversität und Hybridisierung der Kunstdimensionen/des Mediums können zahlreiche Beispiele angeführt werden. Das sind die Lautmalerei des französischen Opernkomponisten Jules Massenet (z. B. »Werther« nach Goethe), erotische Fotographien mit Marilyn Monroe oder sogar die von Operndiva Anna Netrebko ausgeübte Aktmalerei … Immer wieder anders, immer wieder neu: die Übertragung des jeweiligen Kunstwerkes auf ein anderes (heutzutage auch auf ein neues) Medium oder die Erschaffung eines ungewöhnlichen Konglomerats machen selbst die Handlung und später das Kunstwerk ganz schön provokativ.

Kann aber gesagt werden, dass auch die antike, klassische oder akademische Kunst von der »gekünstelten Empfindlichkeit« geprägt wurde? – Vielleicht?! Alles, was wir bis heute für elitäre Kunst halten und was in führenden Museen oder Privatsammlungen beherbergt wird, ist das Erbe der Aristokratie: Sei es antikes Geschirr mit erotischen Zügen, generell die Veranschaulichung der »Hardcore-Bodybuilder« in der bildenden Kunst oder Surrealismus als »Protest« gegen traditionelle Normen: Die Kunst und einfach ihre Präsenz in unserem Leben erfüllten damals und erfüllen heute immer noch die Rolle des goldenen (Bilder)rahmens. Klingt das übermütig? Der*die Nicht-Einverstandene würde sagen: »Bescheidenheit ist eine Zier!?« Ist sie das aber immer noch? War die Kunst irgendwann schüchtern? Nüchtern? Existiert sie überhaupt ohne Hype, ohne Protestkultur, ohne Mythos?