Hallenansicht © Rupert Steiner, Albertina, Wien 2020

Künstlerhaus: Der Grusel dominiert

Im Keller des Künstlerhauses, in den aufgehübschten Albertina-Räumen, wurden feministische Werke auf gruselig gezeigt. Eine Präsentation als Schmerz- und Leid-Feminismus zum Abgewöhnen? Ein Besuch vor dem Lockdown und am Abend des Attentats.

Am Abend vor dem zweiten Lockdown noch schnell zu Besuch im Künstlerhaus am Karlsplatz: Oben im ersten Stock, bei den Künstlerhaus-Künstler*innen, ist schon alles dicht und weggebracht. Zugesperrt mit eisernem Gitter. Beim zweiten Besuch wirkt die Albertina-Ausstellung unten ein wenig aufgeräumter, nicht so überladen. Aber die Räume bleiben klein und es ist zu wenig, einfach nur wie in der Albertina ein paar große Werke aufzuhängen. Gelungen ist nur der abstrakte Raum mit einem großen Roland-Goeschl-Bild, Op Art, Geometrischer Kunst und Konkreter Kunst. Die Aufsichtspersonen unterhalten sich laut, viele Menschen nutzen noch den Abend, bevor das Künstlerhaus für mindestens einen Monat schließen muss. Es gibt schöne kinetische Objekte von Helga Philipp aus Glas in Blau und Weinrot überlagernd (1966–1968, Siebdruck auf Holz und Glas).

Maria Lassnigs Bild, auf dem sie nackt ähnlich King Kong über die Skyline von New York steigt, hängt viel zu theatralisch in einem runden Raum. Alle ihre Bilder in dem Rund sind in Grün und Blau gehalten, wodurch eine gewisse Lieblichkeit entsteht, die nicht zu ihr passt. (Anm.: Durch die Ehre, dreimal Maria Lassnig interviewen zu dürfen, weiß ich von ihrem spröden Charakter.) »Die Marc Adrians sind natürlich immer schön«, sagt die Künstlerhaus-Aufsicht und meint, dass die feministische Kuratorin Angela Stief erst nach der Bilderhängung zum Team stieß. Die Skulptur von Cornelius Kolig ist super: »O. T. Objekt aus Phase III« mit Schläuchen, blauer Kugel und roten Halbkugeln seitlich. Die Art-Brut-Abteilung ist aber auch wieder viel zu theatralisch und bunt geraten – als ob wer »nur die stärksten Bilder nehmen würde«, wie der ehemalige Direktor des Münchner NS-Dokumentationszentrums seine direktoriale Auswahl der Bilder des Auschwitz-Überlebenden Adolf Frankl begründete. »Ich bin halt ein Arbeitnehmer«, tönt die Aufsicht im Künstlerhaus inzwischen, »morgen muss ich nicht mehr früh raus!« Und lacht laut.

Maria Lassnig: »Power Woman«, 1979 © Albertina – The Essl Collection, Maria Lassnig Stiftung, Bildrecht, Wien 2020

Der feministische Gruselkeller
Schon wieder ein Arnulf-Rainer-Bild. Brauer, Hundertwasser, Frohner, Mühl – alle großen Männernamen sind vertreten. Ein großes weißes Maria-Lassnig-Bild (»Harlekin«, Selbstporträt aus 1961) geht zwischen einem Max Weiler und einem Wolfgang Hollegha unter. Sehr schön aber davor die Otto-Eder-Steinfigur auf dem Boden. »Sterbender« von 1950/51. »Bruchstückhaft, bekennerisch auf seine Weise, zyklopisch und genialisch, impulsiv, unstet und unbeständig«, beschrieb Otto Eder seine Skulptur. Sie soll mit den letzten Kriegswirren etwas zu tun haben, steht dabei. Ein paar Gironcolis in einem kleinen Raum. Wander Bertoni mit seinem »Rhythmischen B« aus der Serie »Das imaginäre Alphabet« (1954) im Vorraum.

Unten im Keller dominiert derweil der Grusel. Erst zum Thema Gewalt gegen Kinder, dann gleich VALIE-EXPORT-Werke, nüchtern und hart. Ein VALIE-EXPORT-Raum ist gänzlich in Schwarz gehalten, niemand traut sich hinein. Wütendes Hundegebell ist zu hören. Als das Werk »I (beat it)« vor Jahren in der Mitte des damaligen 20er Hauses ausgestellt wurde, wirkte es komplett anders. Viel stärker und nahegehender. In der Albertina Modern wird Feminismus auf eine Art zum Abgewöhnen gezeigt – großteils auf Leid und Schmerz fixiert. Als Feministin, die über Jahrzehnte eine lebensfrohe, kämpferische Bewegung miterlebt hat, fühle ich mich hier äußerst unwohl. Wer die wilde Feminismus-Ausstellung im MUMOK, noch unter Direktor Edelbert Köb, gesehen hat, fragt sich wirklich, was es bringt, wenn feministische Künstlerinnen eingemeindet und seltsam kontextualisiert werden.

Florentina Pakosta: »Große Hand mit gespreizten Fingern« (aus dem Zyklus »Meine Hände«, Teil 3), um 1980 © Albertina, Bildrecht, Wien 2020

Nur Leid und Schmerz
Auch im zweiten Raum zum Thema Feminismus wird auf einer Wand außen, unter anderem mit Margot Pilz’ »Bondage«, Leid und Schmerz ausgedrückt. Eine Frau mit Sicherheitsnadeln im Gesicht von Florentina Pakosta. Die Innenwand hingegen, die in Zartlila gestrichen ist, zeigt fröhliche bunte Werke von Franz West. Sie zieht die Besucher*innen magisch an. Die kolorierten Handdrucke von Auguste Kronheim, »Unheimliche Kindheit«, sind zumindest ein bisschen farbig. Viele Birgit Jürgenssens hängen. Die Häkelskulpturen von Liselotte Beschorner sind noch das Lustigste von allem, aber auch ihnen haftet ein gewisser Gruselfaktor an. Fetische, Verschnürungen von Linda Christanell. Was soll das hier darstellen – eine feministische SM-Party? Vor allem ohne entsprechende ausführliche Kontextualisierung und Verortung in den 1970er-Jahren.

Von jungen Frauen eifrig fotografiert wird in Folge die Franz-West-Installation mit den Polizeimützen (1977). Ein antifeministisches West-Bild mit einer nackten, fliegenden Frau und einem roten Herzen musste natürlich auch untergebracht werden. Fazit des neu befüllten Künstlerhaus-Kellers: Deprimierend. Und dabei geht es noch gar nicht um die Wehmut, die einen befällt, wenn man die Renovierung der Moderna Galerija in Ljubljana mit dieser Aufhübschung und Verengung vergleicht. Früher sahen sich das Künstlerhaus und die Moderna Galerija sehr ähnlich. Der altmodische Charme des Wiener Gebäudes wurde kaputtgemacht und auf nichtssagend getrimmt. Die Räume reden nicht mehr, verbreiten kein Eigenleben wie früher.

Vor der Tür unterhalte ich mich lange mit einem Ehepaar über Meina Schellanders Installation zu Haiders blauen Eiern im Kärntner Museum Liaunig. Das rettet mich wohl, denn ursprünglich wollte ich zum Fleischmarkt essen gehen. Dann wäre ich genau zu der Uhrzeit am Schwedenplatz gelandet, als der Attentäter vier Menschen umbrachte.

Links:
https://www.k-haus.at/
https://www.albertina.at/albertina-modern/