Ernestine Baig © ÖKF Warschau Fot. Albert Zawada

»Integration läuft über Sprache«

Ernestine Baig ist knapp 30 Jahre Kulturattachée und Vizedirektorin des Österreichischen Kulturforums in Warschau. Im Interview mit skug erzählt sie von ihren Erfahrungen an dieser interkulturellen Zweigstelle und erklärt u. a., warum sie die österreichische Zivilgesellschaft für »bequemer« hält.

Die Österreichischen Kulturforen bilden ein Netzwerk von 30 Kulturzentren in 28 Ländern und sind laut Angaben des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten »Agenden der Auslandskultur« für die verschiedensten kulturellen und wissenschaftlichen Projekte. Die Aktivitäten und die jeweilige Struktur sind dabei aber länderspezifisch sehr unterschiedlich und setzen sich auch aus den unterschiedlichen historischen Entwicklungen des jeweiligen Forums zusammen. Das Österreichische Kulturforum in Warschau hat dabei durch seine Gründung im Jahre 1965 schon eine sehr lange Tradition. Vizerektorin und Kulturattachée Ernestine Baig, die im Jahr 1994 zum Forum gestoßen ist, weiß dabei so viel über die lebendige Geschichte des Forums wie kaum ein*e andere*r. Sie selbst verlässt heuer nach nun fast 30 Jahren ihren Posten und geht zurück nach Österreich. In diesem Kontext – und v. a. durch den so lebendigen Enthusiasmus für das Forum – sprechen wir mit Baig im Interview u. a. über Gedenkkultur, das Österreichbild in Polen und die umso relevanter werdende Wichtigkeit, einen kulturellen und künstlerischen Dialog zwischen diesen beiden Nationen aufrechtzuerhalten.

skug: Für den Anfang wäre es einmal spannend, zu erfahren, wie du zu deiner heutigen Position im Österreichischen Kulturforum Warschau gekommen bist und wie dein Weg dorthin war?

Ernestine Baig: Also, ich habe 1973 begonnen, im Außenministerium als damals sogenannte »Schreibkraft« zu arbeiten, war ab 1986 als Assistentin des Leiters der kulturpolitischen Sektion tätig und bin dann Sachbearbeiterin für kulturelle Aktivitäten geworden. Das hat mir ermöglicht, mich überhaupt für den Posten in Warschau zu bewerben. Der wurde dann Ende 1993 ausgeschrieben, und zwar als stellvertretende Direktorin, und dafür habe ich mich beworben, weil ich mir doch als Assistentin des damaligen Sektionsleiters Dr. Bernhard Stillfried sehr viel einschlägige Kenntnisse erwerben konnte. Ich war Sachbearbeiterin in einer Sektion, die hauptsächlich für die Durchführung kultureller Projekte im Ausland zuständig war. Also ich glaube, ich hatte in diesen acht Jahren wirklich viele Qualifikationen erworben. Und so war ich dann seit März 1994 in Warschau.

Österreichisches Kulturforum Warschau in der Ul. Prożna 7/9 © ÖKF

Und wieso hast du dich speziell für das Kulturforum in Warschau bewerben wollen oder war das ein Zufall?

Es war damals einfach ausgeschrieben und ich wollte aus familiären Gründen unbedingt aus Wien weg und habe mir deshalb gedacht: Warschau ist nicht so weit weg, vor allem, weil ich meinen Sohn zurücklassen musste. Und Polen schien mir auch ein sehr interessantes Land und Pflaster zu sein, um hier kulturelle Aktivitäten weiterzuentwickeln. Dazu muss ich noch ausführen: Der Sektionsleiter Stillfried war dann nach seiner Pensionierung Berater für den Bundesminister in Sachen kulturelle Aktivitäten in Mitteleuropa und da habe ich natürlich auch sehr viel über Polen erfahren, weshalb es mir als speziell interessanter Posten erschien.

Wenn ich da einmal gleich einhaken darf. Du sagst, du bist 1994 hierhergekommen, und das sind ja immerhin inzwischen fast 30 Jahre, und Polen hat sich damals in einer ziemlich anderen kulturpolitischen Situation befunden …

Ja, also natürlich, 1994 war fünf Jahre nach dem Umbruch. Fünf Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zum Westen und diese Zäsur war sehr spürbar, auch in unseren Tätigkeiten. Die Tätigkeiten des Kulturinstituts haben sich sehr unterschieden von der heutigen Tätigkeit. Das Kulturforum in Warschau wurde 1965 als sogenannter »österreichischer Leseraum« gegründet und hatte sich damals einen wirklich wichtigen Platz erworben, gerade in der polnischen Opposition als sogenanntes »Fenster zum Westen«. Also hier wurde ein Platz geboten, an dem sich Oppositionelle treffen und diskutieren konnten. Sie konnten westliche Presse lesen und so weiter. Es gab schon noch eine Veranstaltungstätigkeit, gar keine Frage, aber nie in dem Ausmaß wie jetzt, weil die Organisation und alles viel schwieriger war. Obwohl gerade in den 1970er-Jahren, und davon erzählt die ältere Generation der Literaturwissenschaftler*innen noch immer, ein sehr starker Fokus auf Literatur gelegt wurde. So waren damals Thomas Bernhard, Peter Handke und Peter Turrini alle Gäste des damaligen Kulturinstituts. Eine weitere wichtige Aufgabe des Instituts war es damals auch noch, Stipendien nach Österreich zu vergeben. Das hat sich dann alles im Laufe der ersten fünf bis sieben Jahre nach dem Umbruch deutlich verändert.

Wenn ich das kurz zusammenfassen darf: Als Kulturinstitut war das hier noch ein sehr politischer Ort, der sich nach und nach zu dem Kulturzentrum entwickelt hat, das er jetzt ist. Was hat sich an dem Klima verändert nach dem Mauerfall?

Das war für das Kulturforum gar nicht so einfach, sich nach diesem Paradigmenwechsel neu zu positionieren. Die ersten Jahre waren doch noch von dem von Österreich angelaufenen Stipendienprogramm für polnische Studierende und Wissenschaftler*innen mit damals über 300 Stipendien im Jahr geprägt. Und das Kulturforum war in diese Auswahlverfahren ganz wesentlich involviert. Also Aufgaben, die es heute in dem Maße nicht mehr gibt. Und ich glaube, in den ersten Jahren hat sich was die Veranstaltungstätigkeit betrifft das damalige noch »Kulturinstitut« sehr auf musikalische Veranstaltungen konzentriert, was aber damit zusammenhing, dass diese kulturelle Sparte ohne sprachliche Barriere gut organisierbar war. Das Kulturinstitut bot seit Ende der 1960er-Jahre Deutschkurse an, die sehr gut besucht waren. Vor allem damals, weil es nur die Möglichkeit gab, entweder im Institut der DDR Deutsch zu lernen oder bei den Österreicher*innen. Und sehr viele, auch wichtige Kulturmanager*innen waren damals Kursteilnehmer*innen eben dieser Deutschkurse. Und diese Kurse waren auch in den 1990er-Jahren noch ein ganz wichtiger Bestandteil des Kulturinstituts. Aber nicht nur die Kurse als solche, sondern auch die Aus- und Weiterbildung von Deutschlehrer*innen. Seminare zur österreichischen Landeskunde, didaktische Seminare … also das war damals noch ein wichtiger Schwerpunkt, eben nicht nur die Vermittlung der deutschen Sprache, sondern auch die Ausbildung von Lehrer*innen.

Ausstellung »Kurt Klagsbrunn«, 2021 © Frederik Gruyaert

Das ist sehr spannend. Einer der deklarierten Grundsätze, der auf eurer Homepage vermerkt ist, ist es eben, diesen Dialog zwischen Österreich und Polen zu stärken. Im Falle der Deutschkurse ist das ein wortwörtlicher Dialog gewesen.

Das stimmt, aber ich weiß gar nicht, ob das damals so gesehen wurde. Im Nachhinein ist es interessant, auf jeden Fall. Und das Kulturinstitut hatte einfach auch einen großen Bekanntheitsgrad durch die Deutschkurse. Und die wurden dann ja Ende der 1990er-Jahre ausgegliedert in die Österreich-Institut GesmbH, mit denen wir natürlich noch immer eng zusammenarbeiten, aber das Kulturinstitut selbst ist immer mehr dazu übergegangen, den Kulturtransfer nicht mehr als Einbahnstraße zu betrachten, sondern zu versuchen, auch Dialoge anzustoßen. Das war auch nicht von Anfang an so einfach. Aber schön langsam begannen wir, Tagungen zu gesellschaftspolitischen Themen mit Teilnehmer*innen aus Polen und Österreich oder auch anderen europäischen Ländern zu organisieren. Es ging nicht darum Kultur nach Polen zu transportieren und zu sagen, wie wunderbar alles ist. Sondern vor allem die Vernetzung zwischen den teilnehmenden Künstler*innen der beiden Länder anzustoßen.

Ich werde hier einmal die ganz grundsätzliche Frage in den Raum stellen, was denn der Zweck und Sinn der österreichischen Kulturforen generell ist?

Natürlich war es schon, und das ist nach wie vor so, ein Instrument, um ein modernes Österreich-Bild vorzustellen. Daher wurde auch, und wird immer mehr, großer Wert darauf gelegt, dass man vor allem zeitgenössische österreichische Kunst präsentiert, was gerade im musikalischen Bereich nicht immer einfach ist. Aber wir gehen davon aus, dass Mozart und Beethoven sich auch kommerziell verkaufen, dass es da der Mithilfe der Bundesregierung, der österreichischen Kulturforen nicht mehr bedarf! Daher müssen Werke zeitgenössischer österreichischer Komponist*innen den Hauptanteil der Programme aller organisierten Konzerte bilden.

Wenn ich nochmal unterstreichen darf: Was unterscheidet diese kulturelle Ebene von einer politischen Ebene?

Also sagen wir so: Die politische Ebene ist dadurch schon gegeben, weil wir uns als ein modernes, fortschrittliches Land präsentieren wollen. Aber die politische Ebene ist natürlich die zweitrangige. Die erste ist auf jeden Fall die kulturelle – sprich: wirklich Kultur und Kunst zu präsentieren und damit auch den Austausch zwischen Polen und Österreich zu fördern. Kunst und Kultur kann man ja überdies vom Politischen nicht abkoppeln. Zum Beispiel haben wir schon zu Anfang der 2000er-Jahre ein Diskussionsforum zu frauenspezifischen Themen in mehreren Teilgebieten organisiert: Frauen und Religionen, Frauen und Arbeitsmarkt. Dies war ein Versuch, den Austausch österreichischer und polnischer Wissenschaftler*innen in Gang zu setzen. Ein Diskussionsforum ist immer ein Austausch. Weil ja jede*r ihre*seine Sichtweisen präsentiert und man so darüber diskutieren kann. Wir haben auch Diskussionsforen zu Themen der Akzeptanz für Menschen von Randgruppen, wenn wir das so nennen wollen, wie Menschen mit Behinderung, Menschen mit anderer sexueller Orientierung etc. durchgeführt. Das sind Themen, die vielleicht heute selbstverständlich sind und wo mancher vielleicht sagt, das wird ja überhaupt nicht hinterfragt. Aber 2004 und 2005 waren das schon Dinge, über die man durchaus diskutieren sollte und musste. Zum Beispiel auch später die Diskussion über Diskriminierung oder Nicht-Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, sowohl was das Studium als auch den Arbeitsmarkt betrifft. Oder noch weiter haben wir Gewalt in der Schule diskutiert, Gewalt in der Familie. Das sind so Themen, die auch sozial, gesellschaftspolitisch sind. Das ist nicht rein kulturell. Es hat dennoch immer mit Kultur zu tun, denn Kultur ist ja auch soziale Kultur.

Ausstellung »Tell Me More«, 2018 © Karolina Zajaczkowska

Deswegen auch meine Frage nach eurem Kulturbegriff. Weil wie ich das sehe, ist es so, dass bei euch gesellschaftspolitische Themen in diesem kulturellen Rahmen am besten eingebettet werden können.

Ja … und es gibt ja zu vielen dieser Themen auch künstlerische Arbeiten und gerade im Kontext bildender Kunst: So beschäftigt sich die Konzeptkunst ja etwa sehr damit. Es lässt sich da immer eine Brücke schlagen zwischen Kunst und dem Thema als solches. Zum Beispiel möchte ich aktuell anführen, haben wir pandemiebedingt ja viele Diskussionen auf online umstellen müssen, was sich ganz gut bewährt hat. Und wir haben dieses Jahr ein, zwei Veranstaltungen unter dem Motto »Digital Future Talk« organisiert. Einmal ging’s um die Fake-News im Internet, was ja durchaus das tägliche, das politische Leben betrifft. Also ich denke, das kann man schon aus Kunst- und Kultursicht diskutieren, aber natürlich auch aus politischer Sicht. Und dann haben wir natürlich eines gemacht, das war eines der ersten Online-Panels: »Wie kulturelle Institutionen glauben, dass die Pandemie ihre künftige Tätigkeit beeinflussen wird«. Das sind keine reinen Kulturprojekte, aber auch keine rein politischen. Ich glaube, das kann man gar nicht mehr so voneinander trennen, denn auch Literatur hat so viele politische Aspekte. Wenn man etwa Robert Menasse liest, dann lässt sich das von Politik ja überhaupt nicht trennen.

Und allein, wenn man einen Roman liest, der explizit nicht politisch ist, befindet sich das schreibende Subjekt ja doch trotzdem auch immer in einer politischen Situation.

Na eben! Ich glaub’, und das ist auch notwendig, dass sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Intellektuelle auf ihre Art und Weise aber doch zu Politik und Gesellschaftspolitik melden, das ist ja ganz wichtig!

Und wenn es alleine ihre Stellungnahme in einer gesellschaftspolitischen Situation ist.

Und grade in Warschau ist ja die Gedenkkultur ein wichtiges Thema. Und Gedenkkultur ist immer politisch.

Stichwort Gedenkkultur: Das bringt mich zu einer Frage, die ich sowieso stellen wollte. Wir unterhielten uns vorher über die generelle Rolle österreichischer Kulturforen europaweit. Wie schätzt du die spezielle Notwendigkeit des Austausches zwischen Polen spezifisch und Österreich ein, was die eben erwähnte Gedenkkultur betrifft, aber auch generell?

Einerseits wird Österreich in Polen offiziell wahrgenommen als Tourismusland, dann als Land von Mozart und traditionell-klassischer Musik natürlich, klassischer Malerei, Klimt und Schiele und so weiter … aber andererseits doch auch sehr stark als Land der Mittäter im Dritten Reich. Grad in den kritischeren Medien wird Österreich damit stark identifiziert. Zurecht, meiner Ansicht nach. Und deshalb ist es, glaube ich, eine wichtige Aufgabe des Kulturforums, zu zeigen, dass es in Österreich natürlich immer noch rechte Strömungen gibt. Dass wir aber auch etwas tun müssen für eine Erinnerungskultur und auf dieses wirklich absolut dunkelste Kapitel der österreichischen Geschichte im 20. Jahrhundert hinzuweisen. Ich meine, wir können, was verbrochen wurde, nicht wiedergutmachen. Das ist meine Einstellung. Für diese Verbrechen gibt es keine Wiedergutmachung, aber man kann darauf aufmerksam machen, wie wichtig das jüdische kulturelle Erbe ist, überhaupt für die kulturelle Entwicklung Europas. Dass man Zeitzeug*innen aus dieser Zeit eine Stimme gibt, um junge Menschen zu sensibilisieren, was passiert, wenn man sich kritiklos aufhetzen lässt und so weiter, und das betrachte ich als ganz wichtige Aufgabe des Kulturforums in Warschau. Also gerade in Polen, wo ja doch sehr, sehr viele Menschen ums Leben gekommen sind und natürlich vor allem auch sehr viele österreichische Kriegsverbrecher beteiligt waren. Und für mich ist das weiterhin ein ganz wichtiges Thema. Man muss sich nur jetzt Europa anschauen und wie stark alle Rechtsbewegungen sind und wie einfach es zu sein scheint, Menschen aufzuhetzen. Deshalb glaube ich, dass das Arbeiten daran wichtig ist, dass man Menschen, die diese Schrecknisse gottseidank überlebt haben, solange sie noch am Leben sind, dass man denen wirklich eine Chance gibt, gehört zu werden!

Weil wir die ganze Zeit von der polnischen Perspektive auf Österreich sprechen, vielleicht nun umgedreht nachdem du den starken Rechtspopulismus in Europa erwähntest. Aus österreichischer Perspektive gibt es auch ein sehr einseitiges Bild von was hier politisch passiert und dass das eine Erinnerungskultur, wie sie das Forum propagiert und vorantreibt, völlig dementiert. Deswegen frage ich mich, inwiefern diese Plattform des Kulturforums auch die österreichische Perspektive auf Polen in dem Sinne verändern kann?

Es ist so: Wir arbeiten hier! Also wie weit wir da rückwirken können, also rückkoppeln, das weiß ich nicht. Wenn wir das könnten, wäre es gut. Aber es ist, glaube ich, schon die Verantwortung Österreichs, dass wir hier den Menschen zeigen, dass wir uns dieser Verantwortung bewusst sind, die Österreich mitträgt im Dritten Reich, und ein bisschen was dafür tun …

Ausstellung »Cafe As«, 2020 © Frederik Gruyaert

Also ich glaube, die Ironie, auf die ich hinauswollte, ist, dass ja gerade Polen, was das rechte Aufbegehren betrifft, keine guten Karten hat. Weshalb es auch im Ausland, also auch in Österreich, ein sehr verqueres, pessimistisches Bild von Polen gibt.

Also inwieweit sich die österreichische Sicht auf Polen verändert, das, glaube ich, können wir nicht beeinflussen. Aber andersherum gesagt: Wenn wir österreichische und polnische Künstler*innen vernetzen, die österreichischen Künstler*innen mit polnischen Künstler*innen und Kultureinrichtungen in Kontakt kommen, dann ändert das schon die Wahrnehmungen Österreichs. Weil dadurch die Menschen in Österreich sehen, wie aktiv die polnische Kultur- und Kunstszene ist und dass sie nicht nur aus lauter rechten Künstler*innen und Populisten besteht. Insofern haben wir mit solchen Tätigkeiten einen Einfluss.

Du hattest in einem Vorgespräch einmal gemeint, dass es dir wichtig wäre, über die Unterschiede in der Kulturarbeit zu Österreich zu sprechen. Wie siehst du also Unterschiede zu gleichwertiger Kulturarbeit in Österreich?

Also ein großer Unterschied, der mich positiv überrascht, ist, dass es sehr viel junge Kulturinitiativen gibt, mit sehr viel ehrgeizigen, guten Vorschlägen, die mit wirklich wenig finanzieller Unterstützung sehr gute Projekte entwickeln. Das gefällt mir und was mir überhaupt gefällt, ist der Mut der polnischen Zivilgesellschaft. Also diese Bereitschaft, auf die Straße zu gehen, zu streiken, sich für ein Thema zu mobilisieren, die ist hier viel viel größer als in Österreich. Also da halte ich die österreichische Zivilgesellschaft für viel bequemer. Und davor habe ich Achtung, dass Menschen für die Themen, die ihnen wirklich am Herzen liegen, auf die Straße gehen.

Inwiefern hat das Leben und Arbeiten im Kulturforum in Polen auch deine persönliche Beziehung zu Österreich verändert?

Ich glaub’, sie hat sich nicht verändert, aber sie hat meinen Horizont erweitert. Man lernt viel anderes kennen, man sieht, dass Menschen auch anders agieren können. Also der Horizont derjenigen, die hier arbeiten, wird deutlich weiter.

Ich habe dich hier in den letzten Wochen kennenlernen dürfen und mein persönliches Empfinden von dir ist, dass du eine unglaubliche Vernetzungsfähigkeit besitzt und vor allem eine sehr starke Philanthropie, sodass ich das Gefühl bekomme: Menschen mögen dich und du magst Menschen und deswegen funktioniert das auch so gut mit der Vernetzung. Ganz gegensätzlich dazu wollte ich aber auch fragen, was es denn auch für Strapazen in deiner Arbeit gab?

Also sagen wir mal so: Ganz am Anfang waren eine große Barriere meine nicht vorhandenen Polnisch-Kenntnisse, denn das war in den 1990er-Jahren auf jeden Fall noch so, dass man mit unseren Partner*innen, damit man wirklich was auf die Beine stellen wollte, Polnisch sprechen können musste! Und das konnte ich damals nur mithilfe der Übersetzungshilfe von Kolleg*innen. Das habe ich als Behinderung empfunden. Ich habe für mich selber empfunden, dass es anders laufen würde, wenn ich das selber machen könnte. Und das war auch mein Ehrgeiz. Ich sag’ das jetzt nicht nur aus meiner persönlichen Perspektive, um mich da in den Vordergrund zu drängen, sondern aus einer ganz festen Überzeugung heraus: Wer im Kulturbereich arbeitet, muss bereit sein, die Landessprache des Landes zu erlernen, in dem er tätig sein will. Es reicht nicht – so wie im diplomatischen Dienst – Englisch und Französisch zu sprechen. Das genügt nicht. Um Menschen zu verstehen, das interkulturelle Element wirklich zu begreifen, muss ich die Landessprache sprechen. Man wird sie vielleicht nie perfekt erlernen, aber bis zu einem ganz bestimmten Grad muss man sie erlernen, sonst funktioniert das nicht. Ich meine, im Forum in New York ist es anders etwa, dort spricht man Englisch. Ich rede jetzt eher von den Foren in Prag, Budapest oder Warschau. Und das war dann auch meine Erfahrung, die ich gemacht habe und die ich immer weitergeben möchte: Integration läuft über Sprache. Und solange ich die Sprache der Menschen nicht deuten kann – das, was sie sagen und was das wirklich bedeutet, auseinanderdividieren kann – kann ich auch keine adäquate Partnerin sein. Das ist mein Credo! Und das weiß ich von mir selber: So richtig mich wohlzufühlen begonnen in der Arbeit habe ich, als ich wirklich auch in der Lage war, zumindest kleine Vereinbarungen selbst mit den Menschen zu treffen. Das war für mich der Punkt, an dem ich gedacht habe: Jetzt habe ich den Schritt getan, um ein kleiner Teil dieser Kulturszene zu werden. Und jetzt sind wir wieder dort: Die Direktor*innen kommen ja auch aus dem Außenministerium, aus dem diplomatischen Bereich. Und da ist es schon so, dass sie nur maximal vier bis fünf Jahre an einem Posten vorgesehen sind. Und wenn diese Person nicht schon Grundkenntnisse mitbringt, hat sie meiner Meinung nach gar keine Chance, die Sprache wirklich zu erlernen … Also vielleicht wird man mir im Außenministerium heftig widersprechen, das würde ich riskieren, aber ich glaube nicht daran, dass man diesen menschlichen Zugang findet, wenn man die Sprache nicht spricht.

Konzert »Gesänge zum Pascha-Fest« mit Jasmin Meiri-Brauer und Leon Tomic, 2019 © ÖKF

Es gibt ja auch einen riesigen Unterschied zwischen dem rein semantischen Inhalt und dem emotionalen Inhalt – vor allem im kulturellen Verstehen.

Ganz richtig. Und vor allem, wenn ich das verstehe, dann kann ich deuten! Weil grad in Polen, wenn wir einen Vorschlag machen, werden ihnen die polnischen Partner*innen nie ein klares »Nein« sagen. Wahrscheinlich meinen sie, das gehört sich nicht, und ich kann mittlerweile deuten: Ist ein »Ja« ein »Ja« oder ist ein »Ja« eigentlich ein »Nein«. Also ist ein »Ja« nur eine Antwort, um nicht »Nein« sagen zu müssen, und es wird eigentlich nie gemacht werden. Ich behaupte von mir selber, dass ich das nach drei, vier Jahren noch nicht so hundertprozentig deuten konnte. Heute kann ich das.

Dann würde ich mal sagen, dass deine große Vernetzungsmöglichkeit auch daran liegt, dass du mit drei Sprachen einfach mehrere Kulturkreise abdeckst.

Und mittlerweile habe ich auch den Mut zu meinen polnischen Partner*innen zu sagen: »Wenn ihr’s nicht wollt, sagt es gleich.« Denn wenn ich das unbedingt machen will, such ich mir andere Partner*innen oder ich lasse das Projekt fallen. Aber das kann man nur dann sagen, wenn man die Leute gut kennt. So vor fünfzehn Jahren hätte ich das vielleicht so nicht gesagt!

Als abschließende Frage: Es ist ja zurzeit hier im Forum eine starke Zäsur. Nicht nur kommt es zu einem Direktionswechsel, sondern noch dazu gehst du in diesem Jahr hier weg und weil du jetzt eine so große Zeitspanne auch an Wechsel und Veränderungen erlebt hast, würde ich dich gerne fragen: Wie haben dich die Erlebnisse hier geprägt und was nimmst du davon mit?

Ich werde ganz viel mitnehmen. Erstens nehme ich mit, dass ich die Arbeit, die Kulturarbeit, die österreichische, von der anderen Seite kennenlernen konnte. Weil bis dato, bis zu dem Zeitpunkt, wo ich hierhergekommen bin, habe ich ja in der Kultursektion in Österreich gearbeitet und das war ein großer Unterschied. Das ist einmal die erste wichtige Erkenntnis, dass ich sehr naiv war und dass ich da schon in vielen Dingen eine ganz andere Realität erfahren musste. Dann nehme ich natürlich aus Polen die vielen Gespräche mit Menschen mit, etwa über die Zeit des Kommunismus oder Sozialismus, wie das in Polen genannt wird, und über den Umbruch. Ich nehme viel mit aus den Gesprächen mit Menschen jüdischer Abstammung, die ja nicht nur im Hitlerregime verfolgt wurden und zum größten Teil umgekommen sind, sondern auch danach unter Stalin weiterverfolgt wurden. Die Gespräche mit diesen Zeitzeug*innen, die werden mich immer begleiten. Etwa mit Felicitas, die in Israel lebt, die 1942 als Kleinkind von ihrem Vater vom Ghetto in Sosnowiec an polnische Eltern übergeben wurde, wo sie dann in einem Kloster versteckt wurde, sonst hätte sie es nicht überlebt, während die Mutter, der Vater und der Bruder in Sosnowiec ums Leben gekommen sind. Aber trotzdem hatte diese Frau Felicitas überhaupt keine Bitterkeit und ich verehre das so, denn ich weiß nicht, ob ich charakterlich in der Lage wäre, mit Menschen, die verantwortlich sind, dass meine ganze Familie ermordet wurde – und ich meine, ich bin quasi Teil dieser Generation, die Mitverantwortung trägt für den Holocaust – trotzdem so versöhnlich zu sein und keine Bitterkeit zu verspüren, also dafür bin ich unglaublich dankbar.

Warschau Ausstellung »Avatar« 2020 © Dominik Jakubowski

Das ist eine Lebensleistung.

Diese menschlichen Größen, die ich hier erleben durfte, das wird mich immer begleiten. Und ich muss sagen, wenn ich oft selber manchmal dazu neige, in verschiedenen Situationen kleinlich zu sein, dann denke ich mir immer: Schäm dich, diese Menschen reden mit dir und du bist zu anderen so kleinlich! Also diese Dinge sind in meinem eigenen Verhalten unglaublich wichtig geworden.

Ebenso dankbar bin ich, dass ich dich kennenlernen durfte. Die »Spuren« deiner Arbeit hier sind in bester Weise bei dir spürbar. Also danke dir.

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