Paul Vodicka erklärt Schüler*innen, wie sie im Widerstand Plakate auf Straßenbahnleitungen befestigten oder wie sie Streuzettel in der Straßenbahn verteilten und von der fahrenden Bim absprangen. © Andreas Pavlic
Paul Vodicka erklärt Schüler*innen, wie sie im Widerstand Plakate auf Straßenbahnleitungen befestigten oder wie sie Streuzettel in der Straßenbahn verteilten und von der fahrenden Bim absprangen. © Andreas Pavlic

In Erinnerung an Paul Vodicka

Der Wiener Widerstandskämpfer und Zeitzeuge Paul Vodicka ist am 17. Dezember 2024 verstorben. Am 25. März 2025 wäre er 97 Jahr alt geworden. Ein verspäteter Nachruf und ebenfalls verspäteter Geburtstagsgruß.

Ich habe Paul Vodicka irgendwann zwischen 2006 und 2008 kennengelernt. Über einen Freund wurde ich ihm quasi vermittelt. Er suchte damals einen Sekretär für sein Privatarchiv, das aus Zeitschriften, Zeitungsausschnitten und DVDs bestand. Da ich gerade keinen Job hatte, nahm ich die »Stelle« an. Paul wohnte damals in Ottakring. Er lebte allein, denn seine Frau war bereits vor vielen Jahren verstorben. Ich ging mehrmals die Woche zu ihm. In den Pausen zwischen meinen Archivarbeiten plauderten wir und lernten so einander besser kennen. 

Mit der Zeit wurden die Pausen länger. Die Geschichten, die mir Paul erzählte, hatte ich zuvor noch nie gehört. Ich wusste, dass er überzeugter Kommunist war und innerhalb der KPÖ zu einer Opposition gehörte. Die Zeitung, die er damals herausgab, hatte den Titel »Tribüne für die Wahrheit«. Was ich jedoch nicht wusste, war, dass er während des Krieges nach der Musterung desertierte und in der kommunistischen Widerstandsbewegung aktiv war. Ich wusste auch nichts von der Barackensiedlung in Ottakring, in der er aufgewachsen war (das »N*dörfl«, vermutlich abgeleitet vom Wiener Ausdruck für »vermögenslos«).

Es waren viele und lange Gespräche, die wir in seiner Küche führten. Mittags hat er mir stets ein ausgezeichnetes vegetarisches Bofrost Mittagessen aufgetischt, nachmittags gab es Kaffee und Kuchen. Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass dies der eigentliche Grund ist, warum ich hier bin: Es ging um seine Lebensgeschichte. 

Ein Zeitzeuge, der die Gegenwart verändern will

Ich erzählte Freund*innen davon und gemeinsam beschlossen wir, etwas mit Paul und seiner Geschichte zu unternehmen. Dieses Wissen musste weitergegeben werden. Nicole Szolga, die damals als Videokünstlerin tätig war, Andreas Rechling und ich gingen schließlich ans Werk. Wir interviewten Paul, besuchten mit ihm Schauplätze seiner Erzählungen und trafen uns regelmäßig über einen langen Zeitraum. Das Ziel war, eine Art Dokumentarfilm zu machen.

Dabei ging es uns nicht nur um sein Aufwachsen in der Armensiedlung und seine Zeit im Widerstand, sondern auch um ihn als Kommunisten. Als einen Kommunisten der alten Schule, der gern Lenin zitierte und die Politik Stalins relativierte und verteidigte. Er vertrat eine Anschauung, die für uns – als gegenwärtige Linke – aus der Zeit gefallen zu sein schien. Seine Sprache, sein Denken waren vertraut und fremd zugleich. Vielleicht hielt uns Paul zuweilen für typische Kleinbürger*innen. Auch wenn er in seinem beruflichen Leben ein durchaus erfolgreicher Geschäftsmann war – er war ein Altmetallhändler, der durch seine KPÖ-Kontakte gute Verbindungen zu den Ländern des damaligen Ostblocks hatte – verkörperte er eine für uns ebenfalls vergangene Kultur. 

Pauls Liebe galt dem Wiener Lied, den Arbeiter*innenliedern und in seiner Jugend dem Bebop. Das Bewundernswerte und nicht Konfliktfreie an ihm war: Er wollte nicht nur seine Geschichte(n) erzählen, sondern uns auch von seiner politischen Gesinnung überzeugen. Wir diskutierten, wir stritten und lachten miteinander. Paul war auch nicht nur unser Erzählonkel, sondern er wollte im hier und jetzt aktiv sein und intervenieren. Die Ergebnisse dieses ersten Projekts mit Paul findet sich auf dem YouTube-Kanal von Nicole Szolga. 

Mit Paul auf Spurensuche

Nach dem Videoprojekt ging die Zusammenarbeit weiter. Ich arbeitete mittlerweile bei der Einrichtung wohnpartner, deren Aufgabe in der Konfliktvermittlung und Gemeinwesenarbeit im Gemeindebau bestand. Die Archivarbeiten und Plaudereien wurden schließlich der Reihe nach von anderen Freund*innen übernommen. Wie es der Zufall so wollte, lag das wohnpartner-Lokal in jenem Gemeindebau in Ottakring, der in den 1950er-Jahren auf dem abgerissenen N*dörfl errichtet wurde, dem Franz-Novy-Hof. Mit dem dortigen Team entstand recht bald das nächste Projekt. Wiederum mit Paul im Zentrum.

»Spurensuche in Ottakring«, war ein Zeitzeug*innenprojekt mit Menschen, die sich an die einstige Barackensiedlung erinnerten oder sogar dort gelebt hatten. Wir führten viele Gespräche, sammelten Geschichten und machten daraus ein Buch und eine große Präsentation. Das Leben in dieser Armensiedlung war beschwerlich, der Ruf der Siedlung war schlecht. Auffallend war, wie viele der einstigen Bewohner*innen den damaligen Zusammenhalt beschworen, die Gemeinschaft und Solidarität zu dieser Zeit, und wie wichtig es ihnen war, das negative Bild zu revidieren. 

»Es ist mir ein persönliches Anliegen, dieses Juwel am Rand der Gesellschaft vom Schmutz der Verleumdung und Diskriminierung reinzuwaschen und ihm den Glanz zu verleihen, den es verdient.« So Paul in seinem Beitrag, in dem er auch von den vielen »roten Familien« und der vorherrschenden antifaschistischen Grundhaltung in der Siedlung spricht. Er selbst hatte mit befreundeten Nachbarjungen seine ersten Auseinandersetzungen, mit den von ihnen verspotteten Buben der Hitlerjugend. 

Straflager im Burgenland

Hier ein weiterer Auszug aus seinem Text, der im Schnelldurchlauf Stationen seines Widerstands erzählt: »1943 fand ich über einen Klassenkameraden Kontakt zum illegalen Kommunistischen Jugendverband (KJV 17) und war dann mit Unterbrechung im Widerstand tätig. 1944 sollte ich in die Kadettenschule nach Stralsund an der Ostsee fahren – bin ich aber nicht. Ich wurde verhaftet und kam in ein Straflager für jugendliche Wehrdienstverweigerer.« 

Das Straflager war in Burgenland, beim sogenannten Westwall. Von dort konnte Paul mit seinem Bruder und anderen Jugendlichen aus dem N*dörfl entkommen. Diese Geschichte ist abenteuerlich und schmerzhaft, sie hat mit Selbstverletzung zu tun, einer betrunken gemachten Wachmannschaft und schließlich einem Happy End. Die beiden gingen zurück nach Ottakring, Paul wurde von Genossen am Dachboden eines Gemeindesbaus versteckt.

Bei diesem Zeitzeug*innenprojekt wurde Paul nicht müde, auf die Geschichte von der kampflosen Befreiung von Ottakring bzw. vom Westens Wiens im April 1945 hinzuweisen, und formulierte mehrfach den Wunsch, dem Kopf der Widerstandsbewegung, dem Ottakringer Heini Klein, ein Denkmal zu setzen. Es dauerte zwar einige Jahre, aber es kam. 

Entwaffnungsstelle Sandleitenhof

Irgendwann übersiedelte das wohnpartner-Büro in den Sandleitenhof. Dort, gleich beim Matteottiplatz, lag während der NS-Zeit eine Kleidersammelstelle des Winterhilfswerks. Diese sollte im April 1944 eine wichtige Rolle spielen. Die reorganisierte kommunistische Widerstandsbewegung, der KJV 44, hatte über Heini Klein Kontakt zur Widerstandsgruppe O5 und zur Roten Armee und daher wussten sie, dass diese plante, vom Westen kommend Wien zu befreien. Paul hatte sich nach seiner Flucht vom Strafgefangenenlager wieder den jungen Widerstandskämpfer*innen angeschlossen. In Erinnerung geblieben ist mir die Losung, die sie sich damals ausgaben: »Wien darf nicht Budapest werden!« 

Die Mitglieder des KJV 44 wussten von den Gräueln in Budapest, von den Straßen- und Häuserkämpfen zwischen Roter Armee und Wehrmacht, sie wussten von tausenden toten Zivilist*innen und Militärs. Ein solches sinnloses Blutvergießen musste verhindert werden! Durch eine List, einen gefälschten Befehl von Reichsverteidigungskommissar Baldur von Schirach, so zumindest erzählte es Paul, schafften sie es, dass die Wehrmachtssoldaten von der Verteidigungslinie im Wienerwald abzogen. Im Sandleitenhof, bei der erwähnten Kleidungssammelstelle, wurden die zurückströmenden Soldaten empfangen und angehalten, ihre Waffen abzugeben. Im Gegenzug erhielten sie Zivilkleidung.

Die Widerstandskämpferin Helene Neuhaus berichtete in Gesprächen von dem Berg an Waffen, der sich in kurzer Zeit gesammelt hatte. Die meisten der jungen Soldaten waren froh, dass für sie der Krieg nun vorbei war. Dank dieser groß angelegten Aktionen mit mehreren Entwaffnungsstellen in Westen Wiens – Paul war in jener in Hernals – und dank der Widerstandskämpfer*innen konnten die westlichen Bezirke kampflos der Roten Armee übergeben wurden. Leider galt dies nicht für ganz Wien. Während in Ottakring der Friede einzog, wurde in anderen Bezirken noch gekämpft und wurden Widerstandskämpfer hingerichtet.

Ein Denkmal für den Widerstand

Die Aktivitäten des KJV 44 wurden selbst im »Führerbunker« wahrgenommen. Dies bezeugen Tagebucheinträge des Propagandachefs Joseph Goebbels über den Aufruhr in den »ehemals roten Vororten« Wiens. In seinen Notizen forderte er »härteste Maßnahmen«: »Dieses Gesindel muss zusammengeschossen werden«. Siebzig Jahre später, 2015, wurden zumindest zwei der noch lebenden Widerstandskämpfer*innen vom Ottakringer Bezirksvorsteher Franz Prokop geehrt. Paul Vodicka und Helene Neuhaus. 

Die beiden freuten sich sehr darüber, aber auch im Sinne von: spät aber doch. Und es wurden zwei Denkmäler errichtet. Die Sandleiten-Datenbank vom Künstler Andreas Strauss steht direkt am Matteottiplatz. Datenbank bedeutet hier eine (Sitz-)Bank mit eingebautem MP3-Player. Auf der Bank sitzend kann mit Kopfhörern einem Zeitzeug*innengespräch mit Paul und Helene gelauscht werden. Das Gespräch findet sich auch auf www.sandleitendatenbank.at. 

Das zweite Denkmal entstand auf Betreiben Pauls, denn seine Vorstellung von Erinnerungs- und Gedenkkultur war eine andere. Er wünschte sich, und das recht vehement, etwas Plastisches und Greifbareres. Daher wurde bei der Säule vor dem ehemaligen Sandleitenkino, in der Liebknechtgasse 34, ein Metallband angebracht, mit einem Hinweis auf die Widerstandaktion des KJV 44. Zusätzlich wurde eine Broschüre zu 70 Jahre kampflose Befreiung von Ottakring herausgegeben. 

Ich glaube, Paul war schlussendlich stolz und zufrieden mit dem, was er in seinem letzten Lebensabschnitt erreichen konnte. Ohne ihn, seine Erinnerungen, seine Erzählungen und sein vehementes Betreiben, würde es die Videos, das Buch, die Broschüre und vor allem diese Denkmäler nicht geben. Die Geschichte von der kampflosen Befreiung Ottakrings wäre vielleicht vergessen. Danke Paul, dass ich das alles mit dir erleben durfte!

Paul Vodicka und ich bei eine Zeitzeugenveranstaltung © Andreas Pavlic
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