Slavoj Žižek © S. Fischer Verlag

Hauntologic/Hypnagogic-Pop - Die Geister, die wir riefen ...

Retromania und kein Ende! Nach Hauntologic-Pop geistert mit Hypnagogic-Pop heuer schon die nächste Transmutation einer Musik durch die Blogs, Magazine und Köpfe, die es am liebsten hat, wenn sie mit Begriffen nicht zu fassen ist und dabei dennoch alles in den Sampler lädt, was am Ende des Tages auf Flohmärkten an Tonträgern noch übrig geblieben ist.

»Hypna …« was? Zum Glück können wir uns bei diesem Begriff nur verschreiben und müssen nicht wie im Radio lange rätseln wie denn nun »Hypnagogic Pop« richtig ausgesprochen wird. Aber vielleicht ist das ja so gewollt um aktuelle, zwischen dem Internet und diversen Homestudios produzierte und ausgetauschte Musik, die zuvor entweder als Chill Wave oder auch Witch House bezeichnet worden ist, nun quasi mit einem Begriff dingfest machen zu wollen, dem per se eine gewisse Unschärferelation innewohnt.

Der vom Musikjournalisten David Keenan aufgebrachte Begriff umschreibt in etwa das halbbewusste Eindösen während der Einschlafphase, wo einem kurz vor dem Wegdösen schon erste Traumfetzen zufliegen. Unscharfe Erinnerungen, falsche Anschlüsse, dunkle Nebelschwaden inklusive. Keenan bezog sich damit auf das gehäufte Auftreten von 1980s-Samples in den Tracks diverser »Einzelheinzels«, wie Ralf Summer in einem aufschlussreichen Zündfunk-Special zum Thema »Hypnagogic-Pop« die Hauptakteure dieser Musik charmant nannte, die nicht so recht ins »Wer bastelt nach«-Schema diverser Retro-Schulen passen wollten. Bei denen irgendwie irgendetwas nicht stimmte, die deformiert und verwaschen wie modrige Kassettenfunde aus Hinterhofflohmärkten klangen, die einmal von New-Age-Fans viel geliebt (also abgespielt) wurden. New-Age-Kassetten also als popfernster Sumpf in dem noch nicht herumgestochert worden ist (Traumfänger inklusive, nur die haben ja die blöde Angewohnheit jeder noch so schön zurechtgerückten Hauntologie ihren möglichen Gegenstand von vorneherein zu entziehen). Im schlimmsten Fall machen die Kinder von New-Age-Hippies dann dort weiter, wo ihre Eltern angefangen haben republikanisch zu wählen. Die Musik zirkuliert dabei zwischen elterlichem Wohnzimmer (Schallquelle), Kinderzimmer (Hörsituation), Flohmarkt (Fundort) und Homestudio (als quasi Kinderzimmer der zweiten Stufe) munter herum. Ist das jetzt ödipal, ganz gefinkelt anti-ödipal (Deleuze zum Dösen), oder schlicht weg »Casper the Friendly Ghost« der als »Hui Buh – Das Schlossgespenst« etwas Unfug treibt? Dösige Musik gehört dösig nachgestellt. Natürlich kann das brachial schiefgehen (wie etwa bei einigen Ghost-Box-Acts). Andererseits ist ja gerade das schlaffe und lasche Verwaschene nicht zu unterschätzen. Der auf Schönklang schielenden harmonische Verwaschenheit steht ja auch immer wieder eine durchaus widerspenstig verwaschene Harmonie/Harmonik gegenüber. Simon Reynolds gefällts jedenfalls, auch wenn er die Hinwendungen zu den »vergessenen Geistern der 80er« lieber Glow-Fi nennt. »Instagramic Pop« wäre, mit Blick auf Lana Del Rey, auch ein passender Begriff. Und wenn wir kurz bei Wikipedia nachschauen, dann gäbe es da noch ein Möglichkeit zur Differenzierung: »Hypnopomp-Pop«! Das wären dann »die traumartigen Erlebnisse in der Aufwachphase«, also der klassische Topos jener gleichsam im Traum zugeflogenen Ideen, Melodien, Drehbücher.

Gebt mir ein Leitwort!

Aber wozu brauchen wir eigentlich all diese neuen Begriffe? Ist dies blo&szlig das letzte Zeichen, um die Krise im Pop endgültig manifest zu machen, bevor alles verschwindet? Wieso nicht einfach »Neo-Illbient« zu Oneohtrix Point Never (oder Teebs) sagen? Da geisterten ja auch schon jede Menge Geister herum und gab es bei Wordsound mit Spectre auch eine mehr als undurchsichtige, nebulöse Gallionsfigur.

Interessanterweise betreibt nun auch Slavoj Žižek erneut Hauntologie. In seinem neuen Buch »Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert« geht es über weite Strecken um eine durchaus qualvolle und schmerzliche Aufarbeitung des Stalinismus und Maos Kulturrevolution (»Nichts als Horror«, so Žižek über die Arbeit an diesen Kapiteln gegenüber »Der Zeit«) als weitere Vertiefung in sein schon länger betriebenes Projekt »die terroristische Vergangenheit als die unsere (die der Linken) anzunehmen«. Das geht nicht ohne Schrammen ab, aber wie immer finden sich auch hier Sätze, die ebensogut in anderen Zusammenhängen funktionieren. Etwa dieser hier: »Wer ständig neue Begriffe einführt, um zu erfassen, was heute vor sich geht (…), der übersieht die Umrisse des eigentlich Neuen. Die Neuartigkeit des Neuen lässt sich nur begreifen, wenn das, was vor sich geht, durch die Linse dessen analysiert wird, was am Alten ??ewig?? war.«

Ewige Werte? Dann doch lieber gleich jeden Tag neue Begriffe erfinden! Doch so einfach macht es uns Žižek nicht. Unter »ewig« versteht er keine »Reihe abstrakt-allgemeiner Eigenschaften» (die drei Akkorde, das Acid-Fiepsen, die 4-to-the-floor-Bassdrum), sondern etwas, das »in jeder neuen, historischen Situation jeweils neu erfunden werden muss.«

Was an Illbient erinnert nimmt nicht einfach dort die Spur (den Faden) wieder auf, wo sich das Genre einmal verloren hat, sondern unternimmt viel eher den Akt »den Anfang zu wiederholen«, was laut Žižek bedeutet, eine Idee (im konkreten Fall den Marxismus/Kommunismus) »zu wiederholen und ihren virtuellen Inhalt von ihrer Verwirklichung abzulösen«. Jetzt sollte allen klar sein, dass wir den Stalinismus (als Verwirklichung) nicht einfach mit Prog-Rock gleichsetzen können. Dennoch erinnert Žižek hier an Daniel Lopatins Vorhaben mit Oneohtrix Point Never Prog-Rock zu spielen, nur ohne all dem ??Gewichse?? und Ballast und Bombast, der das Genre sonst so prägt (Fusion wäre die angrenzende, dabei immer schon auch mitbedachte Baustelle).

Naheliegenderweise kommt Žižek erneut auf das Thema »Verrat» zu sprechen in dessen Verlauf die einstige Idee »aus ihrem Ursprungskontext gerissen und in eine fremde Umgebung geworfen (wird), in der sie sich neu erfinden muss«. Sounds like Deleuze, meint jedoch etwas anderes, weil »Verrat« ja impliziert, einmal an eine Sache, Idee, Musik geglaubt zu haben (mit Deleuze begehen wir eher keinen Verrat, wenn wir alte Sachen sampeln und remixen, sondern machen einfach was machbar ist). Vielleicht ist das ja ein möglicher Schlüssel zu dem ganzen hauntolgischen Hypnagogic-Pop-Wirrwarr: Ein doppelter Verrat, der etwa an Enos »Discreet Music« (zuerst von jenen verraten, die daraus New Age machten) nun erneut einen Verrat begeht, und zwar gegenüber der Funktion (von Ambient allgemein) – als New-Age-Wohlfühl-Blueprint. Wie Diedrich Diederichsen in seinem Text zur »Retro-Mode« in der »Süddeutschen Zeitung« unter dem Titel »Die Kunst besteht darin, Erregungsmaterial zu sein«, geht es dabei um eine Frage, die Pop sich schon immer gestellt hat: »Welche technisch-kulturelle Form gebe ich dem Verhältnis aus dem überwältigenden ersten Erlebnis, reflexiver Erinnerung und Verarbeitung in einem Moment?«

zi1.jpgZusatzfrage: Was, wenn dabei (etwa beim Erinnern und Verarbeiten) etwas schief geht? Weil sich besagte »Anfänge« ja auch immer wieder verschieben und wir es dort mitunter mit einem Gewusel zu tun haben, das uns zunächst einmal orientierungslos in der Gegend (zwischen den Genres) herumstehen lässt. Und seien wir uns ehrlich: Auch beim Versuch dem hauntolgischen Hypnagogic-Ding auf die Schliche zu kommen, stehen (und schreiben) viele immer auch etwas ratlos herum. Nur, hat diese teilweise Ratlosigkeit nicht auch ganz eigene Qualitäten (ebenso wie das Lasche, Dröge, Vernebelte). Lesen wir das doch einfach als Zeichen es mit etwas wirklich einigerma&szligen Neuem zu tun zu haben. Egal ob die Hype-Spatzen nächstes Jahr schon wieder etwas anderes im Schnabel haben werden. Denen können wir auch gerne das allseits Bescheidwissen, die rationale Herangehensweise und den Zynismus des Nicht-verstehen-wollens überlassen. Wieso sich nicht weit rauslehnen? Weil »Magic Moments« schnell zu peinlichen Momenten werden können? Was gibt es denn schöneres, als erneut »stotternd am Rand neuer Sounds zu stehen«, wie es Kodow Eshun mal so wunderbar formuliert hat? Und zwar vor Sounds, die nicht selber eh schon stottern.

Das bedeutet mitunter eben auch, sich den ganzen alten Schrott wieder einmal zu Gemüte zu führen, um herauszufinden, was denn daran nun für heutige MusikerInnen interessant, obskur, bemerkenswert ist. Allein aus der eigenen Erinnerung heraus eine seit Jahrzehnten nie mehr bewusst gehörte Musik als Ma&szligstab für ihre aktuell gesampelte Form heranzuziehen, um pauschal deren Neuverwurstung zu dissen, liefert kein Instrumentarium der Kritik, sondern das Gegenteil: dumpfe Stammtisch-Polemik.

Aber das müssten wir eh schon längst wissen: Jedes neue Paar Ohren, lässt auch bislang Verschmähtes in neuem Licht erscheinen. Funktioniert nicht immer, aber wenn (etwa bei Fusion-Jazz als aktuellem Diskursgegenstand bei Underground Resistance) dann können wir analog zu Žižek beobachten »wie diese gewaltige Verpflanzung in einen fremden Kontext die Ursprungstheorie selber radikal beeinflusst«, und wie »die Theorie ??zu sich selbst in ihrer Andersheit zurückkehrt??«. Dass so was mit Musik immer sehr viel Spa&szlig machen kann, dürfte au&szliger Zweifel stehen.

Pop?s Gespenster

Schauen wir doch einfach mal bei Derridas »Spectres de Marx« (»Marx‘ Gespenster«) nach, wie hier der Begriff eingeführt wird: »Wiederholung und erstes Mal: Dies ist vielleicht die Frage des Ereignisses als Frage des Spuks. Was ist ein Spuk? Was die Faktizität oder die Präsenz eines Gespensts ist, das hei&szligt dessen, was übrig zu bleiben scheint, so wirkungslos, virtuell und substanzlos wie ein Simulacrum? Gibt es dort, zwischen dem Ding und seinem Simulacrum, eine stabile Opposition? Wiederholung und erstes Mal, aber auch Wiederholung und letztes Mal, denn die Singularität macht aus jedem ersten Mal zugleich auch ein letztes Mal. Jedesmal ist es das Ereignis selbst, ein erstes ist ein letztes Mal. Gänzlich anders. Inszenierung für das Ende der Geschichte. Nennen wir das eine Hauntologie.«

Liest sich das nicht auch genau wie jene Musiken, die mittlerweile darunter subsumiert werden? Gesetzt Hamlet hat Recht und »the time is out ouf joint«, ereignet sich all dies in einer Zeit, in der weder die Vergangenheit noch die Gegenwart direkt verfügbar ist. Die aktuelle panische Reaktion auf diesen Zustand lautet ??Das Internet??. Hier finden wir ja auch Derridas Hauntologie als »paradoxe Phänomenalität« zwischen »flüchtiger und ungreifbarer Sichtbarkeit des Unsichtbaren« und der »Unsichtbarkeit eines sichtbaren X« jeden Tag vor (was sich, ganz nebenbei, auch wie die Liner-Notes zu den aktuellen CDs von Oneohtrix Point Never, Teebs, Peaking Lights und in der Brachialversion Justice lesen lässt).

Blöderweise stehen aber gerade auch die Gespenster auf paradoxe Erscheinungsformen und dürften Derrida (»Die Toten kehren ebenso als Tote wie als Gespenster zurück«) sowie Žižeks Theorien zu den »Untoten« (nicht richtig begraben, auf den endgültigen – den symbolischen Tod – immer noch wartend und daher uns mächtig auf den Geist gehend) regelrecht verschlungen haben. Denn so einfach lassen sich all diese Plagegeister (und auch jene, die immer wieder drüber schreiben) nicht vertreiben. Das ist dann ja auch die neue Qualität dieser Gespenster: sie haben quasi den Linguistic Turn schon hinter sich, erscheinen als Bündel von Differenzen und können weder erlöst werden, noch dergleichen beabsichtigen. Als Gespenster »sind sie immer hier, Gespenster, auch wenn sie nicht existieren, auch wenn sie nicht länger bestehen, auch wenn sie noch nicht sind. Sie veranlassen uns das ??there?? zu überdenken, sobald wir unseren Mund öffnen.« (Jacques Derrida)

Sie sind aber auch ??unsere?? Gespenster, weshalb es unsinnig ist vor New-Age-Covern mit Energie-Pyramiden Angst zu haben, solange ??unsere?? Pyramiden sowieso von Sun Ra und George Clinton erbaut wurden.

Niemand da?

zi5.jpgWas macht eigentlich der »Geist von Elvis« gerade? War der nicht ausgerechnet zur Zeit als Derridas Buch erschienen ist en vogue? Oder nehmen wir Robert Johnson. Findet der exemplarische hauntologische Pop-Akt nicht schon 1970 statt, als Mick Jagger im von Donald Cammel und Nicolas Roeg inszenierten Film »Performance« mittels eines Moog-Synthesizers versucht »seinen Dämon«, der ihn verlassen hat und der unschwer als Robert Johnson (vielleicht das geisterhafteste Phantom der gesamten Pop-History) zu identifizieren ist, wieder zu reaktivieren? Eben nicht als Blues-Cover (das funktioniert im Film ja auch nicht so gut), sondern als etwas gänzlich anderes (es geht ja auch nicht um die Musik an sich, sondern um deren ??Spirit??). Da trifft es sich vortrefflich, das Robert Wise neben dem Gespenster-Klassiker »The Haunting« (1963) auch »The Sound of Music« (1965) gemacht hat, von dem es ja auf YouTube Remixe gibt, bei denen einzelne Szenen des Musicals so zusammengeschnitten sind, dass daraus quasi »The Haunting of The Sound of Music« wird. Nichts anderes hat im Prinzip Daniel Lopatin (aka Oneohtrix Point Never) gemacht, als er Chris DeBurgh’s »Lady In Red« auf den darin vorkommenden Satz »Nobody Here« reduzierte und mittels hallgetränkten Echo-Kammern in einen klaustrophobischen Zustand versetzte (nachzusehen auf YouTube). Da haben wir es wieder: blinder Fleck, obszönes Detail. Gold in Schei&szlige verwandeln. Nicht, um den wahren Kern einer Sache aufzudecken, sondern um das Verdeckte, Verschleierte was das ja schon auf der Oberfläche mitschwimmt in Licht (und eben Echokammern) zu tauchen. Die »Lady In Red«, reduziert auf das »Nobody Here«, markiert die Leere um die herum dieses Satzstück fällt (vielleicht das einzig wirklich wichtige im ganzen Song) und natürlich entfaltet sich die ganze Klaustrophobie nur deshalb, weil es sich hierbei auch um einen Song von Chris DeBurgh handelt (so einfach geht manchmal Lacan). Erinnern wir uns nur: Schon 10cc’s Chill-Wave/Glow-Fi-Blueprint »I’m Not In Love« ist ??haunting??. Was musikalisch als Vorspiel zu Donna Summers »I Feel Love» gedeutet werden kann, erweist sich textlich als Nachspiel mit schalem Nachgeschmack. Schon hier stimmt etwas nicht (wie später auch bei »Dreadlock Holidays« mit dem Refrain »I don’t like Reggae«, jedoch weniger melodramatisch). Nur gilt die Botschaft (»And just because I call you up / Don’t get me wrong, don’t think you’ve got it made«) heute eher den auf- und abgerufenen Samples. Dabei war »I’m Not In Love« selbst kein unschuldiges Lied. Nicht umsonst hören wir es im Softcore-Pornoklassiker »The Stud« (1978 nach dem gleichnamigen Buch von Jackie Collins und mit deren Schwester Joan in der Hauptrolle inszeniert), sowie wenig später auch zur in Szene Setzung der »Kommissar«-Folge »Ein Playboy segnet das Zeitliche« (mit Helmut Lohner als österreichischen Pimp in München). So stricken sich jene Möbiusbänder, die uns heute hauntologisch daherkommen und die Disco liegt dabei immer gleich ums Eck.

Unheimliche Schattenlichter

Vor Jahren hatte ich einmal die Idee mir auf Flohmärkten so viel wie nur möglich Live-Doppel-LPs aus den 1970ern zuzulegen. Egal welcher Stil, Hauptsache abgespielt und daher billig. Um die Musik ging es dabei ja sowieso nur am Rande, eher um – ja was eigentlich? Geht es darum den ??Geist?? einer vergangenen Epoche, Schrott von früher aus der Schallplatten-Zauberkiste zu fischen, um ihn ??mutig?? bei der nächsten Party aufzulegen, den Kitzel beim Anhören einer Musik, die einem, seien wir uns ehrlich, einmal durchaus gefallen haben mag und es jetzt eventuell wieder tun könnte (oder die – Oh, Gott! – nun erstmals wirklich gefällt)? Klar ging es (mir) auch um das Ausforschen einer gewisse Auffassung von Musik, die dann zum Live-Doppelalbum (oder dem Tripel-Quatsch) führte, wodurch seinerseits wieder eine dementsprechende Musik generiert wurde. Mit wenigen Ausnahmen (James Brown, Kiss, Parliament/Funkadelic, Thin Lizzy, Sylvester) war das Meiste erwartungsgemä&szlig sich derma&szligen selbstüberschätzender Quatsch, dass selbst die gefinkelste Trash-Theorie daran zerbrach. Klar, es macht schon Spa&szlig sich in geselliger Runde eine unnötige Live-Doppel-LP nach der anderen vorzuspielen und sich dabei am Boden zu ??zerkugeln??, aber es gab, jenseits der dann doch gerne tief in den Gatsch greifenden Bastard-Pop-Zirkel, keine ernsthafte Notwendigkeit sich da Material rauszuholen (bis Justice kamen). Nur, etwas nicht zu tun, meint ja nicht die Idee an sich zu verwerfen.

Vielleicht können all diese Live-Doppel-LPs einfach gar nicht jene »leere Zeichenpracht« liefern, von der Diedrich Diederichsen in seiner »taz«-Kritik zu »Replica« von Oneohtrix Point Never spricht. Um als »Zeichenruine« (Diederichsen) in Erscheinung zu treten, muss das gesamplete Material schon zumindest einmal demoliert worden sein. Dementsprechend setzt sich »Replica« aus dem Modrigen, Verfaulten, Abgestandenen, aus einem schon damals nicht (mehr) amtlichen, vermeintlich amtlichen Rhythm&Sounds zusammen, das sich jedoch irgendwie nie ganz verabschiedet hat. Konservenmusik (Werbungen, Industrie-Filme, TV-Dokus) zwischen grauslich gestrickten Patchwork-Missverständnissen (quasi Thomas Gottschalks »Wetten dass..?«-Kostüme in Musik gegossen) und mit der Lupe zu suchenden »Denn-sie-wissen-nicht-was-sie-tun-but-it’s-funky«-Elaboraten.

Als Oneohtrix Point Never liefert Daniel Lopatin, der sonst mit seinem Partner Joel auch als Ford & Lopatin in ähnlichen Gefilden herumkrebst, quasi die CD zur Theorie, die ihrerseits schon auf Theorie reagiert. Auf »Replica« zirkulieren Sounds, Produktionsweisen und Theorien in verwobenen Kanälen miteinander. Tracktitel wie »Sleep Dealer« (zu müde um einzuschlafen), »Remember« (Gerne, nur an was bitte?) »Replica« (ein Vorhaben, das schief geht, weil bei der Aufgabe »Eno im Nebel« nachzustellen »das Ding« darin übersehen wurde, weshalb es umso ungebremster in den Track hinein schrammt) oder »Explain« (sind das quietschende Türen auf Bandschleifen?) kommen ja auch nicht zufällig zustande. Dennoch ist »Replica« kein Obskuritätenauflauf (es ist herzlich egal woher die einzelnen Samples wirklich sind). Auch Lopatins Lieblingsmusiken (Aphex Twin, Brian Eno, Gang Starr, My Bloddy Valentine, Chic Corea/Return To Forever, Herbie Hancock, Stevie Wonder, Terry Riley, Fennesz) gehören schon lange zu einem Kanon, der sich in den letzten zwanzig Jahren gebildet hat. Viel eher praktiziert »Replica« eine Technik, die immer wieder zum Tragen kommt, wenn es um die Frage nach der Materialästhetik geht. Lassen wir die Maschinen, Samples, Softwareprogramme und Apps einfach mal miteinander spielen und schauen, was dabei rauskommt. Enos »Discreet Music« folgte ja auch schon diesem Prinzip und brachte damit sich, nach dem Drücken des Start/Aufnahmekopfs, als Autor gleichsam selber zum verschwinden. Der hauntologisch-hypnagogische Turn besteht nun darin, sich selbst als phantomhaftes Wesen vorweg zu imaginieren.

Demgegenüber inszenieren sich Justice auf ihrer neuen CD »Audio, Video, Disco« als hauntologische Kasperlköpfe, die in den Liner-Notes direkt ihre Einflüsse auftreten lassen (David Crosby, Black Sabbath, Hall & Oates, Todd Rundgren, Steve Vai, Giorgio Moroder, Soundgarden, Supertramp), sich scheinbar einen Wettstreit um das noch dämlichere Sample/Break von damals liefern und dabei gleichsam als Pink Zeppelin in Versailles zur Bruchlandung ansetzen. Freche Spitzbuben, die nichts ernst nehmen und deren Verballhornungen von Prog-Rock und sonstigen 1970er/80er-Errungenschaften auch wieder etwas sehr Sympathisches an sich haben (wenn es ersteinmal gelungen ist, sie als solche zu identifieren). Nur, da spukt noch etwas anderes herum. Kann es sein, dass sich die beiden noch anderswo bedient und dabei krumm und dämlich gelacht haben? Wenn jeder Schei&szlig von gestern wieder hervorgeholt wird, wieso nicht auch Baudrillards »Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen« aus 1978. Also jenes Buch, das zwar für einige vieles angefangen hat, das aber ebenso schnell dort landete, wo dann die ersten Techno/House-Käufe unterkamen, nachdem da etwas weiter in die Materie eingetaucht worden ist. Darin findet sich auch der exemplarische Text »Geschichte: Ein Retro-Scenario«. Wie geschrieben für das Simulations-Simulakrum Justice! Für Baudrillard entstehen »Retro-Moden« hier »nicht so sehr deshalb, weil die Leute daran glauben oder darauf noch irgendeine Hoffnung gründen, sondern einfach, um die Zeit wiederaufleben zu lassen, in der es wenigstens Geschichte gab«. Aus der verwirrenden Postmoderne mit ihren instabilen Subjektzuständen bieten die »Retro-Moden« einen Ausweg dorthin, ??wo noch wirklich was los war??. Wo eben wirklich noch geglaubt und nicht zynisch-affirmativ Posing betrieben wurde. So blöde sind Justice natürlich nicht, aber sie geben sich recht viel Mühe dabei Baudrillards »Logik der Simulation, die mit einer Logik der Fakten und einer Ordnung der Gründe nichts mehr zu tun hat« mit recht viel Radau in Szene zu setzen. Damit stehen sie Lou Reed & Metallica im übrigen in nichts nach.

Retro & Revolution

Für Žižek ist das Bemerkenswerte an »Revolutionen«, dass sich damit neue »Felder, Möglichkeiten« erschlie&szligen lassen, sich »utopische Üffnungen«, »befreite Territorien«, Lücken und Zwischenräume auftun – in denen sich mitunter mehr ereignet als in der ??eigentlichen?? Revolution (die schlussendlich daran scheitert, zwar die alte Ordnung zerschlagen zu haben, jedoch für das Danach keine neue Form parat zu haben). Diese revolutionäre Erfahrung (Diskutierzirkel, Kleinstpublikationen, rauchenden Köpfe, Theorieräusche), diese Erinnerung an »die der Vergangenheit innewohnende ??Offenheit??« ist gleichsam Žižeks »ewige Wahrheit«. Sie stellt kein Ziel, aber einen Weg bzw. im Sinne seines Kollegen Alain Badious eine Idee dar, die als Hypothese immer noch gültig ist.

Interessanterweise orientieren sich jedoch viele der unter Hypnagogic/Hauntologic-Pop abgehandelten Acts genau an jenen pophistorischen Momenten, wo »Revolution« (allgemein und im betreffenden Genre sowieso) wieder als the next big thing anstand, noch überhaupt irgendeine Relevanz hatte (anders als all die Post-Punk-Acts, die die »utopische Üffnungen« von Post-Punk gleich ignorierten). Eher geht es um Zwischenphasen der Konsolidierungen oder des Weitermachens, nachdem die kurz gefährdete Hegemonie wieder hergestellt worden ist.

Das kann jetzt analog zu Reynolds damit erklärt werden, dass, nachdem nun aber wirklich alles, was mal als hip und cool galt, abgegrast worden ist, nun halt nur noch das Unhippe und und Uncoole übrig geblieben ist mit dem man sich jetzt halt herumgeschlagen werden muss.

Nun wissen wir aber, dass gerade solche von der kanonisierten Popgeschichtsschreibung als eher fad beschriebenen Phasen ein enormes Potential in sich tragen können. Sie sind als weltweit famos ignorierte Kotztüten quasi vogelfrei. Umso mehr schwei&szligt ein wie immer geartetes und entstandenes Interesse an solchen No-Goes zusammen (und mündet ganz logisch in einem Wiedererwachen der Cassette Culture). Ob das nun Vorsatz ist (»In meinem Laptop kommt nur die schlechteste Musik der Welt!«) oder Zufall (gefunden, gehört, gefallen, gesampelt) spielt dabei vorerst keine Rolle (die vorsätzliche Comedy-Schiene entlarvt sich dabei eh immer relativ schnell). Pop ist immer auch Scharlatanerie und je verschwurbelter etwas an unser Ohr dringen will, desto mehr »Medicine Show«-Elemente finden sich früher oder später darin.

Was aber, wenn Hypnagogic/Hauntologic-Pop ganz anders tickt? Was, wenn nicht aus einer Fanperspektive gesampelt wird? Wenn all die Samples nicht aus der privaten Jukebox stammen, weil es um etwas ganz anderes geht? Klar geht es um Erinnerungen, aber die können sich bekanntlich als ebenso falsch wie als Erinnerungen von Erinnerungen (1980ies-Covers von Hits der 1950ies bis zu den 1970ies) erweisen. Nicht ??stimmig?? gesetzte, ??falsche?? Samples und ebensolche Anschlüsse aus dem Fundus ungeliebter Vorbilder und Referenzen. Wo haben wir das schon mal gehört?

Ab wann erscheint ein Material spannend, gut dafür geeignet durch den Schredder gejagt zu werden? Mögliche Antwort: Ab dem Zeitpunkt, wo es ernst genommen wird! Und das verwirrt umso mehr! Denken wir nur an die am meisten kritisierten Stellen in Žižeks neuem Buch. Dort wo er u. a. scheinbar Stalin und »seine Genialität« preist oder von »Berlusconis gro&szliger Leistung« spricht. Natürlich sind das bewusst gesetzte Aufreger (ähnlich der Bombast-Rock-Breaks bei Justice), aber es sind auch bewusst gesetzte Gegenpositionen zu jenen, die hier immer nur »Dämonen« oder »Dumpfbacken« – die allgemeine Verniedlichungsform wenn es um Neonazis geht, als deren direkter Effekt der Terror des »Nationalsozialistischen Untergrunds« anzusehen ist – sehen wollen. Žižek muss Stalin ernstnehmen, weil er sich sonst nicht dem Realen des Stalinismus (oder der chinesischen Kulturrevolution) nähern kann, weil sonst kein Passage à l’acte möglich ist (und dies ist so unironisch wie die besten Songs von Laibach). Das Reale ist immer das Verdrängte, das solange wiederkehrt bis sich dem Trauma gestellt wird. Es ist der verleugnete Teil der eigenen Biographie, in der sich das Subjekt als Teil einer Idee sieht, deren Durchsetzung mit den eigenen Vorstellungen dieser Idee nicht übereinstimmen. Wie gesagt: Wir haben nicht mehr Punk um flott und frech Progrock und Stalin in einen Topf zu werfen, aber wir können Žižeks Gedankengänge aufsuchen, um Fragen zu klären, die aktuelle Positionen und Probleme im Pop betreffen. Etwa ob das hypnagogische Moment vielleicht darin besteht, den ganzen hauntologischen Spuk entlang von zwei Fragen differenzieren zu können: Meinen die das ernst (die ganze New-Age-Sülze, das Prog-Rock-Rauschen)? Oder nehmen sie es ernst? Zweiteres mahnte unlängst ja auch Diedrich Diederichsen Anfang November in der Berliner Volksbühne bei der Konferenz »Pophistory« ein, als er den dort versammelten HistorikerInnen in Sachen Pop den Rat gab: »Adorno lesen. Weil er Pop ernst nimmt.«

zi4.jpgJetzt auch noch Adorno back from the grave? Ja, why not! Andererseits: Vielleicht sind all die New-Age-Samples (oder was nach der einmaligen Erwähnung dieser Referenz dafür gehalten wird) nur dazu da, um gleichsam als sonische Geiseln gehalten und dementsprechend (Lösegeldforderungen gibt es ja nicht) gefoltert, misshandelt, zerstückelt, gedehnt und gestreckt zu werden.

Nur: Mit dem nostalgischen Retroblick kommen wir da nicht weiter (der kennt zwar Revolutionen aber keine revolutionären Erfahrungen). Daher unterstellen wir mal den spannendsten hauntologisch-hypnagogischen Manifestationen einen Blick, der quasi selber schon einmal durch »utopische Üffnungen« gegangen ist, weil nur durch diese Passage auch all jene komischen, grauslichen, modrigen, verschlampten Details auffallen können, die dem nostalgischen Blick per se verwehrt sind. Und ähnelt das nicht dem, was Jack Smith in seinem Text »Die vollendete Maria Montez« (1962/63) meint, wenn er von »einem neuen Muster von Klischees, mit denen wir noch nicht vertraut genug sind, um sie als Klischees zu erkennen« schreibt? Im selben Text findet sich auch dieser Satz: »Ein schlechter Film ist einer, der nicht flimmert.«

Justice: »Audio, Video, Disco« (Ed Banger/Warner)
Oneohtrix Point Never: »Replica« (Cooperative Music/Universal)
Slavoj Žižek: »Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert« Frankfurt a/M.: S. Fischer, 2011, 335 Seiten, EUR 23,-