D’Angelo © Gregory Harris

Fluchtpunkt Realität: D’Angelo und Kendrick Lamar

Everybody is a Star. D’Angelo und Kendrick Lamar finden mit ihren aktuellen – großartigen – Alben den Weg auf die Straße. Widerstand ist jetzt, ich bin ich und wir sind viele.

Original in skug #102, 4-6/2015

Klare Zeichen. Symbolträchtiger kann ein Album kaum betitelt werden: »Black Messiah« hat D’Angelo sein Ende 2014, nach gut fünfzehn Jahren Auszeit unter einigem – berechtigtem – Getöse veröffent- lichtes, drittes Album genannt. Innerhalb der vagen Klammer »Neo-Soul« hat es der aus Richmond, Virginia, stammende Musiker Ende der 1990er zu einigem Ruhm gebracht. »Black Messiah« nun ist die große, überbordende, gerne auch verwirrende, universelle Musik, als die sie in den vergangenen Monaten wahrgenommen worden ist, Statement und Haltung.

Eine aus Funk und Soul und Rock und Jazz zusammengedokterte Versuchsanordnung, vielstimmig, spröde. Glam, Prunk und falscher Glitter sind ihr bei allem Reichtum fremd. Die Platte vibriert und torkelt, sie säuselt süß und strotzt vor Kraft. Eine vor Leben zuckende Ansage, die davon kündet, dass man – nicht zuletzt als Afroamerikaner – den falschen Götzen nicht länger zu folgen braucht, von draußen genormte Rollen nicht länger ausfüllen muss. »Black Messiah ist akribisch gebaut, mit Schmerz geschliffen, im Schweiß erträumt. Man kann das hören. Dabei scheint die Platte locker, wie in müheloser Stunde, aus dem Ärmel geflutscht, laid back. »Black Messiah« ist Panorama der Widersprüche und Dilemmas. Giftig, leger, streng und beiläufig schunkelnd, politisch, spirituell, privat.

Nach dem großen Erfolg seines zweiten Albums »Voodoo« aus dem Jahr 2000 durchlief D’Angelo die gern kolportierte und vom Publikum immer mitfühlend mitdurchlittene Geschichte von der Ermüdung am eigenen Ruhm. Ihm waren die Objektifizierung seines Körpers, die aus dem Ruder gelaufene Verkultung seiner Kunst und seines Fleisches zu viel geworden. Die Herabwürdigung zum bloßen Sexsymbol, das Funktionieren als gut geölter Muskel. D’Angelo zog sich zurück, hatte Probleme mit Alkohol, Gesetz und Droge, verschwand. Halb verabschiedete er sich selbst, halb fiel er.

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 D’Angelo © Gregory Harris

Die aktuelle Tour zur Wiederkehr nennt sich »The Second Coming« und münzt dabei christliche Auferstehungs- und Erlösungsrhetorik auf neue Selbstsicherheit und Widerstand um. Das Cover von »Black Messiah« zeigt in grobkörnigem Schwarzweiß, eng hineingezoomt auf Arme, Hände, einige wenige Gesichtsausschnitte, einen öffentlichen Aufmarsch. Motivation und Rahmen der Versamm- lung bleiben auf dem Bild ausgeblendet. Protest, Aufstand, Kampf – das Cover allein verrät den Zusammenhang nicht. Klar ist, dass wir – das Album buchstabiert ein WIR! aus – mit dieser Platte Teil einer Bewegung werden können; den oft bemühten Vergleich mit Sly & The Family Stone erweckt D’Angelo schon mit diesem sprechenden Artwork wenig scheu zu neuem Leben: »There’s a Riot Going On«. Oder auch: »Stand!«. Nun kann der Titel »Black Messiah« reilich als wiedergeborene Eitelkeitsgeste des Künstlers D’Angelo gelesen werden – er hat die Möglichkeit, von außen als nach Turbulenzen endlich heimgekommener Erlöser begriffen zu werden, sicherlich keck mitgedacht. Zuvorderst jedoch möchte er damit das Aufbegehren, die Revolte, als Option, als Notwendigkeit für viele transportiert wissen.

Ausdrücklich, so gibt D’Angelo in Interviews an, sei das Album als Zeichen eines kollektiven Aufstehens, der Gemeinschaft gedacht, es atme den Geist des arabischen Frühlings, der Occupy-Wall-Street-Bewegung und der Unruhen von Ferguson. D’Angelo predigt nicht vom Kreuze herab auf die Massen – zwar mag er Symbol sein, das Feuer und das Wollen aber können in jedem brennen.

[Siehe auch Seda NiÄŸbolus »Black-Messiah«-Rezension; Anm. d. Red.] 

Straight Outta Compton

Kendrick Lamars Blick auf den Messiah scheint zunächst in seinem Stück »How Much A Dollar Cost« aus anderer Perspektive als der von D’Angelo zu kommen, erspäht dann eben doch auch im Alltäg- lichen, in einem eventuellen everyman immerhin mögliche Einsicht in eine mögliche Verbesserung der Erde – oder des Selbst. Hier soll es beginnen. Der aus dem bevorzugt als GangstaRap-Utopia/ Dystopia gelabelten Compton, Kalifornien, kommende MC Kendrick Lamar wird seit seinem zweiten, 2012 erschienenen Album »Good Kid, M.A.A.d City« als neue Justierung, Stimme, Hoffnung von Rap und HipHop gehandelt. Auch bei Lamar ist jeder Lorbeer richtig. Seine Mitte März herausgekommene dritte Scheibe »To Pimp A Butterfly« wird Ende 2015 eines der Alben des Jahres gewesen sein.

In der Anlage ähnlich – im Ergebnis dann wieder ganz anders – wie D’Angelos »Black Messiah« lebt auch Lamars »To Pimp A Butterfly« von der Aura und dem Duft des Handgespielten, vom Tun einer Band, von aus Instrumenten gekratztem Funk, Jazz und Soul. Weniger von aus der Drum-Machine, aus Samples, Synthesizer und der chromblinkenden Magie der Elektronik zusammengeschichtetem Materialschlacht-Clubpop. Das ist nicht miefig, muckerhaft ›ehrlich‹, sondern beschwört History und Mystery – von Beatnik- und ursprünglicher Hipster-Kultur der 1960er, der kosmischen Energie Sun Ras und Alice Coltranes, dem an der Ecke herumlungernden Miles Davis, wie er gerade die gesamte Welt zum Jucken bringt. Dem Mothership-Kapitän George Clinton (der auf »To Pimp A Butterfly« glücklicherweise auch zu hören ist) und – wieder – dem psychedelisch, politisch und sexuell geladenen Rock-Funk von Sly Stone.

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Kendrick Lamar © Christian San Jose

In diesem wunderlichen Referenzgewitter, das sich auf Geschichte – eben auch explizit politisch und/ oder afrofuturistisch konnotierte Musiken – beruft, das alt, neu, bewusst, bitter, zukunftsfroh tönt, ist vor allem der Gegensatz und dessen Ûberwindung Lamars Hauptthema: Von ganz unten nach ganz oben, von der Verschleppung aus Afrika über Sklaverei hin zur Premium-Entertainment-Sneaker-Geilness. Kendrick Lamar macht klar, dass »der« Afroamerikaner nach wie vor weiten Teilen eines weißen US-Amerika oft bloß in der Verkörperung einer fein einsortierbaren Unterhaltungsfunktion gerade mal so als duldbar durchgehen darf. Lamar beschönigt dabei sein eigenes Wanken und moralisches Taumeln eben nicht: Aus der Armut gekommen, auf dem Thron gelandet, ist klarerweise auch er nicht vor Verfehlungen, Tag ein, Tag aus für alle, nicht gefeit. Im Track »How Much A Dollar Cost« erzählt er davon, wie er, der längst zu Reichtum Gekommene, in ein Gespräch mit einem Obdachlosen gerät und, um etwas Kleingeld angeschnorrt, keinen Bock hat, auszuhelfen. Der Bedürftige entpuppt sich in dem Stück in der Folge als eventueller Messias. Vielleicht ist es auch bloß betrunkenes Gebrabbel. In Lamar immerhin erwachsen Scham und Selbstzweifel, sie tun das ohne protzende Selbstherrlichkeit.

 

Kendrick Lamar jongliert auf »To Pimp A Butterfly« die Ebenen, spickt die Platte mit vieldeutigen Bildern, Anspielungen und Verweisen auf afroamerikanische Geschichte, mit Rückgriffen auf den Mutterkontinent, mit Zitaten aus und Referenzen an sogenannte Black Music. Er droppt Michael Jackson, JayZ, Richard Prior, James Brown, erzählt in ungeahnter, mal schlanker, mal üppig funkelnder Sprache die Geschichte vom Ghetto zum Geld. Es muss etwas getan werden, alleine, gemeinsam.

Kendrick Lamars Album wird mit einem Sample – der hier mehrfach geloopten, titelspendenden Zeile – aus Boris Gardiners Song »Every Nigger Is A Star« eröffnet. Auf dem Cover von D’Angelos Black Messiah« sind im Getümmel nicht bloß die geballte Faust, das Emblem des Dagegen, zu sehen, sondern auch offene, in den Himmel gerichtete Hände.

 


D’Angelo And The Vanguard: »Black Messiah«
. RCA/Sony
Kendrick Lamar: »To Pimp A Butterfly«. Interscope/Universal

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