Big|Brave © David Višnjić

Festivalnotizen aus Krems

An den letzten beiden Wochenenden fand in Krems das Donaufestival statt. Was sich dort zwischen Musik, Performance und Diskurs abspielte, erfahrt ihr in den Festivalnotizen von skug.

Endlos düster! Endlos karg! So präsentiert sich die endlose Gegenwart natürlich nicht nur am Donaufestival, aber angesichts der sich über die vergangenen zwei Wochenenden erstreckenden Festivitäten gerade dort besonders konsequent. Musik, Performance und Diskurs – allesamt auf die denkbar kleinste Programmeinheit von sechs Tagen komprimiert, um in all der Gegenwärtigkeit nur ja keine endlose Ungeduld zu beschwören. Viel Raum für Bewährtes findet sich dementsprechend auch im zweiten Jahr des kuratorischen Gesamtleiters Thomas Edlinger in Krems. Dass daneben aber da und dort an den subkutanen Rädchen der Zeit gedreht wird, progressive und vor allen Dingen neue und junge KünstlerInnen ihre Arbeiten präsentieren und es zu einem – verglichen mit anderen Festivals in Österreich – durchaus breit angelegten Diskursprogramm mit internationalen Gästen kommt, ist jener intellektuelle Ausblick, der deutlich die Handschrift von Thomas Edlinger trägt.

Die Zukunft ist eher dings
Deshalb ist es doppelt schade, dass eben jene vier Diskussionen und Vorträge (u. a. mit Simon Reynolds, Eva Horn, Jens Balzer, Tillman Baumgärtel usw.) im dunstigen Festivalschleier der frühen Nachmittagssonne unterzugehen schienen. Das Kino im Kesselhaus war letztlich nur am abschließenden Programmtag wirklich ansatzweise gefüllt, was einerseits sicherlich daran lag, dass viele dem Wetter entsprechend wohl stärker zur Donau tendierten, als sich in einen Kinosaal einsperren zu lassen. Zum anderen dürften die leeren Sessel im Kesselhaus aber auch den frühen Nachmittagsstunden und dem großen Andrang bei der gleichzeitig stattfindenden aber restlos ausreservierten Performance in Grafenegg geschuldet sein. Dabei wäre diese international besetzte Diskursschiene viel mehr als einfaches Ersatzprogramm für verplant Planlose. Thematisch wurden jedenfalls einige interessante Ansätze gegenwärtiger Interessen der Kulturwissenschaft abgedeckt und das Leitmotiv des Festivals aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Simon Reynolds diskutierte mit Jens Balzer über die wiederkehrenden nostalgischen Erfahrungen des Pop und Vergangenheiten, die nicht abzuschütteln sind. Tilman Baumgärtel referierte zur Ästhetik des Loops in Musik und Gesellschaft. Karin Harrasser sprach gemeinsam mit Hans-Christian Dany über die Verschränkungen von Körper und Kybernetik. Und Armen Avanessian diskutierte schließlich mit Eva Horn über die verschränkende Einflussnahme der menschgemachten Zukunft auf unsere tatsächliche Gegenwart.

Liz Harris und leidige Resonanzproblemen in der Minoritenkirche: Grouper © David Višnjić

Natürlich definiert sich das Donaufestival – wie viele andere dieser punktuell-zentrierten Festivitäten – in erster Linie über das Musikprogramm und zieht eben gerade damit die meisten Leute in das verschlafene Städtchen an der Donau. Mein zwanzigjähriges Ich hätte wohl selbst nur abschätzig mit den Augen gerollt, hätte mir zur damaligen Zeit jemand einreden wollen, mich freiwillig bei hochsommerlichen Schwimmbadtemperaturen in ein hermetisch von Licht abgeschottetes Kino zu setzen, nur um den intellektuellen Ergüssen manch kulturtheoretischer Prominenz beizuwohnen. Allerdings macht gerade das den erweiternden Gedanken des Festivaldiskurses aus, das Leitmotiv wird stilschwankend erweitert, vertieft, erfährt neue Wege und Perspektiven, greift alte Gedanken auf, um wieder neue daraus zu formen. Umso bedeutsamer und sinnvoller wäre es vermutlich, damit auch eine größere Anzahl an Menschen zu erreichen. Oder es zumindest zu versuchen. Denn ob man durch hereinstolpernden Zufall oder hyperventilierenden Bildungsdurst dazustößt, bleibt schlussendlich tatsächlich egal. Eine prominentere, zentralere, vielleicht sogar unumgehbare Position im Festivalprogramm würde dieser Formatreihe guttun. Mehr Diskurs ist dem Publikum in jedem Fall zumutbar.

Schwarz sehen
Fast schon wieder symptomatisch zu einer apokalyptischen Vorstellung der ewigen, sich heillos überakkumulierenden Gegenwart hüllt sich das Musikprogramm derweil zumeist in pechschwarz-pessimistische Tücher (was sich übrigens äußerst trefflich mit der inoffiziellen Kleiderordnung des Festivals deckt). Etwaige harmonisierende Lichtblicke sind dabei selten, mit einigen Dur-Akkorden lehnt man sich bisweilen schon recht weit aus dem Fenster, wird aber bald schon wieder mit achselzuckender Gleichgültigkeit quittiert. Leiden will eben in genussvoller Qual erlernt sein. Dass die Gefühlsknospen in Anbetracht der Dinge zwar vorübergehend eingefroren, nicht aber zur Gänze verdorben sind, zeigt der kurzfristig eingesprungene und straight from the Southside of Chicago eingeflogene DJ Taye, der seinen weiterentwickelten Footwork mit altehrwürdigen Jungle- und Dubstep-Elementen vermengt, was live dermaßen durch die Decke geht, dass selbst das erprobt nihilistisch ausgerichtete Publikum an ernsthafte Unglaubensgrenzen stößt.

Sorgt für gute Stimmung – und einen Festivalhöhepunkt: DJ Taye © David Višnjić

Ohne das alles untergrabende, endlose Drone-Geflitter geht es dann aber doch nicht ganz. Wer seine Instrumente respektive Laptops mit virtuoser Abwechslung zu bespielen weiß, ist mitunter einigen voraus, übt sich phasenweise aber in tollwütiger Missachtung bei gleichzeitig anhaltender Überforderung des Publikums, wodurch eine zeitweise ganz und gar inhaltsschwangere Leere entsteht, die nicht nur anstrengend zu ertragen ist, sondern auch unweigerlich zu gleichgültiger Abkehr führen müsste. Bleibt zu fragen, ob das dann die manifeste Rebellion gegenüber jener Zeit, in der wir nun einmal alle leben, zu sein vermag, oder sich die Musik hier gerade als Opposition gegenüber dem gegenwärtigen Situationsgedanken inszeniert? Wie auch immer die Antwort darauf ausfällt. Sie dürfte eher düster sein!

Hell dunkel sein
Nach zwei dem klirrenden Pfeifen auf beiden Ohren eher weniger förderlichen Wochenenden fällt dann eines sichtlich ins Auge. Je dunkler und einsamer die Musik, umso heller erstrahlt der Raum. Allein und im Dunklen will nämlich offenbar niemand mehr stehen. Zumindest nicht, wenn währenddessen lärmend musiziert und konzertiert wird. Über kinoleinwandgroße Flächen flackern dann gewohnt sinneserweiternd-visuell gestaltete Gegenstände, Silhouetten und anderweitig ausgefallene Normalitäten nebst Stroboskopgewitter (eindrucksvoll: Lanark Artefax, Phillippe Hallais), einzelne Videoaufnahmen (Mhysa, Orson Hentschel, Demdike Stare) und gleich ganze Filme (GY!BE, Manuel Göttsching). Jeder Reiz wird doppelt strukturiert, die Musik alleine reicht schon lange nicht mehr aus, um die trüb köchelnde Aufmerksamkeitsökonomik einer klickkonditionierten Gesellschaft in Gang zu halten.

Dort, wo das Licht und die visuelle Ablenkung dann bewusst weg bleibt und nurmehr die Musik zu hören ist, fällt allerdings so manches leichter. Menschen sitzen dann gedankenverloren am Boden der Minoritenkirche, während sich andere gleich vorausschauend in die Horizontale begeben, um die sonischen Qualitäten in ihrer innersten, immersiven Einschlägigkeit auskosten zu können. Auf einmal wird die Gegenwart bewusst, man folgt einem klaren Ablauf, einer schlichten aber ungestörten Struktur und kann sich in der Dunkelheit für die Dauer des Konzerts vollkommen und befreit von unliebsamen Einflüssen dem Moment hingeben. Wir alle sind alleine und doch sind wir gemeinsam, hier und im selben Raum, lauschen der Musik und lassen uns (wie bei der großartigen Arbeit von Lawrence English oder der noch großartigeren Haley Fohr alias Circuit des Yeux samt Band) eine Stunde lang einfach nur treiben. Wann, bitteschön, würde man sich denn schon sonst dafür Zeit nehmen?

Brutal laut und brutal düster. Moor Mother spielt mit Justin Broadrick und Kevin Martin im Stadtsaal: ZONAL feat. Moor Mother © David Višnjić

Fiktionale Realitäten
Es mag das Rahmenprogramm dieses Festivals sein, das es so breit und divers ausfallen lässt. Der Kunstraum Niederösterreich feiert sein zehnjähriges Bestehen, wurde vom Donaufestival eingeladen und lud wiederum eigens die fiktionale Firma Hobby Horse Ldt. nach Krems ein. Der Container, der da wie ein umgestürzter Monolith gegenüber der Minoritenkirche gelandet ist, wird zum Schauplatz zur Präsentation eines Konzept zur Optimierung der Freizeit. Hobbys sind Störfaktoren und somit auch nichts weiter als auszumerzende Fehler im optimierbaren System. Es wird wild mit Zahlen jongliert, vom mexikanischen Markt ist die Rede und überhaupt müsse die Freizeit geordneter, zielstrebiger, maximierter ablaufen. »Leisure Time Management« nennen zwei wuselige Mittdreißiger das dann im firm fließenden Management-Jargon, und ein paar wenige nicken bedacht.

Das Publikum ist groß, aber zurückhaltend, gedanklich vielleicht nicht wirklich dabei, aber auch nicht gänzlich davon entfernt. Der schmale Grat zwischen Realität und Fiktion existiert auf einmal aber trotzdem nicht mehr, wenn vom österreichischen Markt die Rede ist. Die Firma übernimmt die zeitraubende Arbeit für dich, die mehr aus scheinexistenzieller Achtsamkeit ausgeführten Hobbys genauso wie die ebenfalls nur zeittötenden Kinder, während du die vermeintlich letzte Bastion der freien Willensentscheidung, deine eigene Freizeit, den neoliberalen Mustern des Marktkapitalismus unterwerfen darfst – oder musst. Denn gut verpackt klingt das bei niedriger Aufmerksamkeitsschwelle verdammt verlockend. Dabei sagt allein die Tatsache, dass die geradezu absurd anmutenden Ausführungen für realistisch und echt gehalten werden können, unheimlich viel über den Zustand der Gesellschaft aus. Wir haben ein Problem, vielleicht sogar mehrere auf einmal, das wird einem spätestens in der Schlange vor den Toiletten bewusst. Die Lösungen bietet das Donaufestival freilich nicht. Schön war es aber trotzdem wieder!

Die Diskussionen und Vorträge des Donaufestival-Diskursprogramms gibt es übrigens auch zum Nachhören: https://cba.fro.at/series/grundrauschen