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Fehlende Gegentöne

Zusammengeschustert: Kommentar zum neuen Wiener Elektronikmusikfestival Electric Spring

Die Stadt Wien hat eine Tradition darin, sich mit Gratismusikveranstaltungen zu schmücken. Das Donauinselfest ist angeblich sogar das größte Gratisfestival in Europa. Ein Schelm, wer dabei an Geschenke für das wählende Volk denkt. Auch was das jüngste Rathauskind Electric Spring betrifft, ist das Timing auffällig. Im Herbst wird gewählt. Irgendwo werden noch schnell 50.000 Euro aufge- trieben, und die ohnehin schon mit dem Waves Festival geforderte Agentur Comrades wird mit der Durchführung beauftragt.

Im Gegensatz zu Christoph Möderndorfer, dem Leiter des Popfestes, suchte sich Comrades-Chef Thomas Heher allerdings kein kompetentes KuratorInnenteam, sondern schmeißt die Sache mal selbst. Technische und inhaltliche Leitung fallen zusammen. Hier hatte es jemand ganz eilig. Angeblich sollen in den nächsten Jahren KuratorInnen kommen.

Angesichts der jahrelangen Bemühungen von vielen Seiten um ein szeneübergreifendes Wiener Elektronikfestival ist das Vorgehen der Wiener Kulturabteilung ein Schlag ins Gesicht für alle Engagierten. Schnell wurde ein Programm zusammengeschustert, bei dem es um HipHop gehen soll (das ist ja auch irgendwie Elektronik) und das im Kern aus üblichen Verdächtigen besteht.

Besonders ärgerlich ist die Terminkollision mit dem Sound:frame-Festival, das ebenfalls von der Stadt Wien gefördert wird. Dessen Veranstaltungen am zweiten Festival-Wochenende im MAK fallen direkt mit dem Electric Spring im MQ zusammen.

Es bleibt zu hoffen, dass bei der prinzipiell begrüßenswerten Einrichtung eines Elektronikfestivals nächstes Jahr konzeptionell nachgebessert wird. Ein paar große Namen aus Österreich buchen, die ohnehin dauerpräsent sind, ist ein bisschen wenig und wird der großen Tradition von Elektronik- festivals in dieser Stadt wenig gerecht. Ich sage nur phonoTAKTIK. Hier gibt es offensichtlich kein Geschichtsbewusstsein um die Kulturpolitik dieser Stadt und ihrer gewachsenen Szenen.

Alleine die nationale Ausrichtung eines solchen Events ist sehr fragwürdig. Beim Popfest ergibt das aus verschiedenen Gründen noch einen gewissen Sinn. Nationalität spielt in der Elektronikszene allerdings noch eine geringere Rolle als beim gegenwärtigen Ö-Pop. Da gibt es einen Dorian Concept, der sich in Los Angeles schon mal bei Flying Lotus einquartiert und seine Platten auf dem britischen Label Ninja Tune veröffentlicht. Oder eine Soap & Skin, welche die ehrwürdigen Gemäuer der Royal Albert Hall zum Schwingen bringt. Oder einen Christof Kurzmann, der Konzerte auf drei Kontinenten spielt und sich zu einem Globetrotter in Sachen eigenwilliger Elektronik entwickelt hat. Oder eine Electric Indigo, die seit Jahrzehnten als begehrte Techno-DJ durch die Clubs der ganzen Welt tourt und mit female:pressure ein internationales Netzwerk aufgebaut hat.

Im Ûbrigen bin ich der Meinung, dass in den mittlerweile vielen Clubs der Stadt Wien jedes Wochen- ende quasi ein Festival stattfindet. Nur sagen die halt nicht so dazu.


 

Electric Spring – das Elektronik Festival Wiens findet am 16. und 17.4. in diversen Locations des Museumsquartiers/MQ statt. Line-Up: Ritornell, Nazar, Etepetete, Elektro Guzzi, Konea Ra, Johann Sebastian Bass, Ankathie Kai, Ogris Debris u. a.

Sound:frame – das Wiener »Festival for Audiovisual Expressions«, läuft von 9. bis 17.4. im MAK und der Grellen Forelle. Line-Up: Starsky, Uli Kühn, Takamovsky, Kyoka u. a.

Home / Kultur / Open Spaces

Text
Christian König

Veröffentlichung
13.04.2015

Schlagwörter

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